Thomas Nußbaumer
Das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck
unter Howard Arman
bei den Innsbrucker Promenadenkonzerten
Besprechung
Das Konzert des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck im Rahmen der 31. Saison der Innsbrucker Promenadenkonzerte, das am Samstag, den 11. Juli 2026 im Innenhof der Kaiserlichen Hofburg stattfand, bot nicht nur das seit nunmehr zehn Jahren fest zur Konzertreihe gehörende Gastspiel des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck (TSOI), sondern zugleich ein Wiedersehen mit einer Legende des Innsbrucker Musiklebens: dem Dirigenten Howard Arman.
Unter dem Motto Ein Sommernachtstraum präsentierte er ein von England und englischer Musik inspiriertes Programm mit Auszügen aus Felix Mendelssohn-Bartholdys Schauspielmusik zu Shakespeares Komödie A Midsummer Night’s Dream, Ralph Vaughan Williams’ English Folk Song Suite und Eric Coates’ Suite From the Countryside – einem Musterbeispiel anspruchsvoller englischer Unterhaltungsmusik des frühen 20. Jahrhunderts.
Der gebürtige Londoner Howard Arman, einer der vielseitigsten europäischen Dirigenten und Chorleiter seiner Generation und derzeit designierter Künstlerischer Leiter des Münchener Bach-Chores und Bach-Orchesters, zählt zweifellos zu den prägenden Persönlichkeiten des Tiroler Musiklebens der jüngeren Vergangenheit.

Der international renommierte Dirigent Howard Arman
Während seiner Innsbrucker Jahre, von den frühen 1980er- bis in die späten 1990er-Jahre, setzte er als Dozent am Mozarteum, Chorleiter und Dirigent sowie zeitweilig als Leiter der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik entscheidende Impulse. Nachhaltig prägte er damit sowohl den Chorgesang in Tirol, dem er zu neuer Bedeutung verhalf, als auch die Innsbrucker Tradition der Pflege von Musik der Renaissance und des Barock.
Auch international erwarb sich Arman einen ausgezeichneten Ruf: Er verbindet Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis mit klanglicher Ausdruckskraft und lebendigem Musiktheater und überschreitet dabei gerne traditionelle Spartengrenzen. Als langjähriger Leiter bedeutender Ensembles wie des Salzburger Bachchores, des MDR-Rundfunkchores und des Chores des Bayerischen Rundfunks sowie als Musikdirektor des Luzerner Theaters – um nur einige Stationen seines Wirkungskreises zu nennen – erarbeitete er ein Repertoire, das von historisch informierter Barockmusik über Chorsymphonik und Oper bis zu zeitgenössischen Werken und Jazz reicht. Seine umfangreiche Diskografie, die Carl Heinrich Grauns Der Tod Jesu und Bachs Messe in h-Moll genauso umfasst wie Werke von Dvořák, Rachmaninow oder Debussy, spiegelt diese Vielfalt wider.
Arman ist spätestens seit 2010, als er mit dem Tiroler Symphonieorchester Innsbruck und Tiroler Chören Arthur Honeggers König David aufführte, auch ein gern gesehener Gastdirigent des TSOI. Dass er für das aktuelle Promenadenkonzert ein von Shakespeare und englischer Volksmusik inspiriertes Programm auswählte, überrascht angesichts seines lebhaften Interesses an der englischen Volksliedbewegung des frühen 20. Jahrhunderts kaum.
Mendelssohns Schauspielmusik Ein Sommernachtstraum leuchtet unter Armans Führung von der ersten Sekunde an geheimnisvoll und suggestiv. Zu Beginn der Ouvertüre stehen vier leise Bläserakkorde wie Wegmarken, die in wechselnder Gestalt immer wieder aufschimmern. Am Ende, wenn sie auch das Finale beschließen, mischen sich ihre warmen Klangfarben mit dem Gesang der Mauersegler, die den Innenhof der Hofburg umkreisen.
Dazwischen entfaltet sich ein musikalisches und gedankliches Spiel von aufblühender Schönheit. Im Gespräch mit schoepfblog rückt Arman Mendelssohns sommernächtlich träumende Musik in die Nähe der Lieder ohne Worte: Ihre Lyrik und Poesie ermöglichten eine fortwährende Entfaltung, ein gleichsam organisches Weiterspinnen der musikalischen Gedanken.
Auch seine fundierte Erfahrung mit dem Musiktheater kommt Arman zugute, denn die einzelnen Musiknummern begleiten und kommentieren das Geschehen bei Shakespeare. Die Ouvertüre entwirft gleichsam eine musikalische Gesamtvision des Stücks: Elfenwelt, Liebesverwirrungen, höfische Sphäre und Handwerker, ja selbst das Eselsgeschrei werden musikalisch vorweggenommen.
Die flirrende, schwerelos leichte Musik des Scherzos markiert den Übergang vom städtischen Athen in den nächtlichen Wald und öffnet die Welt der Elfen; mit dem Chorlied Bunte Schlangen, zweigezüngt singen die Elfen ihre Königin in den Schlaf und schützen sie vor Schlangen und Ungeziefer; das Intermezzo beschwört Aufregung und Verzweiflung herauf und führt zugleich in die Welt der Handwerker; im Notturno sind die Liebenden im Wald eingeschlafen und träumen zum Klang des Hornsolos; der berühmte Hochzeitsmarsch geleitet signalhaft und triumphierend zur dreifachen Hochzeit in die höfische Welt; im Tanz von Rüpeln hört man die Handwerker klobig, aber keineswegs ungelenk feiern; und im Schlusschor Bei des Feuers mattem Flimmern versinkt die Traumwelt in einem unfassbaren Geheimnis.

Das TSOI und der Damenchor und die Damen des Extrachors des Tiroler Landestheaters
Die Musik folgt der Handlung nicht einfach Szene für Szene, sondern verleiht den drei Sphären des Stücks Konturen: der Elfenwelt, der nächtlichen Verzauberung der Liebenden und der burlesken Welt der Handwerker. Mit überzeugender Tempowahl und punktgenauen Einsätzen entlockt Howard Arman dem Orchester eine atmosphärisch bewegende Wiedergabe, geprägt von transparenter Klarheit und ansteckender Musikalität.
Spannungsreich pendelt die Ouvertüre zwischen geheimnisvoll schimmernden Klängen und leisen, flirrend bewegten Motiven; da und dort leuchtet ein Bläserklang aus der Streichergrundierung hervor. Auch das Scherzo bezieht seine Kraft aus dem Pianissimo und einer sublimen theatralischen Dramatik. Im Wiegen-Chorlied Bunte Schlangen, zweigezüngt präsentieren sich der Damenchor und die Damen des Extrachors des Tiroler Landestheaters klangprächtig, flankiert von zwei stimmungsvoll und prägnant gestaltenden Solistinnen: der Sopranistin Yejin Kang und der Mezzosopranistin Agnes Hyunjin Kim in den Rollen der ersten und zweiten Elfe. Aus der romantisch dunkel gefärbten Klanggrundierung des Notturnos tritt das Horn wie im Traum hervor; der Tanz von Rüpeln setzt dazu einen markanten Kontrast, bevor im Finale die Sängerinnen des Abends noch einmal berührend hervortreten.
Im zweiten Teil des Abends folgte eine von kräftigen Klangfarben, spannungsreicher Harmonik und einprägsamer Melodik geprägte Ergänzung des Programms: zunächst die English Folk Song Suite von Ralph Vaughan Williams (1872–1958) in der Orchesterfassung seines Schülers Gordon Jacob (1924), sodann From the Countryside (1915) von Eric Coates (1886–1957) – Gute-Laune-Musik von höchster Qualität.

Der Innenhof der kaiserlichen Hofburg wieder ausverkauft
In seiner dreiteiligen English Folk Song Suite verarbeitete Vaughan Williams neun Volkslieder aus Norfolk und Somerset. Zwei schwungvolle Märsche umrahmen das lyrische Intermezzo My Bonny Boy und sorgen für einen wirkungsvollen Wechsel zwischen tänzerischer Vitalität, festlichem Glanz und inniger Melancholie. Die Melodien werden nicht bloß aneinandergereiht, sondern durch raffinierte Instrumentation, wechselnde Klangfarben, Kontrapunktik und überraschende harmonische Wendungen kunstvoll weiterentwickelt. Dabei bewahrt Vaughan Williams den schlichten, unmittelbar eingängigen Charakter der Volkslieder und verbindet ihn mit großer kompositorischer Eleganz.
Eric Coates’ Suite From the Countryside zeichnet in drei programmatischen Stimmungsbildern den Verlauf eines Tages auf dem englischen Land nach: vom frühen Morgen auf den Wiesen über den verträumten Nachmittag zwischen Mohnblumen (Among the Poppies) bis zum abendlichen Jahrmarkt. Eingängige, elegant geschwungene Melodien, eine farbenreiche, transparente Instrumentation und der sichere Wechsel zwischen pastoraler Idylle, lyrischer Verträumtheit und ausgelassener Feststimmung kennzeichnen dieses Werk, das vom TSOI unter Howard Armans Leitung plastisch und eindrucksvoll wiedergegeben wurde.
Besonders der Mittelsatz im beschwingten Dreivierteltakt, stellenweise von schönen Harfengrundierungen getragen, entfaltet eine warme, beinahe schläfrige Poesie – ein wirkungsvoller Gegensatz zum Finale mit seiner rhythmischen Vitalität und seinen prägnanten Klangkontrasten, die das bunte Treiben des Jahrmarkts beschwören.
Fotorechte: Amir Kaufmann
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