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Friedrich Hahn
Tirol/Blicke
Die Entdeckung
des Geheim-Germanisten und Rezensions-Weltmeisters
Helmuth Schönauer
Notizen

Ich gebe es zu. Ich bin befangen. Helmuth Schönauer hat zu etwa der Hälfte meiner 50 Bücher eine Besprechung geschrieben. Er ist so etwas wie der Weltmeister des Rezensierens. Insgesamt 6000 hat er verfasst.

Die wenigsten wissen, dass er aber auch selber Autor von literarischen Texten ist. Man kennt die eine oder andere seiner Besprechungen, die übrigens allesamt im Tagebuch eines Bibliothekars im Sisyphus-Verlag in 6 Bänden vorliegen. Und man denkt sich: wenn schon seine Besprechungen von solcher Schärfe und blendender Verve sind, wie müssen dann erst seine eigenen literarischen Texte sein.

Ich habe Helmuth Schönauer in einem Mail darauf angesprochen. Und prompt schickte er mir seine beiden jüngsten Einzelpublikationen:

-Antriebslose Frachter vor Norwegen (Austrian Beat/Lesefehler im Bordbuch), Edition BAES, Zirl 2021, 84 Seiten, €15 und
-OUTLET (Shortstorys zum Überleben), Verlag Hannes Hofinger, St.Johann in Tirol 2021, 118 Seiten, € 16,90

In beiden Publikationen erweist sich Helmuth Schönauer als Chronist seiner Zeit, der seiner eigenen Wahrnehmung nicht traut. Sind es einmal, wie in dem BAES-Band, Lesefehler (so wird das Neujahrskonzert etwa von einem Multi dirigiert), so sind es in Outlet „die Kinder“, die ihren Vater, den pensionierten Bibliothekar zwingen, Monat für Monat eine Shortstory zu schreiben, um nicht ins Altersheim zu müssen.

Eines haben die Texte gemeinsam: Sie sprühen vor skurrilen Einfällen und überbordender Phantasie.

Schönauer versteht seine Textsammlungen als Logbücher, als private Geschichtsschreibung eines schwer Vermittelbaren, angetrieben vom Austrian Beat.

Beide Einschätzungen stammen vom Autor selbst. So meinte Helmuth Schönauer einmal sinngemäß, als guter Autor kennt man all seine Leser. Er schreibe für etwa 500 Freunde und Freundinnen. Und was den Austrian Beat betrifft, so sei auf Schönauers Vorliebe für die Beatniks verwiesen.

Schönauer nennt Brinkmann als eines seiner Vorbilder. Alles wird Material. Und das möglichst gleichzeitig. Im PROFIL bekam er daher auch das Prädikat „Pynchon der Provinz“ zugeschrieben und gilt seither auch als Antwort auf die Globalisierung.

Schönauer ist mit Herz und Hirn Tiroler. Und auch seine Texte, seine Themen sind urtypisch tirolerische. Einmal witzig: „Später werde ich wohl Räuber und Gender spielen, nachdem es ja keine Gendarmerie mehr gibt“. Ein anderes Mal politisch, wenn er in einer der Shortstorys, mittels derer er sich gegen die Abschiebung ins Altersheim wehrt, von Seilbahnoligarchen und Frächterbossen spricht.

Aber auch aberwitzig kann Schönauer. Und wie! Da wird in der Blasenstation auch schon mal gegen einen Sinnüberschuss uriniert. Natürlich gibt es auch zahllose Querweise auf Fremdlektüre. Etwa auf Jonke, Campa, Weinberger, um nur einige zu nennen. „Der Bibliothekar weiß um das Vergessen Bescheid, …“

Als unermüdlichen Rezensenten kennt man ihn, den Helmuth Schönauer. Als Autor habe ich ihn erst jetzt entdeckt. Es hat sich mehr als gelohnt. Und wie heißt es doch so schön in einer der Shortstorys(?): „Solange der Alte herumsinniert, können wir ihn in seiner Wohnung lassen, beschließen die Kids.“

Wohlan. Ich freu mich auf neue Texte aus der Schönauer-Stube.


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Friedrich Hahn

Friedrich Hahn, geb. 1952, arbeitete nach der Matura als Bankkaufmann, später als Kommunikationsdesigner. Seit 1968 ist er schriftstellerisch und als Mitherausgeber verschiedener Literaturzeitschriften tätig. 1987 nahm er am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil. Daneben hat er in zahlreichen Ausstellungen von ihm geschaffene Gemälde, Fotografien und Objekte präsentiert. Hahn lebt in Wien.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Sie können sich auf neue Helmuthtexte freuen. Kommen pünktlich zur Frankfurter Buchmesse im Verlag Hannes Hofinger.
    lg hannes

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