Walter Plasil
Über die Langeweile
Essay
Die Vorankündigungen zum soeben erschienenen Buch von Francis Fukuyama: Der letzte Mensch – Wohin steuert die Welt? hat mich wieder daran erinnert: An die Bedeutung des Phänomens der Langeweile im menschlichen Dasein.
Mich hat das immer schon beeindruckt. Bei einigen Vordenkern habe ich dazu schon in meinen jungen Jahren Kommentare gelesen, die in die gleiche Richtung weisen. Fukuyama werde ich noch lesen.
Die Konsequenzen, die Langeweile auslösen kann, sind vielschichtig. Im gesellschaftlichen Zusammenleben bleiben sie als Verursacher, was die Entstehungsgeschichte von Störungen im demokratischen Alltag betrifft, meist unbemerkt.
Fukuyama wird zitiert: Einer der Gründe, warum populistische Parteien weltweit erstarken und es zurzeit so viel Unruhe und Chaos gibt, ist, dass es angesichts der liberalen Weltordnung eine gewisse Langeweile gibt.
Die Zeit, in der die liberale Demokratie wie eine aufregende neue Idee erschien, da sie frühere Gesellschaftsordnungen, die auf Tradition, ererbtem Status und festen Hierarchien beruhten, verdrängte, sei vorbei.
Wäre das so, ist es hoch an der Zeit, dem Phänomen wieder genauer nachzuspüren. Auch bei anderen Denkern könnte man sich wieder Ideen holen, was da alles zu Langeweile schon gedacht wurde.
Langeweile tritt allem Anschein nach in vielen Gestalten auf. Individuell, vielleicht auch als Massenphänomen. In unserem Bild, das wir von der Welt haben, hat sie jedenfalls einen gewissen Platz, wenn ihr auch der negative Touch anhängt, eigentlich unnötig zu sein.
Jedenfalls tritt sie mitunter heftig auf und zeitigt Folgen. Vielleicht ist Langeweile überhaupt Auslöser für viele Zustände, wie wir sie heute vorfinden. Vielleicht ist sie auch Auslöser des Künstlerischen im Menschen. Vielleicht ist sie die Mutter der Metaphysik? Vielleicht musste die Geistesgeschichte der Menschheit erst über die Schwelle der Langeweile und der Mystik schreiten, ehe sie sich formieren konnte.
Dazu Erwin Schrödinger: Ein rein verstandesmäßiges Weltbild ganz ohne Mystik ist ein Unding. Ich würde hinzufügen: Das ist vielleicht richtig, aber ein Weltbild ist noch kein vollständiges, auch wenn es alles bietet, was die humanen Ansprüche erfüllt. Auch und vielleicht gerade erst dann macht sich ein Trieb selbständig, der aus reiner Neugier, jener nicht zu bändigenden und zudem unkontrollierbaren Energie alles Lebendigen daran geht, zu erkunden, ob da nicht noch etwas ist, das bisher verborgen geblieben ist.
Das Bild, das die danach Suchenden entwickeln, die anlässlich der unlogischen Suche nach etwas, das dem Optimum noch die Krone aufsetzen könnte, folgt keiner logischen Spur. Immerhin wird etwas gesucht, das mystischen Kriterien entsprechen muss. Es muss neu sein und muss überraschen können, wobei schlechter als bisher auch diesen Gesetzen gerecht wird.
Ziel bleibt aber: das Neue muss anders sein als bisher. Gerade noch logisch dabei ist, dass damit die Komfortzone verlassen werden muss. Das ist zugleich aber auch der einzig mögliche Schritt, der gegangen werden kann, um der als geisttötend empfundenen Umklammerung der eigenen Existenz im Meer von Langeweile entweichen zu können. Auch das wäre noch logisch, würde man voraussetzen, dass der Verdacht, das Neue wäre in jedem Fall besser als das Bestehende, zuträfe.
Der Langeweile hängen die Attribute: Unlogisch, mystisch, sophistisch und metaphysisch an. Liberalität, ein Kriterium des perfekten Zustands einer Gesellschaft, fordert ein bestimmtes Maß an innerer ethischer Größe und verbraucht Kraft. Das könnte auf Dauer auch manchen zu mühsam werden. Bricht aber zum Beispiel ein Stein aus der Schutzmauer des perfekten Gebäudes heraus, beginnt das Haus zu wackeln.
Blaise Pascal näherte sich dem Phänomen Langeweile auf andere Art. Er schrieb: Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen. Da wird Langeweile als ein ständig latent vorhandener innerer Zwang beschrieben, uns abzulenken.
Arthur Schopenhauer meinte überhaupt, dass die menschliche Existenz zwischen zwei Polen verlaufe. Auf der einen Seite die höchste Not, die der Langeweile sehr fern ist, auf der anderen die Langeweile, die dann bei Abwesenheit aller Sorgen zur Plage wird.
Diese Sicht findet man auch bei Schrödinger. Er attestierte dem Wesen des Menschen ein Streben von Natur aus nach Aktivität, Veränderung und Sinn. Daraus folgert er dass gleich hinter der existenziellen Not die Langeweile zur größten Geißel unseres Lebens geworden sei.
Damit ist begründet, dass für den Menschen, sobald die existenziellen Grundbedürfnisse – wie Nahrung oder Sicherheit vor Krieg und Hunger – gedeckt sind, die Leere der Langeweile zum primären psychologischen Problem wird. Im Volksmund hat man auch eine Redewendung für das Auftreten von Langeweile gefunden: Wenn es dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Eis tanzen.
Heruntergebrochen auf unser tägliches politisches Leben, könnte man Ratschläge erteilen. Im Fall, dass man gerade keine anderen Sorgen hat.
Politiker, die als brav, fleißig und tüchtig gesehen werden, verströmen ein Odeur von Langeweile. Ehrgeizige Ideen stehen auf derselben Stufe. In einem demokratischen Staat, in dem eh alles irgendwie funktioniert, in dem es besser steht als in den Nachbarstaaten, in dem Probleme mit Kompromissen zwischen den Parteien eingeebnet werden, herrscht auch noch Ruhe, Sicherheit und Ordnung.
Die vielgescholtenen Parteien sind eben die einzigen Träger des Staates. Ohne Parteien, in denen sich die Gleichdenkenden organisieren können, würde ein demokratischer Staat zerbröseln. Also hat alles und jedes seinen Platz und bleibt im Wesentlichen dort, wo es schon immer gewesen ist. Was zufriedenstellend läuft, radikal zu reformieren, selbst zu ändern oder gar abschaffen zu wollen, gliche einem Akt von Wahnsinn.
Es sei denn, Langeweile macht sich breit.
Aber bei uns ist doch alles gut, im Staate Österreich zumindest. Unseren Staat können wir getrost das Paradies schlechthin nennen. Gesichert scheint auch die These, dass vor undenklich langen Zeiten genau auf österreichischem Staatsgebiet ein anderer kleiner Staat bestand. Er nannte sich Paradies.
Und irgendwo in diesem Paradies, in einem kleinen feinen Garten namens Eden befand sich vor diesen Äonen das wie auch immer dort hingekommene erste Menschenpaar. Zwei Menschen, die zwar nichts wussten und nichts anderes hatten als diesen kleinen Garten, und die unter den Namen Adam und Eva dort lebten.
Die beiden spürten wohl, dass es nichts Schöneres geben kann, als zeitlebens oder gar ewig die aneinandergereihten sorgenfreien Tage genießen zu können. Zudem lebten die beiden mietfrei und durften sich gratis an deliziösen Speisen und Getränken aller Art bedienen. Und so dürften sie so vor sich hingelebt haben. Aber eines Tages erschien ihnen der Gartenbesitzer.
Ja, da musste doch noch ein Dritter gewesen sein. Jedenfalls kam der plötzlich mit einer neuen Regel daher: Es sei den Beiden zwar erlaubt, von allen Früchten zu essen, nicht aber von jenen vom Baum der Erkenntnis. Ehrlich, wem wäre nicht schon nach wenigen Tagen im Paradies langweilig geworden? Und plötzlich: Etwas Neues! Auch wenn es nur ein Verbot war. Die Neugier, das Untier im eigenen Gehirn war zum Leben erwacht.
Und da war auch noch die Schlange, von der noch gar keine Rede war. Also müssten auch noch Mäuse im Park gewesen sein. Damals konnten Schlangen noch sprechen. Und die genannte quatschte Eva ständig drein und machte Werbung dafür, von der verbotenen Frucht zu probieren. Warum? Weil nach dem Essen der Frucht des Baumes auch die die damals noch neue Erkenntnis über sie kommen werde.
Und Erkenntnisse hatte Eva, als quasi-Gefangene in dem blühenden Garten mit dem langweiligen Adam an ihrer Seite, bisher wenig bis gar nicht konsumiert. Und natürlich siegte die Neugier. Am Ende bekam auch der eher unbeteiligt wirkende Adam einen Bissen der verbotenen Frucht ab.
Und so kam es dazu, dass die Erkenntnis, die nach dem Fruchtgenuss über sie kam, dazu führte, dass sie Gut und Böse unterscheiden konnten und so nebenbei bemerkten, dass sie nackt waren. Seit dieser Zeit schämen sich Menschen, wenn sie nackt sind, was viele Berufsstände für Bekleidung hat entstehen lassen.
Am Ende soll uns die Geschichte als mahnendes Beispiel dafür dienen, nicht aus reiner Langeweile allerhand Dummheiten zu begehen. Immerhin führte bei Adam und Eva die Flucht aus der Langeweile dazu, dass ihnen der Gratisaufenthalt mit Verpflegung und ewiger Versorgung gekündigt wurde. Aus dem Paradies vertrieben, man weiß nicht wohin. In Armut, Elend und Verzweiflung herumirrend, aber immerhin – endlich war sie gebändigt, die Langeweile. Und erkannt dürften sie auch einiges haben, weil sie ja über Gut und Böse bereits Bescheid wussten.
Nur sie könnten berichten, ob sich das alles gelohnt hat. Verbote zu negieren, führt eben dazu, dass man sündig wird. Fehlverhalten gegenüber Herrschaften wird mit Vertreibung bestraft. Ach, hätten sie doch den Vermieter anerkannt! Der durfte das tun! Es war sein Paradies, sein persönliches Eigentum. Er hatte die Verfügungsgewalt über das Grundstück. Also besser nicht protestieren, brav sein und gehorchen, das hätte geholfen. Alles wäre weitergelaufen, bis in alle Ewigkeit.
Die Frage bleibt aber, wer die Schlange dazu instrumentalisiert hatte, die erkenntnislose, unwissende, naive, ungebildete Eva mit der Aussicht auf Erkenntnis derart zu reizen, dass sie alle Vorsicht hat fallen lassen. Das Ganze könnte auch ein hinterhältiger Plan des Vermieters gewesen sein, um die beiden Dauergäste aus dem schönen Garten endlich loszuwerden.
Und aufzuklären wäre auch, ob Adam und Eva zuvor darüber informiert waren, dass sie nach Genuss der Frucht in jedem Fall vertrieben würden. Diese Geschichte erzählte ich nur so nebenbei. Wichtig ist, aus dem Beispiel zu lernen, welche Blüten die Neugier im menschlichen Leben treiben kann.
Kehren wir lieber in unsere Zeiten zurück. Auch wir haben gelernt. Der Volksmund sagt: Wenn dem Esel zu wohl ist, geht er aufs Eis tanzen. Als Beispiel dafür könnte man gelangweilte Kinder und Jugendliche nennen. Die machen alles kaputt, begehen Überfälle, rauben andere aus, einfach so. Weil ihnen langweilig war, fanden sie das angebracht, gestehen sie. Was sollten sie auch sonst tun?
Sie werden als Kinder offenbar nicht wirklich gebraucht. Kind sein, umsorgt sein, aus den Betten gejagt zu werden und in die Bildungseinrichtungen getrieben werden, ist auf Dauer zu fad.
Sie sollen sich hinsetzen, sagen die Alten, und was Ordentliches lernen. Damit sie nicht auf dumme Gedanken kommen. Das ist die Rolle, die ihnen zugemessen wird. Wenn sie es nicht tun, wird das kindliche Leben aber plötzlich viel spannender. Also wird Langeweile bekämpft. Auf unzählige Arten. Schon von Kindesbeinen an. Seit Jahren hilft die Elektronik beim Totschlagen von Langeweile kräftig mit.
Wir sind gut beraten, wollen wir nicht willen- und ziellos in unserer Lebenszeit herumtaumeln, uns mit der vorgefundenen Welt ins Einvernehmen zu setzen. Aber was sollen wir nicht sonst noch alles tun? Ist alles gut, wenn keine Langeweile aufkommt?
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ein hoch der langeweile und dieser kolumne von walter plasil!
Köstlich, da geistreich, ein Hinein-Denken und Hinein-Fühlen plus Schmunzeln evozierend, kurzweilig …; das und mehr bietet dieser Essay. Alleine schon die Idee, der Langeweile derart, heißt via schriftstellerischer Spezialwürze, Paroli zu bieten, lässt mich innerlich ein ‚Chapeau!‘ murmeln.
Ein Dank dem Autor, dass etliche von uns vor sich (fallweise) geistig hindösenden Adam-und-Eva-Nachfolger auf diese spezielle Weise vom Plasil’schen Baum der Erkenntnis naschen durften und dürfen, in dessen innerstes Geäst sich hoffentlich die Schlange namens Langeweile eine zeitlang verängstigt zurückgezogen hat.