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Christoph Themessl
Ich weiß, was dich erwartet.
Über die Zukunft
Essay

Ein Blick in die Zukunft ist Traum und Albtraum der Menschheit. Als eine Verwandte des Schicksals – von Moira, der Launischen – fürchten wir die Zukunft fast wie Altabergläubische. Mit dem modernen Bewusstsein aufgeklärter Rationalisten versuchen wir hingegen die Schicksalsmächte aus dem Dunklen zu vertreiben und klare Kausalitätsketten vor uns zu entfalten.

Wir alltäglichen Laien des sechsten Sinnes – denen so oft im Nachhinein einfällt, was wir „immer schon wussten“ – gäben ja, wenn auch mit banger Beklommenheit, manchmal nicht wenig dafür, in die Zukunft zu schauen. Aber unsere Instinkte sind diesbezüglich ziemlich unzuverlässig und unser Wissen um alle Umstände, die ein zukünftiges Ereignis (mit)verursachen, ist meist begrenzt.

Je ferner das Ziel der Prognose, desto leichter der Irrtum, was schon bei Urlaubsplanungen und erst recht bei großen Lebensplänen zum Verhängnis werden kann. Daher kommt es, dass wir im Alltag zwangsläufig dem Zufall, Glück oder Pech eigene Berechtigung lassen; für das, was wir Schicksal heißen, haben wir im Allgemeinen auch Namen mythischer Gottheiten, Freudenausrufe sowie genügend Flüche parat, um unsere positive oder negative Überraschung zum Ausdruck zu bringen.

Die Vorstellung einer eigenständigen Dimension oder Zeit namens „Zukunft“ ist eine merkwürdige Eigenart unseres Bewusstseins, welche vermutlich mit der Vorstellung von Freiheit, freiem Willen u. ä. einhergeht. Nietzsche sagte von der Zukunft, dass sie von der Vergangenheit in den Schwanz gebissen werde, und der 1994 verstorbene Zukunftsforscher Robert Jungk brachte vor einem halben Jahrhundert recht schön auf einen Nenner, was ihm vermutlich auch Buddha, Kant und sogar Einstein unterschrieben hätten:

 „Das Morgen ist schon im Heute vorhanden, aber es maskiert sich noch als harmlos, es tarnt und entlarvt sich hinter dem Gewohnten. Die Zukunft ist keine sauber von der jeweiligen Gegenwart abgelöste Utopie: die Zukunft hat schon begonnen. Aber noch kann sie, wenn rechtzeitig erkannt, verändert werden.“

Wir können interessanterweise nicht für uns selbst, bisweilen aber, wenn wir von uns selbst absehen, für andere in die „Zukunft“ schauen. Einst saß ich in einem langen, leeren Gang eines Amtes auf einer Bank und wartete auf den diensttuenden Beamten, der mir zuvor erklärt hatte, in zwei Minuten wieder hier zu sein. Mit diesen Worten hatte er die Tür abgesperrt, dann war er den Gang nach rechts hinuntergegangen und auf der Toilette verschwunden. Nun kam jemand die Treppen des Stiegenhauses herauf, ging auf die Tür vor meiner Bank zu, las die Öffnungszeiten, klopfte an, drückte die Klinke und stellte fest, dass zugesperrt war.

Das hätte ich ihm natürlich gleich sagen können. Ich hätte ihm schon auf der Treppe sagen können: Keiner da! Beamter am Klo, kommt in zwei Minuten wieder! Natürlich habe ich ihm nichts gesagt, weil wir in solchen Situationen davon ausgehen, dass der andere seine Erfahrungen selber machen muss. Er hätte mich ja fragen können. So ist er in seiner Unwissenheit die Treppen wieder nach unten gegangen, mir aber ging ein Licht auf.

Bei genauerer Überlegung zeigt sich, dass wir manchmal, in bestimmten Konstellationen, vorausschauen können – nämlich dann, wenn wir an einem Ort länger in die Zeit zurückzuschauen vermögen als eben Nachkommende, die mit einer Konstellation noch nicht vertraut sind.

Konservative werden sich über die Auskunft vielleicht freuen. Außenseiter auch, denn sie sehen mehr als die Involvierten, was die Zukunftsentwicklung einer Konstellation angeht. Auch in diesem Fall aber ist das „Morgen schon im Heute vorhanden“, die „Vorschau“ tatsächlich nur eine „Rückschau“, nämlich in die jüngste Geschichte eines Beamten mit menschlichem Drang.

Dass die Zukunft eine Illusion ist, hinter der sich die Vergangenheit verbirgt, ist kein esoterisches Spezialwissen, sondern könnte etwa auch Redakteuren und Redakteurinnen von Presseagenturen dämmern, die Nachrichten für die Medien aufbereiten, also das Rohmaterial für die offiziellen „Nachrichten“ liefern. Sie schreiben sozusagen „Zukunft“: Politische Empfänge, Reden, die gehalten werden, Gästelisten für Dinners u.v.m. stehen bisweilen über ein Jahr im Voraus fest. Über die Medien wird nur relativ kurzfristig die Öffentlichkeit informiert und der Eindruck einer „Aktualität“ vermittelt. Was dem Medien- oder Produktkonsumenten als „Neuigkeit“, als die Gegenwart präsentiert wird, ist bis auf wenige Ausnahmen (Naturkatastrophen, Unfälle) schon lange und weitestgehend bis ins Detail geplant.

Würden all jene Personen, die in politische, wirtschaftliche Vorhaben eingeweiht sind, die mit dem aktuellen Stand technologischer Forschungsarbeiten vertraut sind, ihr Wissen untereinander austauschen, könnte sich schon ein recht breiter Einblick in die unmittelbare Zukunft politischen und wirtschaftlichen Geschehens ergeben. Das tun diese Personen selbstverständlich nicht, da die Gremien, in denen sie sitzen, und die Labors, in welchen sie arbeiten, meist zur Verschwiegenheit verpflichten. (Neuerdings schließen sich allerdings einige Experten in regelmäßigen Abständen zusammen in „Thinktanks“ ein. Und sagen uns wieder nicht, was dabei herausgekommen ist, da dieses teuer bezahlte Elite-Wissen fürs Erste nur für die finanzierenden Bosse erdacht wurde. Sie, die die Geschichte schreiben, kennen also die Zukunft, wir nicht!)

Die Zukunft kommt nicht aus der Zukunft, sondern aus der Vergangenheit, besten- oder besser gesagt schlimmstenfalls trifft sie uns wie ein „Querschuss“ aus der parallelen Gegenwart im Sinne böser, unerwarteter Überraschungen, die wir erleben müssen: rutschende Dachziegel, abbrechende Baumäste, die den Spaziergänger erschlagen, Felsstürze, Erdbeben, die im Nu ein Dorf verschlingen.

Bisweilen ereignen sich aber auch positive Überraschungen wie „Liebe auf den ersten Blick“ oder Lotto-Sechser. Der uns unerklärliche Kausalnexus und die Plötzlichkeit solcher Ereignisse können über ihren Ablauf, über ihre Geschichte hinwegtäuschen, so dass der Eindruck entstehen kann, des Zeus Blitz sei aus anderen Sphären, dem Götterhimmel herniedergefahren.

Die offizielle Wissenschaft geht davon aus, dass die Zukunft von uns gestaltet werden kann, die Welt nicht determiniert und der menschliche Wille frei sei. Dabei entsteht allerdings ein Widerspruch: denn umso besser wir Zukunft planen, umso deutlicher wird ihre Entstehung aus der Vergangenheit oder sagen wir ihre kausale Verknüpfung mit vergangenen Ereignissen. Dies spricht dann entweder dafür, dass die Fatalisten und Deterministen des unfreien Willens recht haben – denn vollständige, (multi-)kausale Erklärungen lassen sich mit jedweder Form von Freiheitsgedanken nur schwer vereinbaren – oder wir uns mit unseren wissenschaftlichen Theorien und technischen Konstruktionen in eine schablonenhafte Wirklichkeit selbsterfüllender Prophezeiungen – statt zu überprüfender Prognosen – verirrt haben und gleichsam in ein schönes Kaleidoskop vollendeter Formen und Gestalten blicken, deren Erfinder, aber nicht deren Entdecker wir sind.

Der Solipsismus, die alberne Spiegelfratze so vieler unserer Bemühungen um Objektivität, lässt wieder einmal grüßen!

Auch die recht gut funktionierende Wiederholbarkeit chemischer Reaktionen, die Möglichkeit der Mathematik, Sonnenfinsternisse, Planetenbahnen u.a. zu berechnen, kurz die Erfolge der „harten“ Wissenschaftsdisziplinen zeugen in groben Umrissen von der Richtigkeit der altvertrauten und beliebten Vorstellung von der Welt als einem von jeher feststehenden Ablauf der Dinge, sprich ihrer Herkunft aus der Vergangenheit.

Gäbe es in der Natur keine Konstanten (würde der Zufall in der Natur die Wahrscheinlichkeiten überwiegen), dann gäbe es keine (Natur)Wissenschaften. Eine möglichst vollständige Voraussagbarkeit von Ereignissen ist der Traum aller Forschung und nicht umsonst auch ein wesentliches Kriterium des „bahnbrechenden“ Falsifikationstheorems Karl Poppers: Der tatsächliche Eintritt eines vorhergesagten (vorherberechneten) Ereignisses gilt hierbei zuletzt und zurecht als der einzige echte Beweis für die Richtigkeit einer Theorie.

Nur die richtige Theorie und die dazugehörigen korrekten, alltagssprachlichen Begriffe führen ans Ziel einer objektiven Übereinstimmung mit dem zu beschreibenden Phänomen oder Objekt. Durch Versuch und Irrtum lässt sich dies vereinfacht gesagt herausfinden; mit falschen Berechnungen kann man nicht auf dem Mond landen (man wird ihn dann zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort nicht vorfinden). Wissenschaften, die nicht die Probe aufs Exempel mit sich machen lassen, sind nach Popper keine echten Wissenschaften, zumindest keine Naturwissenschaften. Es sind Orakel, Kaffeesudlesereien, Priester-Wissen.

Genaugenommen blickt man aber bei allen Versuchen, die Auskunft über Zukünftiges oder „ewige“ Gesetzmäßigkeiten geben sollen, stets in die Vergangenheit zurück, die das Neue gleichsam in sich eingeschlossen trägt wie die Theorie die Möglichkeit der Wiederholung: Wiederholungen sind die Kreisläufe der Natur. Ob in der Evolution, die ihre Lebewesen ständig reproduziert oder im Universum, wo Planeten und Galaxien kreisen, bieten die Wiederholungen der Theorie die Möglichkeit, Voraussagen zu treffen.

Daher befindet sich auch der „Sterndeuter“ rein theoretisch, wissenschaftsmethodisch – wie sogar Karl Popper irgendwo bemerkte – keineswegs auf Abwegen: aus der uralten Geschichte sich wiederholender Sternenkonstellationen versucht er Prognosen für die Zukunft zu erstellen, das heißt von Wiederholungen von Wiederholungen auf die nächste Wiederholung richtig zu schließen. Die Ferne des Ziels der Prognose und die multikausale Verwicklung des Sternzeichenträgers in hochsensible kosmologische, biologische, seelische und soziale Belange tragen den Irrtum oder die starke Fehleranfälligkeit des Horoskops eo ipso in sich. Vater Zeus und seine Töchter würden als Ur-Einwohner des Kosmos besser Bescheid wissen; nur sie können Vergangenheit nicht mit Zukunft verwechseln und wissen, wann sich die Geschichte sozusagen wieder einmal selber in den Schwanz beißt.

Die Zukunft kennen also, pragmatisch gesprochen, die am besten, welche die Geschichte schreiben („Ich weiß, was du morgen zum Geburtstag bekommst… Schließlich habe ich es ja selbst besorgt!“), ebenso ihre fleißigen Studenten und zuguterletzt die jüngsten Gäste des Historienspiels. Nur wer mit dem Gestern vertraut ist oder eine brauchbare Theorie hat, kann einen Blick auf morgen werfen.

Damit soll allerdings nicht den Konservativen und Konventionsfanatikern und ewig Gestrigen das Wort geredet werden. Auch wenn die Zukunft der Vergangenheit gehört, wäre eine fatalistische Haltung die falsche Reaktion. Denn wir wissen ja nicht nur nicht, was die Zukunft bringt, sondern auch die Vergangenheit ist nicht so ein einfaches, lineares Ding, das wie eine Leiter, auf der es rauf oder runtergeht, am Baumstamm lehnt. Eher wäre sie vielleicht noch mit Nervenzellen oder weitverzweigten Dendriten vergleichbar, die ihre Botenstoffe (Informationen) an tausenden Stellen weitergeben und dabei durchaus widersprüchliche Outputs verursachen können.

Auch unsere mit Daten weitestgehend fixierte Geschichtsschreibung wird ja keineswegs einheitlich gelesen. Wie auch immer bleiben also individuelle Rechte und gesellschaftliche Freiheiten Werte, wofür wir politisch kämpfen müssen. Wir können das Drehbuch theoretisch an uns reißen und umschreiben, denn in den Naturgesetzen und in den auf- und untergehenden Sternen des Universums steht von menschlicher Freiheit und Rechten ebenso wenig geschrieben wie von Unrecht und Diktaturen.

Es mag neben den großen Weltenläufen wie der Krimskrams von Ameisenarbeit ausschauen, aber unsere kleine Ordnung in ethischen Angelegenheiten herzustellen, ist für uns Menschen, so scheint es, eine permanente und vielleicht speziell jetzt im frühen 21. Jahrhundert, da sich so viele Umwälzungen ankündigen, eine besonders dringende Aufgabe.

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Christoph Themessl

Christoph Themessl, Dr., geb. 1967 in Innsbruck, ist Schriftsteller, Philosoph und Journalist. Er arbeitete für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften und war mit seiner Firma PR-Zeitungen Themessl als Magazin-Produzent fünfzehn Jahre lang selbständig. Zu seinen Publikationen zählen: „Der Tod kann warten“ (Roman; 1997), „Bewusstsein und Mängelerkenntnis; Philosophische Psychologie für die Praxis“ (studia Verlag, 2013), „Als die Seele denken lernte“ (studia Verlag, 2016) und „Sinn- und Sinnlosigkeit. Die Entscheidung des philosophischen Praktikers“ (LIT Verlag, 2021). Themessl betreibt in Lans eine philosophische Praxis namens „Safe House – das Sorgendepot“.

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