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Corvus Kowenzl
Exkursionsleiter - eine Typologie
Ostalpenländische Universitätssatiren
Folge 10

Folgende bescheidene Zeilen präsentieren einige der markantesten Erinnerungen meines Berufslebens als Lehrer und Forscher an einer Universität mitten in den Ostalpen, im Lande des Grüß Gott. Die meisten dieser Erinnerungen stammen aus meiner Zeit als Leiter eines Instituts, jedoch war diese Position nicht in jedem Fall ausschlaggebend, sondern ganz einfach die Tatsache, dass ich ein Angehöriger der Universität bin.


„Wo ich bin, dort ist die Exkursion!“ Tatsächlich hat diesen Ausspruch einmal ein Exkursionsleiter in meiner Gegenwart gemacht, um klarzustellen, wer hier der Chef ist, und dass Abwege oder sonstige nicht eingeplante Vergnügungen in Wald und Flur abseits der Gruppe nicht gern gesehen werden.

Als guter Kollege wollte ich ihm natürlich nicht öffentlich in den Rücken fallen und verbiss mir eine Bemerkung, die ich dazu durchaus hätte machen können. Denn das ist so eine Sache, das mit den Exkursionsleitern! Auch in diesem Bereich gibt es sehr verschiedene Charaktere, die alle mehr oder weniger erlebnisprägend sind. Ich kann hier bescheidener Weise nur auf einige Typen aus meinem Erfahrungsbereich verweisen, aber ich bin sicher, Ähnlichkeiten mit anderen Fächern werden auftauchen.


Der Streber

Kein Zweifel, seine Erklärungen sollen die allerbesten sein, nichts wird dem Zufall überlassen. Wenn sich die Gruppe morgens vor dem Reisebus sammelt, kommt er schwer bepackt mit einer riesigen Art Mappe und mehreren Aktenordnern an.

Am Zielpunkt dann, wo üblicherweise zu Beginn eine kurze Einführung oder Erinnerung an das Thema erfolgt, wird offenbar, was die Mappe und die Ordner bergen: Karten, Diagramme, Photos, Strichzeichnungen und was die wissenschaftliche Illustratorik sonst noch zu bieten hat.

Zuerst muss natürlich die Karte heraus, aber welche ist die beste, „Ach bitte können Sie mir mal ein wenig zur Hand gehen?“ Er blättert in seinen Karten, schließlich entscheidet er sich für eine, zwei Studenten stehen brav kartenhaltend da, während er mit einem Teleskop-Zeiger, den er eigens für diesen Zweck mitgenommen hat, herumfuchtelt.

„Wie Sie hier sehen können, hat diese große weite Bucht. . .“ er unterbricht sich, dann sagt er halblaut: „Aber da gibt es eine bessere Karte dazu, warten sie. . .“ wieder wird in den Karten gewühlt, „Achtung nicht auf den nassen Boden legen“, endlich ist die andere Karte gefunden, dann geht’s weiter: „. . . also hier in dieser riesigen Bucht standen mehrere Karbonat-Plattformen, deren Abfolgen bis mehrere Tausend Meter dick wurden. . . dazu hab ich ein Beispiel. . .warten Sie“.

Er beginnt nun in einem seiner Ordner zu wühlen, während die beiden Studenten mit der großen Karte in der Hand etwas unaufgeräumt dastehen. „Na wo hab ich denn das?“ . . . nuschelt er vor sich hin, während er sich durch die vielen Blätter wühlt, „ich bin sicher, dass ich das reingetan habe. . . oder ist es vielleicht doch im anderen Ordner? . . . halt, da! da ist es!“ ruft er triumphierend, dann steht er auf, ein großes Blatt in der Hand haltend und fährt fort: „Das ist ein Beispiel für so eine Plattform-Abfolge, also einige Tausend Meter dick und immer das gleiche, hi hi. . . nur, dass wir das mal gesagt haben. . . so! Und was hat sich in dieser großen Bucht anschließend getan?“

Dazu braucht er wieder die Karte, aber nicht die, die die Studenten noch immer brav halten, sondern, nein, die von vorhin, die erste. Aber wo ist denn die jetzt wieder? Er wühlt und blättert neuerlich, doch sie scheint verschwunden. Endlich regt sich etwas in der Gruppe und es zeigt sich, dass einem Studenten, der die erste Karte eingerollt und damit gewartet hatte, der Faden des Vortrags irgendwie abhanden gekommen war und er inzwischen mit einem Kollegen ins Gespräch vertieft war. Also wird mit großem Hallo die erste Karte wieder entrollt (die beiden Studenten halten die Karte wieder).

Weitere Erklärungen: „Und wissen Sie, was dann passiert ist? Die Plattformen gaben den Geist auf, hi hi, sie ertranken, sie verschwanden in der Tiefsee. . . ja, also Tiefsee. Das ist einer der besonders interessanten Abschnitte in der Geschichte der Alpen. . . warten Sie, da hab ich ein Profil dazu. . .“ und wieder wird ausgiebig gesucht.

Es sollte klar sein, dass es der Streber mit sich selbst, aber auch die Studenten mit ihm nicht leicht haben. Und das war noch die einfachere Variante. Viel reizvoller ist das Ganze noch, wenn es so richtig aus Kübeln regnet, wenn also all das ständige Gewühle in Karten und Kleinposters noch mit artistischem Regenschirm-Halten kombiniert werden muss: der Tag verfliegt geradezu auf diese Weise, ohne dass man allzu viel Gestein zu sehen bekäme.


Der Bergsportler

Ganz anders dieser Typus. Nach dem Aussteigen aus dem Bus gibt es eine kurze, markige Wiederholung des Exkursionsthemas mit dem Ende: „Im übrigen verweise ich auf die bereitgestellten Unterlagen.“ Dann dreht er sich um, peilt mit leicht zugekniffenen Augen eine hohe Bergflanke an und sagt nur noch: „Da müssen wird jetzt zuerst ein Stück weit hinauf!“ und  dribbelt los.

Er geht schnell und ohne sich umzudrehen. Fröhlich schnatternd folgt ihm die Gruppe. Und es wird steiler. Und er geht, ohne sich umzudrehen. Und noch steiler wird der Weg. Doch der Exkursionsleiter geht noch immer, ohne sich umzudrehen, er geht gleich Lot, der Sodom hinter sich ließ. Und er geht lange so.

Der Wald wird zum Kampfwald und schließlich ist seine ökologische Grenze erreicht. Längst ist die Gruppe in Kleinstgrüppchen und Einzelkämpfer auseinandergerissen, alle wie eine weitgesteckte Perlschnur am Hang aufgereiht.

Verweichlichte Städter und Städterinnen quälen sich Hunderte von Höhenmetern tiefer mit dem Aufstieg, erst jetzt wird ruchbar, dass eigentlich kein konkretes Ziel außer ‚ein Stück weit hinauf‘ ausgegeben wurde, der Pfad ist immer schwerer zu finden und immer steiniger, der Mut sinkt, Meuterei beginnt im Herzen aufzukeimen, vorerst noch im Verborgenen, Blasen schmerzen, Kleindramen spielen sich ab. Doch er geht weiter.

Man sieht ihn nur noch als länglichen Punkt, knapp unter dem Grat, immer weiter aufsteigen. Endlich bleibt er stehen, nach drei Stunden ununterbrochenen Aufstiegs in leichtem Laufschritt. Als die ersten Studenten endlich bei ihm ankommen, hat er sich bereits umgezogen, gegessen und getrunken und wirkt noch immer frisch. Zuerst schnauzt er sie an, wieso die Gruppe denn so lange braucht.

„Äh“, beginnt der Fitteste und Wagemutigste, „der Lukas hat Probleme mit dem Knie, die Lisi ist zehn Meter über eine Wandstufe hinuntergefallen und jetzt ist ihr schwindlig, die Babsi hat sich den Unterarm aufgeschürft, und dem Pedro ist speiübel.“ Der Exkursionsleiter nimmt den Bericht mit steinerner Miene entgegen wie ein General die Verluste an der Front. Er schweigt. Und genießt die Aussicht.

Langsam tröpfeln die Leute ein. Je länger es dauert, desto aufgelöster sind die Ankommenden. Lukas flucht bei jedem Schritt, weil ihm das Knie so weh tut, immerhin hat ihm jemand seine Bergstöcke geliehen, auch die Lisi erscheint, aufgestützt am Markus, damit sie nicht das Gleichgewicht verliert, Babsi trudelt mit notdürftig verbundenem Unterarm ein, das Blut sickert durch den Verband, nur dem Pedro geht es wieder besser, weil er sich inzwischen mehrmals ausgekotzt hat.

Ganz allmählich konsolidiert sich die Stimmung. Jausen werden ausgepackt, energy drinks werden knackend geöffnet. Die ersten Selfies werden wieder gemacht. Plötzlich der Exkursionsleiter knapp: „Sind das jetzt alle? Kommt noch jemand?“ Nach einigem Mutmaßen, Raunen und Rumschauen ist man sich einig, dass jetzt alle da sind.

Also eröffnet er seine Ausführungen:
„Das Gestein, das sie hier sehen (er verweist auf den steilflankigen Berggrat, auf dem die Gruppe gleich einer Rotte von Steinböcken verteilt ist), ein sogenannter Kein-Schimmer-Gneis, baut hier die ganze Gegend vom Tal, von wo wir weggegangen sind, bis hier zu dem Grat auf, wo wir nun sind.“

Spätestens jetzt kommt den Klügeren unter den Studenten ein böser Verdacht:  dass man diese Belehrung ja viel weiter unten auch hätte entgegennehmen können. Aber jetzt ist es zu spät. Irgendwie müssen sie ja auch wieder runter. Beim Abstieg wiederholt sich das Gehabte. Der Exkursionsleiter legt eine Art schnellen Trippelschritts ein, und mit dieser Fortbewegungsweise macht er die ganzen 2000 Höhenmeter in schlappen 95 Minuten runter, natürlich ohne einmal anzuhalten und ohne sich umzudrehen. Es grenzt an ein Wunder, dass auf seinen Exkursionen noch nie ein Todesopfer zu beklagen war.


Der Saumselige

Er ist das genaue Gegenteil vom vorher beschriebenen Typ. Es geht schon mal damit los, dass er es ist, der morgens zu spät zum Bus kommt. Deutlich zu spät. Wenn er schließlich kommt, dann lächelt er freundlich und sagt irgend etwas von einem Verkehrsstau, den immer grade er erwischt, wenn er einen Termin hat, und sei es um drei Uhr früh.

Nach einigem Hin und Her fährt man schließlich ab. Am Ziel gibt es erstmal eine Einführung. Und was für eine Einführung das ist! Ausgestattet mit nur einer, vielleicht zwei mittelgroßen Karten schweift er sofort vom eigentlichen Exkursionsthema ab (was war das noch gleich?) und greift weit aus in Raum und Zeit.

Schließlich hängt ja alles zusammen. Schnell und mühelos ist man bei verschwundenen Meeren im Pamir angelangt, aber das ist kein leichtes Thema, weil man dort ja sowieso alles erst neu kartieren müsste; also blenden wir doch lieber zurück ins Zagros, dort sind wenigstens einige Abschnitte gut vergleichbar, aber für ein echtes Verständnis des Zagros wäre es natürlich vorrangig, die Verhältnisse an der Ganges-Indus Sutur viel besser zu kennen, als es derzeit der Fall ist.

Und er redet und redet. Sehnsüchtig schauen die Studenten zum Weg hinüber, auf dem die Exkursion verlaufen soll. Irgendwann brechen die ersten ohnmächtig zusammen; das lange unbewegte Stehen fordert seine Opfer.

Jetzt merkt auch der Saumselige, dass man sich vielleicht weiterbewegen sollte, und er geht mit gewichtiger Gebärde die ersten paar Meter des Wegs. Endlich!, denkt sich jeder und freut sich, eine Strecke gehen zu können. Doch weit gefehlt.

Schon nach wenigen Metern hält der Exkursionsleiter an und beugt sich zu einem Gesteinsaufschluss hinunter, der geschätzte 20 x 20 cm gross ist. Er kniet vor dem Aufschluss, um mit der Feldlupe die Mineral- und Sedimentstrukturen besser zu erkennen, dann richtet er sich auf – und redet und redet.

Es ist inzwischen knapp vor Mittag. Der morgendliche Sonnenschein weicht zum ersten Mal dem Schatten. Kumuluswolken beginnen sich aufzutürmen und künden von der Vorbereitung der im Wetterbericht angesagten Gewitter. Nachdem sich auch alle Studierenden vor dem Aufschluss niedergekniet haben und das Thema erschöpfend behandelt wurde, geht es weiter.

Eine Anfrage der Studenten nach einer Mittagspause zwecks Nahrungsaufnahme wird negativ beschieden: man kann auch im Gehen essen. Aber schnell zeigt sich, dass die Sorge unbegründet war, denn schon ist der nächste Aufschluss erreicht, immerhin ganze zwei mal drei Meter groß, wo man erneut zum Zwecke eingehender Betrachtung und Erörterung einen Halt macht, der für zweimal gemütlich mittagessen ausreicht, mit Gratis-Beschallung über verschluckte Ozeane bis zu kristallbildenden Mikroben. Und so geht es weiter.

Als man gegen 19 Uhr endlich beim eigentlichen Exkursionsziel angelangt ist, flackert pünktlich der erste Blitz auf. Zwei Minuten später gießt es in Strömen. Nachdem man sich etwa eine halbe Stunde lang unter dem Regenschirm die Beine in den Bauch gestanden hat, wird klar, dass der Regen nicht geruht, so schnell wieder aufzuhören. Es folgt eine kurze, geschriene (um den Lärm des Regens zu übertönen) Erklärung des Aufschlusses seitens des Leiters, doch die Studierenden sind kaum dazu zu bringen, durch unbedachte Bewegungen die ohnehin nur schlecht schützende Deckung des Regenschirms zu verlassen.

Schließlich tritt man den Rückweg an. Obwohl es einer der langen Frühsommertage ist, beginnt man die Abenddämmerung langsam zu bemerken. Außerdem ist der Himmel noch immer von schweren Wolken bedeckt, aus denen es geradezu unerklärliche Wassermengen schüttet.

Einige der Studenten setzen sich an die Spitze der Gruppe in der Annahme, dass man nun einfach zum Bus zurückgeht. Doch weit gefehlt. Selbst unter diesen Bedingungen lässt es sich der Exkursionsleiter nicht nehmen, immer wieder bei einem Aufschluss stehenzubleiben und das Gestein ausgiebig zu studieren, natürlich umgeben von zwei oder drei der unvermeidlichen Streber, die sich weiterhin geduldig das Zagros-Indus Geschwafel anhören und vielleicht glauben, sie wären gerade Teil von irgendetwas Wichtigem.

Bald ist der Exkursionsleiter und sein kleiner Hofstaat hoffnungslos weit zurückgefallen, während die vorderste Gruppe schon gegen 21 Uhr und noch im letzten Büchsenlicht den Bus erreicht.

Gegen 22.30 Uhr treten drei Gestalten aus stockdunkler Nacht und bei noch immer strömendem Regen in den Scheinwerfer-Lichtkegel des Busses: alle sind nun da, auch der Herr Exkursionsleiter. Gegen 01:00 Uhr nachts sind die meisten Studenten wieder bei sich zuhause, nass und noch immer rätselnd, worum es bei diesem Ausflug eigentlich gegangen ist.


Der Selbstgefällige


Dieser Typus ist bei den Studenten recht beliebt, aus Gründen, die sich weiter unten erschließen werden. Auch bei ihm geht es damit los, dass er morgens zu spät zum Treffpunkt kommt. Wenn er dann erscheint, wirkt er ein wenig gehetzt und entschuldigt sich gleich:

„Sie müssen mich entschuldigen, ich musste gleich um sieben Uhr morgens noch dringend in die Landesregierung zu einer Besprechung, und die hat nun doch etwas länger gedauert, ich mag die ja eigentlich nicht, diese Morgenappelle, wie ich das zu bezeichnen pflege, ha ha, aber der Herr Landeshauptmann hatte nur so früh noch einen Termin frei, und immerhin geht’s da um . . . na ja, um verschiedene Sachen halt, ich darf nicht alles sagen, ha ha.“ Dann rein in den Bus.

Wie es nun weitergeht, hängt von der Erfahrung der Studenten ab. Handelt es sich um junge Bakkalaureaten, dann werden sie vom Exkursionsleiter über den Lautsprecher die ganze Fahrzeit hindurch gnadenlos belabert. Immerhin werden die hellhörigeren unter ihnen bereits seine Achillesferse erkennen: er verwendet nämlich auffallend oft Phrasen wie etwa „wie ich schon damals als erster erkannte“, oder „ich hab ja die alte Auffassung sowieso nie geglaubt“ oder „wie ich und meine Arbeitsgruppe herausgefunden habe (nota bene: ‚habe‘ im Singular)“ oder „mir war da gleich klar, dass“ und was der Duden der Selbstbestätigungs-Syntax sonst noch zu bieten hat.

Handelt es sich dagegen um erfahrene Master-Studierende, dann wird der Selbstgefällige neutralisiert, noch bevor er zum überhaupt Mikrophon greifen kann. Wie das geht? Ganz einfach: die Studenten stellen ihm nach interner Absprache eine hübsche Studentin zur Seite, die sich anscheinend sehr für all die wichtigen Sachen interessiert, die er doch macht.

Sie nimmt im Bus neben ihm Platz und hört sich geduldig und ab und zu bewundernd lächelnd seine Ausführungen an: eine opfert sich, damit all die anderen ihre Ruhe haben. Und wenn er sich so richtig warmgeredet hat, dann fällt ihm nicht einmal mehr auf, wenn gleich nach dem Aussteigen am Ziel einige der männlichen Studenten zur jungen Frau an seiner Seite ein halblautes „Hey, danke Babsi“ sagen.

Vom geologischen Teil der Exkursion selbst ist nichts auffallendes zu berichten. Der Selbstgefällige versteht, zwischen all den „ich hab als erster“, „schon damals habe ich immer wieder darauf hingewiesen“, „wie mir sofort klar war“, „ich habe mir dabei stets vor Augen gehalten“, „das war ja alles völlig neu“, „aber das kapieren die bis heute nicht“ und so weiter – tatsächlich gut und überzeugend zu erklären.

Deshalb muss er ja auch zu allen möglichen Zeiten und Unzeiten in die Landesregierung. Die nette Babsi bleibt in seiner Nähe und stellt ab und zu eine Frage. Was für eine intelligente junge Frau!

Als es den Studenten um 15 Uhr schließlich zu bunt wird, bekommt Babsi diskret einen Spezialauftrag zugeraunt. Bald beklagt sie sich nicht beim, aber hörbar neben dem Exkursionsleiter darüber, wie anstrengend doch so ein ganzer Tag im Freien sei, all das viele Gehen, das sei sie nicht gewohnt, ihre kleinen Füßchen schmerzten schon. Zuerst scheint das keine Wirkung zu zeigen. Doch die Giftspritze war gut gesetzt.

Nach einer kleinen Weile blickt der Leiter ostentativ auf seine viel zu dicke Armbanduhr, dann schaut er die liebe Babsi an und verkündet dazu: „So, meine Damen und Herren, angesichts der nun doch schon etwas fortgeschrittenen Zeit und eingerechnet den Rückweg müssen wir jetzt umkehren. Ich hab am späten Nachmittag noch einen wichtigen Termin bei der Ingenieursgemeinschaft Lässig und Ferdlmeier, den kann ich keinesfalls versäumen. Die brauchen mich, sonst steht morgen eine ganze Großbaustelle still.“

Gut gemacht. Babsi bekommt von den Studenten die Tapferkeitsmedaille in Bronze, und alle sind rechtzeitig zurück, um noch Karten für das Konzert der neuesten Hip-hop Gruppe zu bekommen.


Die Sphinx

Zuletzt was für Fortgeschrittene. Alles beginnt ganz harmlos: am Morgen finden sich alle beim Bus ein, auch der Exkursionsleiter kommt pünktlich, und man fährt los. Am Zielpunkt angelangt steigt man aus, es gibt eine kurze Einführung, in der auch der Satz „Sie sollen dabei nicht nur passive Empfänger der Informationen sein, sondern sich die Lösung möglichst selbständig erarbeiten.“, ein Satz, den niemand beachtet, weil man ihn schon oft gehört und gelesen hat und nie war er wirklich so gemeint.

Man geht los und bald kommt der erste Gesteinsaufschluss. Oder besser gesagt, das, was Fachstudierende für einen Aufschluss halten würden. Aber der Leiter geht ruhig daran vorbei, ohne ihm Beachtung zu schenken. Aha, wahrscheinlich liegen die richtigen Aufschlüsse weiter oben. Man steigt stetig bergan, es ist ausnahmsweise einmal ein schöner Sommertag, auf den die Exkursion fällt, saftig grüne Alpenmatten grüßen zwischen hellstrahlenden Felswänden.

Wieder ein Aufschluss, diesmal deutlich grösser und besser als der erste, doch der Leiter stapft auch hier ruhig weiter fürbass. Hm, na wird schon passen, denken sich die Studierenden und stapfen hinterher. Nach einer weiteren Weile gelangt man zu einem sehr großen Aufschluss, durch den der Pfad mittendurch führt. Doch noch immer keine Reaktion: gleichmütig steigt der Leiter weiter.

Erfahrene Studierende beginnen nun Witterung aufzunehmen:
„Herr ‚Fessor, sollten wir da bei diesem Aufschluss nicht Halt machen? Der sieht ja sehr gut aus!“ ruft einer nach vorne. Der Leiter bleibt stehen und sagt:
„Ja, gerne, wenn Sie meinen. . . Sie sollen sich die Lösung erarbeiten.“

Jetzt scheinen alle kapiert zu haben, wohin der Hase läuft. Der Herr Fessor geht ein paar Schritte zurück, wirft einen beiläufigen Blick auf den Aufschluss, und dann dreht er sein Gesicht zur Sonne. Einige Augenblicke lang herrscht betretenes Schweigen. Normalerweise bedeutet die Aussage, dass man sich die Lösung selbst erarbeiten muss, dass der Herr Fessor recht bald aus purem Mitleid zu reden beginnt. Aber dieser hier scheint sehr verstockt: er steht nur da und wartet.

Irgendwann schaut er sich um, dann sagt er:
„Worauf warten Sie? Sie wollten hier stehenbleiben, hier ist der Aufschluss!“ und er zeigt mit der Hand auf das Gestein, „also machen Sie, was man als Geologe eben so macht, um einen Aufschluss zu dokumentieren.“

Eine Bewegung geht durch die Studierenden. Hey, der Typ meint das in echt. Damit konnte doch niemand rechnen. Nach kurzem verschämtem Zögern geht’s ran ans Werk. Hämmer werden hervorgeholt, Lupen gezückt, Feldbücher herausgenestelt, Karten werden ausgebreitet, Kompasse angelegt, Handys vor den Aufschluss gehalten, Kleingruppen bilden sich spontan und lösen sich ebenso rasch wieder auf, um sich neu zu konfigurieren.

Bald schwirren die ersten Gesteinsnamen durch die Luft, Diskussionen entstehen, Zurufe von Kleingruppe zu Kleingruppe werden hörbar, manche verlieren sich in irrelevanten Detailfragen, Kontroversen flammen auf und verebben wieder. Nach einiger Zeit aber beginnen sich einige abzuwenden um Selfies zu schießen, andere nehmen einen Schluck aus der Feldflasche und schauen in die Landschaft.

Die eifrigsten Kleingruppen stimmen ihre Interpretationen noch miteinander ab, andere sitzen schon länger da und simsen, und irgendwann sind alle fertig – fast alle, denn ein Stück weiter hinten sind immer noch zwei Studenten in Wechselrede über das Gestein gebeugt, aber die beachtet jetzt niemand mehr. Man schaut zum Herrn Fessor, der sich längst mit geschlossenen Augen auf seinen Rucksack gelehnt hingelegt hat und die Sonne im Gesicht genießt. Einige Studenten treten an ihn heran.

„Also, wir haben uns zu diesem Aufschluss folgendes gedacht. . .“
„Nein, nein,“ wehrt der Herr Professor mit einer Handbewegung ab, „das will ich hier und jetzt nicht wissen.“
Bei diesen Worten richtet er sich nicht auf, sondern bleibt mit geschlossenen Augen liegen.

Er fährt fort: „Sie erarbeiten eine Gesamt-Lösung für den ganzen Tag. Ich will hier kein Klein-Klein. Das ganze Konzept will ich sehen, Sie sollen am Ganzen arbeiten, gesamthaft, verstehen Sie? Das darf nicht ein Sammelsurium von Einzelteilen sein, sondern eine Gesamtheit!“ Und etwas esoterisch setzt er hinzu:
„Sie sind gewissermaßen selbst das Problem, die Lösung und das Konzept in einem, konzentriert in diesem Tag und durch Sie verkörpert.“
„Ah. . . ha“, nicken die Studenten etwas unsicher und treten langsam zurück.

„Ach“, richtet sich der Herr Fessor blinzelnd ein wenig auf seiner Haltung auf und deutet zu seiner Linken, „könnten sie mir bitte mal die Sonnencreme herüberreichen, ich hab die da noch drüben vergessen, und ich lieg jetzt da gerade so gut.“


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Corvus Kowenzl

Corvus Kowenzl ist Universitätsprofessor an einer österreichischen Universität und benützt, um weiterhin ungestört seiner Lehr- und Forschungstätigkeit nachgehen zu können, als Autor und Erforscher des universitären Biotops ein Pseudonym.

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