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Regina Hilber
Jerks Jerks Jerks
Das Suchtpotential der TV-Serien

An schwunglosen Samstag-Nachmittagen oder verregneten Sonntagen empfiehlt sich die britische Serie The Crown rund um die spröde Königsfamilie. Anders als in der verkitscht, verblödeten Unglücksserie The Royals, wird hier auf ein solides, episch erzähltes Biopic gesetzt. Lassen wir uns etwa in Staffel 4 in die Thatcher-Regierungszeit zurückversetzen und an den Buckingham Palast-Eindringer Fagan erinnern, der sich früh morgens unbemerkt an das Bett der Queen setzte (fact), während sämtliche Sicherheitsmechanismen ausgefallen waren.

Mit der allzu üblichen Exzentriker-Biographie wartet die jüngst abgedrehte Mini-Serie Halston auf. Sensationell gespielt von Ewan McGregor in der Hauptrolle des amerikanischen Designers Roy Halston Frowick. Mit dieser schauspielerischen Gesamtleistung hat sich McGregor den Stern des Sterns aller Hauptdarstellerdarbietungen in TV-Serien ever verdient. Halston ist ein bildgewaltiges Hochglanzbiopic mit fehlenden überraschenden Wendungen, aber umso ästhetischeren Ansprüchen. Mode- und Detailverliebte kommen voll auf ihre Rechnung. Das Drama erinnert uns als Nebenstrang an die wilden 80er in New York City, als AIDS eine ganze Kunst- und Kulturelite dahinraffte.

Zeitgenössischer geht es in We are who we are zu, einer Coming of Age-Serie, die mit einem unüblichen Setting aufwarten darf: Fraser (queer) und Caitlin (transgender) gehen als adoleszente Protagonisten innerhalb der US-amerikanischen Militärbasis im italienischen Chioggia durch alle Tiefen und ein paar wenige Höhen. Stichwort: divers, binär, queer. Erinnert in seiner Langsamkeit stark an Paolo Sorrentinos Werke. Kein Wunder, Luca Guadagnino und Paolo Giordano zeigen sich für das Drehbuch verantwortlich. Weniger Echtzeitszenen hätten diesem zeitaktuellen Sozialdrama gut getan, das an Klischees einfach nichts ausgelassen hat: Frasers lesbische Eltern sind als Colonel bzw. Major zum US-Militärstützpunkt Chioggia beordert worden, seine zarten Bande zu Caitlin werden durch ihr Coming Out dominiert und der sympathische Soldat innerhalb der hermetischen, rauen Militärwelt ist homosexuell. Mehr Gender-Identitäten wären gar nicht möglich gewesen. Trotzdem interessant, weil topaktuell. Gadget: Dass Klaus Nomis Songs hier zu unserem Ohr finden dürfen ist einfach nur fantastisch!

Einen historischen Schritt zurück, aber nicht weniger sozialkritisch, bietet die Dramaserie Z: The Beginning of Everything Einblicke in eine Künstlerehe Anfang des 20. Jahrhunderts. Z. steht hier für Zelga, F. Scott Fitzgeralds Ehefrau. Wer die Zeitreise noch weiter hinten ansetzen möchte, kann sich mit Da Vinci´s Demons geschichtlich auf Vordermann bringen lassen und gleichzeitig für die nächste Gesellschaftsspielsession gut gerüstet sein mit Spezialwissen.

Ähnlich ungewöhnlichen Input bietet Das Damengambit. Die Kritiken zur 1. Staffel der Serie waren durchgängig hervorragend. Hier wird der Werdegang der fiktiven amerikanischen Schachweltmeisterin Beth Harmon aufgerollt, während in einem Parallelstrang ihre traumatische Kindheit in einem Waisenhaus erzählt wird. Für meinen Geschmack leider typisch amerikanisch totinszeniert: Zu viel Maske, zu viel Kostüm, zu viel Ausstattung. Am selben Problem krankt die Serie Ratched , das Prequel zum Film Einer flog über das Kuckucksnest. Nichts für schwache Nerven, oder wenn man etwa gerade an der Corona-Isolation leidet. Beide Serien warten mit einer soliden Dramaturgie auf, die null Raum lässt für Wendungen und Brüche. Alles ist vorhersehbar, das Setting mit peinlich genauer Ausstattung Programm. Würde man als Kinofilm glatt vernichten, als Serie aber funktioniert es eher, aber eben nur eher. Schade, denn mit einem weit weniger konformistischen, klassischen, chronologisch abgespulten Drehbuch hätten beide Serien enormes Potenzial gehabt, und damit für Authentizität, wie unter die Haut gehenden Grusel gesorgt. So aber bleibt nur die grüne Serviette in Erinnerung, die auf einem grünen Tischchen, passend zur grasgrünen Tapete im Hintergrund, bildmächtig inszeniert wurde. Ein echter Jammer, die Stories hätten unglaubliches Potential geboten! Als Schriftstellerin und Cineastin verdrücke ich hier eine Träne für nicht ausgeschöpftes Potential.

Am Ende der heutigen Serienempfehlungen bleiben noch die österreichische Produktion M – Eine Stadt sucht einen Mörder sowie die französische Erfolgsserie Call my Agent mit der Staffel 4. Wer hätte gedacht, dass es doch möglich ist, hierzulande eine Top-Serie abzudrehen! Selbstverständlich österreichelt es gewaltig in jeder Spielminute, aber wie es das tut, ist zeitgemäß, ohne Klamauk (selten genug in österr. Filmen und Serien), dramatisch und schonungslos. Hat mich überrascht und überzeugen können. Dennoch, die Hoffnung stirbt zuletzt – ich setze auf die eine und erste heimische Serie, die ganz ohne jene österr. Verschrobenheiten auskommt. Umso feel good-mäßiger zeigt sich die vierte Staffel von Call My Agent rund um die strauchelnde Pariser Schauspielagentur. Leider nicht mehr so spritzig wie die ersten beiden Staffeln, aber für das Croissant zum Café au lait am Nachmittag reicht es immer noch.

Und jetzt hätte ich beinahe vergessen, dass Jerks die beste deutsche sozialkritische Serie überhaupt ist. Ansehen und urteilen müsst Ihr aber selbst, denn keine andere Serie hält uns auf so geniale wie schmerzhafte Weise den Spiegel vor die Nase: Wir sind alle, ohne Ausnahmen, selbstgefällige Arschlöcher. Autsch! Bleibt nur noch zu sagen: ja, unsere (hier die Berliner Hipster-)Gesellschaft ist verlogen, dreckig, ultra bieder und ultra spießig. Not to miss it!

So long!

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Regina Hilber

Regina HIilber, geb. 1970, lebt als freie Autorin in Wien, schreibt Essays, Erzählungen sowie Lyrik. Sie ist auch als Publizistin und Herausgeberin tätig. Zuletzt erschienen ihre gesellschaftskritischen Essays in Lettre International, Literatur und Kritik und in der Zwischenwelt. Ihre Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet, ihre lyrischen Zyklen in mehrere Sprachen übersetzt. Zahlreiche Einladungen zu internationalen Poesiefestivals und geladenen Schreibaufenthalten in ganz Europa. 2017 war sie Burgschreiberin in Beeskow/Brandenburg. Buchpublikationen zuletzt: Palas (Edition Art Science, 2018) und Landaufnahmen (Limbus Verlag, 2016). 2018 gab sie die zweisprachige Anthologie Armenische Lyrik der Gegenwart — Von Jerewan nach Tsaghkadzor (Edition Art Science) heraus.

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