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Corvus Kowenzl
Die Frage
Ostalpenländische Universitätssatiren
Folge 18

Folgende bescheidene Zeilen präsentieren einige der markantesten Erinnerungen meines Berufslebens als Lehrer und Forscher an einer Universität mitten in den Ostalpen, im Lande des Grüß Gott. Die meisten dieser Erinnerungen stammen aus meiner Zeit als Leiter eines Instituts, jedoch war diese Position nicht in jedem Fall ausschlaggebend, sondern ganz einfach die Tatsache, dass ich ein Angehöriger der Universität bin.


Es ist vormittags gegen 10.00 Uhr. Das System hat längst volle Fahrt aufgenommen. Ich sitze am Computer und bin mit Emails beantworten, Emails schreiben, online-Administration erledigen und damit beschäftigt, Leute vielleicht doch noch am Telefon zu erreichen, die per Email wegen Überlastung nicht mehr erreichbar sind oder nie waren.

Zwischendurch unterschreibe ich irgendwelche Rechnungen, die mir die einzig Mögliche ebenso wortreich wie umständlich wie vergeblich zu erläutern versucht. Gleichzeitig mache ich einem Studenten klar, weshalb er bei der letzten Prüfung durchgefallen ist und nebenher beruhige ich die Koordinatorin für unser kleines Museum, die wieder mal mit ihren Nerven am Ende ist.

Schließlich sind sie alle wieder draußen und ich wende mich wieder voller Elan meinem Bildschirm zu. Und dann passiert es: bei der Beantwortung einer Email tritt eine administrative Frage auf, die ich nicht beantworten kann. Keine Ahnung, wie das wieder geregelt ist. Sofort läuft in meinem Kopf eine Kosten-Nutzen Kalkulation ab. Ich könnte die einzig Mögliche fragen, das wäre das wörtlich Naheliegendste, aber die hat derzeit selber viel um die Ohren und außerdem bin ich mir nicht sicher, ob ich ihre Erklärung auch verstehen würde. Fazit: jetzt hilft nur noch Mari.

Maris Büro liegt einige Stockwerke über dem meinen, also nehme ich die Gelegenheit wahr, um mir ein wenig Bewegung zu verschaffen und gehe zu Fuß hinauf. Mari ist da, wir begrüßen uns freundlich. In dem Augenblick läutet ihr Telefon. Sie nimmt den Hörer ab.

„Ja bitte . . . ah, ja, Sie rufen in dieser Sache an. . . das müsste ich nachfragen, das ist aber kein Problem. . . nein, eben nicht, weil in der Verwendungsgruppe IV-4b/Vertragsbedienstete mit Umlaufzulage bei teilzeitvermindertem. . .“

Wartend beginne ich ein wenig steifbeinig von einem Fuß auf den anderen zu treten und beim Fenster hinauszuschauen. Maris Büro hat eine grandiose Aussicht, und es ist ein wunderschöner Spätwintertag. Die Bergkulisse im Norden der Stadt strahlt hell vom Schnee, und in vielen der Rinnen entlang der steilen Flanken liegen schöne, wohlausgebildete Lawinen.

Mit Kennerblick taste ich die gewundenen Lawinenwürmer ab und schätze die Schäden ein. Dort ein Stück Wald umgelegt, dort viel Boden abgetragen und so weiter. Dann drehe ich mich zu Mari zurück.
„ja. . . ja. . .das wurde inzwischen berücksichtigt und eingerechnet, da brauchen Sie sich keine Sorgen mehr zu machen. . .“
Ich deutete ihr, ob ich gehen und später wiederkommen sollte. Sie dagegen fuchtelte, ich solle bleiben; sie flüsterte kurz über den Hörer hin:
„Dauert nicht mehr lange!“ dann wieder in den Hörer: „. . .diese Einrechnung kann später aber nur mehr prozentual-anteilig gemäß den tatsächlichen Verrechnungstagen rückübertragen werden, also da muss man sich entscheiden.“

Ich wende mich wieder den Lawinen zu. Eine ist besonders dick und mit einem wirren Haufwerk aus entwurzelten Bäumen in brauner, mitgerissener Erde garniert. Die schaut wirklich interessant aus. Vielleicht könnte ich am Wochenende mal raufgehen und mir die anschauen. Ich deute Mari mit einem gehauchten „Ich komm gleich wieder!“, dass ich nur kurz weg bin. Wenige Minuten später steh ich mit Laptop und Smartphone wieder in ihrem Büro.

„In ähnlich gelagerten Fällen war die Auslegung eigentlich immer so. . . aber schon möglich, dass man eines Tages die Rücklaufzeiten nicht mehr aliquot oder vielleicht nur teil-aliquot ins Verrechnungsjahr einfließen lässt. . .“

Mari telefoniert noch, aber das ist mir nur recht. Ich öffne den Laptop, dann stelle ich mich mit dem Smartphone ans Fenster und peile die Lawine an. Ich mache viele Fotos, mal mehr, mal weniger reingezoomt, mal ein bisschen mehr links, mal ein bisschen mehr rechts, dann nochmals, denn vielleicht ist’s verwackelt, und dann nochmals, vielleicht ist das ja noch ein bisschen besser als das letzte.
„. . . das kann ich Ihnen nicht sagen, da müsste ich alle relevanten Unterlagen einsehen können. . . aber in jedem Fall gilt, dass Sie keine Bedenken haben müssen, dass Ihnen die Restzeiten zum Sperrbetrag aufgeschlagen werden, denn den haben Sie allemal erreicht. . .“

Ich schoss ganze 72 Photos. Sogleich machte ich mich ans Durchschauen und Entrümpeln. Ein paar schlechte sind ja immer dabei. Jetzt bekam ich so richtig Lust, mir diese Lawine genauer anzuschauen. Hoffentlich ist am Wochenende Schönwetter. Könnte man vielleicht abschätzen, wieviel an Erde und Holz diese eine Lawine zu Tal gerissen hatte? Natürlich kann man nicht jeden Kilo Erde wägen und alle Bäume einzeln zählen. Eine schlaue Schätzmethode musste also her, die bei vertretbarem Aufwand gute Ergebnisse liefert. Hm, hm, ich begann nachzugrübeln.

„. . . hab ich Ihnen weiterhelfen können? . . . gut. . . gut. . . ja, dann werden wir sehen, wie sich die Sache weiter entwickelt. . . also dann. . . wie bitte?. . . aha. . . ach so. . . ja, das könnte im Prinzip zwar möglich sein, aber es wäre eine höchst ungewöhnliche Vorgangsweise. . . “

Ich war nun völlig in die Lawinenproblematik versunken. Man müsste auch die Dicke der Lawine kennen, aber man weiß nicht, ob sie von unten bis oben Bäume und Erde führt oder ob das nur eine Lage an der Oberfläche ist. Und wie dick wäre diese Lage? Gar nicht so einfach das.

Da riss mich ein wohlbekanntes Geräusch aus meinen Gedanken. Mari hatte den Hörer hingelegt. Das Gespräch war beendet. Ich wollte grade zu reden anfangen, da stand sie auf und sagte:
„Ich muss nur schnell die Petzolt was fragen, bin gleich wieder da!“
Und draußen war sie. Petzolt? Ich hatte nie mit einer Frau Petzolt in der Verwaltung zu tun gehabt. Keine Ahnung, in welcher Abteilung die sitzt. Ist mir auch egal, ich muss mich jetzt wieder um meine neue Lawine kümmern.

Gegen viertel vor zwölf kam Mari wieder herein.
„Ah, du bist noch da? Gut so. Also was führt dich zu mir?“
Da läutete Maris Büro-Telefon. Sie wollte es zuerst nicht beachten, doch dann schaute sie doch auf die Anzeige, wer da anrief.
„Oh, das ist der Dekan“, sagte sie halblaut, „das ist wahrscheinlich wichtig, tut mir leid!“
Und sie nahm den Hörer ab. Und es war nicht nur wichtig, es war auch dringend, wie sich aus Maris Antworten erschloss.

Da es bald Mittag war, deutete mir Mari während sie telefonierte, mich doch aus ihrem nie versiegenden Vorrat an Schokoladenkugeln und Keksen zu bedienen, die vor mir in einer großen Schüssel in Reichweite lagen. Zuerst wehrte ich mit einer Handbewegung symbolisch ab, dann holte ich sofort zwei Schokokugeln raus. Die schmeckten so gut, dass ich gleich nochmals zwei Kugeln rausfischte und mir auf der Zunge zergehen ließ.

Ich begann auf internet-Seiten mit Lawinen zu surfen. Es gibt gute, seriöse Seiten zu Lawinen, meist von diversen Warndiensten eingerichtet und stets aktuell gehalten. Es gibt sogar eine europäische Lawinenseite. Diese vermeldete, dass in der Schweiz am Vortag eine besonders große abgegangen war; und wirklich, die Bilder zeigten einen wunderschönen Lawinendrachen, lang, dick und geschlängelt und furchteinflößend, mit einem Panzer aus bizarr aufragenden Felsbrocken und Bäumen belegt. Ich klickte mich durch die Bilder, stets abwechselnd ein Keks und dann wieder eine Schokoladenkugel mampfend.

Mari trat zu mir. Eher nebenbei bekam ich mit, dass sie mir sagte, sie müsse nur schnell mal zum Dekan rüber (ich hatte gar nicht mitbekommen, dass sie das Telefonat inzwischen beendet hatte), und ich mümmelte nur „Mm mmh!“, weil mir der Mund von einem zähen Gemisch aus halb zerkauten Keksen und Schokokugeln verlegt war. Wirklich toll, diese Lawine. Ob ich da hinfahren soll?

Etwa gegen ein Uhr nachmittags wurde mir übel. Vermutlich hatte ich doch zu viele Kekse und Schokokugeln verdrückt. Die lagen mir jetzt im Magen wie Steine. Das Märchen vom Wolf und den Sieben Geislein fiel mir ein. Ich bezog momentan aber keine Freude aus dem Gedanken, ein Wolf zu sein, und sei es nur ein imaginärer. Ein großer Magenbitter wäre mir jetzt lieber.

Um zwei hatte ich Vorlesung. Bis dahin würde mir hoffentlich besser werden. Inzwischen versuchte ich, die immer stärker aufkommende Übelkeit mit einigen Youtube-Videos zu Lawinenabgängen zu bekämpfen. Es half nichts. Dann versuchte ich es mit Tsunamis, aber vom Anblick all des verdrifteten Plastikmülls wurde mir nur noch schlechter. Vielleicht halfen Vulkane.

Bereits um halb zwei kam Mari wieder zurück. Sie sagte, ich sähe nicht gut aus, ich sei so blass. Ich klickte einen Vulkan weg, der sich gerade erbrach – pardon, der ausbrach – und nahm meine letzte Kraft zusammen, um Mari meine Frage vorzubringen. Also. . . äh. . . jetzt hatte ich doch glatt vergessen, was ich sie eigentlich fragen wollte. Das konnte doch nicht sein. Mari bemerkte meine Verlegenheit und half ein bisschen nach.
„Welche Email war das denn?“ fragte sie mich.
Ach ja, die Mails, da hätte ich auch draufkommen können. Wenn mir nur nicht so speiübel wäre. Rasch war die Email gefunden und die Frage wieder formuliert. Es war nun eine Viertelstunde vor zwei, ich musste weg. Mari versprach, sich inzwischen um meine Frage zu kümmern.

Als ich schließlich dem Kotzen nahe und vorläufig unverrichteter Dinge wieder vor meinem Büro stand, wurde ich sogleich von der einzig Möglichen überrumpelt (sie hatte mir hinter einer der großen Vitrinen aufgelauert):
„Ah, da bist du ja endlich, wo hast du dich denn die ganze Zeit versteckt, ich hab dich überall gesucht, und ich hätte einen Haufen Rechnungen zu unterschreiben und außerdem solltest du dich endlich um diese leidige Geschichte mit dem Laborschlüssel für diesen angeblichen Post-doc vom Professor Schauinsland kümmern, du, ich sag dir, dieser Post-doc oder was immer der ist, der lungert hier nur den ganzen Tag herum und hält die anderen vom Arbeiten ab. Und außerdem ist er unlängst im MIKROGLISS-Labor gesehen worden, obwohl der da gar nichts zu suchen hat, hat mir Alice erzählt, du weißt schon, die neue Doktorandin vom Franz, ja, und der Schauinsland kurvt wieder einmal irgendwo auf der Welt herum und lässt uns mit diesem Typen völlig allein, DU, dem musst du gleich morgen ins Gewissen reden . . .“

Äh: Wo war ich heute Vormittag stehengeblieben?



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Corvus Kowenzl

Corvus Kowenzl ist Universitätsprofessor an einer österreichischen Universität und benützt, um weiterhin ungestört seiner Lehr- und Forschungstätigkeit nachgehen zu können, als Autor und Erforscher des universitären Biotops ein Pseudonym.

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