Urs Heinz Aerni
Ein Experiment und
das Ende einer Kulturdisziplin
Nachruf
Folgenden Spaß habe ich mir erlaubt: Ich gab bei zwei KI-Maschinen den Auftrag, über mich einen kritischen Nachruf zu erstellen. Der eine fiel etwas langweilig aus, der andere war so beeindruckend, dass ich ihn speicherte; man weiß ja nie.
Diese Übung mit KI und die laufende Diskussion über KI-geschriebene Bücher erfordert einen neuen Nachruf: den für die Literatur.
Sach- und Fachbücher werden gelesen und geschrieben für Bildung und Wissensgewinn. Der Inhalt, die Recherchen, Thesen und Lehrstoff bekommen mehr Gewicht als die Stilistik.
Literatur, also Belletristik, die Poesie, die Lyrik sind Texte, die als Kunst am Text bezeichnet werden können. Immer mehr Autorinnen und Autoren geben zu, ihre Romane mit Hilfe von KI zu schreiben. Damit ist sicher nicht nur die Recherche gemeint, sondern auch die Unterstützung für den Plot und die Formulierung.
Für Menschen, die mit Literatur arbeiten, ob in der Vermittlung, im Verkauf und in der Kritik, könnte dies ein so massiver Einschnitt in ihre Arbeit bedeuten, wie er vielen noch nicht im ganzen Ausmaß bewusst ist.
Erste Radiosender spielen inzwischen mehr KI-generierte Musik als von Menschen gemachte, was günstiger ist. Ein Freund, Musiker und Komponist, schickt regelmäßig von KI gemachte Musikstücke, die auf seinen Noten basieren – von Flamenco bis zu großen Orchestern – und die vom Klangbild her fast nicht mehr von echten Musizierenden zu unterscheiden sind. Kurz, menschgemachte Musik kann nur noch bei Live-Konzerten genossen werden.
Ein Fußballer, eine Akrobatin, ein Eiskunstläufer faszinieren das Publikum; alles echt Mensch mit Hingabe, Leidenschaft und Können.
Doch Literatur? Sie wird im Stillen geschaffen, dann wird sie an Festivals und auf Bühnen vorgelesen und in Literatursendungen und Lesekreisen besprochen, gelobt und kritisiert. Entstanden ist die Literatur bis vor wenigen Jahren noch im Kopf und Herz des Urhebers, am Blatt oder an der Tastatur.
Die Wirkungskraft der Künstlichen Intelligenz läutet eine neue Literaturepoche ein. Sturm und Drang, Romantik, Biedermeier und Realismus sind nur einige der Epochenbezeichnungen in der Geschichte des schönen und guten Erzählens.
Jetzt sind wir im Zeitalter der KI-Literatur angekommen. Mit Büchern diffuser Machart. Wir haben es jetzt mit einer Kunstdisziplin zu tun, die nicht mehr bewertbar ist.
Wie weiter? Nur noch Musil, Bachmann und Goethe zu Gemüte führen? Was tun Sie? Ich jedenfalls freue mich auf das nächste Konzert der Kammerphilharmonie. Live!
Zwei Bücher, die dabei helfen, die Literaturkritik brotlos zu machen:
«Die träumende KI – Kreativer schreiben mit ChatGPT» von Lukas Fassnacht
«Roman schreiben mit KI–Kreative Unterstützung und Strategien mit ChatGPT» von Martin Nyenstad
Urs Heinz Aerni lebt und arbeitet als Journalist, Literaturagent und Literaturvermittler in Zürich, wobei die beiden zuletzt genannten Tätigkeiten demnächst der Vergangenheit angehören
Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.
Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen

Danke für den Hinweis. Ja, mein Nachruf, vor allem von der einen KI, ist echt gelungen. Aber eben, damit schließt sich die Kunst der Literatur. Als langjähriger Literaturvermittler heißt das für mich, den Rückzug antreten, denn ich habe keine Lust, auf der Bühne mit einer Autorin über „ihr Werk“ zu reden, dessen Entstehungsform ungewiss ist.
Gute Idee! Ich erinnere mich, dass Hemingway das zweifelhafte Vergnügen hatte, seine eigenen Nachrufe zu lesen, als er nach einem Flugzeugabsturz in Uganda für tot galt.