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Friedrich Hahn bespricht:
Wieviel E steckt in GagsGagsGags
von Dirk Stermann?

Ja! Es ist mein erster sogenannter Bestseller, den ich rezensiere. Dirk Stermann kennt man ja von der ORF-Talkshow Willkommen Österreich, die der Beuteösterreicher gemeinsam mit Christoph Grissemann moderiert.

Dazu kommt, dass ich ihm des öfteren angesichtig werde, er wohnt im selben Grätzel. Als ich nach Erscheinen von Maksym den Medienhype mitbekam, regte sich in mir sofort der Widerspruchsgeist. Ist das Literatur? Oder nach Stipsits und Eckart noch so ein Comedian, der den Lockdown und seine Bekanntheit als öffentliche Person für einen Ausflug ins schreibende Fach genützt hat, um jene Kohle abzugreifen, von der die meisten AutorInnen nur träumen können?

Stermann ist als Buchautor allerdings kein unbekannter. Maksym ist bereits sein 5. Buch. Und sein eigentliches Ding, so Stermanns Selbstauskunft, sei immer schon das Schreiben gewesen. Schon sein Erstling 6 Österreicher unter den ersten 5 war ein echter Verkaufshit.

Die Frage war also: Ist das Literatur oder wird da à la GagsGagsGags bloß dahingeblödelt. Ich wollte es wissen und bestellte mir beim rowohlt-Verlag ein Besprechungsexemplar. Wobei mir auch durchaus bewusst war, dass man als Nur-Schreibender sich bei solchen Überlegungen auch immer dem Vorwurf des Neids aussetzt.

Was als erstes auffällt: Stermann gibt sich kokett. Schon mit dem ersten Satz: „In dieser Geschichte komme ich nicht gut weg.“ Oder wenn er auf Seite 261 seinen Agenten sagen lässt: „Lieber Dirk, es ist ganz egal, ob dir etwas einfällt. Du bist kein Schriftsteller.“

Wenn im ersten Satz von einer Geschichte die Rede ist, die ist schnell erzählt. Da gibt es Stermann, Hermann, seinen 4-jährigen Sohn, und Nina, die Kindesmutter. Beide, Dirk und Nina, sind schwer beschäftigt. Und als sich für Nina ein Job in New York auftut, braucht es dann auch noch eine Babysitterin. Aus der Babysitterin wird aber dann ein ganzer Kerl, so ein kahlköpfiger Türstehertyp.

Anekdote an Anekdote reiht Stermann aneinander. Er erzählt von seinen Auftritten, von Treffen mit Freunden und Bekannten, von seiner Kindheit. Da wird kein Witzchen ausgelassen. Und sei es noch so tief.

Da wird in einer Buchhandlung schon mal „Uli Hoeneß von James Joyce“ verlangt, aus dem zähen Nebel im Wetterbericht wird flugs ein Zehennebel. Oder ein Freund mit dicken Waden bekommt es mit thailändischen Zöllnern zu tun, weil die meinen, der Freund würde in seinen Waden etwas schmuggeln wollen. Ein anderer Freund kocht wiederum seine Frankfurter Würstchen in Öl statt in Wasser, weil er es angeblich nicht besser weiß. So geht das Seite um Seite.

Nun. Ich habe mich schon mal besser amüsiert. Also doch nur GagsGagsGags? Wäre Maksym vielleicht die ideale Lektüre für Nebenher. Was wäre, wenn man diese Anekdotensammlung z.B. beim Bügeln vorgelesen bekäme? Aber erstens habe ich niemand zum Vorlesen. Und zweites habe ich das letzte Mal vor 30 Jahren gebügelt. Das Bügelbrett fungiert seitdem nur noch als Ablage für halbfertige Texte.

Ab Seite 121 („Ich glaube, das ist mir zu hingerotzt“ lässt da Stermann wieder seinen Literaturagenten sagen) wurde mir das Weiterlesen zur Aufgabe. Also nicht, dass ich aufgegeben hätte. Ich suchte die Geschichte.

Denkbare Varianten waren: (1) Stermann als Entertainer, der privat nichts auf die Reihe bringt? (2) Stermann als Erfinder des autofiktionalen Erzählens? (3) Stermann als Vater und Lebensgefährte einer Powerfrau? (4) Stermann, der Piefke als Beuteösterreicher? Stermann selbst sagte in einem Interview (5), es wäre die Geschichte von Maksym und ihm.

Aber auch diese Geschichte wirkt überzeichnet und als bloßer Vorwand für dünne Witzchen. Oder wie anders ist etwa der Kampf mit Bären zu werten? Oder Maksyms Jus-Studium in Rekordzeit aufgrund der besonderen Gabe seines fotografischen Gedächtnisses, so dass er ganze Geschichten auf einen Blick erfassen und genauestens zitieren kann. Das alles ist schlimm überzeichnet und kennt man sonst nur vom gut Wegsehen oder vom schlecht Hinhören.

Kurzum: Von den fünf Stermanns (s.o.) hätte mich der Sechste interessiert. Die Geschichte von einem vielbeschäftigten Entertainer und seiner Lebensgefährtin. Wie sie sich als berufstätige Eltern organisieren, arrangieren. Davon erfährt man so gut wie nichts. Es bleibt offen, wie das mit der Beziehung ausgeht. Nina fliegt wieder nach New York.

Wäre Stermann diesem Beziehungsfaden ernsthaft gefolgt, wäre dann ja vielleicht aus einem seichten U (mit Tendenz zu O wie oberflächlig) doch noch ein E geworden? Aber das war wohl nicht die Intention. Das Buch soll sich ja verkaufen! Das Zeug zum E, das hätte er jedenfalls und allemal, der Stermann….

Meine Wertung: 15 von 23 Euro
Dirk Stermann, Maksym, Roman, 320 Seiten, €23
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Peter Petermann

Peter Petermann, geboren 1969 in Rotterdam, lebt seit 1972 in Wien, von Beruf: Maskenbildner. Vereinzelte Veröffentlichungen von Kurzprosa und Lyrik in Zeitschriften, Anthologien und im ORF.

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