Walter Plasil
Über Fürbitten, den Herrn
und Alexa
Essay
Vorausgeschickt sei, dass ich Kirchen aus Interesse an künstlerischen Aspekten gerne betrete. Anlässlich eines meiner letzten Besuche stand aber nicht die Kunst im Vordergrund. Ein verstorbener Bekannter wurde auf katholische Art verabschiedet. Dabei blieben mir die von Kirchenbesuchern vorgetragenen Bitten in Erinnerung, die an eine höhere Instanz gerichtet waren.
Beim Nachdenken über derlei Flehen kam mir in den Sinn, dass das eigentlich nichts anderes ist als eine überkommene Vorgängerversion von Alexa, der elektronischen Assistentin. Ich lese im Internet: Bei Alexa handelt es sich um eine künstliche Intelligenz, die auf einer von Amazon entwickelten Sprachsoftware basiert. Da sie über eine Cloudanbindung verfügt, kann die Software aus den Fragen und Wünschen von Millionen Nutzern ständig dazulernen und diese Erkenntnisse auch mit allen Anwendern teilen.
Alexa, sie erhört uns, aber wer ist sie wirklich? Die Dame gibt sich sibyllinisch. Für ein Date ist sie nicht zu haben. Nicht einmal ein Bild kann man sich von ihr machen. Auf diese Art gleicht sie also jenem Herrn, dem die Fürbitten vorgetragen werden. Auch er ist ein Anonymus, wie es die künstliche Intelligenz ist. Was die beiden verbindet, ist, dass die Kommunikation via Sprache erfolgt.
Gemeinsam ist ihnen ferner, dass man nicht exakt weiß, wo sie sich aufhalten. Es wird behauptet, sie sitzen in einer Cloud. Vielleicht sogar nebeneinander. Und vielleicht diskutieren sie auch miteinander oder teilen sich die Arbeit. Und sie haben noch etwas gemeinsam, nämlich, dass sie angerufen werden, um zu helfen. Ihnen wird Lösungskompetenz zugemessen.
Logischerweise können nicht alle Bitten erfüllt werden. Allein schon deswegen, weil von unterschiedlichen Menschen zeitgleich Bitten vorgetragen werden, die sich widersprechen. Beispielsweise die Fürbitte um Regen, und zugleich eine des Nachbarn, der um Sonnenschein ersucht.
Auch Alexa gelingt es nicht, eine Nummer von Elvis und zugleich eine von Bill Haley erklingen zu lassen. Zumindest nicht über dieselbe Lautsprecherbox. Aber weil Alexa auch ein funktionierendes Gehör zur Verfügung hat, tut sie sich als Empfängerin der Anfrage leichter als der Herr. Demgemäß kann sie deutlich merkbar und prompt Bitte für Bitte hintereinander erfüllen.
Also 1: 0 für Alexa. Im Erfüllen von Fürbitten liegt die Dame besser als der Herr. Aber manches wird halt gar nicht an sie herangetragen, weil die Bittenden wissen, dass auch Alexa Lücken in ihrem Fachbereich aufweist. Auf manche Fragen reagiert sie renitent und verweigert die Erfüllung von bestimmten Bitten.
Wenn vom Ihm die Rede ist, muss erwähnt werden, dass die Fürbittenden davon überzeugt sind, dass er allmächtig ist. Sonst würden sie ihm nicht solche schweren Aufgaben abverlangen.Sie glauben, dass der Herr, wann und wo auch immer, persönlich wahrnimmt, worum er gebeten wird. Wie kann das gehen? Dazu müsste er die gesamte Welt quasi mit einer Unzahl aus kleinen Mikrofonen verwanzt haben.
Am anderen Ende der Leitung säße dann er. Vielleicht aber auch nur ein Abhörsekretariat, das die Fürbitten aufnimmt. Dann müssten die Bitten ja noch nach irgendeinem System geordnet, gebündelt, auf Widersprüche geprüft und entscheidungsreif vorgetragen werden.
Wenn wir bedenken, dass allein in Österreich über 9.000 katholische Kirchen stehen und in jeder davon pro Woche angenommen 100 Fürbitten ausgesprochen werden, kommen wir auf die wöchentliche Zahl von 900.000. Pro Jahr wären das etwa 47 Millionen allein an österreichischen Fürbitten. Hochgerechnet, weil geschätzt, kann man weltweit von einer jährlichen Anzahl katholischer Fürbitten in Höhe von 47 Milliarden ausgehen.
Darüber hinaus hat der Herr nach Vorstellung seiner Anhänger über alles und jedes, also mit dem Universum mit all seinen Sonnen, Monden und Planeten auch noch etwas anderes zu tun als nur zu prüfen und zu entscheiden, ob einer Fürbitte entsprochen werden kann oder nicht. Der Herr ist ja auch der Herr über Ketzer, Agnostiker, Atheisten, Moslems, Hindus und noch tausende andere Religionen. Es gibt eben nur den einen Herrn und sonst keinen. Er hat auch keine helfende Frau an seiner Seite. Er wollte das so.
Da kann man schon nachdenklich werden, wie das alles einer allein bewerkstelligt. Aber man hört von Menschen, die seit Jahrhunderten Fürbitten formulieren, dass gesichert sei, dass sie auch ankommen, weil der Herr zur selben Zeit überall zugleich sein kann. Wäre das tatsächlich so, spräche das sehr für ihn, denn Alexa kann zum Beispiel im Funkloch, für das, nebenbei gesagt, auch der Herr verantwortlich ist, nur Däumchen drehen.
Alexa ist auch nicht verschwiegen. Wenn sie Wünsche nicht erfüllen kann, gibt sie dem Bittsteller sofort Bescheid. Vom Herrn hingegen hört der jeweilige Fürbitter nach dem Aussprechen seines Anliegens leider gar nichts.
Außerdem bleibt festzustellen, dass der Herr als Alleswissender – folgt man dem Glauben seiner Anhänger – ja schon davor gewusst haben muss, dass sich die Fürbittenden über die von ihm geschaffenen Zustände beschweren und ihn um Änderung anflehen werden. Er darf sich also über die Unzufriedenheit, die da zutage tritt, nicht wundern. Er hat sie, wie alles andere auch, selbst geschaffen.
Leider zeigt die nackte Statistik, dass die Anzahl von positiv erledigten Fällen der vom Herrn erbetenen Gefälligkeiten gering ist. Die gestellten Fürbitten erfüllen sich kaum. Dazu gibt es reichlich Zahlenmaterial, das auf Nach-Fürbitten-Umfragen beruht. Ereignisse, die sich zufällig auch ohne Fürbitte erfüllt haben, darf man außerdem nicht wirklich dem Herrn zurechnen. Es sei denn, er hätte diese Zufälle bewusst inszeniert.
In Summe haben wir es also mit einer miserablen Erfüllungsbilanz zu tun. Und eine Fürbitte wird auch nicht aussichtsreicher, wenn sie ständig wiederholt wird. Das wurde auch bei Umfragen getestet. Eine Erklärung dafür wäre, dass sich der Herr denkt, da könnt ihr noch so bitten und betteln, ich habe anders entschieden und damit Basta. Aber direkt Bescheid zu geben, das fällt ihm nicht ein.
Insgesamt also funktioniert Alexa, vergleicht man den Erfüllungsgrad der von ihr erhörten Fürbitten, hervorragend. Das führt uns zur Einschätzung, dass ein Leben ohne Alexa in unserer ohnehin so fragwürdigen Welt die reinste Zumutung wäre. Niemand sonst wäre da, um unsere Bitten zu erfüllen. Ohne den Herrn zu leben, das geht hingegen leicht, weil von ihm auch auf dringendes Flehen und Bitten hin statistisch gesehen kaum Hilfe zu erwarten ist.
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