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Andreas Niedermann
Muss wirklich gesagt sein,
was einmal gesagt werden muss?
Eine Protestrede gegen mich selber

Sehr verehrte Damen und Herren,

Was einmal gesagt sein muss, muss einmal gesagt werden. So sagt man.
Aber warum eigentlich?

Warum soll das, was bislang nicht gesagt wurde, auf einmal gesagt werden? Wo war denn jenes Besagte, das einmal gesagt werden musste, bisher? Wo hat es sich herumgetrieben? Hat es sich gar versteckt? Wollte es zuwarten, bis eine bestimmte Konstellation eintrifft, dass – im Wortsinne – die Sterne günstig standen, um ans Licht zu treten?

Sammelte es sich? Wartete es noch auf Zulauf von anderen Dingen, die auch einmal gesagt werden mussten? Fühlte es sich allein? War es schwach? Kränklich? Oder feige? War es seiner nicht sicher? Waren die Erwartungen zu hoch? Zweifelte es?

Musste denn das, was einmal gesagt werden muss, auch wirklich gesagt werden? Und wenn es denn endlich gesagt ist, was wäre dann gesagt?

Oder anders formuliert: Was würde sich ändern?

Muss sich denn etwas ändern? Konnte das, was einmal gesagt werden musste, nicht einfach so gesagt werden, gewissermaßen absichtslos, als – sagen wir – normale Freundlichkeit unter Zivilisierten?

Und wer sagt, dass sich etwas ändern muss? Warum kann es nicht einfach so weiterlaufen wie bisher? Nicht perfekt, diese Welt, aber sie funktioniert doch, oder?

Und wenn das, was einmal gesagt sein muss, nicht gesagt würde, was wäre dann?
Wäre es so wie jetzt, wo Sie sich, verehrte Zuhörer/Innen, gerade dieses Gedankenkonglomerat anhören oder wäre es doch ganz anders. Und wenn es anders wäre, wie wäre es dann?

Und wenn Sie, anstatt sich diese Worte anzuhören, einfach weitergingen, und das, was einmal gesagt werden muss, ungehört in der Gasse verhallen würde, wäre es dann trotzdem gesagt? Gilt das Gesagte auch, wenn es kein Ohr findet, in das es fallen kann?

Die Ankündigung, dass nun endlich einmal gesagt werde, was vielleicht schon lange gesagt werden müsste, weckt Erwartungen. Die Zuhörer/innen stellen sich auf Schwerwiegendes ein. Vielleicht gar Ungeheuerliches. Auf eine bislang verborgene Wahrheit. Eine hässliche Wahrheit vielleicht, eine, die sich nun, jedwelchen Kostüms beraubt, nackt und unappetitlich präsentiert.

Wie beim Striptease der Kabarettistin Christine Prayon, die sich zu Sinatras Song „I did it my way“ auszieht oder besser gesagt, sich von einem äußerst erotischen und verwirrend androgynen Wesen in etwas ganz anderes verwandelt. Abgeschminkt und entblättert, bis hin zum Glasauge, das sie herausnimmt und einem Zuschauer zuwirft, um darauf, am Ende des Songs, als gebeugtes, einäugiges Wesen mit roter Clownsnase, Haarnetz und Antidesign-Unterwäsche dazustehen, hässlich, mitleiderregend, frierend. Zum Erbarmen!
Oder zum Fürchten.

So oder ähnlich könnte man sich die Wahrheit vorstellen. Aber muss es denn, wenn etwas einmal gesagt werden muss, gleich die Wahrheit sein?

Gibt es keine Lügen, die auch einmal gesagt werden müssen? Aber was noch wichtiger ist: kann die Wahrheit überhaupt gesagt werden? Und wenn man diese Frage verneint – was nicht wenige, aus unterschiedlichen Gründen, tun – was wäre es dann, was endlich einmal gesagt werden muss?

Müssen Tabus gebrochen werden?
Noch mehr Tabus!
Bis alle Tabus enttabuisiert sind. Bis auf das Tabu, dass es keine Tabus mehr geben darf.

Keine Toleranz den Intoleranten! Nichts als Hass dem Hass!
Inwiefern unterscheidet sich das, was endlich einmal gesagt werden muss von: „Man wird doch wohl noch sagen dürfen.“ Muss endlich einmal gesagt werden, dass „man doch wohl noch sagen dürfen darf“?

„Man wird doch wohl noch sagen dürfen“ ist die im steifen Political-Correctness-Wind knatternde Fahne der Denkverweigerer. Die Standarte der selbsternannten und selbstmitleidigen Opfer von „PC“.

Aber was heißt hier Opfer?
Wer, frage ich, ist denn keines? Ist die Welt nicht bevölkert mit 7 Milliarden Opfern? Und sind nicht die erbarmungswürdigsten Opfer unter uns – die Täter?

Denn wir nötigen sie doch mit der Schuld, die sie auf sich geladen haben, zu leben. Und warum, fragen sie anklagend, habt ihr uns nicht daran gehindert Täter zu werden? Was kann ein Täter dafür, dass er ein Täter ist? Nichts.

Denn der Täter ist ein Opfer. Und sein Opfer ist der eigentliche Täter, weil es durch sein Opfersein den Täter zum Täter macht, was diesen, wie wir nun wissen, zum wirklichen Opfer punziert.

Es gibt politische Parteien, die diese obskure Dialektik zu ihrem Parteiprogramm erkoren haben.
Aber dies nur nebenbei.

Musste dies, werte Zuhörer/Innen, einmal gesagt sein? Hätte ich es mir nicht verkneifen sollen, um stattdessen über Dinge zu reden, von denen ich etwas verstehe?

Wäre in dieser herzzerreißenden Welt nicht ein Protest angebracht? Was spräche gegen einen Protest gegen etwas, von dem ich viel verstehe? Wie wäre es, mit einem Protest gegen mich selber? Warum denn nicht! Müssten wir nicht in Permanenz gegen uns selber protestieren? Gegen die Zumutung, wir selber sein zu müssen?

Jawohl, sage ich! Ich protestiere gegen die Zumutung ich selber sein zu müssen. Ich protestiere auch gegen meinen Bewegungsdrang, der mich nicht nach dem Pascalschen Motto leben lässt: „Dass des Menschen Leid daher rührt, dass er nicht ruhig in seinem Zimmer sitzen kann.“

Ich erhebe meine Stimme gegen meinen Idealismus und meine indifferente Haltung dem Geld gegenüber, die es mir schwer macht, ein akzeptables Einkommen zu erwirtschaften und dem Staat – zum Wohle aller – Steuern zu zahlen.

Ich protestiere gegen mein Desinteresse an Konsumgütern aller Art. Ich gefährde damit Arbeitsplätze. Auch protestiere ich dagegen, dass ich Fußgänger bin und kein Auto besitze. Ich mache mich damit schuldig an den Werksschließungen in der Autoindustrie.

Ich erhebe meine Stimme gegen meine Entscheidung Nichtraucher zu werden. Denke ich denn nicht an die Tabaksteuern, die dem Staat und somit der Allgemeinheit entgehen? Und: Will ich denn ewig leben und der Rentenversicherung auf der Tasche liegen?

Auch mein gelegentlicher Vegetarismus verdient heftigen Protest, denn er gefährdet das Einkommen der Fleischfabrikanten. Ich protestiere gegen meine Unabhängigkeit. Sie macht unbeliebt. Wer mag schon Menschen, die machen und sagen, was sie wollen?

Ich protestiere gegen meine Freiheit von Schulden. Sie macht mich verdächtig und kreditunwürdig. Ich wende mich gegen meine Mildtätigkeit. Meine Spende in die Hand des Bettlers fehlt vielleicht einem Kapitalisten auf dem Konto.

Ich protestiere gegen meine Zweifel. Gegen meine Gleichgültigkeit allem Religiösen gegenüber, gegenüber den Atheisten und gegenüber meinen Gebeten, die ich manchmal spreche, ohne an Gott zu glauben.

Ich protestiere gegen meine Versuche ein guter Mensch zu sein. Wird dadurch nicht derjenige diskriminiert, der es nicht versucht oder dem es nicht so gut gelingt?

Ich protestiere ganz allgemein gegen die Zumutung des Älterwerdens und gegen die Unausweichlichkeit des Todes. Ich protestiere ebenfalls gegen die Schmach, ein Mensch und ich selber zu sein zu müssen. Ich protestiere.

Das musste vielleicht einmal gesagt werden.
Oder auch nicht.
Danke.

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Andreas Niedermann

Andreas Niedermann, 1956 in Basel geboren. Nach einer Laborantenlehre einige Jahre in Europa unterwegs. Informelle Ausbildung zum Schriftsteller in genau 50 ausgeübten Berufen. U.a. als Steinbrecher, Alphirte, Kranführer, Kinobetreiber, Krafttrainer, Koch und Theatertechniker. Seit 1989 mit Familie in Wien lebend. Gründete 2004 den Songdog Verlag. Publizierte einige Romane, Storybände und Novellen. Zuletzt „Blumberg 2 (Die Wachswalze)“ bei Edition BAES.

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