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Corvus Kowenzl
Self audit
Ostalpenländische Universitätssatiren
Folge 26

Folgende bescheidene Zeilen präsentieren einige der markantesten Erinnerungen meines Berufslebens als Lehrer und Forscher an einer Universität mitten in den Ostalpen, im Lande des Grüß Gott. Die meisten dieser Erinnerungen stammen aus meiner Zeit als Leiter eines Instituts, jedoch war diese Position nicht in jedem Fall ausschlaggebend, sondern ganz einfach die Tatsache, dass ich ein Angehöriger der Universität bin.

 

Die letzte Pforte der Hölle wurde geöffnet. Jeder hat in Zukunft stets sein Tablet dabei, das online-Formular zum self audit ist ständig geöffnet, damit er sofort eintragen kann, was er tut oder nicht, und auch, was der Zweck oder das Ziel dessen war und ist.

Immer wieder sieht man seitdem Mitarbeiter der Universität in ein eher abgelegenes Büro im Personaltrakt verschwinden. „Herr Müller, in ihren records von letzter Woche klafft ein Loch von sage und schreibe etwa einer Stunde. Wie erklären Sie das?“
Müller: „Äh, an welchem Tag war das denn?“
„Das wissen Sie nicht? Wissen Sie nicht besser über ihre quality self audit records Bescheid?“
Müller: „Äh, nein – also, ja. Aber es kann schon mal vorkommen, dass ich das eine oder andere vergesse.“
„Hm. . . also gut, es war . . . am Dienstag.“
Müller, grübelnd: „Dienstag, Dienstag. . .Dienstag?. . .also, ich kann mich beim besten Willen nicht entsinnen, hier eine Lücke zu haben. Da war ich von 8 Uhr bis 18 Uhr als Präsentator und Gruppenbetreuuer bei der Veranstaltung ‚Uni hat Zukunft‘.
„Guuut. Na dann. . . es war der Donnerstag.“
Müller entsinnt sich. Da fällt es ihm ein. Er war mit Verena in der alten Cafeteria, und sie haben sich ineinander verliebt. Darüber hatte er danach doch glatt vergessen, diesen Aufenthalt einzutragen. Also sagt er: „Ich war in der alten Cafeteria, über Mittag.“
„So so, in der alten Cafeteria. Eine Stunde lang, eine volle Stunde! Was tut man eine Stunde lang in einer Cafeteria!?“
Müller: „Ja, was tut man dort nur? Im übrigen können Sie mich mal, ich betrachte diese Unterredung als beendet.“ Geht hin und kündigt.

Bei denen, die über weniger kantige Reflexe als Herr Müller verfügen, tritt ein neues Krankheitsbild immer häufiger auf: zwanghafte Selbst-Evaluierung. Sehr milde Formen sind nur schlecht und recht behandelbar.

„Der Nächste bitte.“ Im Wartezimmer stehen eine Frau und ein Mann auf. Der Mann schaut sofort auf die Uhr und sagt: „Aufruf um 10.47 Uhr. . . einen Augenblick.“

Er holt sein Tablet unter dem Arm hervor und tippt darauf herum. Dann blickt er auf und sagt erleichtert: „Okay.“ Der Herr Doktor bittet beide mit milder Geste in sein Zimmer. Der Mann blickt sich dort sofort aufmerksam um. Dann wendet er sich abrupt zuerst an die Frau, dann an den Arzt: „Was mache ich hier? Wozu bin ich hier? Wie lange soll das voraussichtlich dauern?“
„Nehmen Sie bitte Platz!“ Unwillig setzt sich der Mann hin und mustert den Arzt aufmerksam.
„Ach, jetzt hab ich doch glatt meine Brillen da drüben liegengelassen“, fährt der Arzt dann an den Mann gewandt fort, „könnten Sie sie mir bitte herüberreichen?“
Der Mann zögert kurz, dann dreht er sich um und reicht dem Herrn Doktor die Brille.
„Danke“.
„10.49 Uhr, Herrn Doktor Grünefelder seine Brille gegeben. Er hatte sie unachtsamerweise auf einem weiss gestrichenen . . . “ Der Mann schaut die Frau an. „Wie soll ich zu dem Ding da sagen – Kästchen? – nein! Herr Doktor, wie sagt man denn zu diesem Ding da – Medikamentenkästchen? – äh, nein, sind ja keine drin; also wie sagt man?“
„Sagen Sie doch einfach Kästchen, ich finde, das reicht“, sagt der Arzt begütigend.

Der Mann zögert. Noch immer fällt ihm nichts besseres ein. Schliesslich tippt er das Wort ein, halblaut ‚Kästchen‘ sagend; er zögert noch kurz, dann drückt er die Enter-Taste. Wieder blickt er erleichtert auf. Dann plötzlich der Arzt:
„Das ist genau gesagt ein Kleiner Stellschrank mit dem Markennamen Björn.“
„Na toll“, schreit der Mann gleich auf, „hätten Sie das nicht vorher sagen können? Jetzt hab ich schon dieses blöde ‚Kästchen‘ im System drinstehen, dabei wär’s viel genauer gegangen. . . verdammt nochmal, was das nun wieder für eine Arbeit ist, einen Änderungsantrag stellen mit ausführlicher Begründung, das ist der dritte Änderungsantrag heute, die ersten beiden hast du mir schon eingebrockt (zur Frau hin), jetzt kann ich mich den halben Nachmittag mit diesen Anträgen rumschlagen, und die entgangene Arbeit muss ich ja auch noch reinholen, da häng‘ ich wieder bis mindestens 9.00 oder 10.00 abends drin, aber dir ist das ja scheißegal, und Ihnen natürlich auch, Sie . . . Doktor Soundso. . .“ der Mann steht auf und geht bedrohlich auf den Arzt zu.

Da packen ihn von hinten vier kräftige Hände und ziehen ihn weg.
„Was soll das“, schreit der Mann, „was soll das? Was macht Ihr mit mir? He, ich hab mein Tablet verloren, mein Tablet, heee, wartet doch! Wie soll ich das denn eintragen? Na wartet, ich werde euch eine Evaluierung schreiben, die sich gewaschen hat, und im quality audit werde ich. . .“ die Tür schlägt zu, die Stimme des Mannes wird schwächer.

Die Frau sitzt da und weint in sich hinein.
„Seit zwei Jahren geht das so, und es wurde immer schlimmer. Das ist kein Leben mehr.“
Der Arzt notiert auf seinem Computer ‚EPI‘, die Kürzel für: Evaluitis progressiva incurabile. Dann wendet er sich wieder zur Frau hin. Diese hat sich inzwischen ein wenig gefasst.

„Ihr Mann leidet eindeutig an EPI, also an einer krankhaften Sucht, alles in seiner Umgebung sowie sich selbst und das eigene Tun ständig zu dokumentieren und zu evaluieren. Man vermutet, dass es sich um eine degenerativ-cerebrale Zivilisationserkrankung handelt – so was ähnliches wie Alzheimer, damit sie sich darunter etwas vorstellen können – die vor allem in den industrialisierten Ländern immer häufiger und bei immer jüngeren Menschen auftritt. . . und . . . ja. . . es tut mir leid“, sagt der Arzt dann langsam, „in diesem Stadium, wie Ihr Mann es zeigt, ist kaum noch was zu machen. Man kann ihn ruhigstellen, aber eine ursachenspezifische medikamentöse Therapie ist leider nicht möglich. Ihr Mann wird hier vorerst stationär aufgenommen, bevor wir eine schöne Bleibe für ihn finden. . .also (der Arzt räuspert sich). . . also die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr Mann wieder am normalen Leben teilnehmen kann, ist leider sehr gering. Tut mir leid. . . ich werde Sie über alle weiteren Schritte selbstverständlich unterrichten und nichts ohne ihre Einwilligung unternehmen. Sie können ihn auch jederzeit besuchen.“

Es entsteht eine Pause. Die Frau nimmt die Botschaft wortlos hin. Schließlich sagt sie: „Ja, danke. Es ist nun nicht mehr zu ändern. . . das war kein Leben mehr, es war die Hölle.“
„Ja, es ist bekannt, dass Angehörige von EPI-Patienten viel zu ertragen haben.“
Die Frau steht auf und verabschiedet sich kurz. Der Arzt, der ebenfalls aufgestanden ist, entbietet ihr Grüße, dann sagt er rasch:
„Entschuldigen Sie bitte, wenn ich einige Minuten ihrer Zeit in Anspruch nehme, es dauert wirklich nur wenige Minuten.“

Er hält ihr ein zweiseitiges Formular hin, darauf steht: Qualitätssicherung Patientenkontakt und Beratung.
„Übrigens: Es ist jetzt 11.02 Uhr.“

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Corvus Kowenzl

Corvus Kowenzl ist Universitätsprofessor an einer österreichischen Universität und benützt, um weiterhin ungestört seiner Lehr- und Forschungstätigkeit nachgehen zu können, als Autor und Erforscher des universitären Biotops ein Pseudonym.

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