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Literarische Korrespondenz:
Marcel Looser an Ronald Weinberger
Betrifft:
Der Ursprung der Welt – Moderne und Antike

Sehr geehrter Herr Weinberger!

Ihr Essay habe ich mit Interesse gelesen – gibt es einen Anfang des Universums, wie oder woraus ist es entstanden? Ihre Erläuterungen stellen Sie dabei der Genesis im AT gegenüber, wo ein zeitloser Gott (eine Art «Erster unbewegter Beweger» des Aristoteles) den Kosmos aus dem Nichts erschaffen hat. Sie dagegen stellen dar – auf wissenschaftlicher Basis gegenüber der mythologischen des AT – , dass unser Universum aus einem Beinahe-Nichts (Quantenvakuum) mittels einer sogenannten Quantenfluktuation hervorgegangen sei: «Glauben versus Wissen, zwei gar nicht so uralte Gegenspieler…»

Ich gestehe, dass ich Ihre Erläuterungen nur zum Teil verstanden habe, ich weiss z.B. leider weder was ein Quantenvakuum noch was eine Quantenfluktuation ist.


Erkenntnistheoretische Bemerkungen

Der Atomphysiker Werner Heisenberg (1901-1976, Nobelpreis für seine Arbeiten zur Quantenmechanik) beschreibt in seinem Buch «Der Teil und das Ganze, München 1969», ein Gespräch mit Freunden auf einer Wanderung:
«Wolfgang (Pauli, 1900-1958: österreichischer Physiker) fragte mich einmal, – ich glaube, es war abends im Wirtshaus in Grainau -, ob ich die Einstein´sche Relativitätstheorie verstanden hätte, …. Ich konnte nur antworten, dass ich das nicht wisse, da mir nicht klar sei, was eigentlich das Wort „Verstehen“ in unserer Wissenschaft bedeute. Das mathematische Gerüst der Relativitätstheorie mache mir zwar keine Schwierigkeiten; aber damit hätte ich doch wohl noch nicht verstanden, warum ein bewegter Beobachter mit dem Wort Zeit etwas anderes meine als ein ruhender Beobachter. Diese Verwirrung des Zeitbegriffs bleibe mir unheimlich und insofern auch noch unverständlich. …»

Im Gegensatz zu Heisenberg gehen mir – neben dem grundsätzlichen Nichtverstehen (begreifen!) – auch die mathematischen und physikalischen Grundkenntnisse ab. Während bei den meisten Geisteswissenschaften einem gebildeten Laien mitzureden und «mitzuverstehen» möglich ist, ist dies bei den modernen Naturwissenschaften praktisch nicht mehr machbar; zu sehr hat sich das Denken und die Fachsprache von der «normalen» entfernt, Anschaulichkeit für das «Begreifen» dieser Modelle ist nur schwer herstellbar.

Die Naturwissenschaftler sind für uns Laien die modernen Magier geworden, sie haben Zugang zu einem verborgenen Wissen, welches dem Normalsterblichen verwehrt ist (s.Corona-Pandemie mit all ihren Experten).

Ob wir überhaupt gesichertes Wissen erlangen können, oder ob doch die «alten» Relativisten recht haben (Protagoras: «Das Mass aller Dinge ist der Mensch ….»; Heraklit: «Die Sonne ist einen Fuss breit.»), auch das weiss ich nicht. Wir tun immer so, als könnten wir aus der Welt heraustreten und sie so von aussen beobachten und beschreiben – und doch sind wir mittendrin, wir sind aus demselben Stoff. Kann dieser «Stoff» denn sich selbst erkennen, gibt es Verstand/Geist losgelöst von Materie-Energie? Etwa wie Platon im Höhlengleichnis meinte, der Mensch könne aus der Höhle hinaustreten und die Wirklichkeit (Ideen) schauen?

Auffällig ist dies bei der Klimadiskussion, wo wir Menschen so tun, als stünden wir der Natur gegenüber und gehörten nicht auch selbst dazu – schaden tun wir durch unser Verhalten nicht der Natur, sondern nur uns, den Menschen!


Kosmologisches / Ontologisches

Die Beschäftigung mit dem Ursprung des Kosmos ist eine uralte, ja sie steht gleichsam am Beginn des naturwissenschaftlichen Denkens (um 600 v.Chr an der kleinasiatischen Küste in den griechischen Städten städten Milet, Ephesos u.a.) – erlauben Sie mir (einem pensionierten Altphilologen) deshalb einige Bemerkungen zum Thema.

Gefallen hat mir als altem Agnostiker immer die folgende Aussage aus dem Rigveda (RV), dem ältesten religiösen Text der Hindus:

RV X, 129: Der Ursprung der Dinge (RV ca. ab 1750v.Chr., Buch X ab 1200v.Chr.)
Weder Nichtsein noch Sein war damals; nicht war der Luftraum noch der Himmel darüber. Was strich hin und her? Wo? In wessen Obhut? …
Wer weiss es hier gewiss, wer kann es hier verkünden, woher diese Schöpfung kam? Die Götter kamen erst nachher durch die Schöpfung dieser Welt. Wer weiss es dann, woraus sie sich entwickelt hat? Woraus diese Schöpfung sich entwickelt hat, ob Er sie gemacht hat oder nicht – der der Aufseher dieser Welt im höchsten Himmel ist, der allein weiss es, es sei denn, dass auch er es nicht weiss. (Übersetzung «Geldner»)

Im in meiner Gymnasialzeit Ende der 60er-Jahre im Philosophieunterricht benutzten sog. Bildungsbuch «Der Philosoph» (Wien-Heidelberg 1966) wird aus Martin Heideggers «Grundlage der Metaphysik» zitiert:

Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts? Vermutlich ist dies keine beliebige Frage. «Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr nichts? – das ist offensichtlich die erste aller Fragen ….»
Man könnte auch fragen «Wozu ist überhaupt Seiendes …», d.h. die Sinnfrage stellen.

Die modernen Physiker und Astronomen halten diese Frage, soweit ich sehe, für nicht beantwortbar, vielleicht auch für irrelevant, von den «alten» ϕυσικοί (physikoí) wird der Grundstoff (Wasser, Feuer u.a.) als gegeben angenommen. Dass überhaupt etwas «ist» ( = existiert), war den Denkern evident, zu erklären war, woraus und wie die Welt (das Seiende) das geworden ist, was sie ist.

Den Weg der griechischen ϕυσικοί (physikoí) auf ihrer Suche nach dem Ursprung (ἀρχή «arché») allen Seins vom Wasser als Urstoff (Thales, 7./6.Jh.v.) über Heraklits (6./5.Jh.v.) Feststellung, dass Seiendes nur im Wandel existiere («Wir steigen in dieselben Fluten und doch nicht in dieselben, wir sind und wir sind nicht.») und die These des Parmenides (5./4.Jh.v.), dass es nur das unbewegte Seiende gebe (das «Nichts» kann es nicht geben; Werden und Vergehen sind Trug!), zur Vier-Elementen-Lehre (Feuer, Luft, Erde, Wasser) des Empedokles (5.Jh.v.) bis hin zu den Atomen (ἄτομος «unzerschneidbar, unteilbar») von Leukipp und Demokrit (5./4.Jh.v.) im Detail darzustellen, würde hier zu weit führen.


Titus Lucretius Carus, de rerum natura «Über das Wesen der Dinge»

Näher eingehen möchte ich auf den Römer Lukrez (ca.96-53v.Chr.), welcher die Lehre des Griechen Epikur (4./3.Jh.v.) in seinem grossen Lehrepos nach Rom gebracht hat. Epikur hatte die Atomistik von Leukipp/Demokrit als physikalische Voraussetzung für seine Ethik benutzt.

Kurz zusammengefasst heisst die Lehre: Die Welt besteht aus Raum (Leere) und Atomen (kleinste unteilbare, unsichtbare Teilchen), die als ungewordene und unvergängliche «Seiende» (s.o. Parmenides), sich in dauernder Bewegung (s.o.Heraklit) befindende die Dinge und Lebewesen schaffen, welche bei ihrem «Tod» wieder in die Atome (corpora prima) zerfallen; Ursache der Bewegung ist die Schwerkraft (gravitas). Es gibt «per se» kein Drittes, im Tode zerfallen wir wieder in diese Atome, es gibt keine Sinnesempfindung mehr – auch wir werden infolgedessen dann nicht mehr sein.

Die Ethik von Epikur und Lukrez fusst also auf der Physik, Grundlage dazu ist das Verstehen der Natur – es gibt weder einen Schöpfer noch ein Leben bzw. irgendwelche Strafen nach dem Tod – die Welt hat keinen Zweck, kein Ziel!

Lukrez beginnt sein Werk in bester aufklärerischer Manier mit der Schilderung, wie sein «Lehrer» Epikur die Fratze der «religio», die uns Menschen von oben bedrohte, vom Himmel herunterholte und unter seinen Füssen zertrat – das Mittel dazu waren «naturae species ratioque» (Betrachtung der Natur und Vernunft). Darauf folgt die Darlegung seiner Auffassung von «Welt», die Beweisführung der Atomlehre usw., dies alles in daktylischen Hexametern, wie es sich für ein Lehrgedicht gehört.


Die Enstehung von «Seiendem» aus dem Nichts ist nicht vorstellbar: de rerum natura I

principium cuius hinc nobis exordia sumet
nullam rem e nihilo gigni divinitus umquam.

«Der Anfang dessen (meiner Lehre) wird von dem Punkt (hinc) ausgehen,
dass kein Ding je durch göttliche Wunderkraft aus dem Nichts ensteht.»

Die komplementäre These dazu lautet:

haud igitur redit ad nihilum res ulla, sed omnes (haud ≙ non)
discidio redeunt in corpora materiai.

«Nicht kehrt also irgendein Ding zu nichts zurück, sondern alle
kehren durch Spaltung in die Materieteilchen (Atome) zurück.»

Es gibt nur zwei «Wesenheiten: Körperchen (Atome) und Leere (Raum)

omnis ut est igitur per se natura duabus
constitit in rebus: nam corpora sunt et inane
haec in quo sita sunt et qua diversa moventur.

«Die Natur, wie sie durch sich (selbst) als Ganzes ist, besteht also in zwei
Dingen: Denn es gibt Körperchen (Atome) und Leere (Raum), in welchem
diese gelegen sind und wo sie sich in verschiedene Richtungen bewegen.»

Ursache der Bewegung ist die Schwerkraft:

II si cessare putes rerum primordia posse
cessandoque novos rerum progignere motus,
avius a vera longe ratione vagaris.
nam quoniam per inane vagantur, cuncta necesse est
aut gravitate sua ferri primordia rerum
aut ictu forte alterius. ….


«Falls du glauben solltest, die Ursprungskörperchen der Dinge könnten ruhen
und – indem sie ruhen – neue Bewegungen der Dinge erzeugen,
schweifst du weglos weitab vom richtigen Denken.
Denn da sie ja durch die Leere schweifen, bewegen sich alle Ursprungskörperchen
notwendigerweise entweder durch ihre eigene Schwere (sua gravitate) oder vielleicht durch den Stoss eines anderen.»


Packend ist das grosse Engagement dieses doch noch jungen Mannes (stirbt mit ca.43 Jahren), packend die naturwissenschaftlichen Thesen und die gebotene Beweisführung – immer natürlich auf seine Zeit bezogen.

So bespricht Lukrez die Fragen, ob es ein Kleinstes (minimum) gebe – ja!. Ob der Weltraum begrenzt (finitum) sei -nein!. Er nimmt eine evolutionär entstandene Sprache an (keine Benennung der Dinge aus dem Nichts heraus, cf. Adam im AT), er postuliert einen freien Willen («libera voluntas», bedingt durch das Durchbrechen der Kausalkette auf atomarer Ebene), er nimmt uns (s.o.) die Angst vor dem Tode, dem Schicksal, den Göttern.

Es ist kein Wunder, dass ein derart rational und doch zutiefst menschlicher Denker von der Kirche abgelehnt wurde. Der Kirchenvater Hieronymus (Verfasser der Vulgata, 347 – 420n.Chr.) diffamiert ihn in seiner Chronik (Anmerkung zum Jahr 94v.Chr.) folgendermassen:

T. Lucretius poëta nascitur. postea amatorio poculo in furorem versus, cum aliquot libros per intervalla insaniae conscripsisset, quos postea Cicero emendavit, propria manu se interfecit anno aetatis XLIII.


«(Im Jahre 94v.Chr.) wird der Dichter T.Lucretius geboren. Danach, durch einen Liebestrank in die Raserei getrieben, tötete er sich, nachdem er in den Unterbrüchen seines Wahnsinns einige Bücher, welche Cicero später herausgab, zusammengeschrieben hatte, von eigener Hand im Alter von 43 Jahren.»

Die Beweise des Lukrez werden heutigen wissenschaftlichen Standards nicht genügen. Wenn Lukrez als Grund dafür, dass in den Körpern auch Leere ist, das spezifische Gewicht anführt (in Blei ist weniger Leere als in einem Knäuel Wolle), zeigt dies zumindest die Methode, die doch revolutionär ist: «naturae species ratioque: Betrachtung der Natur und Berechnung/Vernunft.»


Schlussfolgerungen

Wenn Sie, Herr Weinberger, schreiben «Unser Universum dürfte aus einem Beinahe-Nichts (Quantenvakuum) mittels einer so genannten Quantenfluktuation hervorgegangen sein», bleibt das alte Problem bestehen. Müsste man denn dieses Quantenvakuum, aus welchem als Urgrund durch Quantenfluktuation der Kosmos entstanden ist, nicht auch wieder hinterfragen? Wenn das Universum tatsächlich aus einem absolut dichten und ungeheuer heissen, kleinsten Teilchen explodiert ist, dem sog. Urknall, so bleibt die Frage nach dem «Vorher» und nach der Ursache des Urknalls. Was heisst es, wenn «vorher» keine Zeit bestanden hat, da es ja keine Bewegung gab?

All dies gibt uns auch auf die Sinnfrage – woher und wozu? – , auf die ja der Gottesglaube eine Antwort geben soll, natürlich keine Antwort – die Naturwissenschaftler (die Alten» und die «Modernen»!) können und wollen dies ja auch nicht.

Wir Menschen sitzen auf diesem unserem Planeten, einem Staubkorn im Universum, und versuchen, zu verstehen, was verstehbar ist, und fragen uns dennoch, was das Ganze soll: ist das alles Zufall, sinn- und zwecklos?

Auf diese letzten Fragen gibt es keine Antwort. Wir müssen uns darein schicken und wie der alte Sisyphos den Stein den Berg hinaufstemmen, auch wenn wir wissen, er wird wieder hinunterfallen. Der Schlusssatz in «Le mythe de Sisyphe» des französischen Existenzialisten Albert Camus (1913-1960) lautet: «Il faut imaginer Sisyphe heureux.»

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