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Walter Plasil
Die Pläne der Seilbahnwirtschaft bis 2050
Satire

Das Eintreffen eines positiven Ereignisses halten manche für schicksalhaft. So ist es aber nicht. Man hat nur Glück gehabt. Der Zufall war einem hold. Wie jeder weiß, ist der Wirklichkeit auch der Zufall immanent. Das muss ich mir im Zuge meiner Recherchen als Journalist immer wieder bewusst machen. Immer dann, wenn ich eben zufällig auf etwas stoße, mit dem ich so wirklich gar nicht gerechnet habe und das noch dazu unbekannt und sensationell, und vor allem tatsächlich wahr ist.

Noch besser wird es natürlich, wenn uns die Neuigkeit Hoffnung auf eine wundervolle Zukunft verspricht.

Als gerade ich auf eine noch geheime Zukunftsstudie der Seilbahnwirtschaft für das Jahr 2050 stieß, habe ich nachträglich die Wahrscheinlichkeit dafür, dass ich diese Studie tatsächlich in die Hände bekomme, mit etwa 0,0001 % berechnet. Ich musste nur ein ganz klein wenig nachhelfen. Wie – das muss ich für mich behalten.

Warum ich Auszüge dieser Studie vorstelle? Na, weil es meine Aufgabe als investigativer Journalist ist und weil ich die Menschen beruhigen möchte. Beruhigen deswegen, weil viele Leute heute glauben, die Seilbahner (englisch: cabelguy) wären bedrohliche Menschen, die nur die Gewinnmaximierung im Kopf haben und uns abzocken möchten. Was aber – das darf ich schon jetzt vorwegnehmen – mitnichten der Fall ist.

Auftraggeber der Studie: Seilbahnen 2050 ist die Cable Railway International Inc. mit Sitz in Utah, Salt Lake City. Diese Firma, von der bisher niemand Notiz genommen hat, besteht aus einem weltweiten Zusammenschluss aller Seilbahnunternehmer. Die europäische Zentrale davon befindet sich in dem Land mit der weltweit dichtesten Seilbahnversorgung. Es war für mich natürlich keine Überraschung, dass dies Tirol ist. Die Mitarbeiter der Zentrale residieren in Ischgl.

Die Autoren der Studie Cable Railway 2050, wie sie im Original heißt, sind renommierte Wissenschaftler aus allen möglichen Fachgebieten. Sie stellen ein Team von Experten dar, die nach den Prinzipen von Silicon Valley Regelwerken arbeiteten.

In der Präambel wird der Zweck der Studie definiert. Er besteht darin, einfach nach Möglichkeiten zu suchen, die Streckennetze der Seilbahnen auszuweiten. Im Kapitel Status wird es schon interessanter. Dort wird zunächst penibel ausgeführt, welche wirtschaftliche Macht die bestehenden Seilbahnunternehmen bereits innehaben.

Da interessieren uns natürlich die Zahlen für Österreich. Daraus geht hervor, dass Seilbahner – also Eigentümer von Seilbahnen – nicht nur die Bahnen selbst besitzen. Kaum ein Hotel, eine Gaststätte oder ein Golfplatz, die an einer Seilbahn liegen, gehören anderen Eigentümern als Seilbahnern. Außerdem – folgt man den Daten der schriftlichen Unterlagen – gibt es unzählige weitere Unternehmen wie Rolltreppen- und Personenlifterzeuger, Taxis, Reisebusse, Privatbahnen und Reisebüros, die im Eigentum von Seilbahnern stehen. Zudem sind sie auch Veranstalter von Events wie Tiroler-Abende oder Popkonzerte am Berg und im Tal.

In den Gemeinderäten stellen sie oftmals den Bürgermeister oder halten sich diesen. Überregional sind sie in allen wichtigen politischen Gremien überproportional vertreten. Sie übernehmen dortselbst das Jammern über die schlechte wirtschaftliche Ertragslage. Um dies zu unterstreichen, schickt man gelegentlich eine kleine Bahn gezielt in den Konkurs.

In Summe, so die Studie, besitzen Seilbahner durch ihre weitverzweigten finanziellen Anlagen und Beteiligungen mehr als die Hälfte Österreichs. Das hätten sich wohl viele von uns nicht gedacht. In Amerika – wo die Studie herkommt – steht man dazu, was man hat. In Europa wird versucht, es zu verbergen.

Als nächstes folgt die ernüchternde Analyse. Darin wird festgehalten, dass in den demokratischen Staaten der Welt (so viele sind es ja gar nicht) durch den lästigen Naturschutz die Anzahl und Längen der Bahnen, von denen die meisten auf Berge führen, bereits ausgereizt sind. Mehr geht fast nicht mehr.

Das ist sie, die Realität! Und genau da muss ab sofort ein Umdenken einsetzen, müssen neue Wege gefunden werden, bevor es zum „Seilbahnersterben“ kommt. Ohne ein mehr an Seilbahnen wäre das baldige Ende einer ganzen Berufsgruppe vorprogrammiert! Seilbahnfahren ist immer noch ein Minderheitenprogramm! Es braucht aber die Massen, um Erfolg zu haben!


Ausblick 2021-2050

Die Analysen im Statusbericht bieten – nüchtern betrachtet – nur eine Möglichkeit: Es müssen weitere Seilbahnen gebaut werden. Und dieser Plan geht über die aktuelle Tätigkeit weit, ja sehr weit hinaus.

Zuvor jedoch müssen sich die Cableguys (Seilbahner) als eine neue, universelle und weltweit vernetzte Transportorganisation profilieren. Als die Schwebebranche (hooverbranch)!

Und jetzt kommts: Man sollte weltweit mehr und mehr dazu übergehen, die Menschen nicht nur auf Berge, sondern auch in der Ebene zu transportieren.

Die erste Etappe dieser weiteren Entwicklung bis Ende 2030 sieht nicht weniger als die Verwirklichung des Plans vor, dass jede bestehende Berg-Seilbahn von einer oder mehreren Zubringer-Seilbahnen, immer direkt vom nächstliegenden Stadtzentrum aus, versorgt wird.

Für Innsbruck wäre dies beispielsweise so geplant, dass im Zentrum (Maria Theresien Straße oder Altstadt) ein Seilbahn-Bahnhof entsteht. Ab diesem zentralen Platz soll zunächst mittels einer Seilbahn der Bahnhof angebunden werden (die Bahn-Seilbahn). In der Folge erhielte jede umliegende Talstation der verschiedenen Bergbahnen (Patscherkofel, Nordkette, Mutters, Tulfes usw.) eine eigene Seilbahnanbindung, jeweils vom Zentrum aus. In dem Papier wird sogar für ganz Europa vorgeschlagen, wo solche Seilbahnzentren in den Gebieten mit Bahnen entstehen könnten. Das gleiche gilt auch für alle anderen Länder der Cable Railway International Group.

Ab 2030, in den Jahren bis 2040, werden sodann die zuvor entstandenen Seilbahnzentren miteinander, natürlich auch mit Seilbahnen, verbunden. Alle Seilbahnen erhalten eine ausreichende Zahl an Stationen auf ihrer Strecke. Die einzelnen Seilbahngebiete werden in Form eines Spinnennetzes verbunden. Umsteigen müssten die Passagiere jedoch nicht, da mit neuartigen Koppelmodulen die einzelnen Gondeln automatisch in die jeweils richtige Bahn umgelenkt werden können.

Im Fall von Tirol würden  durch das ganze Land die im Tal gelegenen Seilbahnzentren mit eigenen Verbindungs-Seilbahnen verbunden. Damit wäre es möglich, zum Beispiel in eine Gondel in Pertisau einzusteigen und bergab und bergauf ohne Umsteigen nach Landeck zu fahren. Oder von Hall nach St. Johann. Die Linien sollen übrigensso geplant werden, dass sie andere Streckenverläufe haben als die Konkurrenten der Straße oder der Schienenbahnen.

Der Naturschutz hat bei diesem Projekt nichts mitzureden, da sich die neuen Seilbahnen vor allem in der Horizontale bewegen, wo Häuser stehen und keine Bäume oder Wiesen vorfindlich sind. Zudem fahren sie praktisch geräuschlos.

Überhaupt sind Seilbahnen als Massenbeförderungsmittel äußerst umweltgerecht. Sie entlasten die CO2-Bilanz, sie brauchen keine neuen Straßen oder Autobahnen und steigern die Verkehrssicherheit (wie oft stürzen Gondeln ab und wie oft gibt es Autounfälle?). Also gäbe es auch weniger Unfälle, woraus ein geringerer Bedarf an Ärzten und Krankenhäusern resultiert. Andererseits würdenn die neuen Seilbahnen unzählige Arbeitsplätze schaffen, obgleich die Gondeln autonom fahren.

Parallel zu all diesenMaßnahmen soll ein Forschungsprogramm aufgelegt werden. Es hätte die Aufgabe, zielgerichtet den technischen Fortschritt am Gebiet des Seilbahnbaus voranzutreiben. Die Fahrgeschwindigkeit der Gondeln sollte nämlich massiv gesteigert werden. Dazu sollten die neuen Gondeln stromlinienförmig (wie Autos) gebaut werden. Eine Standardgeschwindigkeit von 50 km/h und eine Spitze von 100 km/h wäre anzustreben. Ebenso Windstabilität und Allwetterbetrieb.

Die Gondeln sind selbstverständlich klimatisiert, erhalten innen LED-Beleuchtung und verfügen über einen Internetanschluss. Gleichzeitig werden sie erheblich vergrößert. Angedacht sind 30 m2 Grundfläche beim Modell standard und bis zu 50 m2 beim Modell king size. Es sollen auch Autos und LKWs in eine Gondel passen können. Autos sollen dabei automatisch aus– und eingeschleust werden können.

Für spezielle Bedürfnisse sind Sonderanfertigungen geplant. Vorstellbar sind: Feuerwehrgondeln, Transitgondeln, Veranstaltungsgondeln für kleinere Feiern, Bürogondeln für Homeoffice-Betrieb, Gondeln mit Andachtsräumen, Letzte-Reise-Hospiz-Gondeln, Fitnessgondeln mit Trainingsgeräten, Gondeln mit Notabstieg für Speed-Dating, Kaffeehausgondeln, Erholungsgondeln mit Sonnendeck, Freizeitgondeln mit Videowall und Infotainment, für längere Reisen Gondeln mit Betten, Sanitärräumen  im Fünf-Stern Standard.

Bis 2050 würde somit ein Zustand erreicht sein, in dem die Bevölkerung über lokale und transnationale Linien nahezu die Hälfte ihres Lebens in sanft schwebenden Gondeln verbringen könnte. Auch ein Werbespruch wurde bereits entwickelt: Gehen Sie noch oder schweben Sie schon?

Ziel aller Bemühungen ist es insgesamt, das Leben der Menschheit qualitativ aufzuwerten und damit zu verschönern. Dies wäre die ganz große, die wesentliche Botschaft!

Unterstützen wir also die Pläne der Seilbahner, die hier nun erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Es geschieht alles nur zum Vorteil der ganzen Menschheit. Dies kann nicht deutlich genug betont werden! Die staatlichen Förderungen für das Megaprogramm sind übrigens nach ersten Informationen bereits zugesagt! In diesem Punkt ist nichts mehr  „in der Schwebe“.

Walter Plasil

Jahrgang 1946, geboren in München, aufgewachsen in Wien, seit 1971 in Innsbruck. Berufsleben: Ingenieurbüro Walter Plasil, Technische Gebäudeausrüstung und Energieplanung. Inzwischen: "War immer ein Vielschreiber, habe nun, nachdem meine berufliche Tätigkeit dem Ende zugeht, Zeit und Lust, auch zu veröffentlichen. Neuer Beruf daher Literat." Früher: INGENIEURBÜRO WALTER PLASIL Technische Gebäudeausrüstung und Energieplanung Allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger General Eccherstraße 13, 6020 Innsbruck Tel. +43(0)664 / 262 02 10 walter.plasil@gerichts-sv.at

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