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Corvus Kowenzl
Das Büro
Ostalpenländische Universitätssatiren
Folge 19

Folgende bescheidene Zeilen präsentieren einige der markantesten Erinnerungen meines Berufslebens als Lehrer und Forscher an einer Universität mitten in den Ostalpen, im Lande des Grüß Gott. Die meisten dieser Erinnerungen stammen aus meiner Zeit als Leiter eines Instituts, jedoch war diese Position nicht in jedem Fall ausschlaggebend, sondern ganz einfach die Tatsache, dass ich ein Angehöriger der Universität bin.


Ein Zustand, der besondere Betrachtung verdient, ist der Ruhestand von vormals an der Universität als forschend und lehrend tätigen Menschen, insbesondere ordentliche und außerordentliche Professoren sowie Dozenten.

Man möchte meinen, dass diese Leute sich ebenso wie die meisten anderen auf ihren Ruhestand freuen, sich darauf freuen, endlich einmal etwas anderes zu machen, als Emails zu schreiben, vielleicht auch wieder mehr Zeit für sich oder gar die Familie zu haben – und was die so in Verruf geratene Muße eben sonst noch an seelischen Freuden bereithält. Weit gefehlt. Die tatsächliche Entwicklung verläuft in den meisten Fällen anders.

Bereits einige Jahre vor dem offiziellen Datum des Übertritts in den Ruhestand machen sich sonderliche Änderungen im Verhalten des Betreffenden bemerkbar.

Selbstmitleidige kurze Ausbrüche beginnen aufzutreten mit dem Tenor, was man eigentlich noch alles Tolles rausfinden und erforschen hätte können, wenn man seine Zeit nicht ständig in andere Beschäftigungen stecken hätte müssen.

Das stimmt zwar, angesichts des augenfällig miesen Zustands der Welt um uns herum, der es nicht an wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern an vernünftiger Politik gebricht und welcher der Entgang an hehrer Einsicht, der durch die ständige Überlastung des Herrn Professor hervorgerufen wurde, offenbar gleichgültig ist (zumindest für die nächsten 5000 Jahre).

Je nach Charakter der in den drohenden Ruhestand überzuleitenden Person kann Selbstmitleid auch mit unvermittelter Aggressivität wechseln, die sich in Ausrufen wie etwa „Noch seid ihr mich nicht los“, oder „Noch bin ich immer noch [sic!, meine Anm.] da!“ äußert, wobei den jüngeren Anwesenden der Auslöser für solche Drohungen nicht immer nachvollziehbar ist.

Dabei kann niemand sagen, die Alma Mater hätte kein Verständnis für Pensionsschocks. Denn für die Zeit nach dem ersten Übertritt in den Ruhestand gibt es die völlig legale Möglichkeit, auf einer interimistischen Art von Professur, die allgemein nach der Nummer des Paragraphen des Universitäts-Organisationsgesetzes „§99-Professur“ genannt wird, nochmals zwei Jahre bei mehr oder weniger vollen Bezügen weiterzumachen.

Aber dann ist wirklich Schluss, ganz in echt, he Mann, und der Ruhestand wird gnadenlos vollzogen. Per Einschreiben. Könnte man das nicht auch ein wenig herzlicher machen?

Neulich bekam ich unangekündigten Besuch von einem Ruheständler in spe. Es klopfte.
„Ja bitte!“
„Grüß dich. . . du, ich wollte dich schon länger mal fragen, ob du dir schon Gedanken gemacht hast, wo ich unterkommen werde.“
„Äh“, so meine wahrheitsgemäße Erstantwort, „wie meinst du das?“
„Na mein Büro, wo ich mein Büro haben werde. . . mein altes darf ich ja nicht behalten, das braucht ja bald mein Nachfolger [er betont das Wort Nachfolger wie Naaachfolger].“
„Tja, nein, also bis jetzt habe ich mir darüber offen gestanden nicht den Kopf zerbrochen. . . du weißt, unser Platz ist bemessen. Aber ich werde schauen, wo sich was auftut. Ist momentan nicht so einfach, wegen all unserer Umbauten, du verstehst.“
„Ich brauche unbedingt ein Büro, ohne das kann ich meine Geologie von Hierzuland nicht fertigstellen, ohne das geht’s nicht, sonst wär ich ja von allen Informationen abgeschnitten.“

Die Geologie von Hierzuland, ist sein Lebenswerk, das er bereits seit etwa 25 Jahren ankündigt. Früher ging es ja nicht, weil er so viele andere Dinge machen musste. Und während der Dauer seiner §99-Professur ging’s auch nicht, obwohl er von allen sonstigen Pflichten freigestellt war, aber da wollten ja so viele was von ihm, seine Expertise, und überhaupt. Aber jetzt, dann also jetzt wird’s ganz sicher gehen. Alles, was er braucht ist ein geräumiges Büro, und zwar hier am Institut. Das wär ja wohl das Mindeste.

Ich beschließe, ihn ein wenig zu testen.
„Das stimmt nicht, dass du, wenn du zum Beispiel zuhause arbeitest, von allen Informationen abgeschnitten wärst, das stimmt heute weniger denn je. Du kannst vollen Zugang zu allem haben, auch zu den Fachzeitschriften. Alles, was du brauchst, ist ein Internetanschluss und eine VPN-Kennung.“
„Nein, nein, ich muss hier sein“, so seine kategorische Antwort ohne echtes Gegenargument. Ich ahne, dass die wahren Beweggründe des Hierbleiben-Wollens außerhalb des rein technisch Möglichen angesiedelt sind.

Jetzt will ich ihn noch ein wenig mehr triezen.
„Aber wenn du zuhause arbeitest dann hättest du doch viel mehr Ruhe, keine Leute, die was von dir wollen, und doch alle Information. Du kannst im Pyjama und in Hauspatschen vor dem Computer sitzen und Tee schlürfend Die Geologie von Hierzuland schreiben, ganz ungestört und mit voller Konzentration aufs große Werk.“
„Nein, nein, ich will hier sein, ich brauche ein Büro!“ so seine Antwort.

Gut, denke ich, diese Tiefe wäre also ein wenig ausgeleuchtet. Ich verspreche, mich darum zu kümmern, dann beende ich die Unterredung und mache ich mich wieder an die Arbeit.

Und während ich im intellektuellen Dämmerschlaf mit Emails beantworten, Emails schreiben, online-Administration und damit beschäftigt bin, Leute vielleicht doch noch am Telefon zu erreichen, die per Email wegen Überlastung nicht mehr erreichbar sind oder nie waren, geht mir plötzlich auf, dass ich mich doch eigentlich erkundigen könnte, ob Ruheständler ein Recht auf ein Büro oder wenigstens einen Arbeitsplatz haben. Ja, ich werde die Rechtsabteilung anrufen, die Sachbearbeiterin für Personalstands- und Personalrechtsfragen.

„Ja bitte!“ eine Frauenstimme.
„Guten Tag, hier spricht der Leiter des Instituts für Geologie, ich möchte wissen, ob Professoren im Ruhestand ein Recht auf ein Büro oder einen Arbeitsplatz am Institut haben.“
„Ah. . . „, sagt sie gleich, und fährt fort, „das ist eigentlich ganz klar geregelt: sie haben kein Recht.“
Bei mir läuten sofort die Alarmglocken. Immer, wenn ich bei Auskünften aller Art die Phrase ‚ganz klar‘ höre, merke ich als gelernter Ostälpler misstrauisch auf, und noch mehr bei ‚eigentlich ganz klar.‘ Dahinter verbirgt sich fast immer ein Widerspruch zur gelebten Praxis.
„Was heißt ‚eigentlich ganz klar‘?“, frage ich.
„Wenn sie die Person nicht mehr am Institut wollen, dann können sie sie notfalls per Ausweisung delogieren.“
Sie hat aus Erfahrung durchschaut, dass ich aus konkretem Anlass anrufe. Vermutlich führt sie mehrere derartige Telefonate pro Monat.

„Gut. Aber gibt es davon Ausnahmen oder gibt es Umstände, bei denen das nicht so einfach geht?“ frage ich.
„Naja, wenn die Person noch laufende Projekte hat oder namentlich in Projektkollaborationen eingebunden ist, besteht noch Anspruch auf einen Arbeitsplatz.“
Aha, das also ist des Pudels Kern.
„Ist Arbeitsplatz mit Büro gleichzusetzen?“ meine weitere Frage.
„Nein. Ein Arbeitsplatz kann auch ein Schreibtisch mit Internetanschluss in einem größeren Büro zusammen mit mehreren anderen Leuten sein. Bei akutem Raumbedarf besteht definitiv kein Anspruch auf einen eigenen Büroraum.“

Theoretisch hätte ich diese in kleinen Details wiederum mehrdeutige Antwort weiter hinterfragen können, aber jetzt weiss ich erstmal genug, weiss auch, wie ich weiterrecherchieren muss.

Ich bedanke mich und beende das Gespräch.


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Corvus Kowenzl

Corvus Kowenzl ist Universitätsprofessor an einer österreichischen Universität und benützt, um weiterhin ungestört seiner Lehr- und Forschungstätigkeit nachgehen zu können, als Autor und Erforscher des universitären Biotops ein Pseudonym.

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