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Corvus Kowenzl
Wir publizieren einen Fachaufsatz
Konkretes
Ostalpenländische Universitätssatiren
Folge 8

Folgende bescheidene Zeilen präsentieren einige der markantesten Erinnerungen meines Berufslebens als Lehrer und Forscher an einer Universität mitten in den Ostalpen, im Lande des Grüß Gott. Die meisten dieser Erinnerungen stammen aus meiner Zeit als Leiter eines Instituts, jedoch war diese Position nicht in jedem Fall ausschlaggebend, sondern ganz einfach die Tatsache, dass ich ein Angehöriger der Universität bin.



So. Nun geht es also ans Schreiben des papers. Aber was sage ich „Schreiben“? Wenn‘s nur das wäre!

Die meisten papers beinhalten nämlich mehrere oder gar viele Abbildungen. Deren Herstellung reicht von sehr schnell (ein Mausklick in ein aktives Feld einer Tabelle – schon ist das Diagramm fertig) bis meistens langsam oder sehr langsam.

Zumindest in meinem Fachgebiet lagen geschätzte 70-90% der Zeit in der Herstellung gut lesbarer, druckfähiger Abbildungen. Selber schuld, hättest eben ein anderes Fachgebiet gewählt, so habe ich mich immer getröstet.

Natürlich hatte ich, ganz den Prinzipien des modernen Arbeitsmanagements ergeben, mehrere Anläufe unternommen, die Herstellung der Abbildungen out zu sourcen. Selbst mit professionellen Graphikern habe ich es versucht. Doch ich musste lernen, dass das Verfertigen druckfähiger Abbildungen, die mehr als nur einen Mausklick in eine Tabellenfunktion oder das Aufziehen eines Photoshop-Dreiecks benötigen, schlichtweg undelegierbar ist.

So klickt und klackt man sich also durch Wochenenden und Weihnachtsferien, um ein Manuskript fertig zur Begutachtung zu bekommen. Äh, ja, dann noch das Schreiben, fast hätte ich es vergessen. Aber das ist schnell gemacht. Schließlich ist das Manuskript fertig. Schaut schon richtig gut aus. So denkt man sich. Also schreitet man daran, es bei einem vorher ausgewählten Wissenschaftsverlag einzureichen.

Im prä-digitalen Zeitalter musste man drei bis fünf Kopien des neuen Werks an den Verlag schicken. Wenn dann noch eine umfassende Dokumentation hinzukam (auch diese drei bis fünfmal), konnte aus einem einzigen Manuskript schon einmal ein Post-Paket werden.

Heutzutage aber braucht man sich nicht mehr die Finger an einem schmierigen Kopierer mit Wurstsemmel-Resten zu beschmutzen, heute geht die Einreichung selbstverständlich rein digital und keimfrei vor sich.

Die elektronische Einreichung ist immer wieder spannend, steckt sie doch voller Überraschungen. So auch beim letzten Mal. Es war Freitagmorgen, 8.00 Uhr. Um 11.00 Uhr hatte ich einen Termin, aber bis dahin würde ich das Manuskript ja längst hochgeladen haben.

Frohgestimmt öffnete ich die homepage des Verlags und wählte den Autorenzugang. Jetzt waren also Name und Passwort gefragt. Ich hatte bei diesem Verlag und in dieser Zeitschrift bereits öfter publiziert, also schaute ich das Passwort nach. Ich gab es in die Maske ein, drückte auf Enter und gelangte auf ein weiteres Portal. Da stand (übersetzt aus dem Englischen): „Geben sie ihr Konsolidiertes Password ein“. Hä? Was ist das, ein „Konsolidiertes Password?“

Ich beschloss, dass mich das im Augenblick nicht interessiert und klickte unten auf das Feld „Weiter“. Doch da wuppte ein interaktives Feld auf dem Bildschirm auf: „Geben sie ihr Konsolidiertes Password ein“. Ich konnte nur OK drücken.

Aus Erfahrung begann ich Ärger zu ahnen. Leicht genervt blickte ich auf der Maske herum. Da fand ich ein aktives Link „Informationen zu ihrem Konsolidierten Passwort.“ Ich klickte darauf. Eine Seite sprang auf, mit einem sehr langen Text, in dem viele weitere aktive Links drin waren. Um Himmels willen. Schnell las ich den Haupttext mal so diagonal durch. Ich verstand so viel, dass ich, weil ich in mehreren Zeitschriftenreihen dieses Verlages bereits publiziert hatte, nun damit bestraft – äh, belohnt werde, zu allen Journalen mit nur einem Benutzernamen und nur einem einzigen Passwort durchzukommen.

Wie praktisch aber auch! Genau das hatte ich mir schon so lange gewünscht. Endlich keine Zeit mehr verlieren, indem ich das entsprechende Passwort für die jeweilige Zeitschrift raussuche, geschätzte 10 Sekunden. Was ich nun mit dieser Zeit alles machen kann! Jetzt schnell noch mein Konsolidiertes Passwort geholt und los kann’s gehen!

Ich scrollte hinunter zum Ende des Texts und richtig, da stand ein Link „Zu meinem Konsolidierten Passwort.“ Ich klickte darauf. Doch da wuppte wieder ein Feld auf: „Sie haben den Text zu den Rechtlichen Rahmenbedingungen nicht gelesen.“ Aha. Und wo stehen die? Ich scrollte im Haupttext auf und ab, da fand ich schließlich ein aktives Link „Rechtliche Rahmenbedingungen.“

Ich klickte darauf – und wieder wuppte ein Text auf. Diesem Text war nun nicht mehr so einfach zu folgen wie dem vorigen, denn es handelte sich um unverdünntes Juristen-Englisch, das ich nur noch phrasenweise zu verstehen glaubte.

Zwischendrin im Text sah ich aktive Links wie „US“, „EU“, „Non-EU“ und noch weitere, jedes wiederum mit einer Textmaske hinterlegt. Ich klickte automatisch auf EU, da bekam ich eine ausführliche Belehrung über meine Rechte und Pflichten, zumindest, soweit ich den Text überhaupt entziffern konnte. Am Ende des Texts fand ich wenigstens einen button mit Accept, und ich akzeptierte in der Hoffnung, nun endlich zur Maske zu kommen, auf der ich mein Konsolidiertes Passwort eingeben könnte.

Doch ich landete nur wieder auf der vorigen Seite. Hm. Vielleicht muss man sich von der auch noch weiterklicken, dachte ich, scrollte wieder ganz runter und klickte auf Weiter. Und wupp: „Sie müssen die Regress-Forderungen ausfüllen.“ Lernfähig, wie ich nun mal bin, begann ich sofort im Haupttext das Wort Regress-Forderungen zu suchen; bald hatte ich es gefunden und klickte es an.

„Bitte lesen sie die untenstehenden Erläuterungen aufmerksam und seien sie sich bewusst, dass falsche Angaben strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen können.“ Wie schön. Und dann der Text: bereits der erste Satz war gespickt mit englischem Juristen-Latein. Mir ging es das erste Mal heiß durch den Körper und ich musste eine aufkommende Regung unterdrücken, den Computer an die Wand zu werfen.

Es rappelte an der Bürotür, dann platzte die einzig Mögliche herein. „Ah, du bist heute schon da, du, das trifft sich gut, ich hab hier nämlich jede Menge zu unterschreiben, alles dringend (sie wedelte mit einem Büschel Formularen in der Luft), und außerdem ist heute wieder dieser komische Typ da, unten im IGITT Labor, du weißt schon, dieser angebliche post-doc vom Professor Schauinsland, jetzt kannst du mit dem mal Tacheles reden, was er bei uns eigentlich will. . . „
„Äh“, erwiderte ich, „ich möchte da zuerst noch etwas fertigmachen.“
„Nein nein, das kannst du später auch noch, die Formulare hier sind total dringend, wenn du jetzt gleich unterschreibst, dann können diese Labormenschen von der Firma Druck & Gas noch heute vorbeischauen und in Susannes Labor gleich dieses komische Gerät, das sie so dringend braucht, montieren, oder wenigstens damit anfangen; sonst dauert das wieder bis nächste Woche, und da ist die Susi dann im Ausland, und niemand weiss dann wieder, ob diese Laborleute auch alles richtig gemacht haben . . . also.“

Und sie blätterte die Formulare auf meinen großen Konferenztisch hin. Na schön, dachte ich, wenn ich jetzt unterschreibe, dann geht sie, und ich kann mich wieder mit voller Aufmerksamkeit den feinen Abstufungen des Juristen-Englisch widmen.

Da klopfte es. Ein Student stand in der offenen Türe.
„S‘ Gott Herr Fessor, I hätt gern a Prüfungseinsicht“, so seine Eröffnung. Einsicht in schriftliche Prüfungen zu nehmen, die der Herr Fessor oder gleich mehrere Fessoren beurteilt hat oder haben, ist ein Recht der Studenten.
„Ja, einen Augenblick, wir haben hier noch was zu erledigen, warten sie bitte“, so meine Antwort, während ich mich anschickte, die Formulare zu unterschreiben.

Folgsam unterschrieb ich eins nach dem anderen, während mir die einzig Mögliche pflichtbewusst jede Rechnung kurz erklärte. Schließlich war alles unterzeichnet und abgesegnet und sie rauschte ab.

Nun zum Studenten. Es zeigte sich, dass er ein Nichtgenügend eingefahren hatte, und sich einfach nicht erklären konnte, wieso. Also machten wir uns gemeinsam an die Durchsicht seiner Prüfung und bald lichteten sich die Nebel. Da ging das Telefon. Ich ignorierte es. Doch es läutete, lange, und wieder. Ich schaute auf die Anzeige. Eine unserer Laborleiterinnen. Ich nahm ab und sie begann sofort: „Du, bitte, komm‘ sofort zu mir herunter und erklär dem Typen mal, was Sache ist. Der führt sich auf, als gehörte ihm alles persönlich. Wenn der hier nicht sofort. . . .“

„Okay okay“, fiel ich ihr ins Wort, „ich komme“. Ich kenne die Laborleiterinnen. Normalerweise ein cooler Menschenschlag. Hier musste also anscheinend wirklich eingegriffen werden. Sofort verließ ich das Büro und eilte hinunter in den Labortrakt.

Dort fand ich sie, die Laborleiterin, und ihn, den angeblichen post-doc vom Schauinsland, in einem Wortgefecht verfangen. Ich erspare dem geneigten Leser die Details dessen, was nun kam, aber es dauerte lange.

Um 10.15 Uhr kam ich schließlich wieder in mein Büro zurück. Mein Computer war längst in den Ruhezustand gefallen. Ich weckte ihn auf, immer noch mit der vagen Hoffnung, bis zum wichtigen Termin um 11.00 Uhr noch etwas zu erreichen. Da stand aber nur auf meinem Bildschirm: „Ihre Sitzung ist abgelaufen. Loggen sie sich erneut ein.“

Da gab ich auf und beschloss, mich bis um 11.00 wieder mit Emails beantworten, Emails schreiben, online-Administration erledigen und damit zu beschäftigen, Leute vielleicht doch noch am Telefon zu erreichen die per Email wegen Überlastung nicht mehr erreichbar sind oder nie waren. . .

. . . schon zwei Tage später und nach Absolvieren von weiteren zwölf Masken, deren Fragen immer schwerer zu durchschauen waren, hatte ich mein „Konsolidiertes Passwort„. Von da an ging alles recht schnell.

Ich lud mein Manuskript hoch, und Sonntags um 23.45 Uhr bekam ich die automatische Eingabebestätigung des Verlags. Ich hoffe nur, ich komme dafür nicht auch noch ins Gefängnis.

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Corvus Kowenzl

Corvus Kowenzl ist Universitätsprofessor an einer österreichischen Universität und benützt, um weiterhin ungestört seiner Lehr- und Forschungstätigkeit nachgehen zu können, als Autor und Erforscher des universitären Biotops ein Pseudonym.

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