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Friedrich Hahn
Eine Woche, zwei Leben und viele Montage
Besprechung aus der Sicht des Buches

Als Buch kann man sich ja schwer aussuchen, wer einen liest. Mich gibt’s ja mehrmals. Je größer der Verlag, wo ich erscheine, umso größer die Auflage. Es ist schon seltsam.

Allein der Begriff „erscheinen“. Vonwegen! Ich bin schon heilfroh, wenn ich möglichst ohne Satzfehler und mit einem ansehnlichen Cover einigermaßen heil aus der Druckerei komme. Und dann erst die verschiedenen Typen, die mich in die Hand nehmen. (Das Gendern erspar ich mir – ich bin ja als DAS Buch, ein Neutrum).

Schlimm, ja despektierlich finde ich, wenn man mich schon nach 30 oder 40 Seiten weglegt. Dann gibt es die, die Wochen und Monate brauchen, um mich zu lesen. Genauso unbefriedigend ist es, wenn mich Sprinter, die Profis im Querlesen, in die Finger bekommen.

Gut, das geht ja nun bei mir so gar nicht, das Querlesen. Heike Geißler, die mich geschrieben hat, setzt der Leserschaft keine leichte Kost vor. Sie hat mich DIE WOCHE genannt und dann den SUHRKAMP-Verlag dafür interessieren können.

Leider ist das Cover ziemlich konservativ ausgefallen. Die stilisierte Schleife (eine Verbandsbinde, eine Kassarolle?) wirkt wie aus den 50er-Jahren. Naja, schließlich geht es ja auch, wie ich mir hab sagen lassen, um die DDR, konkret um die Montag-Demonstrationen, die letztendlich zum Mauerfall führten.

Die Handlung bleibt vage. Wir sind in Leipzig. Und die namenlose Erzählerin und ihre Freundin – sie nennen sich selbst „die proletarischen Prinzessinnen“ – führen meine Leserschaft sprunghaft durch eine Woche voller nachdenklich stimmender Ereignisse. Riesen, die einen zu verschlingen drohen, gehören genauso zum Personal wie ein unsichtbares Kind. Auch eine Person, der sich als Tod zu erkennen gibt, mischt sich immer wieder ein. Kurz taucht auch einmal „der schönste Roman der Welt“ auf.

Besonders aufmerksam ist ein gewisser Friedrich H. mit mir umgegangen. Er ist selber Autor und hat nicht mit orangen Markierungsstreifen gespart. So sehe ich seitlich im Schnitt auch ziemlich ausgefranst aus. Aber immer noch besser, als würde ich unberührt und ungelesen vor mich dahingammeln. Ich habe mir mal die Mühe gemacht, einige der von Friedrich H’s gekennzeichneten Stellen zusammenzuschreiben. Ich kann mir das leisten. Ich muss ja nichts interpretieren. Ich gebe ganz einfach wieder. Und manches erklärt sich ja oft von selbst. Ich, das Buch, ich bin im besten Fall die Message. Und das hier, Geißlers DIE WOCHE, das könnte so ein bester Fall sein.

Also, ich zitiere mich einmal:
(Seite 24): Wir gehen in eine Woche voller Montage. Wir brauchen eine Inventur, eine Gereralüberholung. (Seite 29): Uns schlottern alle Organe, aber man sieht es nicht. (Seite 129): Sind wir denn für immer aus den Märchen geflogen? (Seite 166): Der Tod ruft: Ihr habt keinen Wein mehr. (Seite 168): Ich packe einen Koffer und nehme nicht mit: (Seite 180): Wir hassen so sehr und wissen jeden Tag mehr, wen wir lieben. (Seite 197): Wir sind, wie gesagt, Beweise für das Versagen der Politik. (Seite 225): Wir schleichen seit Wochen, seit Monaten, seit Jahren um ein leeres Haus, treten schließlich ein und fallen in ein Loch. (Seite 244): Wir planen betulich, wir lassen uns treiben, uns fällt bei klarem Verstand zu nichts eine Lösung ein.

Ich könnte noch lange so weitermachen. Was ich zeigen will: Jeder Satz könnte als eine programmatische Verdeutlichung und zugleich als Verschleierung der Tatsachen verstanden werden.

Was bleibt, ist eine Sprache, die um ihrer selbst willen wirkt. Das stört nicht. Im Gegenteil. Man könnte mich als Tagebuch lesen, als Pamphlet, als Tirade, als Systemkritik oder auch als „Manifest der Ambivalenz“.

Jedes Sujet ein Vorwand, ein Zeichen der Unsicherheit, „dass wir keines unserer Gefühle und Bedürfnisse und keine unserer Meinungen und Entscheidungen für glaubwürdig und angemessen halten.“

Alles könnte so sein, wie beschrieben. Aber es könnte genauso gut auch ganz anders sein. Ich irritiere. Das ist wohl meine Bestimmung. Die Autorin feiert mit mir „die ewige Wiederkehr des Gleichen“. Darum auch die vielen Montage.

Und wenn Sie mich fragen, es funktioniert. Und es freut mich. Der Friedrich H. jedenfalls zelebrierte mich Zeile für Zeile, Seite für Seite. So bin ich auch schon gespannt, wo ich in Friedrich H’s Bibliothek landen werde. Er hat ja mehrere Abteilungen. Am liebsten wär mir natürlich, er entscheidet sich für den Stoß „Nochmals lesen“…

Heike Geißler: „Die Woche“, Suhrkamp, Hardcover, 316 Seiten, 978-3-518-43053-8, 24 Euro.

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Friedrich Hahn

Friedrich Hahn, geb. 1952, arbeitete nach der Matura als Bankkaufmann, später als Kommunikationsdesigner. Seit 1968 ist er schriftstellerisch und als Mitherausgeber verschiedener Literaturzeitschriften tätig. 1987 nahm er am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil. Daneben hat er in zahlreichen Ausstellungen von ihm geschaffene Gemälde, Fotografien und Objekte präsentiert. Hahn lebt in Wien.

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