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H.W. Valerian
Wie ist so eine Fehlleistung möglich?
Essay

Da will man am Montag in der Früh ganz unschuldig und ohne jeden Hintergedanken ein Online-Quiz absolvieren, und dann stößt man auf folgende Zeilen:

„Wir haben doch 1938 am eigenen Leib erlebt, wie es ist, wenn man allein gelassen wird.“ Das hat anscheinend unser Außenminister gesagt, Herr Alexander Schallenberg. Und das war offenbar ganz schlimm: „Herrn Schallenberg zum Aufwachen: Der österreichische Bundeskanzler hat bereits eine Beteiligung Österreichs an den NS-Verbrechen eingestanden und bat als offizieller Vertreter der Republik erstmals um Entschuldigung und zwar 1991.“

Was, bitte schön, hat das eine mit dem anderen zu tun?

In vielerlei Hinsicht muss man die Arbeit der Moment-Leute natürlich schätzen. In anderer hingegen weniger. Das ist immer dann der Fall, wenn ihnen allzu viel Ideologie in die Quere kommt. So wie hier. Denn man bräuchte ja bloß einmal innezuhalten und kurz nachzudenken, um zu erkennen:

1. Grundsätzlich hat die Frage der Mitschuld – oder auch nicht – absolut gar nichts mit der Frage zu tun, ob wir 1938 allein gelassen wurden. Das ist keine Wertung, das ist blanke Logik.

2. Dass wir 1938 allein gelassen wurden, stimmt einfach. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Nicht nur ließ uns Mussolini im Stich, weil sich der eine Ganove freudig mit dem anderen auf ein Packl haute, wie’s auf Wienerisch so schön heißt, vielmehr verweigerten Frankreich und England genauso jede Unterstützung. Die hatten das Anschlussverbot seinerzeit in den Friedensvertrag von Saint-Germain hineingeschrieben. Nun wandten sie sich ab, zuckten bloß mit den Schultern: „Eine innerdeutsche Angelegenheit“, wie ein britischer Diplomat meinte und so den Anschluss eiskalt lächelnd vorwegnahm, den die Österreicher so verzweifelt abzuwenden versuchten.

3. Eine Beteiligung Österreichs an NS-Verbrechen war nicht möglich, weil es Österreich im fraglichen Zeitraum (1938–1945) nicht gab.

4. Wofür sich Bundeskanzler Franz Vranitzky entschuldigt hat, das war die Beteiligung so vieler Österreicher an den NS-Verbrechen. Das ist etwas ganz anderes.

Irgendwie, so scheint es, löst die bloße Andeutung, „Österreich“ könne etwas anderes gewesen sein als böser, braun uniformierter Täter, in manchen Kreisen Empörung aus. Woher diese seltsame Verkrampfung kommt, ist gar nicht so schwer nachzuvollziehen. Sie kommt von dem verlogenen Schluss, den so viele Österreicher gezogen haben, dass nämlich, da Österreich als erstes Opfer der Nazi-Aggression galt (Moskauer Deklaration 1943), sie selbst und allesamt genau so Opfer gewesen seien.

Aber das trifft natürlich nicht zu. Viele, sehr viele taten enthusiastisch mit. Meine Mutter konnte ein Lied davon singen. Genauer: Sie erzählte mir oft vom Verhalten unserer ach so lieben Landsleute.
„Sag dem Führer-Papa gute Nacht“, befahl eine junge Mutter ihrem Sprössling jeden Abend und hob ihn hinauf ans Hitlerbild.
Eine andere hielt ihr kleines Söhnchen in der Früh zum offenen Fenster hinaus:
„Der Sonne entgegen, Baldur!“

Der Witz an der Sache ist aber, dass meine Mutter ganz offensichtlich nicht als Täterin in Frage kam, nicht einmal als Mitläuferin, ebenso wenig wie die Freundinnen, die noch zu ihr hielten, um von der Familie erst gar nicht zu reden.

Dasselbe traf auf ihren Verlobten zu, meinen späteren Vater. Und auf dessen Freunde. Auf die Eltern einer guten Bekannten offenbar ebenso. In deren Namen empört sie sich heute noch über die Pauschalierung, die im Zuge der so genannten Vergangenheitsbewältigung Usus geworden ist.

Bis zum März 1938 wehrte sich das Land verzweifelt gegen die drohende Vereinnahmung durch den übermächtigen Nachbarn. Wer mir nicht glaubt, möge bitte zeitgenössische Literatur lesen.

Lili Körber böte sich an, sie hat die schrecklichen Tage vor dem Einmarsch der deutschen Truppen in ihrem Roman Eine Österreicherin erlebt den Anschluss eindrucksvoll und bewegend geschildert. Oder Friedrich Torberg in seinem Roman Auch das war Wien.

Es gibt sicher noch mehr. Mir klingen bis heute die Verbitterung und die Verachtung im Ohr nach, mit denen meine Großmutter den Namen „Scheiß-Inquart“ auszusprechen pflegte (auszuspucken wäre vielleicht der passendere Ausdruck). Das alleine lehrte mich als kleinen Buben genug.

Kehren wir zurück zu unseren Leuten vom Moment-Blog. Wie ist ihre schockierende Fehlleistung möglich? Ist die ideologische Denkerstarrung in Wien wirklich schon so weit fortgeschritten? Werden da wirklich solche Halb- oder Unwahrheiten endlos wiederholt, ohne je darüber nachzudenken?

Und – schlimmer noch – ist es wirklich schon so weit, dass jeder, der sich nicht haargenau ans vorgeschriebene Drehbuch hält, dafür abgekanzelt wird, sich öffentlich entschuldigen muss, so wie eben erst Außenminister Alexander Schallenberg?

Ich habe in dieser Angelegenheit zweimal an die Momentum-Redaktion geschrieben, jedesmal recht ausführlich, vor allem aber sachlich und höflich.

Antwort hab’ ich keine bekommen. Auch das erscheint mir bedenklich.

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H.W. Valerian

H.W. Valerian (Pseudonym), geboren um 1950, lebt und arbeitet in und um Innsbruck. Studium der Anglistik/Amerikanistik und Germanistik. 35 Jahre Einsatz an der Kreidefront. Freischaffender Schriftsteller und Journalist, unter anderem für "Die Gegenwart". Mehrere Bücher. Weitere Infos: http://www.hw-valerian.at/

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Otto Riedling

    Erstens war Mexiko das einzige Land, dass gegen den Anschluss protestierte. Als Dank dafür gab es den „Mexikoplatz“ in Wien (liederliche Gegend).
    Zweitens hatten sich GB + F immer wieder bemüht – und auch Schuschnigg immer wieder beschworen -, dass Ö in den Schoß der demokratischen Staaten zurückkehrt. Er wurde dazu sogar nach GB eigeladen.
    Drittens war der „Anschluß“ vielen Leuten sogar egal; sie kamen von einer Diktatur halt in eine andere.
    Viertens waren in der „Ostmark“ – prozentuell an der Bevölkerung gesehen – mehr Menschen in der NSDAP als im „Altreich“.
    Fünftens war der „Zeitgeist“ seit Ende des Ersten Weltkriegs in Richtung „Faschismus“ getrimmt (siehe auch Italien, Spanien, Ungarn, Kroatien, etc.).
    Sechstens fanden die „Warner“ ganz einfach kein Gehör (siehe fünftens).

  2. Margit Jordan

    Ich finde die Beiträge von H. W. Valerian fundiert und aufschlussreich sowie gut und unterhaltsam lesbar, was natürlich eine bessere Aufnahme und Auseinandersetzung ermöglicht. Das sprachliche Können und der Witz der Formulierungskunst ohne erhobenen Zeigefinger ist beim Lesen neben aller schwerwiegenden Aktualität ein Vergnügen!

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