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Corvus Kowenzl
Die Allmächtige
Ostalpenländische Universitätssatiren
Folge 14

Folgende bescheidene Zeilen präsentieren einige der markantesten Erinnerungen meines Berufslebens als Lehrer und Forscher an einer Universität mitten in den Ostalpen, im Lande des Grüß Gott. Die meisten dieser Erinnerungen stammen aus meiner Zeit als Leiter eines Instituts, jedoch war diese Position nicht in jedem Fall ausschlaggebend, sondern ganz einfach die Tatsache, dass ich ein Angehöriger der Universität bin.


In der offiziellen, gleichsam nach außen gezeigten Hierarchie der Universität stehen Dekane und Vizerektoren in der oberen Riege, und ganz oben steht der Rektor. Er ist, etwas salopp doch allgemeinverständlich gesagt, der Chef einer ganzen Uni. So weit, so gut und bekannt. Doch dahinter steht eine Struktur, die das letzte Wort in allen Dingen hat: die Sicherheitsabteilung.

Ist Ihnen eigentlich schon mal aufgefallen, dass die geheimnisvollsten und mächtigsten Institutionen fast alle das Wort ‚Sicherheit‘ im Titel führen? Das ist kein Zufall. Denn Sicherheit ist ein Positivwert, in dessen Namen sich alles rechtfertigen lässt, selbst die Preisgabe politischer Freiheit. Frei nach Dostojewski.

Doch ich will hier keine tiefschürfenden Betrachtungen über das stets gespannte Verhältnis von Freiheit und Sicherheit anstellen, sondern mich auf die Universität beschränken, jenen trotz aller gegenteiligen Bemühungen für Außenstehende dennoch stets geheimnisvollen gesellschaftlichen Kleinkosmos.

Nachdem die Universität juristisch vorweg zu so etwas wie einem Unternehmen gemacht worden war, konnte man die volle Wucht der Sicherheitsvorschriften, wie sie auch in der Wirtschaft gelten, auf die Uni niederprasseln lassen.

Auf einer mittleren Universität, die aus etwas mehr als nur einem Institut für Trachtenmoden besteht, bedeutet das, dass zahllose Labors und sonstige Arbeitsräume diesen Vorschriften anzupassen sind. Bei nachgewiesenem Verstoß oder im Falle eines Unfalls drohen dann langwierige und vor allem horrend teure Gerichtsverfahren, die man sich fast 1:1 vom Großen Bruder abgeschaut hatte.

Die Schuldfrage wurde omnipräsent in den Gemütern, und es soll Laborleiter geben, die ohne Rechtsanwalt ihre Räumlichkeiten gar nicht mehr betreten. Damit begann der kometenhafte Machtzuwachs der Sicherheitsabteilung. Von allen Argumenten, die man zur Rechtfertigung irgendeiner Maßnahme oder Investition vorbringen kann, ist das der Sicherheit stets das ultimative: hier zerschellt jeglicher Widerstand.

Die Besuche der Sicherheitsabteilung teilen gewisse ihrer Wesenszüge mit der Inquisition. Bereits im Vorfeld wird verbreitet, dass bald eine Inspektion kommen wird.

Was wird inspiziert werden? Na, so genau weiss ich das auch nicht, ich habe nur gehört, dass inspiziert wird. Wann kommen sie? Das weiss ich auch nicht so recht, vermutlich recht bald, in den nächsten Tagen oder Wochen.

Es gehört zur Strategie der Sicherheitsabteilung, dass diese gerüchteweise gestreuten Begehungen dann oftmals doch nicht stattfinden. Wenn sie dann aber doch kommen, dann völlig unangekündigt. Das schafft ein Gefühl des permanenten Überwachtseins.

So geschieht es dem Institutsleiter, dass er gerade zu einer Vorlesung geht, da wird er von einem Mitarbeiter am Gang abgefangen:
„Hee, hast scho ghört, die Sicherheitsleut sind da!“ Es klingt wie die Ankündigung der bevorstehenden Verhaftung.
„Wo?“, frage ich zurück.
„Na unten, in den Labors, ich weiß aber nicht, was sie vorhaben!“
„Mist. Ich muss genau jetzt in die Vorlesung, mir sind die Hände gebunden. Geh doch du mit denen mit und hör genau zu, was die wollen. Erstatte mir genau Bericht.“
„OK, mach ich“.

In der Vorlesung bin ich zerstreut und verliere immer wieder den Faden. Vor meinem geistigen Auge steht der Chef der Sicherheitsabteilung nun in irgendeinem unserer Labors und wettert lautstark über all die Missstände, die seinem geübten Auge sofort sichtbar werden; hinter ihm stehen bullige Kerle in Lederjacken, die nur auf die Rückkehr des Institutsleiters warten, um ihn unverzüglich in Gewahrsam zu nehmen und zu verhören. Das Institut wird bis auf weiteres geschlossen wegen unzumutbarer Gefährdungen am Arbeitsplatz. Die Sicherheit, Sie verstehen. Gleich nach der Vorlesung werde ich meine Frau anrufen und sie bitten, mir das Zahnbürstl vorbeizubringen.

Als ich nach der Vorlesung aufs Institut eile, habe ich mich bereits meinem Schicksal ergeben. Im Labortrakt treffe ich auf sie. Es ist, wie ich vermutet habe: der Sicherheitschef steht in der Mitte, um ihn herum seine Schergen, dahinter ducken sich verängstigte Laborantinnen.
„Ah, da sind sie ja“, so der Sicherheitschef freundlich zu mir, und fährt fort:
„Wir haben uns bei ihnen ein wenig umgesehen. Insgesamt passt soweit alles, nur ein paar Sachen müssten halt neu angeschafft oder umgebaut werden, wegen der neuen Sicherheitsvorschriften.“
„Aha. Und was wäre das?“ frage ich fühllos und automatisch zurück.
„Ich hab’s inzwischen ihren Mitarbeiterinnen gesagt, sie haben die Liste“, antwortet er. Die Laborantinnen nicken stumm und schauen zu mir. Er redet ruhig, fast leise.

Jetzt wird mir klar, dass er es nicht nötig hat, hier wie Hulk herumzupöbeln, denn er weiß um die Macht, die er verkörpert und die hinter ihm steht. Auch seine Schergen, pardon, Arbeitskollegen wirken recht zivil. Vielleicht geht ja noch einmal alles gut. Hoffnung beginnt zu keimen.

Wir stehen eine Weile rum und plaudern. Fast wird er einem sympathisch, der Sicherheitschef und seine Jungs. Ja, er hat Verständnis, aber Sicherheit geht eben doch vor, das müssen wir verstehen, sicher ist sicher, wir verstehen. Am Ende trennt man sich in bestem Einvernehmen und mit noch besseren Vorsätzen. Sie sind weg. Uff!

Nun tritt eine der Laborantinnen an mich heran.
„Also, das wäre die Liste.“
Mir verschlägt es den Atem. Ich protestiere:
„Aber da sind doch Geräte drauf, die voriges Jahr noch als sicherheitstechnisch tadellos durchgingen.“
„Ja, schon, aber inzwischen hat es eine Änderung in den Sicherheitsvorschriften gegeben, sodass diese Geräte nun nicht mehr sicherheitskonform sind.“
Mir beginnt was zu dämmern. Ich peile schräg die Liste an und schätze: Die nötigen Neuanschaffungen verschlingen vermutlich drei Jahresbudgets unseres Instituts. Wir werden die Folgen dieser Visitation noch lange spüren. . .

Ein anderes reiches Betätigungsfeld findet das legistisch durchtränkte moderne Sicherheitsempfinden bei den Studierenden.

Zwar hört man heute oft von irgendwelchen Rednerpulten die Phrase von größerer Eigenverantwortung; doch damit soll nur – „Du bist an allem selber schuld, lass uns in Ruhe, und verlang‘ ja kein Geld von uns“ – gemeint sein. Wo es im Gegensatz dazu opportun erscheint, Schutz einzufordern, da wird dies mit aller menschlich denkbaren Findigkeit getan, solange man nicht selbst in der Rolle des verantwortlichen Protektors steckt.

Im vorliegenden Fall also die Sicherheit der Studierenden. Beispiel Laborbenützung. Die Haftungsfragen scheinen inzwischen so komplex zu sein, dass es gleich mehrere Laboreinschulungen mit erbrachter Unterschrift braucht, um rechtlich halbwegs sicher zu sein.

Es soll inzwischen Anwaltsbüros geben, die nur noch auf bestimmte Labors spezialisiert sind. Zwar sollte einem der simple Hausverstand sagen, dass man in einem Labor, das man nicht kennt, grundsätzlich erstmal nichts berührt, nichts verstellt, nichts verschiebt, nichts öffnet, nichts drückt, etc. – aber Sie wissen ja, wie das mit dem Hausverstand manchmal so ist, und also ist es besser, wenn man das den Studenten vorher genau erklärt, mit Unterschrift eines jeden und einer jeden einzelnen, dass sie es gehört haben; zumindest gehört!

Das Verstehen kann zum Glück noch nicht rechtlich einwandfrei eingefordert und somit zum Gegenstand langwieriger Gerichtsverfahren werden. . . . . . ja aber hallo, da hab ich mich aber wieder mal getäuscht! Selbstverständlich kann das Verstehen zum gerichtlichen Gegenstand gemacht werden! Wo leben Sie denn?

Die entscheidende Frage ist doch: inwieweit hat die Person, die die Laborunterweisung durchführte, Sorge getragen, dass alle Unterwiesenen diese auch verstanden haben? Na klar! Das ist die Krux an der Sache.

Stellen Sie sich einmal vor: irgendein durchgeknallter Hochenergie-Physiker erklärt mit flapsigen Worten schnell die Bedienung eines Labors, in dem ständig irgendwelche Teilchen mit 150 Tera-Giga-Megavolt durch die Gegend sausen, und wenn man was falsch macht, dann ist man eh gleich verzischt, man muss nicht lange leiden; oder ein Chemiker, der halblaut gelangweilt in sich hinein nuschelnd ein Labor erklärt, in dem hyperultragiftige Substanzen auftreten, bei denen einmal kurz hinschauen ausreicht, um auf der Stelle tot umzufallen; und dann reichen solche Typen Einverständnisverklärungen herum und nötigen zutiefst verunsicherte, obrigkeitsgläubige junge Ostälpler und Ostälplerinnen dazu, Unterschriften zu leisten, deren Folgen diese unschuldigen Geschöpfe ja nicht einmal erahnen können! Eine Zumutung!

Ergo: die Labor-Unterweisung muss auch abgeprüft werden, um nachweislich sicherzustellen, dass alle Teilnehmenden diese auch hinreichend verstanden haben.
„Wenn ich die Paranoia-Tronen Blende am initialen Auslass der Hochenergie-Ultra-Hyper-Tesla-Magnetschleife – kurz: HUHT – von 1.5 Mikron Weite auf 2 Mikron weite, was passiert dann?“
Antwort: „Das ist tödlich!“
„Können sie das präzisieren?“
Antwort: „Also vermutlich geht nicht nur die Person, die diesen Fehler begeht, sondern mindestens die halbe Stadt in einer Antimaterie-Neutralisation verloren.“
„Korrekt, har har!“
Die Variante für Chemiker:
„Was tun sie, wenn ihnen 0.001 Pico-Atto-Gramm dieser Substanz entweichen?“
Antwort: „Nichts mehr, weil ich schon tot bin, bevor ich das überhaupt feststellen konnte.“
„Danke sehr, passt. . . und jetzt, bitte sehr, Ihre Unterschriften!“

Doch im Grunde genommen sind selbst jene wenigen Labors, in denen Fehler wirklich gefährlich sein können, noch harmlos gegen jene vielfältigen Gefahren und Fallen, die wie böse Giftspinnen im Dunkel der unauslotbaren Tiefen der menschlichen Psyche lauern.

Um sicherzugehen, dass alle TeilnehmerInnen an einer Lehrveranstaltung stets maximal unirritiert und maximal glücklich sind, sollte der/die umsichtige und empathische LehrveranstaltungsleiterIn stets rechtzeitig auf mögliche Bedrohungen des seelischen Wohlbefindens hinweisen.

Nehmen wir ein einfaches Seminar mit dem Titel „Die Ideologien des 20. Jahrhunderts“. Nichts großes, so was für Anfänger zum Beispiel der Politikwissenschaften, Soziologie und Gegenwartsgeschichte.

Man geht also rein, gibt Literatur zu den verschiedenen Ideologien aus und diskutiert diese eine Woche später fröhlich – denn die Wissenschaft sollte bekanntlich so sein, fröhlich, meine ich . . . und Sie glauben, liebe Leserin (ich habe gerade keine Lust zum Gendern), Sie glauben, damit ist es getan? Weit gefehlt.

Außenstehende haben im allgemeinen keine Vorstellung davon, welche seelischen Verheerungen durch solche Diskussionen angerichtet werden können. Schauen wir genauer hin, was sehen wir?

Da trifft zum Beispiel ein strebsamer junger Mann, der im höchsten Wohlstand und fest im Glauben aufwuchs, dass der Markt alles reguliert (hat Papi immer so gesagt, und er studiert nur deswegen Soziologie und nicht Betriebswirtschaft, um dem Firmenchef und Über-Papi eins auszuwischen), auf eine rasta-lockige Grün-Alternative, die doch glatt fordert, dass alle Leute in Zukunft auf dem Bauernhof leben sollen, und dass man am besten sofort große Umsiedlungsprogramme starten soll; daneben sitzt ein unauffälliger junger Mann, der besonders gutes Deutsch spricht (seine Eltern waren Zuwanderer), und der sowohl dem Markt-Anbeter als auch der Bauernhof-Rasta nur sehr zum Teil beistimmt; gegenüber sitzt eine leicht auf fashy gestylte Studentin mit etwas schmalen Lippen, die meint, die Leute sollten bittesehr doch gefälligst arbeiten bittesehr anstatt nur rumzuhängen bittesehr – – – und so weiter und so weiter, pures Meinungschaos, zutiefst desorientierend, zutiefst verunsichernd, ein ideologisches Sodom und Gomorrha.

Wie sollen bei einer solch systematischen Verwirrung denn wertefeste junge Konsumenten rauskommen, das Futter für die Arbeitswelt der Zukunft? Und so was wird auch noch staatlich gefördert? Ein Idealist könnte vielleicht einwenden, dass angehende Politikwissenschaftler oder Soziologen den kritischen, diskursiven Umgang mit anderen Meinungen oder Ideologien doch lernen . . . sollten. . . vielleicht. . . okay, ich bin ja schon still, ich hab ja nur gemeint.

Was tut also der/die geplagte LehrveranstaltungsleiterIn, um eventuellen gerichtlichen Klagen wegen böswilliger Auslösung seelischer Traumata vorzubeugen? Richtig, man gibt ein warning oder auch ein trigger warning aus.

Somit liest sich die erste Folie der Seminarunterlagen so:

„Diese Unterlagen sind nur für den privaten, persönlichen Lehrgebrauch bestimmt und dürfen Dritten in keiner Form (elektronisch oder als hardcopy) zugänglich gemacht werden. Im Verlaufe des folgend genannten Seminars „Ideologien des 20. Jahrhunderts, LV-Nr. 561266, SE3 (WS, 2 ECTS)“ werden Sie möglicherweise mit Meinungen konfrontiert, die nicht den Ihren entsprechen. Für aus im genannten Seminar geführten Diskussionen, Diskursen und Debatten sich eventuell ergebende psychische Beeinträchtigungen und direkte und indirekte Folgekosten, die dadurch ausgelöst werden bzw. auftreten könnten, übernimmt weder die Universität als Rechtskörperschaft noch der gegenständliche, oben genannte Lehrveranstaltungsleiter weder als Privat- noch als Amtsperson die Verantwortung. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.“

Was für ein anheimelnder Einstieg. Aber rechtlich sicher. Oder sagen wir: wenigstens relativ sicher.

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Corvus Kowenzl

Corvus Kowenzl ist Universitätsprofessor an einer österreichischen Universität und benützt, um weiterhin ungestört seiner Lehr- und Forschungstätigkeit nachgehen zu können, als Autor und Erforscher des universitären Biotops ein Pseudonym.

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