Werner Schandor
Der Feminismus als Staatsreligion
Essay

Jetzt haben wir ihn wieder hinter uns gebracht, den Internationalen Tag der Frauenrechte – weniger bekannt unter dem informellen Codenamen Internationaler Tag des ausufernden Gynozentrismus.

Was ist Gynozentrismus? Es ist das kulturelle Mainstream-Phänomen, alles nur noch durch die Brille des Feminismus zu betrachten. Von den führenden Medien des Landes bis hin zur Hofburg: Überall war schon im Vorfeld des Frauentages der Ruf nach radikaler Gleichstellung im Sinne des Feminismus zu vernehmen.


Gleichstellung – aber nur, wo wir so weit sind.

Ja, die Gleichstellung der Geschlechter muss endlich und bis ins Letzte vollzogen werden. Außer es geht darum, die Wehrpflicht auch auf junge Frauen auszudehnen: Da sind wir politisch noch nicht so weit, wie Familienministerin Claudia Bauer in der Pressestunde im Jänner 2026 unumwunden zugab. Ende der Diskussion.

Wenn es jedoch darum geht, Männer in die Pflicht zu nehmen: Jederzeit gerne! Und so wird darüber verhandelt, die Dauer des Präsenzdienstes zu erhöhen, um die grenzwertigen Unterforderungs-(Boreout)-Erfahrungen, die Wehrdiener beim Bundesheer machen, auf die Spitze zu treiben.

Aber halt. Wer redet über Anliegen von Männern, wenn doch das ultimative Ziel ist, die Benachteiligung von Frauen aus der Welt zu räumen? Und als Belege dafür, dass hier bei uns noch viel im Argen liegt, werden immer wieder zwei Argumente ins Treffen geführt: der Gender-Pay-Gap und das Thema Gewalt gegen Frauen.


Frauenagenden werden in Österreich 60 Mal so stark gefördert wie Männeranliegen. (Bild: KI-generiert)


Der Pay-Gap

Der Gender-Pay-Gap wird mittlerweile sogar von der FPÖ als politische Kampfansage gewertet. Frauen, die arbeiten, verdienen in Österreich alles in allem rund ein Sechstel weniger als berufstätige Männer. Was zum allergrößten Teil daran liegt, dass Frauen und Männer unterschiedliche Berufe ausüben, weil sie unterschiedliche Präferenzen haben. 

Frauen suchen sich, wenn sie die freie Wahl haben (wie beispielsweise in Skandinavien oder bei uns), bevorzugt jene Berufe aus, die ihren Interessen entgegenkommen, selbst wenn diese Berufe finanziell nicht so viel einbringen. Außerdem streben Frauen von sich aus weniger oft in gehobene berufliche Positionen wie ihre männlichen Kollegen. Sie arbeiten auch öfter in Teilzeit, um Zeit für sich und ihre Kinder zu haben und mehr Fokus auf soziale Belange zu legen. Die Mehrheit der Frauen sieht darin – repräsentativen Studien zufolge – eine höhere Lebensqualität verwirklicht als im Joballtag.

Dazu gibt es valide empirische Daten, die der deutsche Soziologieprofessor Martin Schröder im Buch Wann sind Frauen wirklich zufrieden? Überraschende Erkenntnisse zu Partnerschaft, Karriere, Kindern, Haushalt (C. Bertelsmann 2023) zusammengetragen hat. Die Zahlen belegen auch, dass Frauen mit ihrem Leben im Schnitt gleich zufrieden sind wie Männer und zudem eine Spur häufiger als Männer das Gefühl haben, sich frei entscheiden zu können. – Aber um Himmels willen: Jedem, der aus dieser Perspektive auf empirische Daten blickt, wird umgehend der Schädel zurechtgerückt.

Frauenfeindlichkeit, Misogynie, reaktionäres Patriarchat, Manosphere!


Die Waffe des Feminismus

Die wichtigsten Waffen des Feminismus sind die Empörung und die Vorhaltung – und das im Dauermodus. Und so bekommen wir zwei Mal im Jahr den Gender-Pay-Gap vorgehalten, weiters jeden Jänner die zweite ermordete Frau des Jahres, im Dezember dann die kumulierte Zahl der im Lauf des Jahres ermordeten Frauen, und jedes Jahr im Frauenmonat März das ganze Programm der Benachteiligungen, von denen laut Feminismus ein Frauenleben gekennzeichnet ist: im Beruf, in der Medizin, im Privaten.

Dabei – ich sage es nochmal – zeigen seriöse Studien, dass Frauen mit ihrem Leben im Schnitt gleich zufrieden sind wie Männer, in den letzten Jahren sogar eine Spur zufriedener. Nur passt das nicht ins Bild von der unterdrückten Frau und vom dominanten Patriarchat. Und deshalb werden diese Einsichten verschwiegen, geleugnet oder niedergebrüllt.


Gewalt zieht immer.

Damit auch wirklich klar ist, wo die Unterdrückung exklusiv daheim ist, gibt es zum Glück für den Feminismus das Thema Gewalt gegen Frauen; und dafür seien Männer – nämlich immer und alle – verantwortlich. Keine Ausrede!

• Die Mehrzahl der Bankräuber ist männlich. Dennoch ist es bisher keinem vernünftigen Menschen eingefallen, zu behaupten, es wären alle Männer für die Banküberfälle verantwortlich.

• Die Mehrzahl der Lebensretter ist männlich. Noch habe ich nach einer Rettungsaktion in keiner Zeitung einen Leitartikel über die lebensrettende Kraft positiver Männlichkeit gefunden.

• Die Mehrzahl der Gewalttäter bei häuslicher Gewalt ist männlich. – Und jetzt kommt die feministische Logik ins Spiel: Männer stehen samt und sonders für diese Gewalttaten in der Verantwortung.

Wer das leugnet, ist fix ein Frauenhasser.


Alle Männer sind für Gewalt verantwortlich? – Applaus!

Wer anlässlich von Gewalttaten, die von Ausländern/Migranten begangen werden, alle Ausländer als kriminell einstuft oder sie in die Pflicht nehmen will, ist ausländerfeindlich, rassistisch und steht ziemlich gesichert extrem rechts.
Wer anlässlich von Männern begangener Gewalttaten an Frauen alle Männer als verantwortlich betrachtet, wird in die Hofburg eingeladen, und der Bundespräsident sagt dann dort im Rahmen der Veranstaltung Lauter! Frauen! zum Weltfrauentag 2026 unter Applaus: Für uns Männer bedeutet das: Wir müssen Verantwortung übernehmen.

Weil 5 % der Männer gewalttätig sind, sollen die restlichen 95 % Verantwortung übernehmen? – Das geht mit meinem Begriff von Gerechtigkeit nicht zusammen, da kann der Bundespräsident noch so viele salbungsvolle Beteuerungen abladen, und die Feministinnen können sich noch so sehr aufregen. Ich finde diese Sichtweise schlicht sexistisch.

Von Gewalt betroffene Frauen sollen jede Hilfe erhalten, die sie benötigen, und die gewalttätigen Männer ihre Strafe erhalten. Auch Präventionsmaßnahmen sind unbedingt notwendig. 2024 gab es beispielsweise 14.000 gerichtliche Wegweisungen – diese Zahl entspricht 0,3 % der erwachsenen männlichen Bevölkerung. Aber warum sollen die 99,7 % der Männer, die sich nichts zuschulden kommen lassen, die ihre Frauen und Familien lieben, für die gewalttätigen Männer, mit denen sie nichts gemein haben als das Geschlecht, Verantwortung übernehmen?

Der Bundespräsident meinte weiters, man solle Frauen helfen, die bedrängt werden. Und solle die Stimme erheben, wenn man sexistische Witze hört, denn da beginne schon die Gewalt.

Ich glaube, es gibt kaum einen Mann, der einer Frau, die von einem Typen bedrängt wird, nicht helfen würde. Selbst wenn es brenzlig ist. Ich selbst bin noch nie in so eine Situation gekommen. Weitaus öfter erlebe ich in meinem Umfeld jedoch, dass eine Frau einen Mann anpflaumt wegen nichts und wieder nichts.

Wenn jemand sexistische Witze macht, gebe ich dem Witzerzähler zu verstehen, dass das daneben ist. Und hoffe, er (oder sie) lernt dazu. Ich glaube jedoch, dass in den meisten Fällen eher Blödheit als Gewaltbereitschaft hinter solchen Witzen steckt.


Der Feminismus kann nicht irren.

Nur wenn Feministinnen einseitige Sichtweisen verbreiten – dann habe ich lange Zeit den Mund gehalten. Ich wollte nicht meinen Ruf riskieren oder mich beschimpfen und diffamieren lassen. Denn scheinbar sehen es alle so: Die Frauen sind in unserer Gesellschaft die Opfer von Gewalt und Benachteiligung, die Männer die Täter und Nutznießer. Auch immer mehr Männer stimmen in dieses Lied ein. Gynozentrismus: der Blick auf die Welt durch die Brille des Feminismus. Aber es ist ein völlig einseitiger Blick auf die gesellschaftliche Wirklichkeit.

Die europäische Frauenbewegung hatte, bevor sie in den 1990er-Jahren ideologisch vom US-Radikalfeminismus geentert wurde, einen ausgeprägteren Gerechtigkeitssinn. Heute ist sie besessen von der Identitätsproblematik und der Idee, dem männlichen Geschlecht den Prozess zu machen, schreibt die französische Philosophin und Feministin Elisabeth Badinter bereits 2004 in ihrem Buch Die Wiederentdeckung der Gleichheit. Schwache Frauen, gefährliche Männer und andere feministische Irrtümer. – Heute würde Badinter allein für diesen Untertitel öffentlich gegeißelt werden. Es gibt per definitionem keine feministischen Irrtümer mehr. Der Feminismus ist sakrosankt geworden.


Häusliche Gewalt gegen Männer? – Mir kommen gleich die Tränen

Und wie steht es mit den schwachen Frauen und gefährlichen Männern? – Laut deutschem Opferschutzverband Weißer Ring erfahren 29 % der Männer zumindest einmal im Leben körperliche Gewalt im trauten Heim. Zählt man psychische Gewalt dazu, kann laut Weißer Ring jeder zweite Mann ein Lied von häuslicher Gewalt singen. 

In Deutschland gibt es Wikipedia zufolge bei einer Bevölkerung von rund 40 Millionen Männern für jene Männer, die häusliche Gewalt erfahren, 30 Plätze in 10 Männerhäusern. Frauen erleben Studien zufolge drei Mal so häufig Gewalt in der Beziehung wie Männer. Für sie gibt es daher 40 Mal so viele Betreuungsstellen wie für Männer: in Deutschland existieren rund 400 Frauenhäuser.

In Österreich, wo Feministinnen mit Schaum vorm Mund auf der Tacke stehen, wenn man solche misogynen Zahlen aufs Tapet bringt, gibt es keine einzige Schutzeinrichtung für Männer. Nicht einmal in Wien. (Oder besser: Schon gar nicht im roten Wien.)

Auch die EU hat 2024 eine Richtlinie zur Beendigung der Gewalt gegen Frauen verabschiedet. Männliche Opfer häuslicher Gewalt können damit eigentlich nur in den Wald gehen und sich aufhängen. Denn sie werden in der Richtlinie nicht erwähnt, von der Öffentlichkeit nicht gesehen und vom Feminismus nicht anerkannt – höchstens ausgelacht.

Es gibt Männer, die von ihren Frauen verprügelt werden? – Mir kommen gleich die Tränen!


Tote und Tote

Was die Morde an Frauen in Österreich betrifft: Am 15. Jänner gab es einen medialen Aufschrei, nachdem in einer Woche zwei Frauen ermordet worden waren. Wieder der Ruf, mehr zu tun. Neu dazugekommen ist die Aufforderung an die Männer, Verantwortung zu übernehmen.

Zum gleichen Zeitpunkt hatten sich statistisch gesehen in Österreich bereits 45 Männer das Leben genommen. Von den rund 1.200 Suiziden jährlich entfallen 80 % auf Männer. Spezifische Präventionsmaßnahmen, die auf Männer zugeschnitten sind: null. Gesellschaftliche Kenntnis des Problems und der drastischen Zahlen: äußerst mager.

In Wien sind in derselben Woche, wie die Frauenmorde medial hochgekocht wurden, zwei obdachlose Männer auf der Straße erfroren. Geschätzte 70 % der rund 21.000 Obdachlosen in Österreich sind Männer. Empörung darüber? – Es ist eh traurig. Aber warum sollte man sich aufregen?


Einseitige Debatte

Ich finde es zunehmend unerträglich, dass die politische Debatte rund um Geschlechtergerechtigkeit so einseitig geführt wird. Linke Parteien konzentrieren sich seit Jahren auf Benachteiligungen von Frauen und blenden strukturelle Ungerechtigkeiten, die Männer betreffen, weitgehend aus. Ja, mehr noch: Wer Anliegen von Männern auch nur benennt, wird des Frauenhasses verdächtigt. 

Das ist eine Tabuisierungsstrategie, die den Feminismus und feministische Politik als Staatsreligion betrachtet und jede Kritik an feministischen Verirrungen als Blasphemie.

Eine glaubwürdige Gleichstellungspolitik sollte nicht selektiv sein. Strukturelle Ungleichheiten verdienen Aufmerksamkeit – unabhängig davon, wen sie treffen. Denn genug Männer erleben Ungleichheiten, die in unserer Gesellschaft verankert sind: von der Wehrpflicht über die unzulängliche Suizidprävention bis hin zur 5 Jahre kürzeren Lebenserwartung im Allgemeinen. 

Nur werden diese Faktoren nicht als strukturell wahrgenommen, sondern vom Gender-Pay-Gap und Gewaltthema übertönt und damit aus der Öffentlichkeit verbannt, von Feministinnen kleingeredet, lächerlich gemacht und tabuisiert. Merkt keiner in den anderen Parteien, dass damit ein weiteres reich bestelltes Wähler-Feld der FPÖ zum Ernten überlassen wird?


Der Gender-Förder-Gap

Die Institutionen und Vereine, die sich Gender- und Frauenanliegen verschrieben haben, wären auch blöd, ihre Gleichstellungspropaganda anders als durch die feministische Brille zu betrachten. Schließlich hat die Republik Österreich 2026 ganze 34 Millionen Euro für Frauen- und Familienförderung budgetiert. Davon fließen schätzungsweise 500.000 Euro in Männerarbeit, vornehmlich in die Gewaltprävention. 

Mit anderen Worten: Frauenagenden werden über 60 Mal so stark gefördert wie Männeranliegen. Der Gender-Förder-Gap beträgt mithin 97 % zum Nachsehen der Männer. Es ist mir keine Gleichbehandlungsstelle bekannt, die diesen Umstand anprangern würde. Im Gegenteil: Wer das Ungleichgewicht benennt, macht sich antifeministischer Umtriebe verdächtig.

Ah ja, und noch etwas: In Österreich sind 80 % der Opfer von schwerer Körperverletzung … Männer. Und was leiten wir daraus ab? – Nichts.

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Werner Schandor

Werner Schandor ist Texter, Autor und Hochschuldozent in Graz. Er studierte Germanistik und Sozialpädagogik an der Uni Graz und ist seit 1995 in der PR tätig. Er hat Lehraufträge am Department „Medien & Design“ der FH Joanneum sowie am Institut für Germanistik der Uni Graz. 2020 erschien sein Buch „Wie ich ein schlechter Buddhist wurde. Essays, Glossen und Polemiken“ in der Edition Keiper. Weitere Infos: www.textbox.at

Dieser Beitrag hat 8 Kommentare

  1. Rainer Haselberger

    Dieser Artikel sollte in den Schulen als Beispiel für unreife Polemik diskutiert werden!
    Herzlichen Dank.

    1. Werner Schandor

      Schublade auf. Text hinein. Schublade zu. Thema entsorgt.
      In den Schulen sollte man lieber über die Inhalte des Textes diskutieren als über Form und Ton. Man könnte zum Beispiel darüber diskutieren, warum unter den 18/19-Jährigen fast 51 % der Mädchen, aber nur 36 % der Burschen maturieren (Quelle: Statistik Austria).– Könnte das ein Genderthema sein?
      Man könnte auch darüber nachdenken, warum – weit unter dem EU-Schnitt – nur noch 8 % des Lehrkörpers in Österreichs Volksschulen Männer sind. Tendenz seit Jahrzehnten stetig fallend. Und ob das pädagogisch gesehen vorteilhaft ist.
      Sie, lieber Herr Haselberger, könnten sich fragen: Wie würden diese Zahlen in der Öffentlichkeit diskutiert, wenn das Geschlechterverhältnis bei den Maturanten und Volksschullehrern umgekehrt wäre, wenn statt der Burschen und Männer in diesen Bereichen Mädchen und Frauen so deutlich in der Minderzahl wären? Und Sie dürfen ruhig ehrlich zu sich sein: Die Aufregung wäre groß und andauernd.
      So aber redet selten jemand darüber – und an den Schulen schon gar nicht.

      Polemik? – Ist manchmal notwendig, um Klischees aufzubrechen.
      Unreif? – Höchstens die Zeit; die ist offenbar noch nicht reif für eine ganzheitliche Betrachtung des Genderthemas in der breiten Öffentlichkeit.

      Nichts zu danken.

      1. Kristina Rafolt

        Leider, Herr Schandor, brechen Sie mit ihrer Polemik die Klischees nicht auf -sondern bedienen sie. Das ist ein großer Unterschied. Wenn ich diesen Moment anfangen würde, auf alle von ihnen ins Spiel gebrachten Beispiele und Zahlen (auch Studien ohne Quellenangabe bzw. ihre Interpretation) einzugehen, würde ich am Weltfrauentag 2027 noch dransitzen. Es tut mir leid, ich will Sie nicht beleidigen, sondern nur ehrlich sein. Ich pflichte Herrn Haselberger bei und bin froh, dass sich hier einer der (bereits sehr vielzähligen) Männer zu Wort meldet, die verstanden haben, dass Feminismus alles andere als Männerhass ist. Ich frage mich, warum sich manche Männer beim Anprangern von Gewalt gegen Frauen so angegriffen fühlen…das ist wirklich sehr schade.

        1. Werner Schandor

          Liebe Frau Rafolt, Sie fragen sich, warum sich manche Männer beim Anprangern von Gewalt gegen Frauen so angegriffen fühlen. Ich will Ihnen kurz andeuten, was mich daran stört. 1.) Dem feministischen Anprangern von Gewalt gegen Frauen fehlt die psychologische Einsicht. Es erklärt in keinster Weise, wie Gewalt entsteht – weil es fälschlicherweise meint, die Antwort zu kennen. Männer scheinen ja mehrheitlich als Täter auf.
          2.) Das Geschlecht ist allerdings psychologisch betrachtet kein Faktor, der Gewalt begründet. Vielmehr zählen u. a. (in der Kindheit) selbst erlebte Gewalt, mangelnde Kompetenz in der Konfliktbewältigung und Alkoholeinfluss zu den wichtigsten Gewaltursachen. Diese Faktoren veranlassen Männer wie Frauen, Gewalt in der Partnerschaft auszuüben.
          3.) Da feministische Akteurinnen durchwegs von männlicher Gewalt gegen Frauen sprechen, instrumentalisieren sie sexualisierte Gewalt, um in der Öffentlichkeit ein abwertendes Bild von Männlichkeit zu verfestigen. Das verkennt die wahren Ursachen, ist Sexismus in Reinkultur und blendet Männer als Gewaltopfer vollkommen aus.
          Damit ist niemandem geholfen.
          Schöne Grüße, Werner Schandor

          1. Kristina Rafolt

            Auch wenn mir meine Zeit und Energie als Mutter einer kleinen Tochter eigentlich wichtiger sind, als für die Mitleser hier etwas klarzustellen – sie umzustimmen wage ich gar nicht erst zu versuchen – möchte ich ein letztes Mal auf ihre Argumente eingehen. Gerade weil ich eine Tochter habe.

            1) Ich erkenne, dass Gewalt komplexe Ursachen hat. Dieser Umstand spricht aber dem Feminismus seine Existenzberechtigung nicht ab.

            2) Feministische Analysen schließen psychologische Faktoren nicht aus – im Gegenteil. Es ist wichtig zu betonen, dass Feminismus Männer einschließt! Auch männliche Opfer von Gewalt sind Teil dieses Problems, das häufig in starren Rollenbildern und gesellschaftlichen Erwartungen an Männlichkeit wurzelt.

            3) Statistische Muster zu benennen ist nicht dasselbe wie Männer zu Feinden zu erklären. Wenn Männer pauschal zu Feinden erklärt werden, durch Aussagen wie „Männer sind scheiße“ o.Ä., dann handelt es sich hier nicht um feministische Aussagen. Auch wenn sie als sprachliche Zuspitzung gemeint sein mögen, bleiben sie gleich polemisch wie ihr Essay und tragen somit nicht zu einer ernsthaften Auseinandersetzung bei. Solche Zuspitzungen gibt es in vielen Debatten – sie sind aber nicht das, worum es im Kern geht.

            Mein Eindruck ist, dass sich manche Männer wegen dem Verhalten ihrer gewalttätigen Mitmenschen betroffen fühlen oder sich sogar schämen. Vielleicht fühlen sich manche Männer persönlich und in ihrer Männlichkeit abgewertet, wenn über problematisches Verhalten anderer Männer gesprochen wird?

            Ich denke aber, es ist ein Missverständnis, wenn Männer glauben, alle Welt sei gegen sie.

            Stellen Sie sich mal die Frage: Inwiefern musste ich schon einmal persönlich Verantwortung übernehmen, weil ein Mitmensch (tendenziell ein Mann) gegenüber einer Frau verbal oder physisch (und aus gegebenem Anlass: digital) gewalttätig wurde? Das ist keine rhetorische Frage. Das würde mich wirklich interessieren.

            Wohlgemerkt: Verantwortung zu übernehmen bedeutet, reale Folgen zu tragen – nicht, sich allein aufgrund des eigenen Geschlechts rechtfertigen zu müssen.

            Wenn Sie darüber nachdenken, kommen Sie vielleicht zu einer ganz beruhigenden Antwort.

            Und vielleicht braucht es einfach noch mehr Männer, die den Mut haben, sich gegen Ungerechtigkeit auszusprechen. Das wäre ein guter Anfang…

            Alles Gute!

          2. Ingeborg

            Ich stimme Fr. Rafolt und Hr. Haselbergers Kritik voll zu. Der Artikel liest sich vielfach einseitig und unreflektiert, mehr aber noch irritiert mich dieser aggressive Ton…… Und man darf jetzt schon beim Verfassen dieses Kommentars davon ausgehen, dass zugleich eine Schelte von Herrn Schandor zurückkommen wird – eine in demselben und aggressiven Duktus und das ist sehr schade.

  2. Andreas Niedermann

    Ich kann nicht anders, lieber Werner Schandor, als Ihnen nur voll und ganz zustimmen.Und das schon ziemlich lange. Es ist dieselbe Masche wie bei „unserer Demokratie“ und bei jeder Kritik und/oder Ablehnung des „Wokeismus“.
    Gleichwohl: Widersprechen wir!

    1. Werner Schandor

      Vielen Dank! Ja, wo der Feminismus aktiv an der Pathologisierung von Männern arbeitet, an ihrer einseitigen Darstellung als Gewalttäter, muss man ihm als Humanist widersprechen. Van der Bellen hätte auch diesmal wieder mit ernster Miene verkünden sollen: „So sind wir nicht!“

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