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Christoph Themessl
On the road
Mein Leben als LKW-Fahrer
Reportage

Unlängst traf ich einen alten Schreibtisch-Kollegen aus meiner Zeit bei der „Tirol Werbung“, und als ich ihm erzählte, dass ich nun LKW fahre – als freischaffender Schriftsteller und Journalist war ich eben erst wieder einmal in Konkurs gegangen –, war er sichtlich überrascht, zu meiner eigenen Überraschung allerdings äußerst positiv, als hätte ich nun womöglich endlich meine Bestimmung gefunden.

LKW-Fahren, schwärmte er, ob das nicht wie eine Existenz in einem „Paralleluniversum“ sei, ein Freiheits- und Unabhängigkeitsgefühl vermittle? Mein Bekannter hatte offensichtlich das Fernfahren in großen Trucks entlang der Rocky Mountains im Sinn, wie wir es alle noch aus Kino-Klassikern (z. B. „Convoy“ mit Kris Kristofferson) kennen. Natürlich weiß auch er, dass die guten alten Zeiten leerer Autobahnen vorüber sind, aber als „Tirol Werber“ hat er nun einmal einen unverbesserlichen Hang zu Klischees – wie die meisten Menschen übrigens, meine eigene Person nicht ausgenommen. Wir lieben das Ideal-Bild der Dinge. Vielleicht brauchen wir es.

Obwohl ich nur einen kleinen LKW mit einer knackigen Eiswarenwerbung auf den Seitenwänden steuere – ich transportiere Tiefkühlwaren –, schwärme ich mir bisweilen selber etwas von der großen Freiheit vor, die ich zwischen Innsbruck und dem Allgäu, das ist meine tägliche Strecke, erleben darf. Mal glaube ich mehr, mal glaube ich weniger daran. Je nach Wetter, je nach Kundschaft, je nach Verkehr.

Der Anteil von Lastkraftwägen am Verkehrsaufkommen auf den heimischen Autobahnen und Schnellstraßen beträgt je nach Standort der ASFINAG-Zählstellen zwischen 25 und 5 Prozent. Auf den Transitautobahnen A13 und A8 ist der LKW-Anteil am Verkehr mit einem Viertel am höchsten; „Hotspot“ hierzulande ist Wörgl, heuer (2021) mit 2,24 Millionen Brummis von Jänner bis Ende August; was – trotz Corona-Pandemie – eine Steigerung um 5,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr bedeutet.

Es gibt also jedes Jahr immer noch mehr zu transportieren. Selbst erfahrenen, „hartgesottenen“ Lenkern schaudert bisweilen vor oder vielmehr in den frühmorgendlichen, gleißenden Lichterketten, die durch das Unterland über Innsbruck bis zum Brenner hinauf gegen sechs Uhr morgens eine bisweilen fast lückenlose Schlangenspur ziehen. LKW-Fahrer sind Frühaufsteher, die Stadt und die Dörfer schlafen noch, wenn der Warentransport auf der Deutsch-Italienischen Achse schon auf Hochtouren läuft.

Ich bin jedes Mal froh, wenn ich mit meinem „fahrbaren Tiefkühllager“ bei Innsbruck Mitte aus dem gröbsten Blendwerk des Schwerverkehrs ausschere und erst recht dann, wenn ich später bei Mötz (Ausfahrt Fernpass) in das natürliche Licht der Morgendämmerung eintauche, die sich bei gutem Wetter mit einem zarten Rosa über den Bergspitzen ankündigt.

Ich bin kein besonders großer Patriot, aber welch ein herrlicher Friede hier in den Dörfern herrscht – die Ebenen um Mieming sind ein Idyll, ich beneide selbst das Vieh, das hier auf den Weiden steht. Ich weiß, dass ich bis zur ersten Kundschaft in Ehrwald – ein paar große Brummis, die sich vermutlich den Fernpass hinaufschleppen werden, eingerechnet – noch etwa eine drei viertel Stunde zu fahren habe und zünde mir eine Zigarette an.

Im Nahverkehr fahren hat seine Vor-und seine Nachteile – obwohl ich eigentlich nicht weiß, wie weit einer fahren muss, um Fernfahrer zu sein. Es heißt, dass Fernfahrer irgendwann einen hypnotischen Blick bekämen oder überhaupt in einer Art Nirvana lebten, weil sie mehr oder weniger den ganzen Tag nur in ihrer Zelle, Fahrerzelle, zubrächten und dabei zwangsläufig vor sich hin glotzen müssten wie Yogis in der Meditation.

Wenn einer wöchentlich zum Beispiel Tirol-Hamburg und Tirol-Neapel fährt, könnte ihm früher oder später durchaus ein Isolations-Syndrom zu schaffen machen, wie es von Strafgefangenen, Migranten, Arbeitslosen, aber auch Hochbegabten bekannt ist, die in ihrem frei- oder auch unfreiwilligen Rückzug ein geschlossenes, hermetisches Selbstbild entwickeln, das bis hin zur Persönlichkeitsstörung reichen kann.

Ich, die Mittellinie und die Straße. An der schrecklichen Monotonie des unentwegt Geraden können auch Staus, Gewichts- und Polizeikontrollen und der ganze zur Ware gehörige Papierkram nichts ändern. Wenn Sie also das nächste Mal an einer Autobahntankstelle aufs WC gehen, brauchen Sie sich über einzelne merkwürdige Typen, die herumschleichen oder wie ein LKW vor sich hin brummen, nicht mehr zu wundern oder zu ängstigen – es sind höchstwahrscheinlich Fernfahrer.

Das bleibt uns im Nahverkehr meist erspart. Wir sind relativ wendig, die Straßen, zumal hierzulande, kurvig, die Landschaft ist abwechslungsreich, und den ganzen Tag pflegen wir fast zwangsläufig soziale Kontakte: zu unseren Kunden…

Der Kunde ist Freud und Leid des Lieferanten, er macht den Fahrer, der am Cockpit einen ganzen Stapel von Lieferscheinen liegen hat, zum Lieferanten; einerlei, wie groß oder wie klein der LKW ist, mit dem er vorfährt. Obwohl ich auch in diesem Fall – so wie mit der Länge der Strecke, die einen Fahrer zum Fernfahrer macht – nicht genau angeben könnte, wie viele Kunden einer anfahren muss, um die zweifelhafte Ehre zu haben, als Lieferant bezeichnet zu werden.

Es gibt Kunden, auf die man sich freut, und es gibt Kunden, wenn zum Glück auch keineswegs in der Überzahl, die Leid erzeugen. Das ist vielleicht der Vorteil des Fernfahrers: er hat häufig nur einen Kunden (am Ende seiner Strecke) und der ist nicht selten selbst ein Großhändler oder Transportunternehmer, der die Ware professionell empfängt und vor Ort weiter verteilt.

Die Kunden im Nahverkehr hingegen sind gutteils kleinbetriebliche, individuelle, kritische Abnehmer, im Falle meiner Tiefkühlwaren Hoteliers, Gasthäuser, Restaurants, Altersheime, Tankstellenbetreiber, Metzgereien und Tante Emma Läden, die je nachdem auf Pommes, Torten, Scampi, Eis, Pizzen, Kaisersemmeln, Zwiebelschnitten u.v.m. warten, und die gefrorenen Lebensmittel, d.h. deren Verpackungen, bisweilen mit Argusaugen in Empfang nehmen bzw. sich vor ihren argwöhnischen Augen in ihren Tiefkühler räumen lassen.

Ein Fahrer-Kollege erzählte mir einmal folgende „Anekdote“. Der Chefkoch eines kleinen Bistros, das beliebt für seine schmackhaften, kunstvoll angerichteten Imbisse war, hatte u.a. zwei so genannte „Wannen“ Stracciatella-Eis bestellt (als „Wannen“ werden im Handel benutzte größere Plastikbehälter für Speiseeis bezeichnet). Natürlich hatte er auch Dutzend andere Dinge bestellt. Warenwert alles in allem: 800 Euro. Stracciatella war aus irgendeinem Grund allerdings nicht an Bord, und als er vom Fahrer eine Gutschrift fürs fehlende Eis erhielt, explodierte der Mann mit der weißen Mütze. „Keine Stracciatella! Was soll ich denn ohne Stracciatella machen?!“ Sein Küchengehilfe tippte ihm auf die Schulter. „Haben eine Stracciatella da, Chef, ich sehen…“ Woraufhin der Koch noch einmal explodierte: „Eine Stracciatella! Was soll ich denn mit einer Stracciatella?!“ Der Gehilfe tippte ihm abermals auf die Schulter: „In Lager, ich wissen, sein noch zwei Stracciatella, Chef…“ Da blieb dem Koch der Mund offen stehen und mit ebensolchem Gesicht nahm er die Gutschrift entgegen. Mit nur „einer Stracciatella“ lässt sich im Übrigen eine ganze Volksschulklasse glücklich machen, so groß sind die Plastikbehälter.

Wiewohl wir LKW-Fahrer sind, sind wir also auch Lieferanten und bis zu einem gewissen Grad – ich habe es schon angedeutet – den Launen unserer Kunden ausgeliefert. Aber wer ist das nicht? Wir sind alle auch Opfer der Launen unserer Nächsten, und wem das erspart bleibt, der riskiert ein Isolationstrauma mit genannten Folgen. Lieber ein paar Schikanen ertragen, als mutterseelenallein „sein eigener Herr“ sein.

Manche Kunden tun sich allerdings schwer, Funktion und Person voneinander zu unterscheiden, manche ziehen sogar eine heimliche Befriedigung daraus, den „Lieferanten“ zum Lakaien zu degradieren. Die meisten aber (hoffen wir es) wissen sehr wohl, dass sich unsere Funktionen im Laufe des Lebens mehrmals verändern können und unsere Person deshalb dieselbe bleibt, einerlei, ob es mit uns in der Hierarchie rauf oder runter geht; wobei ich unter „Hierarchie“ nur ein äußeres, oberflächliches, eigentlich dummes Bewertungssystem unserer Funktionen verstehe, das über alles andere wie eine Werte- und Moral-Schablone gutbürgerlicher Vorurteile gelegt wird.

Man kann als „Lieferant des Nahverkehrs“ viel über und viel von Menschen lernen. Einer meiner Kunden, der einen gutgehenden Kebab-Stand besitzt und regelmäßig kistenweise Pommes Frites bestellt, verfluchte mich das erste Mal, da ich ihm zur Unzeit, sprich, als er gerade viel Geschäft hatte, in den Laden kam. Das nächste Mal gab er mir drei Euro Trinkgeld, dann fünf Euro, und heute winkt er schon aus der Ferne, wenn er meinen brummenden „Eiskasten“ die Straße heraufkommen sieht. Er hat wohl in einer bestimmten Hinsicht umgedacht.

Ich bin im Schnitt acht Stunden am Tag auf Achse und lerne in einer Woche ungefähr hundert neue Menschen kennen: Lagerarbeiter, die seit vier Uhr auf den Beinen sind, Kommissionierer von Tiefkühlwaren, deren natürliches Zuhause Sibirien ist, detektivische Hausmeister, hübsche, arme „Küchenschaben“, die eine der Migrationswellen angespült hat, damit sie in einem schlecht beleuchteten Winkel an Zwiebeln oder anderem Zeugs schnipseln oder den Keller wischen, Büglerinnen, nervöse Köche, von Lockdowns zermürbte Wirtsleute, die Etikette hochhaltende Hoteliers in ihren ländlichen Traditionsanzügen… Aber immer, ja wirklich immer, bin ich froh, wieder in meinen Transporter einsteigen und der Straße folgen zu dürfen. Der Fahrer dient seinem Unternehmen und, ja, dem Kunden. Aber er ist raumzeitlich nicht fixierbar wie ein Verkäufer oder Lehrer. Er ist da und er ist nicht da.

LKW-Fahrer haben, leicht überspitzt gesagt, nicht einmal eine richtige soziale Anbindung innerhalb der betrieblichen Strukturen des eigenen Unternehmens. So etwas wie Sekretärinnen, Buchhaltern, Vertretern begegnet er selten. Seinen eigenen Fahrer-Kollegen begegnet er vielleicht morgens fünf Minuten an der Rampe oder beim Kaffee im Büro, wo es im Allgemeinen die ersten und letzten Instruktionen des Tages gibt. Dann fährt er raus in die Nacht oder Morgendämmerung, je nach Jahres- und Dienstzeit, und gehört sich selbst. Und der Ware in seinem Laderaum, für die er verantwortlich ist.

Die Ware ist es auch, die ihm letztlich am meisten Sorgen bereitet, nicht das Fahren und nicht der Kunde. Jedes Ding hat seine Tücken. Ob einer auf seinem LKW Baumstämme, Treibstoff, Beton, Möbel, Tiefkühlwaren oder Kunstobjekte geladen hat – der Wert der Ware kann erheblich sein, und am Ende des Tages sollte die Rechnung stimmen.

In meinem Fall lagern bei rund minus 27 Grad in einem Dutzend eiserner Käfige Lebensmittelartikel um Daumen mal Pi zehntausend Euro. Es ist eine kalte und nicht gerade gut beleuchtete Welt, die einen im Laderaum eines Tiefkühltransporters erwartet, und Anfänger, die beim so genannten herauskommissionieren der Artikel noch mehr Zeit benötigen, sollten sich wirklich gut anziehen. Es gibt spezielle Handschuhe und Jacken, die vom Betrieb zur Verfügung gestellt werden, aber ein wenig Geld auszugeben für lange Unterwäsche ist eine vernünftige Investition.

Andrerseits ist das Problem nicht, dass wir frieren, sondern, dass wir die meiste Zeit schwitzen. Wenn die Tür zum Tageslicht aufgeht, schlägt uns ein warmer Dampf entgegen, egal ob draußen Sommer oder Winter ist. Nirgendwo ist es in Mitteleuropa so kalt wie in Tiefkühltransportern – das eigentliche Lager in der Zentrale ausgenommen. Im Sommer, wenn es draußen fünfundzwanzig Grad hat, wechselt der Fahrer mit nur ein, zwei Schritten – über die Stufen des Laderaums – zwischen zwei Temperaturzonen, die fünfzig Grad auseinanderliegen. Manche halten das für den eigentlich ungesunden Aspekt unserer Arbeit, andere schwören darauf, dass es ihr Immunsystem abhärte.

Wie auch immer. Niemand fährt LKW, weil es ein besonders attraktiver, besonders lukrativer oder gar die Gesundheit schonender Job sei. Ich denke, viele LKW-Fahrer schätzen eine gewisse Autonomie, die Dynamik kräftiger Motoren und vorbeieilender Landstriche. Vielleicht ist an manchen ein Auto- oder Motorradrennfahrer verloren gegangen. Und um so länger ich meinerseits in meinem „Eiskasten“ die Tour auf den Hochebenen des Außerfern und Lechtals nun fahre, um so stärker erwärme – oder erfrische – ich mich am Anblick im Morgenrot leuchtender Bergkuppen und Felshänge, golden glitzernder Lärchenwälder und silbern blitzender Flussbetten.

Und sogar die Namen der Täler und Berge und bisweilen die Hausnummern schöner Bauernhöfe in den Dörfern graben sich allmählich in mein Gedächtnis ein. Ob ich am Ende auf sprichwörtlichen Umwegen doch noch ein Tiroler Patriot werde? Ich glaube nicht, denn ich liebe die Freiheit, im einfachen Sinne des Wortes, und keine bestimmten soziokulturellen Abmachungen.

So gesehen gibt es dieses „Paralleluniversum“, von dem mein Bekannter schwärmte, also doch. Auch im Nahverkehr. Vielleicht sogar gerade im Nahverkehr?

Gegen Ende meiner Tagestour, ehe ich nach Lermoos unter der Zugspitze Richtung Nassereith wieder ins Inntal abtauche, liegt noch eine Tankstelle, die alle paar Tage die üblichen Eisbecher, Pizzen und Brezeln bekommt. Als ich das erste Mal bei der tüchtigen Betreiberin vorfuhr – fast alle TankstellenbetreiberInnen sind ausgesprochen tüchtige Frauen! –, lud sie mich, nachdem ich ihren Tiefkühlschrank neben dem Büro vollgestopft hatte, auf einen Kaffee ein. Beim nächsten Mal fragte sie mich, ehe sie mir die Münze für die Kaffeemaschine aushändigte, ob ich dieses Mal wohl die „Brezeln“ aus dem Karton genommen hätte, ehe ich sie einräumte? Hatte ich nicht. Also ging ich noch einmal nach hinten, riss die Packungen auf und räumte die Brezeln nochmals ein.

Vorne an der Kassa wartete sie mit der Belohnungs-Münze in der Hand auf mich. Aber ich sagte, ich hätte nun keine Zeit mehr für einen Kaffee und ging. Das dritte Mal dann reichte sie mir die Münze von vornherein hin, und ich ging nach hinten und räumte sorgfältig ihre „Brezeln“ ein, die in gefrorenem Zustand leicht zerbrechlich sind. Eine gute Compliance.

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Christoph Themessl

Christoph Themessl, Dr., geb. 1967 in Innsbruck, ist Schriftsteller, Philosoph und Journalist. Er arbeitete für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften und war mit seiner Firma PR-Zeitungen Themessl als Magazin-Produzent fünfzehn Jahre lang selbständig. Zu seinen Publikationen zählen: „Der Tod kann warten“ (Roman; 1997), „Bewusstsein und Mängelerkenntnis; Philosophische Psychologie für die Praxis“ (studia Verlag, 2013), „Als die Seele denken lernte“ (studia Verlag, 2016) und „Sinn- und Sinnlosigkeit. Die Entscheidung des philosophischen Praktikers“ (LIT Verlag, 2021). Themessl betreibt in Lans eine philosophische Praxis namens „Safe House – das Sorgendepot“.

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