Werner H. Ritter
Wie mächtig ist eigentlich
der „allmächtige“ Gott?
Dekonstruktion und Rekonstruktion
eines umstrittenen Begriffs
Essay

Christen und Kirchen reden seit alters her von der Macht Gottes, ja von seiner Allmacht. Allmacht? Wie allmächtig ist Gott eigentlich? Sehen wir uns in einem ersten Schritt einmal unsere Welt und Wirklichkeit an. Was ergibt sich hier? Wie können wir heute theologisch verantwortlich mit der Allmacht Gottes umgehen? 


Die Allmacht Gottes – Dekonstruktion

Ein erster Blick auf Gottes Allmacht angesichts unserer Weltwirklichkeit zeigt: Christen und Kirchen verkünden im Bewusstsein des Glaubens die Allmacht Gottes und sagen: Gott sitzt im Regimente. Aber geschieht das nicht kontrafaktisch? 

Denn wo und wie zeigt er seine Allmacht und sitzt im Regimente? In Israel, Palästina, Gaza? In Russland, der Ukraine? Und in all den zahllosen Brandherden auf der Welt: Hungersnöte, Katastrophen, Flüchtlingswellen, Flutwellen, verheerende Brände, Klimakatastrophen. 

Saßen und sitzen im Regimente nicht vielmehr Trump, Putin, Netanjahu, Stalin, Hitler und die zahllosen Potentaten, Tyrannen und Menschenschinder weltweit und über alle Epochen hinweg? Die im Alten Testament häufig verwendete, aber bei uns seit langem kirchlich-theologisch vernachlässigte Erkenntnisformel Gottes Ihr sollt erkennen, dass ich JHWH bin (Ex 6,7; 7,17; Jes 49,23.26; Jer 16,21 u.ö.) will ja zeigen, dass JHWH in geschichtlichen Ereignissen erkannt und erfahren werden will und kann. Wo wird er denn heute als HERR erkannt und erfahren? Darauf braucht es konkrete, belastbare Antworten.

Christen bekennen als Folgen von Gottes Allmacht: Alle guten Gaben kommen, Gott, von Dir… Ja, gewiss! Wir empfangen und erfahren überreich von diesem Gott; das ist nicht zu bestreiten. Woher aber das Andere, das unzählig gewordene Böse: Leid, Unterdrückung, Rechtlosigkeit und Verfolgung? 

Da mogeln sich Christen und Kirchen häufig um eine Antwort herum. Ich frage nach. Ist es nicht so: Wenn Gott der HERR der Welt und Wirklichkeit ist, wie Kirchen und Christen bekennen, dann hat er doch letztlich auch damit zu tun? Doch das wird zu oft ausgeblendet. Und so beten wir Christen einfach kontrafaktisch weiter Guter Gott

Mit dieser Anrede versucht man, das zutage liegende Problem zu kaschieren, vermag es aber nicht wirklich. Wieso nennen wir Gott gut? Gut sieht anders aus, oder? Offensichtlich traut man sich Probleme mit und Zweifel an dieser Gottesbezeichnung in aller Regel nicht zu benennen, weil man dann Gefahr läuft, nicht mehr als fromm zu gelten und womöglich nicht mehr dazuzugehören. Dann lieber der gewohnte Kirchensprech. 

An dieser theologischen Unehrlichkeit wird die Kirche nicht genesen. Ja, gelegentlich wird Hiob zitiert: Haben wir das Gute von Gott genommen, sollen wir nicht auch das Böse von ihm nehmen? (1,21). Dass alles in Gott gründet: das Gute wie das Grauenhafte – eine herausfordernde Vorstellung. Ich finde diesen Hiob-Satz mutig, erhellend und weiterführend, weil er dem Problem und der Realität nicht ausweicht, sondern unser gewöhnliches Denken herausfordert. 

Aber der Hiob-Satz verbleibt in der Regel Zitat. Danach kann man fromm zur Tagesordnung übergehen. Dagegen erscheint mir die erhellende, freilich theologisch heikle Einsicht des alten Theologieprofessors Karl Barth näher an der Sache dran und ehrlicher: Das Böse kommt nicht von Gott, es ist aber auch nicht ohne ihn. Barth zufolge hat Gott also durchaus irgendwie auf uns verborgene Weise mit dem Bösen auf der Welt zu tun. 

Welch eine Herausforderung, welch ein Problembewusstsein, welch eine gedankliche Glaubensanstrengung stellt dieser Satz dar! Aber auch er bleibt, wenn man ihn denn überhaupt kennt und ihn an sich heranlässt, für Glauben im Alltag, für Kirche und Theologie bloßes Zitat, also ohne wirkliche Relevanz für unsere Gottesrede heute. Denn welcher Theologe wagt zu sagen, dass Gott auf Gebete und Klagen meist als schweigend erfahren wird? Zuflucht nimmt man zur vermeintlichen Problemlösung gelegentlich bei einem anderen Satz Barths, der besagt: Das Böse verdiene nicht mehr als den scharfen Seitenblick

Offensichtlich halten Barth und seine Anhänger bis heute das Böse damit für bezwungen und erledigt. Von wegen! Angesichts der Abgründigkeit des Bösen zeugt dieser Satz von großer Naivität und Selbstüberschätzung: Als ob den/das Böse/n ein scharfer Seitenblick von Theolog:innen und Christ:innen interessieren oder gar bezwingen könnte. 

Nein, ihn/es fällt kein Wörtl ein, wie Lutheraner es gerne hätten. Und dann wendet man sich wieder brav an den guten und lieben Gott aus Kindertagen. Als ob dadurch das Elend und das Leid und die damit verbundenen Probleme weg wären. Sie sind es nicht. Denn Gott, wie ihn die biblischen Schriften bezeugen, ist kein summum bonum, wie es Thomas von Aquin insinuierte; vielmehr ist dies eine Begrifflichkeit, die sich als menschliches Konstrukt erweist, das der Wirklichkeit nicht gerecht wird. 

Ob die Fokussierung auf Luthers deus revelatus (Halte Dich an den in Christus liebenden, menschenfreundlichen Gott.) die Leiden auf dieser Welt lindert? Linderung durch Ausblenden der dunklen Wirklichkeiten des Lebens? Nicht wirklich! Das ist theologisch-intellektuell unzureichend. Denn die Leiden vor der Haustüre und weltweit lassen sich durch nichts ausblenden. Es sei denn, um den Preis des Wegschauens.

Daher glaube ich nicht (mehr), dass Gott im logisch stringenten und zwingenden Sinn allmächtig ist und im Regimente sitzt. Dazu hat er geschichtlich zu viele Menschen weltweit über die Klinge springen lassen und lässt es noch heute. Eher sieht es danach aus, dass Mächte und Gewalten und gewisse Menschen – Potentaten, Autokraten und Tyrannen – Gott spielen und ihre (All-)Macht ausüben. 

Und die Kirchen und ihre Pfarrpersonen – sind sie dann nur noch Zeremonienmeister und Liturgen, die in ihrer Hilflosigkeit weiter qua Profession Gott anflehen? Wie viele Bittgottesdienste sind in den letzten Jahren weltweit gehalten worden und werden noch gehalten? Ja, seit Menschengedenken. Verändert sich dadurch etwas in nennenswertem Ausmaß? Sind es nicht letztlich hilflose Gesten von Menschen, die eigentlich sehen, dass Gott wenig, ja, hart gesprochen, nichts tut? Oder zumindest zu wenig? 

Können glaubende Menschen, Kirche und Theologie das notorisch ausblenden? Ich frage daher, wie lange wir uns glaubensmäßig gewissermaßen blind auf einem Auge, eigentlich auf zwei, noch so verhalten und aufstellen können. Was aber, wenn das Elend und das kalte Grauen uns persönlich anspringen und hart treffen, gar auf uns alle hier in Europa und Deutschland überspringen sollten? Die Ukraine muss kein Einzelfall bleiben. 

Solange wir als Einzelne oder als Volk von großer Not und Schrecken verschont bleiben, kann man Gott leicht einen guten und allmächtigen Mann sein lassen. Aber wenn es ans Eingemachte geht? Es ist des Weiteren seit geraumer Zeit in Kirche und Theologie üblich geworden, zu warten und zu hoffen! Worauf eigentlich? Christsein heute bestünde – neben Beten und Tun des Gerechten – im Warten auf Gottes Zeit, meint der Wiener Theologieprofessor Ulrich H.J. Körtner im Anschluss an Bonhoeffer. Warten und hoffen. Tun das Christen wie Jüdische Menschen eigentlich nicht schon sehr lange: warten und hoffen auf diesen Gott, sein weltveränderndes Handeln, also auf Ereignisse, an und in denen sie Gott erkennen können – wie im Alten Testament? 

Menschen fragen seit den Psalmisten bis heute immer wieder Herr, wie lange noch? Ja, wie lange noch? Doch tut sich was? Ich frage mich daher, worauf Gott angesichts dieser dramatischen Weltlage eigentlich wartet. Ist es noch nicht schlimm genug, nicht nur für die Menschen, sondern für Gott? 

Mein Zwischenfazit lautet daher: die ungebrochene Rede von Gottes Allmacht ist ein untauglicher theologischer Beschwichtigungsversuch, der letztlich die Ratlosigkeit von Glaube, Kirche und Theologie zeigt. Er will ein Problem kaschieren, das sich nicht kaschieren lässt.


Die Allmacht Gottes – Versuch einer theologischen Rekonstruktion

Nun ist – dies muss man sehen – die Rede von Gottes Allmacht ein besonderer Zugriff auf Wirklichkeit. Eben ein theologischer. Was heißt das? Menschen nähern sich der einen Wirklichkeit, wie wir wissen, je nach ihren Neigungen, Vorlieben und erkenntnisleitenden Interessen. Zu nennen sind da mathematisch-naturwissenschaftliche, künstlerische, literarisch-sprachliche sowie weltanschauliche (Philosophie und Religionen) Interessen, um die wichtigsten zu nennen. Religion kann so gesehen als ein spezifischer Zugang auf die Wirklichkeit verstanden werden. 

Dies gilt dann auch für die Rede von der Allmacht Gottes. Was bedeutet das? Wenn wir diese Gottesvorstellung nicht gleich komplett über Bord werfen wollen – was eine Möglichkeit wäre –, frage ich in einem zweiten Zugriff, was sich heute theologisch verantwortet zu den Vorstellungen Allmacht Gottes bzw. Gott sitzt im Regimente sagen lässt. Ich konzentriere mich dabei auf unser diesbezügliches theologisches Reden.


Allmacht Gottes – ein Doppelter Befund

Es gibt Menschen, die machen Erfahrungen mit der (All-)Macht Gottes, andere erfahren Gott machtlos. Sehr viele Menschen machen und kennen beide Erfahrungen, weil wohl nahezu kein (gläubiger) Mensch nur schlechte oder nur gute Erfahrungen mit Gott macht. Dieser Doppelbefund liegt auf der Linie dessen, was biblische Schriften bezüglich Gott und seine Macht bekunden: Menschen erzählen von ihm als nah und fern, als zugewandt und abgewandt, als helfend und nichthelfend, als mächtig und ohnmächtig. Denn die Erfahrungen von Menschen mit Gott sind unterschiedlich, vielfältig und nicht einfach harmonisierbar. Ob man angesichts dieses Doppelbefundes im strikten Sinne generell von Allmacht Gottes sprechen kann, ist die Frage. Wenn nämlich die einen seine Hilfe und Macht erfahren, andere aber nicht, dritte Ohnmacht und Allmacht – warum reden wir dann dogmatisch-theologisch generalisierend von seiner Allmacht?


Allmacht Gottes – Gutes und Böses

Wie es aussieht, hat Gott, den wir als den HERRN der Welt und Wirklichkeit bekennen, mit dem Guten wie dem Bösen zu tun, wie es bei Hiob (1,21 u.ö.) heißt, mit beidem also! Anders gäbe es eine Art Gegenmacht Gottes, die für das Dunkle und das Leid verantwortlich ist/wäre, seien es Menschen, Mächte und Gewalten oder der Teufel. Ein dualistischer Ansatz wäre: Gott ist die gute Macht, der/das Andere die böse Macht. Folgt man meinen Beobachtungen im 1. Abschnitt, wäre ein Dualismus durchaus vorstellbar; meine biblischen und theologischen Überlegungen schließen ihn freilich eher aus.


Allmacht Gottes: ein Bekenntnis – keine Tatsachenbeschreibung

In theologischer Sprache ist Allmacht Gottes keine Tatsachenbeschreibung, die für alle Menschen allgemein und gleichermaßen gilt, sondern ein besonderes, pointiertes und hervorgehobenes Reden seitens bestimmter Menschen im Sinne eines Bekenntnisses. Das können welche sprechen, andere nicht, je nachdem, wie sie Gott erfahren (haben). Diese Rede geschieht nicht in dogmatisch behauptender, sondern in doxologischer Absicht: Es geht um den Lobpreis Gottes. Doxologie will Gott verherrlichen, ihm danken, ihn anbeten, bitten, auf ihn hoffen, aber auch vor ihm klagen, ja ihn auch anklagen, wenn seine Macht ausbleibt.


Eine Hoffnungs- und Zukunftsansage

Die Allmacht Gottes ist theologisch eine weit über die gegebene Realität hinausgreifende Hoffnungs- und Zukunftsansage bestimmter glaubender Menschen. Auch wenn sie im Alltag immer wieder konterkariert wird durch realfaktisch gegenläufige menschliche Erfahrungen der Ohnmacht Gottes und seines Nichthandelns. 

Heißt: Was den christlichen Glauben von der realen Welterfahrung unterscheidet, ist, dass er ein aus dem jüdisch-christlichen Glaubenshorizont geborener Entwurf von Wirklichkeit (P. Ricœur/E. Jüngel) ist, eine Imagination also, welche die gegebene Wirklichkeit neu und anders, auf jeden Fall über das faktisch Gegebene hinausgehend, sehen lässt. 

Diese Neu- oder Anders-Sicht entfernt sich bewusst im Modus des Entwurfs von der Alltagsrealität; sie überbietet und überblendet diese im Sinne eines Surplus. Das hat ein Mehr an Wirklichkeit zur Folge, ein Mehr als das, was der Fall ist: 

Das, was der Fall ist, ist für den christlichen Glauben nicht alles, nicht die ganze Wirklichkeit. Gerade Doxologie und religiöse Poesie (von altgriechisch. poieo: ich mache/schaffe) zeichnen sich dadurch aus, dass sie Wirklichkeit neu und anders zeigen, nämlich wie sie sein könnte. Diese Neusicht der Wirklichkeit verdankt sich zutiefst den Gottesvorstellungen des Alten und Neuen Testaments, die vom Motiv des Neuen und neu Machenden durchzogen sind.


Keine Flucht aus der Realität

Problematisch wird die christliche Neusicht der Wirklichkeit unter dem Stichwort Allmacht Gottes, wenn sie die gegebene Alltagswirklichkeit völlig aus dem Blick verliert, also gewissermaßen abhebt und in fromme Gefilde jenseits der Realität flüchtet und diese als die einzig wahre Wirklichkeit verabsolutiert, das reale Elend der Welt aber darüber vergisst. Das ist ein Glaube, der einfache kontrafaktische Lösungen vertritt und Eindeutigkeit vorgaukelt, wo keine Eindeutigkeit ist. 

So etwas wie Zweifel scheint es hier nicht zu geben. Glaube und Theologie mutieren dann leicht zur Konventikelreligiosität für Eingeweihte und Entschiedene, in der suchende und die Realität sehende Menschen keinen Platz haben. Glaube, Kirche und Theologie stehen in der Folge nicht mehr für einen offenen Lernprozess, vielmehr bleibt die Schar der beati possidentes im geschlossenen Kreis unter sich. Freilich: Wer in sicheren Verhältnissen lebt – fernab von Krieg, Flucht, Katastrophen und Leid –, kann der nicht leicht(er) von Gottes Allmacht, Liebe und Barmherzigkeit reden als inmitten von alldem? Was aber, wenn Leid und Not auf mich und uns kommen?


„Es ist noch nicht heraus, was sein wird“

Den christlichen Glauben bezüglich Allmacht Gottes so konsequent als Neuentwurf der Wirklichkeit zu begreifen, birgt (wie alle Wirklichkeitsoptionen) die Gefahr in sich, dass Menschen sich täuschen können. Heißt: Christlicher Glaube an die Allmacht Gottes könnte sich auch als eine Vertröstung auf St. Nimmerlein erweisen. Es ist ja noch nicht heraus, was sein wird (1 Joh 3,2), also auch nicht heraus, ob irgendwann oder am Ende alles gut werden wird, wie Theologen oft sehr forsch behaupten. 

Letzteres ist vielmehr eine noch nicht erledigte Frage. Lässt sich auf Dauer Hoffnung spielen, wie Fulbert Steffensky meint, wenn so viel dagegen spricht? Der späte Hans Küng hat im Blick auf den christlichen Glauben wiederholt von einer weltanschaulichen Option gesprochen, deren Ausgang offen sei. Es könnte also auch sein, dass wir uns irren. 

Daher sollten wir im Blick auf das, was kommt (oder auch nicht) eine gewisse Vorsicht walten lassen. Es empfiehlt sich, Allmacht Gottes als einen wichtigen heuristischen Begriff, also eine Art Suchbegriff zu verstehen. Dieser will bewusst mehr sehen und zeigen, als die gegebene Wirklichkeit jetzt (und womöglich auch zukünftig-eschatologisch) aufzuweisen hat, auch mehr als er rational plausibel machen kann. 

Allmacht Gottes ist dann ein Zeige-Begriff (Siehe! Schau hin!). Demzufolge bleibt theologisch in Sachen Kommendes letztlich ein gewisses Maß an Unsicherheit. Meint: Die Rede von der Allmacht Gottes kann Menschen durchaus Gewissheit (certitudo) schenken, aber keine ultimative Sicherheit (securitas), als wüssten wir definitiv, was Gott jetzt oder später tun wird. 

Wir wissen es nicht, wir können es nur hoffen. Denn wir sind begrenzte Menschen: Gott ist im Himmel und du Mensch bist auf Erden (Koh 5,1). Ein grenzenloses Vertrauen darauf, dass Gott seine Verheißungen definitiv einlösen wird, kann den Glauben zwar immun machen. Es bleibt aber die Frage, ob man auf Dauer mit einem gleichsam ungedeckten Scheck entschieden glauben und leben kann.


Allmacht Gottes: Theologisch verbal abrüsten

Dies schließt die Notwendigkeit ein, die theologische Rede von der Allmacht Gottes sensibel, postheroisch, vorsichtig tastend und demütig zu gebrauchen, jedenfalls nicht als Basta-Argument. Es ist daher geraten, in Sachen Allmacht, aber auch Ohnmacht Gottes verbal abzurüsten. Zum einen, weil der Allmachtsbegriff in der Bibel sehr selten vorkommt, zum anderen, weil von den Christen, die einst (so v.a. in der Apk) in extremis zum Allmächtigen gerufen haben, und von denen, die heute noch so rufen, sehr wahrscheinlich mehr ihr Leben verloren als gewonnen und überlebt haben. 

Heißt: Geschichtlich gesehen leistet der Anruf Gottes als allmächtig nicht das, was Menschen sehr häufig von ihm erhoffen und erflehen: Rettung um jeden Preis und unter allen Umständen. Bei Gott – so zeigt es sich – gibt es keinen Rettungsautomatismus. Insofern ist Allmacht Gottes eine gläubige Letztaussage oder ein konfessorischer eschatologischer Grenzbegriff, der in bestimmten Situationen von Menschen gebraucht werden kann, aber nicht einfach immer richtig und zutreffend ist. 

Dieses verbale Abrüsten betrifft auch unsere immer wieder an den Tag gelegte Vollmundigkeit in Sachen Allmacht, Liebe und Gerechtigkeit Gottes. Denn Menschen erfahren eben auch immer wieder in unvorstellbarem Ausmaß das radikale Gegenteil von all dem, was wir Gott an positiven Attributen zuschreiben. Doch Gott groß zu machen auf dem Rücken von leidenden Menschen-Opfern und diese damit klein – das kann es in Sachen Allmacht Gottes nicht sein.


Konfessorische Standortgebundenheit

Menschen zeigen sich hinsichtlich ihres Glaubens oder Nichtglaubens bezüglich der Allmacht Gottes/Ohnmacht Gottes lebensgeschichtlich perseverant. Heißt: Sie geben Glaubensvorstellungen, die sie lebensgeschichtlich als erfolgreich erfahren haben, nicht gerne auf. Insofern hat Glaube oder Nichtglaube an die Allmacht Gottes etwas mit konfessorischer Standortgebundenheit zu tun: Als Bekennender hängt man an der Vorstellung. Das ist zu respektieren (auch wenn man die Vorstellung nicht teilt), weil es hier keinen absoluten Standpunkt gleichsam über den Dingen geben kann. Was wir an dieser Stelle kirchlich und theologisch heute jedoch dringend brauchen, ist ein freier und offener Diskurs, der andere Sichtweisen nicht definitorisch ausschließt und sich in geschlossene Verhältnisse zurückzieht.


Allmacht? Bilderverbot!

Einerseits brauchen wir als glaubende Menschen menschliche Vorstellungen, Bilder, Erzählungen, eigene und Erfahrungen anderer, um Gott und seine (Ohn-)Macht zur Sprache zu bringen. Ohne solche Vorstellungen geht es nicht. Andererseits sollen wir uns gleichzeitig der Relativität und Vorläufigkeit unserer jeweiligen religiösen Erfahrung und unseres überkommenen religiösen Sprachschatzes, seiner Bilder, Erzählungen usw. auch hinsichtlich Gottes Macht bewusst sein. 

Denn Bilder und Erzählungen etc. bilden Gott nicht einfach 1:1 exakt ab, sondern zeigen ihn und lassen ihn in menschlichen Vorstellungen sichtbar werden. Mit Thomas von Aquin ist dementsprechend dies im Blick zu behalten: Was Gott wirklich ist, bleibt uns allezeit verborgen; und dies ist das Höchste, dass er jeden Gedanken übersteigt, den wir über ihn zu denken vermögen.

Die von Gläubigen und Theologen immer wieder viel beschworene Eindeutigkeit Gottes wird biblisch konterkariert durch dessen vielfältige und nicht ohne Weiteres harmonisierbaren Gesichter, die Menschen bis heute erfahren, und die ihren Grund in den biblischen Büchern selbst haben, welche Gott vielfältig erscheinen lassen. Dementsprechend erweist sich biblisch fundierter Glaube auch in Sachen (All-)Macht Gottes als komplex und spannungsreich.


Vom Wert der Nicht-Eindeutigkeit

In der Frömmigkeitspraxis wie kirchlich-theologisch begegnet uns freilich immer wieder ein massiv gegenläufiger Trend zur Eindeutigkeit und Vereindeutigung Gottes und des Glaubens. Unterschiedliche Sichtweisen und Vielfalt halten viele Menschen – ob im Glauben gebildet oder nicht – oft nicht aus. Es ist eine menschliche Neigung, Gott und den Glauben gleichsam dingfest und eindeutig machen zu wollen. Gleichwohl wäre es für gläubige Menschen, für Kirche und Theologie notwendig, den Wert von Nicht-Eindeutigkeit zu erkennen und sich der verborgenen Wahrheit Gottes zu nähern: zweifelnd, fragend, forschend, tastend und dabei Widersprüche aushaltend. 

Vieldeutigkeit als Bereicherung zu erkennen und zu erfahren, ist eine lohnende Sache. Denn Gottes Rock ist – wie schon Matthias Claudius anmerkte – bunt, nicht eintönig, sondern vieltönig! So wie wir Menschen vielfältig und unterschiedlich sind. Letztlich braucht es im Hinblick auf die Allmacht Gottes bzw. die Ohnmacht Gottes zweierlei: bewährte Bilder, Erfahrungen und Erzählungen von einst und heute zur Allmacht und Ohnmacht Gottes und jenes oben genannte Memento des Thomas von Aquin. Damit können Menschen glauben und leben.

 

Die Allmacht Gottes – was bleibt

Gottesvorstellungen verändern sich im Laufe der Geschichte: Dies gilt auch für die Vorstellung von der Allmacht Gottes. Sie hat zu unterschiedlichen Zeiten eine unterschiedliche Rolle gespielt. Seit geraumer Zeit zeigen sich jedoch unübersehbar massive theologische Schwächen und Aporien dieser Vorstellung. Sie wirft für gewöhnlich letztlich mehr Probleme auf, als sie Fragen klären kann. 

So spricht wegen ihrer Missverständlichkeit wenig dafür, in diesen Zeiten an der Allmachtsvorstellung theologisch zwingend festzuhalten. Ob und inwieweit in praxi Gläubige und Geistliche – wie seit frühchristlicher Zeit – die Begriffe Allmacht bzw. Allmächtiger in der Du-Gebetsanrede Gottes oder in der Doxologie (Gott lobend, betend, bittend, (an)klagend, hoffend) verwenden, müssen alle im Rahmen ihres Frömmigkeits- oder Glaubensskripts selbst entscheiden. Die Entscheidungen werden unterschiedlich ausfallen.

Wissenschaft […] muss einklammern, was andere für sicher halten, sie muss zweifeln, wo sonst Eindeutigkeit erwartet wird.
Armin Nassehi, Soziologe

Zweitausend Jahre Christentum… man möchte Ergebnisse sehen, man ist der endlosen Vorbereitungen auf die Freiheit müde. Erlösung, Befreiung, Heilung, Versöhnung – das alles sind für jemanden, der Ergebnisse will, frustrierende Begriffe.
Peter Sloterdijk, Philosoph

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Werner H. Ritter

Werner H. Ritter, geb.1949 in Weißenburg/Bayern. Seit Nov. 1987 Lehrstuhlinhaber für Ev. Theologie mit Schwerpunkt Religionspädagogik an der Universität Bayreuth, 2000-2004 1. Vorstand im Ev. Bildungswerk Bayreuth, 2000-2004 1. Sprecher der KLT (Konferenz der an der Lehrerbildung beteiligten TheologInnen), Oktober 2008 Wechsel auf gleichnamigen Lehrstuhl an der Universität Bamberg, seit 2014 im Ruhestand. Zahlreiche Publikationen.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Otto Riedling

    Wenn Gott WIRKLICH ALLMÄCHTIG wäre, wieso lässt er die ganze SCHEISSE zu???????

  2. Brigitte Kreisl-Walch

    Für mich ist Gott eine Erfindung des Menschen, um Andere zu unterdrücken und um für Unerklärliches eine Erklärung zu finden.
    Es gibt für mich einfach zu viele Götter auf der Welt, um mich in diesem Irrgarten zurechtzufinden. Da bin ich doch lieber ein menschenfreundlicher Atheist.

  3. Rainer Haselberger

    Die von den Theologen postulierte Allmacht und Allwissenheit Gottes ist die beste Gottes-Falsifizierung, welche die Religionspropagandisten erfunden haben: Entweder Gott ist allmächtig und allwissend, dann ist er der Verursacher und Förderer allen Leides und somit ein furchtbarer Zyniker, der die Menschen zum Spaß quält. Oder Gott ist nicht allwissend oder/und nicht allmächtig, dann ist er einfach ein weiterer Putin oder Trump und so wie diese nicht wesentlich für das menschliche Dasein.
    Anm.: Der Einfachheit halber wird Gott nur in der männlichen Form verwendet, die aber klarerweise für stellvertretend alle denkbaren Geschlechtsformen steht.

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