Urs Heinz Aerni
Segen oder?
Religion und Natur
Notizen
Eine Kirchgemeinde beschloss, die Rasenfläche um das Gotteshaus herum in eine Naturwiese zu verwandeln. Eine erfreuliche Geschichte, die aber eine Frage auslöst: Wie wirken Glaube und Religion sich auf die Natur aus? Oder: Wie gehen Menschen, die an eine Schöpfung glauben, mit der Schöpfung um?
Kirchen und religiöse Bewegungen prägten Epochen der Zivilisationsgeschichte. Menschen flüchten aus dem Elend ins Spirituelle, andere sind überzeugt, Gott gefunden zu haben oder ihn vertreten zu müssen. Und die Pflanzen, die Tierwelt, die Ökosysteme?

Bis ins 20. Jahrhundert beeinflusste Artenschutz den kirchlichen Alltag und die Theologie in keiner Weise. Erst mit der Aufklärung, der Wissenschaft und mit den Umweltkrisen begannen Religionsgemeinschaften und Kirchen sich damit zu befassen.
Das jüdisch-christliche anthropozentrische Weltbild, wonach der Mensch die Krönung der Schöpfung sei und sich die Erde untertan macht, generierte Raubbau, Landbesitz und die Erfindung von Nutztieren. Daraus folgend entwickelte sich die Hauptaufgabe der religiösen Institutionen, ihre Mitglieder seelisch, psychologisch und sozial zu betreuen, jedoch keine Sensibilisierung für eine ökologische Verantwortung.
Abgesehen von den religiös-nationalistisch motivierten Kriegen forderte monumentale sakrale Architektur von der Antike bis in die Neuzeit ein immens großes Menschenopfer, die Zerstörung von Ökosystemen und natürlicher Ressourcen.
Die von Kirchen und Religionsgemeinschaften beanspruchte moralische Autorität verhinderte weder die Anwendung von Gewalt und Folter noch die Achtung gegenüber all dem Leben rund um den Menschen. Weder engagiert sich der Papst aktiv für den Schutz der Natur, noch fordern die religiösen Gemeinden die Mitglieder auf, mehr Verantwortung und Achtsamkeit durch weniger Verbrauch fossiler Rohstoffe an den Tag zu legen oder zu einem umweltverträglichen Lebensstil überzugehen.
Natürlich möchte ich zuletzt doch noch etwas Positives finden: die Poesie, die Bildende Kunst, die Musik – Künste, die dank gottverklärender Hingabe entstanden sind.
Dann kam mir leider folgende Meldung in die Quere: Die Bevölkerung der Stadt Zürich stimmte für das Verbot von benzinbetriebenen Laubbläsern ab, die Lärm, schlechte Luft und Vernichtung von Insekten und Kleingetier verursachen. Wissen Sie, welche Parteien dagegen stimmten? Eine aus der katholischen und eine aus der evangelischen Ursuppe.
Ich wünsche ein gutes neues Jahr.
Buchtipps, die Hoffnung machen?

Schöpfungsverantwortung konkret – Kirchliches Engagement im Bereich Naturschutz und Biodiversität von Benjamin U. Schwarz, Akademiker Verlag Saarbrücken

fromm + grün – Schöpfungsverantwortung und Nachhaltigkeit in der christlichen Gemeinde von Thomas Kröck und Heinrich Christian Rust, Neukirchener Verlag Neukirchen-Vluyn.
Erschienen auch in «Reussbote», Schweiz
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