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Christoph Themessl
Die Literatur ist tot.
Teil 2
Keine Antwort

Was für den Maler die Galerie oder für den Musiker der Produzent ist oder vielmehr war für den Schriftsteller der Verlag: das wichtigste Medium zu den Menschen seines Kulturraums, Tor zur großen Welt, die Himmelspforte, an der Petrus oder Maria (wenn es sich um eine Lektorin handelte) den Schlüssel zu einer Audienz beim Herrn selbst verwahrte.

Das meine ich ohne krasse Übertreibung. Denn Atheismus hin, Macho her – für das Gehör Gottes schrieben wir uns letztlich die Augen blind. Was einmal ein Schriftsteller war, der bezog seine letzte innere Gewissheit nicht vom Quantum der Verkaufszahlen, sondern von der Qualität des Werkes, für die der gute Verlag bürgte und es somit der Aufmerksamkeit des obersten und unfehlbaren Kritikers empfahl, von der imaginären Gewissheit eben, dass Gott mit ihm war, ihn erhörte, auch wenn er ihm fluchte, ihn verteufelte oder überhaupt an seiner Existenz zweifelte.

Ich behaupte, dass das heute nicht mehr oder in immer weniger Fällen so ist, und in diesen wenigen Fällen dann die Wahrscheinlichkeit, von Petrus oder Maria empfohlen zu werden, immer unwahrscheinlicher wird, wohingegen literarische Showmacher allerlei Art, die mit fast werbetexterischer Raffinesse den Geschmack der großen Leserschaft anzusprechen vermögen, recht gute Chancen haben, von den Engelchen des Kunst- und Kultur-Himmels hinausposaunt zu werden. Gott ist, um weiter in diesem Bilde zu bleiben, keineswegs immer gut beraten von diesen Bläsern an seiner Pforte.

Ich kann mir die großen Schwierigen wie einen Ernest Hemingway, Arthur Miller, Norman Mailer, einen Tolstoi oder R. M. Rilke, einen Heimito von Doderer oder einen Thomas Bernhard und viele andere ohne dieses quasi metaphysische Licht nicht vorstellen. 

Aber auch so solide, gottbehütete Genies wie Dostojewski, Goethe, Schiller, Graham Greene, Stefan Zweig u. v. m. vor allem seitens einer romantischen Klassik, die sich weit bis ins 20. Jahrhundert der Ideenlehre Platons mit teils religiösen oder buddhistischen Bezügen verpflichtet fühlten, dichteten selbstverständlich nicht um des Quantums verkaufter Bücher willen, sondern um die innere Stimme sprechen zu lassen, das Gewissen zu beruhigen, Aufmerksamkeit des höchsten, feinsten, letzten Gehöres zu finden.

Der Kampf des Außenseiter-Schriftstellers mit der Gesellschaft – und jeder gute Schriftsteller ist ein Außenseiter oder Zaungast seiner Gesellschaft – mit seinen Geliebten, seinen Konkurrenten, seinen Alkoholproblemen und mit seinem mehr oder weniger abgründigen Hass auf seine eigenen Daseinsbedingungen, mit einem Wort: der ganze geistige Existenzkampf des Schreibers hätte sich ohne ein durch den Verlag vermitteltes metaphysisches Bezugssystem, an dem er sich orientieren konnte, in blanker privater Paranoia verloren, anstatt, wie es lange geschah, die gesellschaftliche Alltagsdiskussion, Gesprächskultur in Bars, an Unis und jedem beliebigen Ort, an welchem sich Menschen begegneten, zu befruchten.

Ich hatte einen Schulkameraden, der in der Siebten Hermann Hesse verschlang und sich bisweilen für Hemingway hielt, ohne selbst irgendwelche schriftstellerische Ambitionen gehabt zu haben. Eine andere Bekannte hielt es in der Studienzeit vor allem mit den Franzosen. Ich hätte bei jener jungen Dame absolut keine Chance gehabt, wenn ich die existenzialistischen Perspektiven eines Camus oder Sartre nicht ansatzweise teilen hätte können – obwohl ich die Franzosen eigentlich nicht mochte. Camus prägte unsere Beziehung. 

Es waren stets gebildete Bar- und Bett-Gespräche. Heute, fünfundzwanzig Jahre später, braucht dieselbe Frau wahrscheinlich das Datenvolumen ihres Handys vor allem zum Streamen irgendwelcher Seifenopern auf, welche von ihr wie ein Suchtmittel zum Abschalten konsumiert werden, wie sie selber sagt. Und mein einstiger Hemingway-Narr hat sich längst in fiktionalen Immobilieneinkäufen virtueller Wirklichkeiten hinter seinem Computer verloren.

Maria und Petrus beziehungsweise Lektorinnen und Lektoren alten Schlages als oberste Instanzen des himmlischen Wortes bestätigten idealerweise die Sicht des Außenseiter-Schriftstellers und sprachen: Du bist nicht irr. 

Du siehst und hörst zwar bisweilen Dinge, die andere nicht sehen und hören, doch dein nach Wahrheit suchendes Wort sei gesegnet. Du wirst gedruckt… Und wir lasen die Erhörten und fühlten uns als unbekannte Außenseiter einer Provinzstadt gleichfalls erhört. Der moderne Krimi nach amerikanischem Muster war für meine Bekannten nie ein adäquater, sinnstiftender Ersatz. Und Handke oder Jelinek auch nicht!

Wie es mit dem literarischen, von einem lyrischen Ich vorgetragenen Buch dahin kommen konnte, wo es heute steht, nämlich verstaubt in alten Bibliotheken – und wie es mit uns dahin kommen konnte, wo wir heute stehen, nämlich vor einer immer breitere Kreise der Gesellschaft erfassenden und auch vor Studenten- und Teilen der Lehrerschaft nicht Halt machenden Lese- und Geistesschwäche: für diesen Trend zu Nachrichten in einfacher Sprache, die immer mehr Menschen benötigen, gibt es zwei grundsätzliche Theorien, die auch auf andere gesellschaftliche Phänomene angewendet werden können. 

Der einen zufolge tragen die Verlage an allem die Schuld, die sich ihre Leserschaft durch allzu viel Kompromisse mit dem billigen Kommerz, sprich durch Produktion von geistigem Schrott, selbst vergrault haben. Die andere Theorie besagt, dass gesellschaftlicher Wandel unaufhaltsam, multikausal und ohne Erst-Verursacher ist, mit anderen Worten: das literarisch anspruchsvolle Buch passt so oder so nicht mehr in unser Zeitalter der Computer, Handys, der blinden Naturwissenschafts- und Technikverehrung, des Massentourismus und Alltagshedonismus. 

Persönlich, weil ich kein pessimistischer Fatalist bin, tendiere ich zur ersten Theorie, welche den Verlagen die Hauptschuld an dem Bildungsdesaster gibt. 

Verlage handeln nicht nur mit Buchstaben, Syntax und Semantik, sondern mit ganzen Sinn-Konzepten in und zwischen den Zeilen, für welche die Autoren zuständig sind. Das Verlagsprogramm wählt die Autoren, die Autoren haben ihre Worte gewählt und fluten damit nach und nach die Gesellschaft. Hätten die Verlage andere Autoren gewählt, hätten sie auch andere Buchstaben und andere Sinn-Konzepte gewählt, für welche sie neben der allgemeinen Bildungspolitik der Regierungen auf textlicher Ebene Verantwortung tragen.

Es hätte also meines Erachtens in der Verantwortung der Verlage gelegen, einer, wenn auch kleinen, intellektuellen Leserschaft die Treue zu halten und auf die Produktion von geistigem Schrott, die spätestens in den Neunzigern aus marktwirtschaftlichen Gründen systematisch begonnen wurde, zu verzichten. Die weniger Intellektuellen hätten sich vielleicht an den Gebildeten orientiert, wie das weit über das 19. Jahrhundert der Fall war (Bildungsbürgertum) und so deren Kreis und auch das Geschäft der Verlage erweitern können.

Es soll hier bitte nicht der Eindruck entstehen, dass der Autor dieser Zeilen die Existenz guter zeitgenössischer Autor/Innen und engagierter Lektor/Innen und Verleger/Innen bestreitet. Aber fragen Sie die Autoren nach verkauften Exemplaren! Ausnahmen mögen die Regel bestätigen. In Summe aber haben sie keinen Einfluss mehr auf die Entwicklung des gesellschaftlichen Konsenses unserer Zeit.

So wie es gekommen ist, haben die (großen) Verlage selbst das Wort beleidigt, geistig billige Ware steht im Zentrum der Buchläden und die Intellektuellen Schreiber im Eck. Leser/Innen, die hoffnungsvoll nach dem Guten stöbern, sind eine Rarität geworden. In der Regel werden Bücher konsumiert wie Winterstiefel oder Sandalen, je nachdem ob sie unter dem Christbaum oder am Urlaubsstrand landen. 

Verlage nehmen die Schriftsteller und die Schriftsteller die Verlage und der Leser das geschriebene Wort nicht mehr ernst. Der intellektuelle Schreiber heute schickt sein Zeug ab und bekommt – sofern er kein Promi oder Protegé ist – nicht einmal eine Antwort. Kulturgeldbettelei überbrückt die moralische Pleite, bis alles schließlich im Selbstverlag endet, ehe der Autor das Schreiben, wenn er gescheit ist, überhaupt aufgibt.

Aber versuchen wir es positiv zu sehen: Der Analphabetismus oder eine schriftlose Kultur wären nicht einmal das Problem. Alt-Griechenland überlieferte bekanntlich große Teile seiner Philosophie über Jahrhunderte mündlich, illiterale Schauspieler sind kein Widerspruch und waren lange Zeit keine Seltenheit. Was man nicht aufschreiben kann, muss man sich merken! Literalität ist keine zwingende Voraussetzung für Bildung!

Theoretisch könnte in einem Analphabetismus sogar eine Chance für eine neue Gesprächskultur gesehen werden. Aber das ist schon sehr theoretisch und eigentlich eine andere Geschichte.

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Christoph Themessl

Christoph Themessl, Dr., geb. 1967 in Innsbruck, ist Schriftsteller, Philosoph und Journalist. Er arbeitete für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften und war mit seiner Firma PR-Zeitungen Themessl als Magazin-Produzent fünfzehn Jahre lang selbständig. Zu seinen Publikationen zählen: „Der Tod kann warten“ (Roman; 1997), „Bewusstsein und Mängelerkenntnis; Philosophische Psychologie für die Praxis“ (studia Verlag, 2013), „Als die Seele denken lernte“ (studia Verlag, 2016) und „Sinn- und Sinnlosigkeit. Die Entscheidung des philosophischen Praktikers“ (LIT Verlag, 2021). Themessl betreibt in Lans eine philosophische Praxis namens „Safe House – das Sorgendepot“ und arbeitet in der Behindertenhilfe des Landes Tirol.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Christoph Themessl

    Danke für Ihren Beitrag! Wie sie selber sagen, in den Achtzigern liefen die Leute noch mit (belletristischen) Büchern in ihren Taschen herum. Diese Beobachtung kann man nach meiner Erfahrung heute nur noch selten machen. Vielleicht ist es das, was ich sagen wollte. Andererseits wäre es natürlich möglich, dass vor allem zu Hause am Computer gelesen wird.
    Liebe Grüße

  2. Natürlich ist die Literatur nicht tot. Sie ist nicht mal krank oder angekränkelt. Sie ist im höchsten Maße vital, wie eh und je.
    Es gibt halt nur viel zu viel von Worten, die zwischen Buchdeckel gepresst werden.
    Ob das den Verlegern anzulassten ist, weiß ich nicht. Vielleicht sind sie einfach auch nicht besser als ihre Autoren. Die Verlegerei kann mit derselben Leidenschaft betrieben werden wie das Schreiben selber, ohne dabei wirkliche Höhen zu erreichen. Macht das was?
    Literatur war doch schon immer, wie Sie richtig bemerkt haben, ein Minderheiten-Programm, und soll es bitte auch bleiben.
    Ich erinnere mich an die 80er, als ich auf der Bahnpost gearbeitet habe, und viele der Jungs Bücher in den Kitteltaschen trugen und darin in den Pausen mit anderen diskutierten. Wir waren immer auf der Suche nach den Autoren, die möglichst niemand kannte, und deren Leben hart und ungerecht war. Wir wollten auf keinen Fall, dass ihre Bücher vielen gefiel. Oder gar Bestseller wurden. Das hätte sie in unseren Augen fast entwertet.
    Und ein wenig empfinde ich es nach all den Jahren immer noch so …

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