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Manfred A. Schmid
„Von der Liebe Tod“
Mahlers Nicht-Oper
an der Wiener Staatsoper „uraufgeführt“

Gustav Mahler, den bedeutendsten Staatsoperndirektor, zu würdigen, ist ein ehrenhaftes Unterfangen. Nur hat der hochgeschätzte Dirigent, Symphoniker und Schöpfer großer Orchesterlieder leider keine Oper hinterlassen.

Macht nichts, mag sich wohl Sergio Moabito, Chefdramaturg des Hauses, gedacht haben. Flugs erfindet Bogdan Roscics Mann fürs grobe und manchmal auch feine Regietheater das Narrativ von Mahlers nie geschriebener Oper, die von ihm auf die Bühne gebracht wird, indem er zwei Werke, die außer derselben Autorenschaft wenig miteinander zu tun haben, mit mehr oder weniger sanfter Gewalt – reim dich oder ich fress dich – zusammenspannt.

Der so entstandene Mix aus „Das klagende Lied“ und dem Liederzyklus „Kindertotenlieder“ erhält den Namen „Von der Liebe Tod“ und wird vom Direktor in einem flammenden Appell in sozialen Medien, u.a. auch auf facebook, man will ja auch junge Publikumspotenziale erschließen, angepriesen.

Das Kunstwerk erweist sich aber auch bei der zweiten Aufführung, die ausgerechnet an dem Tag stattfindet, an dem Philippe Jordan, Musikdirektor der Staatsoper, das drohende Ende der Oper und seinen Abschied vom Haus ankündigt, als wenig bekömmlich.

Das liegt vor allem an der Regie von Calixto Bieito, dem außer einem mit ausgestreuter Erde, einem Blumentopf und einer von einer Frau totgeborenen Krähe garnierten Kabelsalat (Bühne Rebecca Ringst) erstaunlich wenig eingefallen ist.

Da das erste Bild der Kantate „Das klagende Lied“ im Wald spielt, müssen Bäume her. Als ob es darum ginge, Shakespeares „Macbeth“ zu inszenieren, lässt er den Chor aufmarschieren, wobei jeder ein Bäumchen in der Hand hält und sich dahinter versteckt. Birnamwood lässt grüßen!

Schließlich wird ein riesengroßer Weidenbaum vom Himmel heruntergelassen – der bereits erwähnte Kabelsalat – der als Schauplatz für diverse Rituale dient, die entfernt an Strawinskys „Le sacre du printemps“ erinnern, ansonsten aber nicht sehr aufschlussreich für die schauermärchenhafte, düstere, rund um einen Brudermord kreisende Handlung sind. Der bunte Kabelsalat dient dann auch für die „Kindertotenlieder“ als Bühne, was wohl die nicht vorhandene Zusammengehörigkeit der beiden Teile suggerieren soll.

Gäbe es da nicht die wunderbare Musik Gustav Mahlers, wäre es wohl ein verlorener Abend. So aber konzentriert man sich alsbald auf das musikalische Geschehen und verfolgt die Klangwelten, die aus dem Orchestergraben hochsteigen.

Unter der Leitung von Lorenzo Viotti am Pult des Staatsopernorchesters entsteht eine berückende fin-de siècle-Atmosphäre. Man staunt, wie sehr in seinem eher selten gespielten Opus1 Mahlers ausgeprägter Personalstil im Kern schon vorhanden ist und nur darauf wartet, erschlossen zu werden, was dann bei den anschließend entstandenen „Kindertotenliedern“ auch tatsächlich schon der Fall ist.

Natürlich gibt es in der Kantate, an der er fast 20 Jahre in mehreren Fassungen gearbeitet hat, bevor sie 1900 – in einer zusammengestrichenen und besetzungsmäßig reduzierten Form – zur Uraufführung gebracht werden sollte, noch Nachhall von Richard Wagner und Carl Maria von Weber. Vor allem in der Instrumentation geht Mahler aber schon eigene Wege. Man hört förmlich Anklänge an seine 1. Symphonie, an seine „Aus des Knaben Wunderhorn“-Lieder, und im Leitmotiv der absteigenden Tonleiter scheint sich auch schon das späte „Lied von der Erde“ anzukündigen.

In der Staatsoper wird das Werk in einer Mischfassung aus dem bei der Uraufführung gestrichenen 1. Teil (Waldmärchen) und den anschließenden revidierten Teilen aufgeführt. Üppiger Orchesterklang (es kommt auch zu Einsätzen des Bühnenorchesters) mischt sich mit Männer- und Frauenchören, Chor-Solistinnen und -Solisten sowie zwei Knabenstimmen (Johannes Pietsch, als stellenweise etwas überforderter Sopran; Jonathan Mertl, Alt).

Neu ist die Besetzung der Altpartie durch die famose Monika Bohinec, die für die erkrankte Tanja Ariane Baumgartner einspringt und stimmlich und darstellerisch so herausragend agiert, dass sie an diesem Abend – in „Das klagende Lied“ – sogar den wohlklingenden, ausdrucksstarken, wenn auch etwas verhalten singenden Bariton Florian Boesch zeitweise in den Schatten stellt.

Vera-Lotte Boeckers hellschimmernder Sopran und der geradlinige, schlanke Tenor von Daniel Jenz ergänzen einander gut und gestalten vor allem die Schlussphase mit großem Einfühlungsvermögen: Der Bräutigam nimmt die Flöte des Spielmanns zur Hand und spielt auf ihr. Da dämmert ihm, dass sie aus dem Knochen des von ihm erschlagenen Bruders geschnitzt ist und damit sein dunkles Geheimnis – gesungen vom Knabensopran – der Hochzeitsgesellschaft preisgibt.

Die Königin bricht zusammen, die Ritter ergreifen die Flucht, und das Schauermärchen – von Mahler, von dem auch der Text stammt, in grauschwarz düstere Klänge getaucht – ist aus. Das muss man freilich wissen, nachzuverfolgen ist das im hoffnungslos verkabelten Geschehen auf der Bühne wohl eher nicht.

Klarer ist die Handlung in Mahlers „Kindertotenliedern“ zu erkennen, aus dem einen Grund, weil es da gar keine mehr gibt, sondern nur noch bedeutungsschwer herumgegangen und herumgestanden wird. Bis auf eine Frau, die Kabelstücke aufliest und zu einem Strauß bindet.

Die Lieder erzählen vom Verlust eines Kindes und davon, wie man damit fertig wird: Durch Trauer. Aber in der Trauer – so herauszulesen aus den zugrundeliegenden Gedichten Friedrich Rückerts – ist der Trost immer schon anwesend. Von den Kindern und ihrem Sterben erfährt man in den Liedern kaum etwas, viel dafür aber über die Seelenqual der Hinterbliebenen.

Die damit verbundene Trauer und die Verzweiflung, die auch in den versöhnlichen Momenten vorhandene Melancholie wird von Mahler in tiefe, schwere, das Leid und die damit verbundenen seelischen Abgründe auslotende Musik gekleidet.

Mahler: „Ich habe mich in die Lage versetzt, mir wäre ein Kind gestorben“.

Er wählte als Stimmen Alt bzw. Bariton und hat gewiss gewusst warum. Kein Wunder also, dass auch hier Florian Boesch und Monika Bohinec herausragen und am Schluss am stärksten gefeiert werden.

Nur: Oper war das keine!



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Manfred A. Schmid

Manfred Schmid hat am Konservatorium in Klagenfurt Violine und Tonsatz und an der Universität Wien Philosophie und Psychologie studiert. An der University of Strathclyde in Glasgow, wo er als Lektor tätig war, hat er ein Postgraduate-Studium der Literaturwissenschaft absolviert. Nach einigen Jahren als Universitätsdozent an der Universidad Nacional dé Mexico kehrte er nach Österreich zurück, wo er zunächst als Cheflektor und Verlagsleiter die Edition S, den Belletristik-Zweig des Verlags der Österreichischen Staatsdruckerei, leitete. Es folgten rund zehn Jahre als Redakteur bei der Wiener Zeitung (Medienressort-Leitung, Theater- und Musikkritik, Kolumnist der „Extra“-Beilage) und eine mehrjährige Tätigkeit als Trainer und Coach (Kommunikation, Berufsorientierung). In der Pension schreibt Schmid regelmäßig Opernkritiken auf www.onlinemerker.com und widmet sich intensiv dem Komponieren – eine Leidenschaft, die ihn seit der Kindheit bis heute begleitet.

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