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H.W. Valerian
Das Albtraum-Jahrhundert!
Notizen

Wenn’s um hochpolitische Dinge geht, noch dazu solche in fernen Ländern, sollte ein österreichischer Schriftsteller äußerst vorsichtig sein, zumindest wenn er einen letzten Rest von Seriosität bewahren will.

Daher folgen nun keineswegs Gescheitheiten zu den Vorgängen in Afghanistan. Ich möchte bloß vermelden – oder gestehen –, dass mir die Machtübernahme der Taliban dort Albträume verursacht. Besonders das Schicksal der Frauen. Obwohl’s auch vielen Männern dreckig gehen wird, mit Kerker, Verhör, Folter.

Wobei hier anzumerken ist, dass meine Vorstellungen im Wesentlichen aus einem Roman stammen, also aus der fiction. Es handelt sich um A Thousand Splendid Suns (Tausend strahlende Sonnen) von Khaled Husseini, bekannter vielleicht für seinen Kite Runner (Drachenläufer). So meisterhaft der Roman geschrieben ist, so instruktiv wie fesselnd, möchte ich ihn doch nur bedingt empfehlen: zu schrecklich ist das, was da geschildert wird.


Albträume

Dabei wissen wir alle, dass es nicht an sonstigen Albträumen mangeln würde, von den Rohingya in Myanmar über die Uiguren in China – oder die Demokraten in Hongkong – bis hin zu den Menschen in der so genannten Demokratischen Republik Kongo. Die Schmerzen, das Leid, die Qualen so vieler Menschen! Und das läuft quasi vor unseren Augen ab.

Nicht, dass ich glaubte, wir – der früher so genannte Westen – könne viel dagegen tun. Diese Zeiten sind vorbei. Im Gegenteil: Wir sollten uns rüsten (auch im wortwörtlichen Sinne), um uns selbst – den früher so genannten Westen – zu schützen. Dafür müsste man aber bei uns selbst an diesen Westen glauben, an die westlichen Werte. Wie steht’s damit?

Dabei können wir wahrlich wissen, wovon wir reden. Unsere eigene Geschichte, das 20. Jahrhundert, liefert an sich schon Stoff genug für Albträume. Wir brauchen die Geschichte bloß an unserem geistigen Auge vorüberziehen lassen. Das beginnt – sagen wir – mit dem Zweiten Burenkrieg in Südafrika (1899–1902), als die Briten kein anderes Mittel wussten, als das Land zu verwüsten und die nicht kriegführende Bevölkerung in Lagern zusammen zu treiben, in denen dann sehr viele starben. Sogar einen Namen erfanden die Briten: Konzentrationslager. (Die waren zwar schlimm, aber bei weitem nicht so schlimm wie die deutschen später; außerdem regte sich alsbald heftiger Protest in Großbritannien selbst.)

Dann der Erste Weltkrieg. Dessen Grausamkeit, dessen sinnloses Hinschlachten von Hunderttausenden dürfte wohl bekannt sein: „Nutzt’s nix, schadt’s nix.“ Insgesamt an die 7,7 Millionen Menschen.

Und dieser Krieg gebar quasi die Revolution im Russischen Reich. Die wird bei uns konsequent verharmlost, aber zunächst verursachte schon das Revolutionsjahr 1917 eine ganze Reihe von Katastrophen, von Hungersnöten bis hin zu blutrünstigen Bauernaufständen im ganzen Land. Die Zahl der Opfer? Nur noch grob zu schätzen.

Lenins so genannte Revolution war eigentlich ein Handstreich, ein Putsch. Was folgte, das wird bei uns ebenfalls zu selten erzählt: Erschießen, erschießen, erschießen! Das war Lenins und ist aller seiner Jünger Credo geblieben. Und auf den Putsch folgte der Bürgerkrieg (1918–1920): geschätzte 10 Millionen Opfer. Die Hungersnot in Russland: ca. 5 Millionen. Die Hungersnot in der Ukraine zwecks Kollektivierung sowie Vernichtung der so genannten Kulaken: manche sprechen von bis zu 11 Millionen Opfern! Durch den Terror sollen bis zu 15 Millionen umgekommen sein. Ausführlich hat darüber der englische Historiker Orlando Figes geschrieben: A People’s Tragedy (Die Tragödie eines Volkes) und Revolutionary Russia (Hundert Jahre Revolution).

Die Nazi-Herrschaft, der Zweite Weltkrieg. Insgesamt soll er an die 40 Millionen Menschen das Leben gekostet haben, die Opfer der Shoa mit eingeschlossen. Kann man sich das eigentlich vorstellen? Die Schicksale hinter diesen Zahlen? Denn jedes einzelne Opfer war doch ein Mensch mit einer Biographie, mit zerstörten Hoffnungen.

Doch wer geglaubt hatte, mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sei Friede eingekehrt, Wohlstand, Demokratie – nun, was hätten wohl koreanische Mütter dazu gesagt? Oder vietnamesische? Oder biafranische? Äthiopische, eritreische?

Vor nicht allzu langer Zeit hat die italienische Schriftstellerin Francesca Melandri den Opfern der italienischen Eroberung und Unterdrückung in Abessinien ein bewegendes Denkmal gesetzt: Alle, außer mir.

Und da soll man keine Albträume bekommen? Nicht bloß von Vergangenem – nein! Wie schaut eigentlich, mit albtraumhafter Schärfe und Unerbittlichkeit betrachtet, unsere Zukunft aus?

H.W. Valerian

H.W. Valerian (Pseudonym), geboren um 1950, lebt und arbeitet in und um Innsbruck. Studium der Anglistik/Amerikanistik und Germanistik. 35 Jahre Einsatz an der Kreidefront. Freischaffender Schriftsteller und Journalist, unter anderem für "Die Gegenwart". Mehrere Bücher. Weitere Infos: http://www.hw-valerian.at/

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