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Andreas Raffeiner
Brief aus Bozen
Weihnachtsmarktbegutachtung

Nachdem der Bozner Christkindlmarkt seine Tore geschlossen hat und die letzten Krippen sowie Christbäume aus Kirchen und Häusern verbannt wurden, zeigen sich die Kaufleute und Gastronomen mit dem Weihnachtsgeschäft zufrieden. 

Der Christkindlmarkt 2023 in der Südtiroler Landeshauptstadt war anscheinend so anziehend, dass sogar Gäste aus England, Japan und Südkorea vorbeischauten – vermutlich auf der Suche nach dem für sie exotisch anmutenden Glühwein mit Dolce-Gusto-Aroma.

Die Umsatzzahlen von annähernd 50 Millionen Euro lassen für den Außenstehenden vermuten, dass nicht nur die Lichterketten, sondern auch die Kassen ordentlich geklingelt haben. Dessen ungeachtet muss man sich eine Frage stellen: Ist der Weihnachtsmarkt wirklich der beste Ort für besinnliche Momente, oder sollten wir stattdessen einen gemütlichen Spaziergang in Erwägung ziehen? 

Denn Reizüberflutung scheint hier das wild um sich schlagende Motto zu sein – vom größten Tannenbaum bis zur längsten Glühwein-Theke, eine Sinnes-Achterbahn im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Ohren müssen sich einem akustischen Angriff von rhythmischen Weihnachtsschlagern stellen, der selbst das stärkste Gesprächsbedürfnis im Keim ersticken lässt. Da bleibt wohl dem besinnlichen Marktbesucher nur die Flucht in die Stille, die er in einer nahegelegenen Kirche finden kann: der einzige Ort, an dem man den Glühweinduft vielleicht etwas gedämpfter erleben kann.

Apropos Gerüche: Zwischen Glühwein, Mandeln und Wurst-Dunst wird selbst dem robustesten Magen mulmig. Da erinnert man sich sehnsüchtig an den Duft von selbstgebackenen Keksen: einfach himmlisch im Vergleich zu Kanister-Glühwein und Fertigteig-Spezialitäten.

Und schließlich die Hektik und das Gedränge auf dem Weihnachtsmarkt – ein Paradies für Adrenalinjunkies, aber wohl weniger für Anhänger von Stille und Einkehr. 

Zugegeben, ich gehöre zur zweiten Kategorie. Gegenseitige Zuwendung scheint auf dem Weihnachtsmarkt genauso entbehrlich wie eine ruhige Minute. Vielleicht sollten wir uns bei einem Eltern-Kind-Vorlese-Abend oder einer gemütlichen Advents-Kaffeetafel auf das Wesentliche besinnen, ohne dass uns jemand mit einem leuchtenden Adventskranz oder der Fressbuden-Meile ablenkt.

Oder anders gesagt: Vielleicht kann man auch einmal bei einem der vielen karitativen Märkte, die mit ihrer Ruhe und Einfachheit punkten und gleichzeitig unsere Sinne schonen, auftauchen. 

Diese Aussage könnte  als Vorsatz für das noch junge Jahr angesehen werden, vorausgesetzt, Sie, verehrte Leserinnen und Leser, haben nicht längst alle Vorsätze aufgrund ihrer Unerfüllbarkeit über Bord geworfen.

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Andreas Raffeiner

1979 in Bozen geboren und dort wohnhaft, gelernter Buchbinder, Historiker, freiberuflicher Redakteur, Autor zu historischen, juristischen und politischen Themen.

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