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Ronald Weinberger
Reise-Impressionen: China, Taiwan, Singapur
2. Teil:
Eine Prise Politisches und ein Quäntchen Ökonomisches

Vor gut zwei Jahrzehnten, als die heute für die Mobilität von Reisenden unverzichtbar gewordenen Hochgeschwindigkeitszüge in China noch nicht einmal in den Windeln lagen, genossen meine Frau und ich eine eineinhalbtägige Zugfahrt mit einem der beinahe luxuriösen Schlaf/Liegewagen-Schnellzüge. Am frühen Abend gingen, beinahe im Laufschritt, drei uniformierte Herren mittleren Alters den Gang entlang, wobei der hinterste, den Fahrlärm übertönend, zweimal einen lauten Ausruf in Richtung seiner vorderen Kollegen tätigte. Auf meine Frage, was denn da gerufen worden sei, sagte mir meine Frau, der Schlussmann habe „Scheiß Kommunisten! Scheiß Kommunisten!“ gerufen.

Annähernd 14 Jahre später. Wir waren bei einem alten Bekannten und einem guten Freund meiner Schwägerin, welcher damals mit einer sehr verantwortungsvollen politischen Funktion betraut war, in einer Millionenstadt zu Gast. Nicht privat, sondern in seinem dienstlichen Ambiente. Nach einem opulenten Mahl an seiner Dienststelle führte er uns, um uns einen Verdauungsspaziergang zu ermöglichen, auf ein großes Areal, auf dem ca. vor sechs Jahren eine internationale Gartenausstellung stattgefunden hatte.

Uns fiel dort Zweierlei auf: Zum einen, wie wenig Besucher anwesend waren und zum anderen, wie ungepflegt, ja heruntergekommen sich dieses einst zweifelsfrei prachtvolle Areal präsentierte. Ohne um eine Einschätzung gefragt worden zu sein, bemerkte der Oberkommunist (der offenbar seit langem das Areal nicht mehr gesehen hatte), voller Entrüstung „Typisch Kommunismus! Erst was bauen, das Eindruck schinden soll, und dann lässt man alles verkommen!“

Ein, zwei Jahre später. Meine Frau und ich nahmen an einer mehrtägigen Busreise mit ausschließlich, außer mir, chinesischen Mitreisenden teil. Der Reiseleiter tat das, was international gang und gäbe ist – er informierte und unterhielt die Businsassen mit allerlei Witzchen, von denen mir meine Frau einige  übersetzte. Kurz vor dem Erreichen der ersten Destination fiel mir auf, dass seine Stimmlage plötzlich ernst klang. Er müsse sich, so dolmetschte mir meine Frau, bei den Teilnehmern entschuldigen, denn heute Abend gäbe es, aus Kostengründen, „nur ein kommunistisches Abendessen“.

Das sind bloß Schlaglichter auf Sachverhalte, die man bei uns nur schwer verstehen kann. Sind denn in diesem totalitären System solche Reden nicht gefährlich? Offenbar nicht immer. Diese Erfahrungen veranlassten mich, bei Verwandten meiner Frau, im rein privaten Kreis, nachfragen zu lassen, wie es mit politischer Kritik bestellt sei, ja, ob man diese überhaupt äußern könne? Die Antworten waren beinahe unisono dieselben: Auf lokaler Ebene täte man dies, falls nötig, ohnehin. Selbstverständlich ohne negative Konsequenzen. Mit der Politik der Staatsführung sei man indes zufrieden, weil sie die wirtschaftliche Lage laufend verbessern habe können. Insgesamt habe man aber an der „hohen Politik“ keinerlei Interesse. Und abgesehen davon: Man könne schließlich ohnehin keinen Einfluss auf sie nehmen.

Themenwechsel: Vor einigen Jahren konnten wir, wiederum aufgrund der Freundschaft meiner Schwägerin mit leitenden Personen eines Kraftwerks, einige Zeit lang dort zu Gast sein. Ein Kraftwerk eines besonderen, bei uns längst bekannten Typs, den ich deswegen nicht näher bezeichne, weil man es sonst allzu leicht zu identifizieren in der Lage wäre und die uns so überbordend gastfreundlich entgegengekommene Leitung möglicherweise in die Bredouille geraten könnte.

Anlässlich dieses Aufenthaltes gewann ich einigermaßen tiefe Einblicke, weshalb China zunehmend zum technischen Vorreiter wird und uns, ob wir das wollen oder nicht, in etlichen Bereichen abhängen wird.

Das Kraftwerk sei, so erzählte man uns, das erste seiner Art in China gewesen, gebaut von Firmen aus zwei westlichen Staaten. Man habe, offenbar nicht völlig unüblich bei derartigen technischen Großprojekten, vereinbart, dass mit offenen Karten beim Bau gespielt werde, kurz: keine Geheimhaltung technischer Details.

Kurzer Einschub: Aus in auch englischer Sprache verfassten Infotafeln entnahm ich, das Kraftwerk sei in für uns rekordverdächtiger Zeit geplant und gebaut worden, was aber für China ohnehin charakteristisch ist. Wenn ich die eher schwammig abgefassten Erklärungen korrekt interpretiere, hat man beim Bau einige junge, geniale chinesische Ingenieure in alle Phasen des Baus und anfänglichen Betriebs miteinbezogen, die (während des Baus oder nach der Fertigstellung?) mehrere Optimierungen vornahmen. Die Folge: Etliche Patente.

Weitere Folge: In einer nahegelegenen Millionenstadt wurde ein Institut (oder eine Fakultät) für den Bau und Betrieb solcher Kraftwerke aus dem Boden gestampft, auch hier in Rekordzeit und bestens dotiert, und nach wenigen Jahren gab es bereits eine Anzahl von Absolventen, die daraufhin in China, in einer Art Schneeballsystem, weitere dieser Kraftwerke bau(t)en und betreiben.

Ausländische Firmen seien fortan nicht mehr vonnöten gewesen, hieß es. Die in diesem Absatz beschriebenen Folgen wurde von der uns informierenden Person in unmissverständlicher Form geäußert, wobei der dabei mitschwingende Stolz, so meine Frau, unüberhörbar gewesen sei. Das eben beschriebene, wie gesagt optimierte Kraftwerk sei nun die „Mutter“ aller derartigen Kraftwerke in China.

Diese gewissermaßen selbst erlebte Einführung in ein Feld mit dem Motto „Wie kommt man technisch an die Spitze?“ hat mir sehr zu denken gegeben, zumal wir Ähnliches in einer atemberaubend modernen Fabrik für Solarpanele ebenso in Erfahrung bringen konnten. Dort darf – wie oben auch für das Kraftwerk zutreffend – eigentlich sonst kein Außenstehender hinein, aber wir (da meine Schwägerin den Eigentümer gut kannte) waren die Ausnahme.

Anlässlich einer Führung sagte uns der Betriebsleiter ganz unverblümt: Wir haben die Technologie wohl aus Deutschland, haben sie jedoch hier verbessert, haben Patente auf diese unsere Erfindungen und expandieren ständig, bald auch für den Export.

Ähnliches ist offensichtlich auch für einen anderen außerordentlich erfolgreichen technischen Bereich relevant: Das ständig erweiterte Netz von Hochgeschwindigkeitszügen. Schon gehen auch diese supermodernen Züge in den Export, obwohl die allerersten davon vor bloß 14 Jahren in Dienst gestellt wurden. Und von der Magnetschwebebahn, die den Flughafen Pudong mit der Stadt Shanghai verbindet, werden Sie womöglich schon gelesen haben. In Deutschland entwickelt, dort ins Ausgedinge geschickt, in China hingegen weiterentwickelt und eingesetzt. Mit Erfolg. Meine Aufzählung ließe sich beinahe beliebig fortsetzen.

Verstehen Sie jetzt, weshalb ich oben davon schrieb, China würde uns in zunehmend vielen (technischen) Bereichen abhängen? Noch dazu in solchen, die heutzutage in aller Munde, da „grün“ sind?

Nun können Sie sicherlich auch die Andeutung nachvollziehen, die ich im ersten Teil, am Ende des 2. Absatzes, platziert habe, als ich davon schrieb, welchen Eindruck chinesische Besucher von uns, genauer ausgedrückt, unseren Ländern, wohl nach Hause mitnehmen dürften. Ich bringe es mit einem einzigen Wort auf den Punkt: Musealität!

Das von Chinesen vor der Pandemie und hoffentlich auch nach der Pandemie überaus gerne bereiste Europa ist für sie ein riesiges Freilichtmuseum. Mit Insassen, die träge geworden sind. Wir freilich sagen uns: Wir haben schließlich unsere prachtvollen Schlösser und Kirchen, unsere Geschichte ausatmenden alten Städte, unsere grandiose klassische Musik, unsere vielschichtige und reiche Kunst und Kultur. Das ist ja nicht nichts! Und denken uns womöglich hinzu beziehungsweise sollten das eigentlich dazudenken: Den Rest werden wir in Zukunft nolens volens aus China importieren (müssen).


3. Teil Donnerstag, am 15. Juli 2021 über Städte und „Städtisches“



Ronald Weinberger

Ronald Weinberger, Astronom und Schriftsteller, 1948 im oberösterreichischen Bad Schallerbach geboren, war von 1973 bis 1976 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg. Von 1977 bis zum Pensionsantritt im Dezember 2011 war Weinberger an der Universität Innsbruck am Institut für Astronomie (heute Institut für Astro- und Teilchenphysik) als Fachastronom tätig. Als Schriftsteller verfasst Weinberger humorvolle Kurzgedichte und Aphorismen, aber auch drei Sachbücher hat er in seinem literarischen Gepäck: Sein letztes mit viel Humor und erstaunlichen! Fakten versehenes Buch erschien 2020 unter dem Pseudonym Uri Har und trägt den Titel "Am Pissoir ist Hygiene rar".

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