Walter Plasil:
Michel Onfray
Wir brauchen keinen Gott.
Warum man jetzt Atheist sein muss.
Rezension

Anlässlich meiner letzten Reise in die arabische Welt ist mir immer wieder der Wunsch in den Sinn gekommen, dass alle Staaten laizistisch und demokratisch organisiert sein sollten. Der Primat des Staates sollte nicht durch religiös abgeleitete Vorstellungen beeinflusst werden. Die Religion sollte diskrete Privatsache sein.

Erstmals erlebte ich, wie es sich anhört, wenn in der Nähe Bomben explodieren. Die Tatsache, dass sich Länder gegenseitig vernichten möchten, in denen unterschiedliche Staatsreligionen herrschen, scheint mir dabei eine große Rolle zu spielen. Ich dachte an die unzähligen religionsgetriebenen Kriege, mit ebenso unzähligen Toten, die die Weltgeschichte kennt. Gott oder Allah, oder tausende andere Götter dienen bis heute als Rechtfertigung dafür, sich wechselseitig umbringen zu dürfen.

Das geht einem besonders dann durch den Kopf, wenn man aus einem absolutistischen arabischen Gebiet heimkommt, das von religiösen Führern in totalitärer Art geführt wird.

Ich beschloss daher, wieder einmal nachzulesen, was war, was ist und was sein könnte. Dabei fiel mir Michel Onfrays Buch in die Hände. Onfray, Jahrgang 1959, französischer Philosoph, hat nämlich in seinem richtungsweisenden Text viele meiner Fragen punktgenau beleuchtet.

Zu Beginn Friedrich Nietzsche: Der Begriff Gott, erfunden als Gegensatz-Begriff zum Leben, – in ihm alles Schädliche, Vergiftende, Verleumderische, die ganze Todfeindschaft gegen das Leben in eine entsetzliche Einheit gebracht!

Schon im Vorwort werden sie apostrophiert: die Buchgläubigen, die Wortgläubigen, die uralte Schriften verehren, Koran, Bibel, Talmud und Tora. Sie beziehen Rechtfertigungen für Gewalttaten und Morde aus vergilbten Büchern unklarer Herkunft.

In der Einleitung liest man dann, … Dass, sobald privater Glaube zu einer öffentlichen Affäre wird, und man im Namen einer persönlichen Geisteskrankheit die Welt auch für andere zu organisieren beginnt, sich der Atheismus des Autors regt.

Das Hauptthema scheint damit vorgegeben zu sein: Es geht um eine sehr detaillierte und tiefgreifende Kritik an allen Religionen und darum, den Atheismus zu propagieren. Onfray sieht die Notwendigkeit, an der Atheologie, der er eine ungeheure Leuchtkraft attestiert, weiterzuarbeiten.

Atheologie ist eine philosophische Position, die als Gegenstück zur Theologie die Vernünftigkeit des Gottesglaubens prinzipiell hinterfragt und zurückweist. Sie befasst sich mit der Dekonstruktion von Religion, Metaphysik und Heilslehren, der Rekonstruktion des Atheismus und der Begründung atheistischer Ethiken, oft unter Einbeziehung von Religionskritik. (Text: KI-generiert)

Im Wesentlichen geht es also um die Notwendigkeit, die Philosophie mehr in den Vordergrund zu rücken und die Aufklärung zu fördern. Gegen den Obskurantismus der Religionen stellt Michel Onfray die Traditionen der westlichen Welt. Der Gebrauch des eigenen Verstandes, die Lenkung des Geistes nach den Regeln der Vernunft, die kritische Haltung, die Aktivierung der Intelligenz und die Macht der Argumente können die Gespenster der Religion zurückdrängen. Onfray: Der Atheismus ist keine Therapie, aber er steht für eine zurückgewonnene geistige Gesundheit.

Was im Buch folgt, ist eine komprimierte Wanderung durch die Jahrhunderte, bis zurück in die Antike, in der das Ringen um Wissen an Stelle des Glaubens beschrieben wird.

Onfray: Selbst die praktizierenden Gläubigen sind oft bruchstückweise oder gar nicht über das ideologische Gebräu informiert, das die Institutionen des Religionsunterrichts und ihre Vermittler weitergeben. Die sonntägliche Messe hat sich noch nie als ein Ort ausgezeichnet, an dem hochgeistige Reflexionen und Analysen oder ein außergewöhnlicherer Kultur – und Wissensaustausch stattfinden, ebenso wenig der Religionsunterricht. Um die rituellen und kulturellen Veranstaltungen der anderen monotheistischen Religionen steht es auch nicht besser. Gebete an der Klagemauer, die Fünf Fixpunkte im Tag für Muslime, man betet und sagt immer wieder dieselben Bittformeln auf. Eine Herausforderung für das Gedächtnis, aber nicht für die Intelligenz…

Es folgt: Die Himmelreiche: Tyrannei und Knechtschaft mit dem Hinweis: Verbote ohne Ende. Das kennt man von den Religionen. Im Kapitel: Scheiterhaufen für die Intelligenz zeigt der Autor auf, wie Bücher, die als heilig und damit als wahr und unfehlbar gelten, inhaltlich im Widerspruch zueinander stehen, ja sogar einander bekämpfen. Der Disput, wie die Wissenschaft ihn pflegt: Fehlanzeige! Ergänzt werden diese Kapitel durch einen ausführlichen Exkurs zur obskuren Entstehungsgeschichte des Christentums, gefolgt von einer Darstellung mit dem Titel: Der totalitäre christliche Staat.

Im Teil Die Theokratie beschreibt Onfray, was beim Thema Religion am meisten schmerzt: Das Durchschlagen von totalitäter Ideologie ins Staatswesen, das Gleichsetzen von Glauben mit Wahrheit und am Ende das Gleichsetzen der Religion mit dem Staat. Onfray untersucht dabei vor allem die religionsbegründenden Glaubensbücher und arbeitet ihre gefährlichsten Thesen heraus. Viele davon erweisen sich geradezu als lächerlich und zeigen eine Weltsicht auf,  die in sich widersprüchlich und antiquiert ist.

Es geht dem Autor darum, einen postchristlichen Laizismus zu entwickeln. Dies bedeute, den jetzt schon erreichten europäischen Laizismus nicht nur zu erhalten, sondern ihn zu verteidigenn. Obwohl wir eigentlich an seinem weiteren Ausbau arbeiten müssten, haben wir es derzeit mit einem muslimischen Faschismus (Onfray) zu tun, dessen Proponenten nicht fern, sondern in einer besorgniserregenden Zahl auch in Europa unter uns leben. Im Kampf dagegen warnt uns Onfray, nicht in die Falle zu geraten, den Laizismus etwa mit denselben verwerflichen Methoden zu predigen, wie es die Religionen tun.

Literatur:
Michel Onfray. Wir brauchen keinen Gott. Warum man jetzt Atheist sein muss. Rezension. Serie Piper, 2007, 300 Seiten.





Walter Plasil – Sakrament und Kruzifix erschienen bei BoD Norderstedt, 2021, 170 Seiten. 

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Walter Plasil

Walter Plasil, Jahrgang 1946, geboren in München, aufgewachsen in Wien, seit 1971 in Innsbruck. Führte viele Jahre das INGENIEURBÜRO WALTER PLASIL für Technische Gebäudeausrüstung und Energieplanung und war als Allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger tätig. Walter Plasil: „Ich war immer ein Vielschreiber und habe nun, nachdem meine bisherige Tätigkeit dem Ende zugeht, Zeit und Lust dazu, auch zu veröffentlichen. Mein neuer Beruf daher: „Literat.“

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Otto Riedling

    Heutzutage geht es nicht um Religion, sondern darum, wer Rohstoffe, Verkehrswege, etc.
    beherrscht.

  2. Danke für die Rezension eines Onfray-Buches, eines der Riesen der europäischen Philosophie, wie ein Blick auf das Werk eines noch nicht 70-jährigen eindrücklich belegt.
    Habe mehr als eine Handvoll seiner zumeist umfangreichen Bücher gelesen, und lege jedes einzelne davon jenen ans Herz, die geistig erfrischt werden möchten und zudem von dem unglaublichen historischen Wissen Onfrays profitieren wollen.
    Lesen!

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