Print Friendly, PDF & Email

Corvus Kowenzl:
Die Präsentistin
Ostalpenländische Universitätssatiren
Folge 4

Folgende bescheidene Zeilen präsentieren einige der markantesten Erinnerungen meines Berufslebens als Lehrer und Forscher an einer Universität mitten in den Ostalpen, im Lande des Grüß Gott. Die meisten dieser Erinnerungen stammen aus meiner Zeit als Leiter eines Instituts, jedoch war diese Position nicht in jedem Fall ausschlaggebend, sondern ganz einfach die Tatsache, dass ich ein Angehöriger der Universität bin.


Man sagt, das Arbeitsgedächtnis selbst von hochintelligenten Menschen kann maximal fünf bis sechs Aufgaben gleichzeitig meistern. Ich weiss nicht, wo sich die Leute umgeschaut haben, die diese Studie machten, bei mir am Institut waren sie mit Sicherheit nicht.

Denn die einzig mögliche Sekretärin schafft locker zehn, elf, vielleicht gar fünfzehn Aufgaben, ich kann es nicht zählen, denn ich bin nur ein ganz normaler Mensch, ein Institutsleiter wie du und ich.

Ich befinde mich im Cc in einem unausgesetzten stream ihrer Emails sonder Zahl; ab und zu muss ich etwas entscheiden, also „ja“ oder „nein“ zurückmailen, oder muh/mäh, und manchmal ist auch eine etwas differenziertere Antwort vonnöten.

Mindestens einmal am Tag besuche ich sie im Sekretariat, um Unterschriften auf Formulare zu leisten und Management-Fragen zu klären und zu scherzen; oder sie kommt zu mir ins Büro, hübsch dekoriert mit Büscheln von Formularen, die alle bis zum letzten zu unterschreiben wären.

Manchmal, wenn ich auswärts bin, arrangiert sie die zu unterschreibenden Formulare geschmackvoll auf meinen großen Konferenztisch; es macht mir immer wieder Freude, bei der Rückkunft in meine heimische Wirkungsstätte sogleich mit einem derartigen administrativen Ikebana begrüßt zu werden. Zwar könnte auch mein Stellvertreter die nötigen Unterschriften leisten, aber der ist irgendwie nicht so nett, ich bin netter!

Von allen Aufgaben, die sie ernst nimmt, hat die Budgetüberwachung einen besonderen Platz. Sie überwacht das Budget als wäre es ihr Privatkonto. Sie streitet mit Lieferanten über Preise, handelt Firmen gnadenlos an den Rand des Bankrotts herunter und verfolgt auch kleinste Unklarheiten mit unerbittlicher Gründlichkeit. Selbst amerikanische Rechtsanwälte fürchten sich vor ihr. Kurzum: sie ist eine hervorragende Mitarbeitern, die fast perfekte Symbiontin für den vielgeplagten Institutsleiter.

Ich sagte ‚fast‘ perfekt, denn sie hat bei all ihren unleugbaren Qualitäten doch eine Eigenheit, die ich ihr niemals austreiben konnte: sie ist eine versteckte Präsentistin. Sie ist der netteste Mensch, solange alle und vor allem ich am Institut bin; aber sie kann recht wunderlich werden, sobald ich nicht anwesend bin.

Nun ist es einmal so, dass mein Job auch Abwesenheiten vom Dienstort mit sich bringt, wie das in unserem Dienstgesetz auch so vorgesehen und möglich ist.

Sonderbarerweise mutieren dann genau während meiner Abwesenheit vom Dienstort viele Anliegen und Vorgänge von der Stufe ‚He Alter, ganz entspannt, kein Stress‘ auf die Stufe ‚Total dringend, jetzt, sofort!‘

Die verzerrt ausgelegte Wahrnehmung eines Anliegens oder Vorganges als total dringend berechtigt sie, mich am Handy anzurufen, wo immer ich gerade bin. Das sieht etwa so aus: ich stehe auf einer höllisch steilen Wiese, weil dort zwischen den Grassoden ein interessantes Gestein hervorlugt.

Mehr mit Festhalten als mit etwas anderem beschäftigt, höre ich in der Deckeltasche des Rucksacks das Handy näseln. Ich ignoriere es. Kurz darauf wieder. Ich ignoriere es. Kurz darauf wieder. Zweifel machen sich in mir breit. Vielleicht ist es doch was wirklich wichtiges, oder was wirklich dringendes, oder sogar beides. Und dann wieder das Handy. Ich gebe auf.

In einem kombinierten Festkrall- und Balance-Akt schaffe ich es, den Rucksack runterzunehmen und das Handy irgendwie aus der Deckeltasche heraus zu nesteln, wobei sich gleichzeitig eine Rolle Hansaplast und mein Autoschlüssel mit weiten, lustigen Sprüngen in den Abgrund verabschieden.

Es ist die einzig mögliche Sekretärin:
„Hallo, du, da ist ein Student, der hat dich überall gesucht.“
„Äh, ja, was will er?“, ich. Ich spüre, wie die einzige Grassode unter meinem rechten Fuss, die meinen Absturz noch verhindern kann, langsam nachgibt.
„Er möchte für nächste Woche einen Termin mit dir ausmachen.“
„Waaas? Und deswegen rufst du mich an? Der soll mir eine Email schreiben (die Grassode gibt immer mehr nach) und die Sache hat sich erledigt. Und außerdem habe ich dir schon hundertmal gesagt (die Grassode kann die Belastung einfach nicht mehr halten), dass du mich nur dann anrufen . . . .nein. . . .Hilfe. . . . .aaaaaaahhh!“

. . . nur langsam bekomme ich meinen Blick klar. Kaltes weißes Krankenhauslicht strahlt auf mich herab. Ich kann mich kaum bewegen, alles tut weh. Ich höre Stimmen:
„Jetzt, jetzt ist er aufgewacht, endlich!“

In mein Gesichtsfeld tritt sie, die einzig Mögliche:
„Na du machst aber auch Sachen. Du schau, dass du schnell wieder auf die Beine kommst, ich hätte was zum Unterschreiben.“

Das muss die Hölle sein!

Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.


Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen

Corvus Kowenzl

Corvus Kowenzl ist Universitätsprofessor an einer österreichischen Universität und benützt, um weiterhin ungestört seiner Lehr- und Forschungstätigkeit nachgehen zu können, als Autor und Erforscher des universitären Biotops ein Pseudonym.

Schreibe einen Kommentar