Print Friendly, PDF & Email

Günther Aigner / Wolfgang Gattermayr
Wie es euch gefällt.
Statistik und Schneebedeckungsperioden
Analyse

Der österreichische Skitourismus wurde Anfang Februar 2022 mit einer Serie von Medienberichten konfrontiert, die eine düstere Zukunft des Schneedargebots in Aussicht stellte und von einer bereits erfolgten extremen Verkürzung der Schneebedeckungsperioden innerhalb der vergangenen 60 Jahre berichtete. Die Basis der Medienberichte bildete eine Presseaussendung der ZAMG. Der Kernsatz der Aussendung lautet:

„Über die gesamte Fläche und alle Höhenlagen Österreichs gemittelt hat die Dauer der Schneedecke seit 1961 um 40 Tage abgenommen. Die Auswertung nach unterschiedlichen Höhenlagen ergibt besonders starke Abnahmen unterhalb von 1500 Meter Seehöhe.“

Das mediale Echo war gewaltig. Wenig überraschend wurden die Aussagen der ZAMG von den Medien weiter zugespitzt und zu Endzeitberichten des alpinen Skisports sowie des Winters an sich stilisiert. Abb. 1 zeigt ein Beispiel dazu.

Abb. 1: Das Titelblatt der „NEUEN Vorarlberger Tageszeitung“ vom 05. Februar 2022. Sowohl die Schlagzeile als auch das von der Redaktion ausgesuchte Foto signalisieren: „No future!“
 Abb. 1: Das Titelblatt der „NEUEN Vorarlberger Tageszeitung“ vom 05. Februar 2022. Sowohl die Schlagzeile als auch das von der Redaktion ausgesuchte Foto signalisieren: „No future!“

Der Beginn der Auswertungsperiode der ZAMG-Studie (1961/62 bis 2019/20) fällt – vermutlich zufällig (?) – mit dem Beginn der Phase der längsten Schneebedeckungsperioden in den Ostalpen seit Aufzeichnungsbeginn zusammen. Diese Koinzidenz des Analysebeginns mit der Phase der längsten Schneebedeckungsperiode sollte für Leser nicht unerwähnt bleiben, da die daraus resultierenden Schlussfolgerungen wesentlich von diesem Startzeitpunkt geprägt werden.

In diesem Essay soll die eingangs zitierte Kernaussage der ZAMG nicht kritisiert werden. Ganz im Gegenteil: Sie wird von den Messdaten des Amtes der Tiroler Landesregierung (Hydrographischer Dienst) gestützt. Stattdessen soll mithilfe einer Datenreihe aus Hochfilzen exemplarisch dargestellt werden, wie bedeutend die Wahl des Zeitraumes bei Analysen des Schneedargebotes ist.

1. Zeitraum 1961/62 bis 2019/20 – wie in der ZAMG-Studie

In Hochfilzen hat in der Periode 1961/62 bis 2019/20 die jährliche Anzahl der Tage mit natürlicher Schneebedeckung innerhalb von nur 59 Jahren um 32 Tage abgenommen. Die Daten des Landes Tirol stützen somit die Kernaussage der ZAMG in ihrer Presseaussendung.

Abb. 2: Die jährliche Anzahl der Tage mit natürlicher Schneebedeckung in Hochfilzen von 1961/62 bis 2019/20. Daten: Amt der Tiroler Landesregierung (Hydrographischer Dienst). Abb. 2: Die jährliche Anzahl der Tage mit natürlicher Schneebedeckung in Hochfilzen von 1961/62 bis 2019/20. Daten: Amt der Tiroler Landesregierung (Hydrographischer Dienst).

 

2. Zeitraum 1896/97 bis 2021/22 – komplette Messreihe

In Abbildung 3 betrachten wir die Messreihe der Schneedaten aus Hochfilzen in ihrer vollen Länge: über eine Zeitspanne von 126 Jahren. In der Periode 1896/97 bis 2021/22 hat die Anzahl der Tage mit natürlicher Schneebedeckung insgesamt um 12 Tage abgenommen. Das entspricht einer Abnahme von etwa einem Tag pro Jahrzehnt oder 11 Tagen pro Jahrhundert.

Abb. 3: Die jährliche Anzahl der Tage mit natürlicher Schneebedeckung in Hochfilzen von 1896/97 bis 2021/22. Daten: Amt der Tiroler Landesregierung (Hydrographischer Dienst).

Abb. 3: Die jährliche Anzahl der Tage mit natürlicher Schneebedeckung in Hochfilzen von 1896/97 bis 2021/22. Daten: Amt der Tiroler Landesregierung (Hydrographischer Dienst).

In der Abbildung ist deutlich ein „Buckel“ (grüne Kurve) erkennbar. Er signalisiert lange Schneebedeckungsperioden in den 1960er- und 1970er-Jahren. An vielen Stationen der Ostalpen – nicht nur in Hochfilzen – zeigt sich eine auffallende Häufung von extrem langen Schneebedeckungsperioden von 1964/65 bis 1981/82. Ein Start der Auswertungen unmittelbar vor diesem „Buckel” hat zur Folge, dass die Basis der Trendberechnungen auf hohem Niveau liegt. Startet man die Auswertung aber im Jahr 1896/97, so ist dieser charakteristische „Buckel“ in der zweiten Hälfte der Messreihe angesiedelt und wirkt sogar „dämpfend“ auf die Abnahme der Schneebedeckungsperioden.

3. Zeitraum 1982/83 bis 2021/22 – nach dem „Buckel“

Und was passiert, wenn die Analyse der Hochfilzener Schneedaten erst ab 1982/83 erfolgt? Zwei Aspekte könnten dafür sprechen:

1) Man startet NACH der kurzen, aber heftigen Phase von 1964/65 bis 1981/82, welche in vielen Regionen der Ostalpen die längsten Schneebedeckungsperioden seit Aufzeichnungsbeginn brachte.

2) Man startet mit dem Beginn des Massenskilaufes, da erst Anfang der 1980er-Jahre kuppelbare Sesselbahnen errichtet worden sind. 1985 wurde schließlich die erste kuppelbare Vierersesselbahn in Tirol in Betrieb genommen (Waidring/Steinplatte). Noch in den 1970er-Jahren war die Kapazität der Aufstiegsanlagen verschwindend gering und der Winter(sport)tourismus im Vergleich zur Sommersaison alpenweit wirtschaftlich unbedeutend.

Abb. 4: Die jährliche Anzahl der Tage mit natürlicher Schneebedeckung in Hochfilzen von 1982/83 bis 2021/22. Daten: Amt der Tiroler Landesregierung (Hydrographischer Dienst).

Wenn wir den „Buckel“ und die skitouristisch ohnehin mageren 1970er-Jahre hinter uns lassen, so sehen wir eine Abnahme von 11 Tagen in den vergangenen 40 Jahren. Es ist unbestritten, dass im Lauf der letzten Jahrzehnte die Anzahl der Tage mit Schneebedeckung zurückgegangen ist. Es ist aber erstaunlich, dass in Anbetracht der Klimaerwärmung das Schneedargebot nur in einem geringen Ausmaß abgenommen hat.

FAZIT

1. Der Vergleich unterschiedlich langer Zeitreihen von derselben Station führt bei statistischer Betrachtung der einzelnen Datenkollektive zu recht unterschiedlichen Ergebnissen, die vor allem bei Trendanalysen fatalen Fehlschlüssen Tür und Tor öffnen können. Daraus könnten folgenschwere volkswirtschaftliche Fehlentscheidungen resultieren.

2. Der Beginn der Auswertungen der ZAMG fällt – vermutlich zufällig – mit dem Beginn einer Phase mit ungewöhnlich vielen Tagen mit Schneebedeckung zusammen. Dadurch wird ein Rückgang dieser Tage überspitzt dargestellt. Natürlich steht es dem Statistiker frei, den Zeitraum der Auswertung nach eigenem Ermessen auszuwählen. Höchste Priorität sollte aber einer objektiven Darstellung der Fakten eingeräumt werden, ohne dass sie eine tendenziöse oder suggestive Wirkung herbeiführt, außer es wird beabsichtigt.

3. Kritische Rückfragen vonseiten der Qualitätspresse haben nicht stattgefunden. Stattdessen wurde der gesamte Inhalt der Presseaussendung von praktisch allen Medien ohne Hinterfragen übernommen.

Daraus resultiert folgender Vorschlag: In der Presseaussendung hätte man darauf hinweisen können, dass der Beginn des gewählten Auswertungszeitraumes (1961/62 bis 2019/20) mit den längsten Schneebedeckungsperioden (1964/65 bis 1981/82) der Ostalpen seit Aufzeichnungsbeginn zusammenfällt. Dieser Hinweis hätte dem Leser helfen können, die Entwicklung der Schneebedeckungsperioden historisch besser einzuordnen.

 

Weitere Informationen für Interessierte

Auf www.zukunft-skisport.at/studien finden Sie einen 32-seitigen Foliensatz, der die in diesem Essay skizzierte Thematik und die Presseaussendung der ZAMG im Detail analysiert.

 
 

11

Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.


Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen

Günther Aigner

Günther Aigner (* 1977 in Kitzbühel) ist einer der weltweit führenden Zukunftsforscher auf dem Gebiet des alpinen Skitourismus. Seit 2014 leitet er „ZUKUNFT SKISPORT – research & consulting“. Gastlektorate führten Aigner an Hochschulen in Europa und Asien. 2019 war er ein beitragender Autor des österreichischen Special Report „Tourismus und Klimawandel“ (ASR19) des Austrian Panel on Climate Change (APCC). HR Dr. Wolfgang Gattermayr (* 1949 in Linz) studierte Meteorologie und Geophysik an der Universität Innsbruck. Von 1994 bis 2014 leitete er den Hydrographischen Dienst Tirol und hat sich bis zur Gegenwart auf die Plausibilisierung von Altdaten im meteorologischen Bereich spezialisiert.

Schreibe einen Kommentar