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Alois Schöpf
Autonomie-Paket für die Ost-Ukraine
Apropos

Als friedlich in Sicherheit lebender Mitteleuropäer sollte man, wenn man nicht gerade der Papst ist, mit Ratschlägen an kriegsführende Staaten äußerst vorsichtig umgehen. Dennoch zwingt die simple Logik zur Erkenntnis, dass der Krieg in der Ukraine bei zugleich stets möglicher Eskalation in die atomare Katastrophe und andauerndem Wohlstandsverlust in Europa noch Jahre dauern kann, wenn beide Parteien auf ihren Maximalforderungen beharren.

In diesem Sinne war das Statement des Pontifex, Mut zur weißen Fahne zu zeigen, nicht eine unfaire Empfehlung, zu kapitulieren, sondern eine Aufforderung zur zweifelsfrei sehr bitter schmeckenden Vernunft, in irgendeiner Weise eine politische Lösung zu finden.

Und diese Lösung müsste wohl auch von Seiten des Westens das Eingeständnis mit sich bringen, dass die zweifelsfrei vollkommen zu Unrecht überfallene Ukraine ihre russlandfreundlichen Minderheiten, etwa durch das Verbot russischer Zeitungen, in gewisser Weise ebenso unfreundlich behandelt hat, wie dereinst die Italiener – unter Mussolini und auch noch lange Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg – die Südtiroler behandelt haben.

Inzwischen haben alle an diesem Konflikt Beteiligten aus der Vergangenheit gelernt. Dies hat sogar dazu geführt, dass heute eine Abstimmung über die Rückkehr Südtirols zu Österreich keineswegs klar für Österreich ausfallen würde.

Wäre es also nicht Zeit, das Autonomie-Paket Südtirols als eine Großtat politischer Klugheit weltweit zu vermarkten? Und auf die Ostukraine als ukrainisches Staatsgebiet mit der Schutzmacht Russland umzulegen? Sollten zur Propagierung dieses Friedenskonzepts nicht der österreichische Bundeskanzler, die italienische Ministerpräsidentin und die Landeshauptleute der Europaregion Tirol nach Kiew, Moskau, Brüssel, Washington und Istanbul reisen?

Mehr als wegen ihrer Naivität ausgelacht können sie nicht werden!

Erschienen in der Tiroler Tageszeitung am 16.03.2024

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Alois Schöpf

Alois Schöpf, Autor und Journalist, lebt bei Innsbruck. Alois Schöpf schreibt seit 37 Jahren in Zeitungen und Zeitschriften, zuletzt seit 28 Jahren in der Tiroler Tageszeitung, pointierte und viel gelesene Kolumnen. Er ist einer der dienstältesten Kolumnisten Österreichs. Zahlreiche Veröffentlichungen, bei Limbus: Vom Sinn des Mittelmaßes (2006), Heimatzauber (2007), Die Sennenpuppe (2008), Platzkonzert (2009), Die Hochzeit (2010), Glücklich durch Gehen (2012), Wenn Dichter nehmen (2014), Kultiviert sterben (2015) und Tirol für Fortgeschrittene (2017). Zuletzt erschien in der Edition Raetia Bozen gemeinsam mit dem Fotografen und Regisseur Erich Hörtnagl "Sehnsucht Meer, Vom Glück in Jesolo", die italienische Übersetzung wurde zeitgleich präsentiert. Und es erschien, wieder bei Limbus, "Der Traum vom Glück, Ausgewählte Alpensagen". Schöpf ist auch Gründer der Innsbrucker Promenadenkonzerte und leitete das erfolgreiche Bläserfestival fünfundzwanzig Jahre lang bis 2019.

Dieser Beitrag hat 7 Kommentare

  1. Kriegserklärungen werden aus der Mode kommen, ahnte schon Präsident Roosevelt, musste sie aber nach Pearl Harbour wohl oder übel aussprechen. Seit damals hat man begonnen, Fakten zu schaffen, ohne vorher zu reden. Carl Schmitt hat dazu eine Schrift verfasst: „Die Wendung zum diskriminierenden Kriegbegriff“
    Was die Russen hier machen, ist einfach Krieg. Der Zweck ist territorialer Raub, der Name des zufällig amtierenden Präsidenten ist zweitrangig.
    Hilfe naht dennoch. Alois ist nicht der Einzige, der bereit ist, auf Dinge zu verzichten, die ihm nicht gehören. Kein Geringerer als der Papst ist dabei vorangeschritten.
    Es gibt noch Vieles, worauf wir verzichten können. Packen wirs an!

  2. Rainer Haselberger

    Ich frage mich, ob Herr Putin das mit dem Verzicht auf die Oblasten Luhansk und Donezk so sieht wie Herr Schöpf. Meines Wissens will er noch immer die Ukraine als souveränen Staat von der Landkarte tilgen. Und solange er sich auf der Siegesstraße wähnt, wird er von diesem Maximalziel wohl nicht abgehen. dazu hat sein Land schon zuviele Opfer bringen müssen, deren gesamter Umfang aber wohl erst nach dem Ende der Gewalt zu ermessen sein wird.

  3. Otto Riedling

    Der Vorschlag punkto „“Autonomiepaket“ ist lieb und nett, aber in einer Gesellschaft, die in Wildwest-Manier regiert wird (zuerst schießen – dann fragen) ziemlich fehl am Platz. Wie es scheint, muss dies am Schlachtfeld beendet werden.

  4. Urban Winkler

    Sehr geehrter Herr Schöpf, guter Luis !
    Mach weiter so, denn du regst die Leute zum Nachdenken an, darum Daumen hoch für DICH.
    Ja und ich muss schon betonen, dass dein Kommentar letzten Samstag wieder einmal große Klasse war. Will dir nicht schöntun, aber du verdienst es oft und stark gelobt zu werden, denn du bist nicht zu feige, die Dinge beim Namen zu nennen.
    Also dann, mach bitte weiter so, denn Männer wie dich braucht das Land.
    Darum Daumen hoch für dich!

  5. Josef Christian Aigner

    Sehr geehrter Herr Schöpf,
    ich bin ja in vielen Fällen gar nicht Ihrer Meinung, aber ‚Ehre, wem Ehre gebührt‘ in einzelnen Fällen: an einem der vergangenen Samstage haben Sie über die Chuzpe des UniversitätsprofessorInnenverbands geschrieben, die Schwindeleien bei Abschlussarbeiten, Habilitationen u.ä. schon nach 10 Jahren verjähren zu lassen. Als emeritierter Professor und ehem. Mitglied dieses Verbands frage ich mich, was den KollegenInnen da in den Kopf gefahren ist. Das schlägt wirklich dem Fass den Boden aus und ist eigentlich eine Schande für die akademische Welt.

    Überhaupt: Man mag gegen den Plagiatsjäger sagen, was man will (und er ist wirklich ein merkwürdig Getriebener und seine Rolle im Fall Föderl-Schmid war letztklassig), aber die viele Falschheit, der akademische Bluff generell, Schwindeleien bei Abschlüssen und auch die gelegentlich spürbaren fragwürdigen Seilschaften bei Bestellungen/Berufungen an der Uni sind eigentlich ein Nogo für jede/n halbwegs ernsthaft engagierte/n Akademiker/in.

    Und jetzt gerade habe ich Ihre Kolumne zur Ukraine gelesen; auch da kann ich mich anschließen: ich habe viele Bekannte und KollegInnen in der Ukraine, die meisten im Westen, aber einige auch in Charkiw. Und die sagten mir schon nach 2014 und lange vor dem Putin’schen Überfall, dass sie nicht sicher wären, wie eine (möglichst international kontrollierte) Abstimmung, wer zu Russland und wer bleiben will, ausgehen würde. Insofern wäre eine Lösung wie Südtirol/Italien zumindest diskutierenswert.
    Aber diesbezüglich herrscht derzeit eine leider weit verbreitete Nichtdiskutierbarkeit.
    Mit freundlichen Grüßen

  6. Peter Gritsch

    Danke, Herr Schöpf, für diesen genialen Vorschlag!
    Es ist nur zu hoffen, dass die Politik Ihren Vorschlag aufgreift. Wenn man sieht, was auf dem Spiel steht, muss man auch bittere Pillen schlucken.
    Mit freundlichen Grüßen an den Friedensstifter.

  7. Egon Spiss

    Geschätzter Herr Schöpf!
    Wie so oft zeigen Sie in ihren Beiträgen in der TT Weitsicht und gut überlegte Vorschläge. Ein Autonomie-Paket, ähnlich wie es Südtirol (nach langem aufopfernden Leidenskampf ) zugestanden wurde, wäre wirklich eine gute und durchaus realistische Lösung, um vielleicht sogar nachhaltig die Ostukraine zu befrieden.
    Dem entgegen stehen wohl das unbändige Machtstreben Putins und die Maximalforderungen an einem Friedensschluss seitens eines Selenskyjs. Insbesondere auf Putin dürfte wohl kaum der nötige Druck für einen solchen Friedensplan ausgeübt werden können.
    Beste Grüße

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