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Corvus Kowenzl
Im Dschungel
Ostalpenländische Universitätssatiren
Folge 17

Folgende bescheidene Zeilen präsentieren einige der markantesten Erinnerungen meines Berufslebens als Lehrer und Forscher an einer Universität mitten in den Ostalpen, im Lande des Grüß Gott. Die meisten dieser Erinnerungen stammen aus meiner Zeit als Leiter eines Instituts, jedoch war diese Position nicht in jedem Fall ausschlaggebend, sondern ganz einfach die Tatsache, dass ich ein Angehöriger der Universität bin.


Zu den reizvollsten Aspekten der Tätigkeit an einer Universität zählt die Tatsache, dass man niemals weiß, zu welchem Zeitpunkt einen die Verwaltung womit gerade überfällt. Man gleicht einem Dschungelkrieger, der unablässig mit erhobenem Speer durchs Dickicht schleicht, weil jeden Augenblick der Feind hinter dem nächsten Busch hervorspringen kann.

Als Institutsleiter ist man, weil für alles direkt verantwortlich, natürlich auch besonders angreifbar. Auf den Dschungelkampf übersetzt: ich habe zwar wie alle anderen einen Speer in der Hand, muss aber an meinem Bein eine riesige Steinkugel mitschleppen. Es ehrt mich ja, dass man meine Kampfeskraft so hoch einschätzt. Aber ohne Kugel wär’s mir lieber. Man ist ein begehrtes Angriffsziel: So einen Institutsleiter erlegt man nicht alle Tage.

Es war ein Mittwoch im späten November, tiefstes Wintersemester, der Tag neigte sich zum Abend hin, ich beantwortete noch einige Dutzend Emails, die in der letzten halben Stunde reingekommen waren. Am Freitag und Samstag würde ich auf einem Fachkongress sein. Die Dämmerung senkte sich langsam übers Land, alles war friedlich. Da sah ich auf dem Bildschirm, dass noch eine Email hereingekommen war: „Aufdatierung Arbeitsstoffe“ stand im Betreff.

Ich öffnete sie und las:

„An alle Institutsleiter. Sollten sich auf ihrem Institut chemische Arbeitsstoffe befinden, sind ausnahmslos sämtliche Stoffe nach Art, Menge und Gefahrenklasse anzugeben. Bitte beachten sie, dass Stoffe, die in die Gefahrgutklasse XC 3d/z fallen sowie Stoffe der Klassen VF 5/6zz und 34/GHr gesondert auszuweisen sind, nebst Nennung der dafür zuständigen Person bzw. Personen (mit Geburtsdatum und Sozialversicherungsnummer) zusammen mit Vorlegung eines Nachweises der entsprechenden Befähigungskurse zurück bis 1984, Stichtag 15. November. Diese Angaben sind für die jeweilige Organisationseinheit gesammelt bis spätestens kommenden Montag Mittag an das Arbeitsinspektorat (folgt Email-Adresse) zu schicken. Im Falle der Nichteinbringung oder eines Verzugs ist mit strafrechtlichen Konsequenzen nach §45, Abs. 12 des AIG (Novellierung 2002) zu rechnen.“

Die zartfühlende Vorgangsweise unserer Sicherheitsabteilung beeindruckt mich doch stets aufs Neue. Der Gegner ist aus dem Busch gesprungen. Er hält seinen Speer vor mich hin und fordert mich heraus. Er springt wild auf und ab, fuchtelt mit dem Speer und schreit herum. Aber ich bin kein Neuling mehr, dass ich mich von einem solchen durchgedrehten Wilden beeindrucken lasse.

Kühl kalkuliere ich meine Chancen durch. Sofort verschicke ich eine Email an alle Laborleiter und alle Labormitarbeiter, zusammen mit der Original-Email, sodass sie sehen, dass wirklich nicht ich es bin, der sich diese neueste Präpotenz hat einfallen lassen. Dann meine Teilnahme am Kongress absagen. Denn ich weiß, auch wenn meine Mitarbeiter alle ihr Bestes tun werden, um ihre jeweiligen Listen zeitgerecht an mich zu schicken, am Ende muss doch ich sie zusammenfassen, prüfen, und schließlich eingeben.

Und jetzt geh ich erstmal nach Hause. . . der Kampf ist eröffnet. Den ersten, amateurhaft vorgetragenen Angriff meines Gegners habe ich mit einem eleganten Dreh meines Speers ins Leere gelenkt. Er springt zurück ins Gebüsch, formiert sich neu.

Den ganzen nächsten Tag – Donnerstag – wandere ich zwischen verschiedenen Terminen (Besprechungen, meetings, Kontakte mit Studenten, mit der Sekretärin disputieren, Unterschriften geben) und Emails schreiben und Emails beantworten durch die Labors und rede mit den Mitarbeitern, die vor allem Mitarbeiterinnen sind.

Ich bespreche, tröste, bekomme Rat, ich gebe Rat. Am Ende hat sich als Konsens herausgebildet, dass man den Verantwortlichen von der Sicherheitsabteilung teeren und federn sollte. Vox populi, vox dei. . . der Kampf ist nun voll entbrannt. Der Gegner gibt sich alle Mühe, springt schnell vor und weicht wieder zurück, sticht mit seinem Speer in die Luft. Ich schalte auf Defensivtaktik, wehre nur ab. Jetzt gilt es Kraft zu sparen, während er sich verausgabt.

Am Freitag tröpfeln die ersten Listen ein. Sicherheitshalber (ich verwende dieses Wort in diesen Tagen nur ungern) klappere ich nochmals die Labors ab. Man soll bemerken, der Chef steht dahinter. Aber die Mädels in den Labors haben ihren Laden im Griff und liefern stimmige Listen. Darüber wird es Mittag.

Nach dem Mittagessen allerdings habe ich ganze zwei leere Stunden, die mich in nicht geringe Verlegenheit bringen. Jetzt könnte ich ein milestone paper schreiben, aber komischerweise habe ich im Augenblick nicht die nötige geistige Sammlung dazu. Ich telefoniere mit einem jungen post-doc, der noch die Zeit fand, auf den oben erwähnten Kongress zu fahren. Leider wollte er bald wieder einen Vortrag besuchen, sodass sich unsere Plauderei recht kurz gestaltete. Gegen 14.30 Uhr rettet mich ein Student, der mit einem komplizierten Anliegen zu mir kommt. Dann muss ich eh wieder in die Labors schauen und die Listen weiter zusammenführen, bin also endlich wieder beschäftigt.

Am Samstag, gegen Mittag, habe ich alles beisammen, überprüft und nochmals überprüft. Eine schöne Liste ist es geworden, lang, sehr lang, wohlgeordnet nach Gefahren, versehen mit Kürzeln, die nur die Hohepriester der Sicherheit lesen können, und Klarnamen von LabormitarbeiterInnen und deren Verwandtschaft bis ins siebte Glied und zurück ins Spätmittelalter.

Wegen der Terrorgefahr, sie wissen ja. . . der Gegner hat den Kampf schon verloren, er weiß es nur noch nicht. Weiterhin trägt er seine chaotischen Ausbrüche vor, vergeudet seine Kraft, atmet schwer, während ich – nur ab und zu einen Speerstoß ablenkend – auf meine Gelegenheit lauere.

Nur Dummköpfe und Anfänger würden nun, am Samstag noch, die Liste verschicken. Das würde das stets wache Misstrauen der Sicherheitsabteilung sofort wecken: Was, die haben die Liste schon nach drei Tagen fertig? – da kann etwas nicht stimmen, die haben geschlampert, da schauen wir nach, die kontrollieren wir, die stülpen wir um.

Nein, ich lasse die Liste nun ganz friedlich so liegen. Ich kopiere sie aber noch auf eine externe Festplatte: zur Sicherheit. Der Sonntag vergeht ganz normal, ich arbeite an einer Publikation. Montag morgen gehe ich summend zur Arbeit. Ich beantworte Emails, schreibe Emails, und versuche, Leute am Telefon zu erreichen, die per Email nicht erreichbar sind oder nie waren.

Es wird neun, zehn, elf Uhr vormittags: noch immer habe ich die Liste nicht verschickt. Der Kampf kommt nun in die kritische Phase. Es geht gegen 11.30 Uhr. Jetzt verschicke ich die Liste, die Sicherheitsabteilung Arbeitsinspektorat bestätigt deren Erhalt. . . Angriff abgewehrt, der Gegner verschwindet satanisch heulend wieder in den Gebüschen, aus denen er hervorbrach.

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Corvus Kowenzl

Corvus Kowenzl ist Universitätsprofessor an einer österreichischen Universität und benützt, um weiterhin ungestört seiner Lehr- und Forschungstätigkeit nachgehen zu können, als Autor und Erforscher des universitären Biotops ein Pseudonym.

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