Print Friendly, PDF & Email

Ronald Weinberger
Gefangene raus, Bullen rein!
Erinnerungen an den 18.10.1977!

Genau vor 44 Jahren, am 18. Oktober 1977, nahmen sich in einer spektakulären akkordierten Aktion drei für etliche Morde und zahlreiche Anschläge verurteilte Anführer der ersten Generation der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart, Stammheim, das Leben. Ihre Namen werden vielen der an Lebensjahren reiferen Lesern noch im Gedächtnis sein: Andreas Baader, Gudrun Ensslin und der, laut Wikipedia, 1944 in Seefeld in Tirol (!) geborene Jan-Carl Raspe. Diese Suizide waren eine aufsehenerregende Zäsur, stellten indes noch längst nicht das Ende der verbrecherischen Aktivitäten der RAF-Linksextremisten dar, die erst 1998 ihre Selbstauflösung erklärten.

Die RAF entwuchs der heute als „1968er (Studenten)Protestbewegung“, kurz „die (19)68er“, bekannten Bewegung der Neuen Linken. Linke, denen Toleranz, Rücksichtnahme und Verständnis für anders Denkende und anders Handelnde gänzlich abhandengekommen waren.

Bedauerlich und bemerkenswert zugleich ist die heutige Verharmlosung, ja Romantisierung dieser Zeit und ihrer einschlägigen Akteure. Sie wird nämlich von nicht wenigen Zeitgenossen vor allem als die ach so lockere und lustige („Wer zweimal mit de(r)(m)selben pennt, gehört schon zum Establishment“) antiautoritäre „Hippie-Zeit“ angesehen, also als Ära der – vor allem sexuellen – Freiheiten glorifiziert, welche doch so unendlich viel zur Selbstbestimmung und Gleichberechtigung der Frauen beigetragen haben soll – was sie glücklicherweise zum Teil tatsächlich hat (es war höchste Zeit dafür!). Dass dabei vielerlei an zwischenmenschlich bewährtem, positivem Verhalten zerstört wurde, wird unterschlagen. Eines von vielen Beispielen: Die Worte „bitte“ und „danke“ wurden von den 1968ern als bürgerlich-reaktionär angesehen und folglich weitgehend eliminiert.

Heutzutage nehme ich, ein Augen- und Ohrenzeuge der 1968er, erschreckt und missmutig zur Kenntnis, dass sich Denk- und Verhaltensweisen mehren, die mich an die Vorboten beziehungsweise Anfänge aber auch Merkmale der 1968er-Zeit erinnern: Ich meine die von kleinen, aber sendungsgetriebenen Teilen der Gesellschaft erlassenen sozialen Verbote und Zwänge.

Es werden, wie wir beinahe täglich mitbekommen, zahlreiche Personen zunehmend unter Druck gesetzt und nicht selten sogar entlassen oder dauergemaßregelt, falls sie den diversen Vorgaben der heutigen Linken (genauer Links-Grünen) nicht folgen wollen. Oft reicht bereits ein einzelnes Wort und man ist, besser gesagt „wird“, erledigt. Dass man sich nicht mehr getrauen kann, das von „niger“ (lateinisch: schwarz) herstammende Wort „Neger“ zu sagen oder gar zu schreiben, ohne gerüffelt, ja zuweilen sogar bedroht zu werden, ist das vermutlich beredtste Beispiel dafür.

Insbesondere derlei diverse Zwänge erzürnen mich. Offenbar geht es diesen Nachahmern beziehungsweise Nachfolgern der 1968er-Linkschaoten gegen den Strich, wenn wir unserer anerzogenen oder anderweitig erworbenen Höflichkeit samt Anstand (beides damals als bürgerliche Abartigkeiten verhöhnt), mithin unserem eigenen Ermessen, den Vortritt vor der sogenannten „politischen Korrektheit“, „Gendern“ und Co. Folge leisten wollen. Die Obgenannten wollen uns vorschreiben, ja tun dies bereits mit mehr und mehr Erfolg, wie wir zu sprechen und zu schreiben haben – und ginge es nach den Proponenten dieser Tyrannei, würden sie, falls dies bereits (technisch oder anderweitig) umsetzbar wäre, zweifellos unsere Gedanken, so denen selbst nur ein leichter Hauch von Sexismus, Rassismus, Faschismus etc. anhaftet, aus unseren Gehirnen löschen. George Orwell, schau auffa!

Für ein „Wehret den Anfängen!“ ist es wohl bereits zu spät. Manche, darunter ich – ein Prototyp eines „alten weißen Mannes“ und folglich Feindbild ganzer Kohorten von LinkenInnen – werden sich freilich, solange dies noch möglich ist, nicht den Sprech-, Schreib- und Denkdiktaten der heutigen Linksgrünen beugen – und ich appelliere an SIE, falls Sie dies überhaupt noch wagen, es mir gleichzutun.

Die persönlichen Gründe, weshalb ich trotz medialer Gehirnwäsche ziemlich unbelehrbar in dieser Hinsicht bin, blieb ich Ihnen bisher freilich noch schuldig, werden jetzt aber nachgeliefert. Sie mögen sich dann bei und/oder nach der Lektüre wundern, ärgern, mir beipflichten oder mich, zumindest einigermaßen, verstehen.


Gefangene raus, Bullen rein!

Er will mir nicht aus dem Kopf, dieser Spruch. Dieses aufreizende Wörterquartett. In riesigen Lettern gemalt auf eine Außenwand des Gefängnisses. Eines mitten in der Stadt. Die Buchstaben orangefarben oder in Rot. Oder gelb? Tut nichts zur Sache. Auf jeden Fall weit oberhalb des Straßenniveaus. Schwer erreichbar, weithin lesbar. Monatelang lesbar, mindestens. Sie müssen über Schiebeleitern verfügt haben, die Schmierfinken. Die Provokateure. Die in Massen auftraten. Damals, in den 1970er Jahren. In der heute wieder ausnehmend schönen Stadt. Über der eine prächtige Schlossruine aus der Renaissancezeit thront. Gebaut aus rotem Sandstein. Eine Stadt, die seinerzeit einschüchternd wirkte. Zumindest auf mich.

Obwohl ich bereits Einiges gewohnt war. Aus meiner Studentenzeit in Wien. Ich hatte 1967 dort zu studieren begonnen. Musste leiden in Wien. Kein Wunder, war ja ein behüteter Sohn gewesen. Einer mit liebevollen Eltern. Maturalosen Eltern. Vom Land. Aus Oberösterreich. Sozialdemokratisches Elternhaus. Eines, in dem „gutes Benehmen“ gelehrt wurde. Vorgelebt wurde. Ich sollte, durfte, „was Besseres“ werden. Aber war Wien dafür der rechte Platz?

1968 begannen die Verwerfungen. Kommilitonen, die sich nicht mehr auf Bänke setzten. Auf den Boden hockten. Worte wie „danke“ und „bitte“ verschmähten. Sich möglichst nachlässig, ja schlampig kleideten. Jede freie Wand mit Parolen beschmierten. Mit Flugblättern beklebten. Das Licht im Vorlesungssaal ausknipsten, während der Professor vortrug. Von ihm politische Diskussionen forderten. Unflätig wurden. Abfälle irgendwo hin statt in dafür vorgesehene Behälter warfen. Skandierten, unter den Talaren befände sich der Muff aus tausend Jahren. Militant intolerant waren. Kurz: Chaotentum. Situationen, unter denen ich litt. Ich, nicht gewohnt, gegen Schreier aufzubegehren. Zu schüchtern, um dezidiert Stellung zu nehmen. Zu feig, um gegen den Verfall des guten Benimm anzugehen. Einzig dazu imstande, die Faust in der Tasche zu ballen.

Dennoch: Die Wiener Zustände mit den dortigen 1968ern waren vergleichsweise harmlos. Das erkannte ich, als es mich in eine Stadt am Neckar verschlug. Die mit der prächtigen Schlossruine. Als Jungakademiker. Einer, der während der Woche zu forschen hatte. An Sonntagen hingegen in der Stadt zu flanieren wünschte. Dabei ein wenig besser gekleidet als im Büro. Etwa mit Krawatte. „Guckt mal, ein Verrückter!“. Das war eines der ersten Erlebnisse. Ein Langhaariger hatte es gerufen. Und mit dem Finger auf mich gezeigt. Zustimmendes Gejohle von Gleichgesinnten.

Dies in der Stadt, die u. a. durch das Lied „Ich hab‘ mein Herz in Heidelberg verloren“ bekannt ist. Damals vermochte ich noch nicht zu ahnen: Genau das hielt das Schicksal für mich parat. Ein bis heute andauernder glückhafter „Herzensverlust“. Aber nun zum Heidelberger Straßen-Geschehen. Jenes Mitte der 1970er Jahre. Begleiten Sie mich, im Geiste. Zur Heidelbergs 1,8 km langen „Hauptstraße“. Heutzutage ein malerisches Refugium. Fußgängerzone. Bestens bebummelbar. Romantik pur. Damals Schauplatz zahlloser wilder Protestzüge. An zahlreichen Wochenenden.

Ein nach Tausenden zählender Mob. Jeweils mehrere hundert Polizisten im (fruchtlosen) Einsatz. Zumeist Polizeischüler. Allesamt gehasste „Bullen“. Sie waren Ziel für Brüll- und Spuckattacken. Wurden aufs Übelste beschimpft. Als Büttel der Obrigkeit angeschnauzt. Gegen Imperialismus, Faschismus wurde skandiert. Gegrölt. Ein mobiler Mob, fürwahr: Ausfälle in diese und jene Richtung. Farbbeutelwürfe gegen Läden, gegen Polizisten. Ausleeren von Gefäßen voller Fäkalien auf Polizisten. Aus oberen Stockwerken. Aus Studentenbuden. Und durchgehend zwei Wörter als Charakteristikum: Man verspüre „klammheimliche Freude“ über dies und das. Die „klammheimliche Freude“ wurde auch über Flugblätter verbreitet. Stets freute man sich über ein Einknicken des Staates. Über Desaster bei Autoritäten.

Allgemein: Gebrüll sondergleichen. Gellende „Ho-Tschi-Minh“-Sprechchöre. „Mao-Mao-Mao“-Rufe in Fortissimo. Ähnliches fand gefühlt Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr statt. Die Hauptstraße samt Seitengassen „nachher“: vermüllt.

Apropos Seitengassen: In besonders einer davon gab es muntere Stelldicheins. Jeden Abend. Kiffer und Co. zu Hunderten. Und die Polizei? Nicht präsent. Hatte wohl resigniert. Und ich? Beobachtete mehrere der wüsten Demonstrationen. Hautnah. Direkt hinter der Kette der Polizeischüler stehend. Sah bisweilen Angst in ihren Gesichtern. Immerhin wurden sie auch von hinten bedroht.

Ein Trick der Linkschaoten: Der Haupttross wälzte sich durch die Hauptstraße. „Tüchtige“ Helfer belagerten die Polizisten zudem von hinten. Und ich? Ein einziges Mal begehrte ich auf. Sagte einem Aktivisten neben mir die Meinung. Dessen Reaktion: „Seht alle her, ein Nazi!“ Eilends verdrückte ich mich. Machte mir vorher und danach viele Gedanken. Bildete mir ein Urteil. Über die gelebte Praxis linksextremen Tuns.

Mein anfängliches Interesse mutierte zu Verwunderung. Geriet alsbald zur Ablehnung. Aus Ablehnung wurde exzessive Abneigung. Eine vage Hoffnung entstand trotzdem, denn: Würde dieses Gesindel noch lange dominieren können? Damals meinte ich: allenfalls ein paar Jährchen noch. Maximal. Ich sollte mich gründlich irren. Schließlich konnte mehr als zwei Jahrzehnte später einer von denen sogar den politischen Olymp erklimmen: Einer der Radaubrüder wurde deutscher Außenminister!

Zeitenwechsel, Szenenwechsel: Innsbruck, Universität. Hierher hatte es mich 1977, nach vier Jahren in Heidelberg, verschlagen. Welch‘ Ruhe! Keine enthemmten linken Spinner! Studenten, die studierten anstatt zu randalieren. Keine zerschlagenen Auslagen! Fazit: doch keine zerschlagenen Hoffnungen. Freilich: Von Uni-Politologen und -Soziologen hielt ich mich fern. Instinktiv. Das dürfte mich vor „einschlägigen“ Irritationen bewahrt haben.

Und heute? Als 73-Jähriger beobachte ich die Zunahme von Entwicklungen, die mich teils an jene erinnern, die 1968 ihren Anfang nahmen. „Klammheimliche Freude“ kann ich dabei nicht im Mindesten empfinden.

Etwas Angst durchaus.

Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.


Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen

Ronald Weinberger

Ronald Weinberger, Astronom und Schriftsteller, 1948 im oberösterreichischen Bad Schallerbach geboren, war von 1973 bis 1976 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg. Von 1977 bis zum Pensionsantritt im Dezember 2011 war Weinberger an der Universität Innsbruck am Institut für Astronomie (heute Institut für Astro- und Teilchenphysik) als Fachastronom tätig. Als Schriftsteller verfasst Weinberger humorvolle Kurzgedichte und Aphorismen, aber auch drei Sachbücher hat er in seinem literarischen Gepäck: Sein letztes mit viel Humor und erstaunlichen! Fakten versehenes Buch erschien 2020 unter dem Pseudonym Uri Har und trägt den Titel "Am Pissoir ist Hygiene rar".

Schreibe einen Kommentar