Thomas Nußbaumer
Das Alexander’s Swing-Time Orchestra
mit dem Trompeten-Weltstar
Jon Faddis
bei den Innsbrucker Promenadenkonzerten
Besprechung
Das Alexander’s Swing-Time Orchestra, die junge Tiroler Bigband um ihren Gründer und Bandleader Alexander Kuttler, und der US-amerikanische Jazztrompeter Jon Faddis begeisterten am Dienstag, den 21. Juli 2026, das Publikum der Innsbrucker Promenadenkonzerte und wurden mit Standing Ovations gefeiert.
Auch diesmal war der Innenhof der Innsbrucker Hofburg wieder ausverkauft und das Wetter hielt. Das Programm zeichnete gleichsam eine Genealogie des modernen Bigband-Jazz nach: von Tunes aus der Feder von Dizzy Gillespie, Thad Jones und Duke Ellington bis hin zu eigenen Stücken und Arrangements der Bandmitglieder Alexander Kuttler und Gabriel Gstrein.

Der Bandleader Alexander Kuttler, Trompeter, Sänger und Arrangeur
„Alexander’s Swing-Time Orchestra“ ist eine noch junge, aber längst nicht mehr unerfahrene Tiroler Bigband. 2019 von Alexander Kuttler gegründet, ging das Ensemble zunächst von einer bewusst rückwärtsgewandten Frage aus: Wie lässt sich jener kompakte, federnde und zugleich farbenreiche Klang wiederbeleben, der die großen amerikanischen Tanz- und Jazzorchester einst auszeichnete?
Daraus entwickelte sich jedoch kein bloßes Nostalgieprojekt. Historische Arrangements stehen heute neben neuen Bearbeitungen und Eigenkompositionen. Die Pflege der Tradition wird ausdrücklich als Ausgangspunkt für eine zeitgenössische Bigband-Sprache verstanden. Im Zentrum steht Alexander Kuttler, der als Bandleader, Lead-Trompeter, Sänger und Arrangeur die musikalische Handschrift des Ensembles wesentlich bestimmt.
Mit fünf Saxofonisten, die gelegentlich auch zur Querflöte greifen, vier Posaunisten, fünf Trompetern und einer Rhythmusgruppe aus Klavier, E-Gitarre, Kontrabass und Schlagzeug entfaltet „Alexander’s Swing-Time Orchestra“ schon vom ersten Takt an eine eindrucksvolle Bühnenpräsenz.

Das Alexander`s Swing-Time Orchestra
Neben einzelnen Solisten wie etwa Josef Seeber (Trompete), Simon Wachter (Saxofon) und Bandleader Alexander Kuttler (Trompete) ist Rupert Kirchmair am Klavier hervorzuheben, der mit rhythmischer Präzision, harmonischer Wachheit und großer stilistischer Sicherheit immer wieder markante Akzente setzt.
Bewundernswert reibungslos vollziehen sich die Übergänge zwischen den Bläserblöcken und den solistischen Passagen. Die Arrangements öffnen immer wieder Räume, in denen einzelne Instrumente hervortreten können, ohne dass dabei der große orchestrale Zusammenhang verloren geht. So entsteht ein ständiger Wechsel zwischen gebündelter Klangfülle und improvisatorischer Freiheit – präzise organisiert, zugleich aber von jener Spontaneität und Spielfreude getragen, die den Reiz einer erstklassigen Bigband ausmacht.
Mit Jon Faddis (* 1953) stand dem ambitionierten Tiroler Ensemble kein beliebiger prominenter Gast gegenüber, sondern eine Schlüsselfigur der neueren Bigband-Geschichte.

Jon Faddis und seine Tiroler Jazzer
Faddis besitzt vielleicht nicht den allgemeinen Bekanntheitsgrad eines Louis Armstrong oder Miles Davis, zählt aber unter Trompetern, Bigband-Musikern und Jazzkennern seit Jahrzehnten zu den international maßgeblichen Persönlichkeiten.
Er verkörpert wie kaum ein anderer die direkte Traditionslinie von Dizzy Gillespie und Thad Jones: Gillespie war sein Mentor und enger Freund, im Thad Jones/Mel Lewis Orchestra machte der kaum Achtzehnjährige als Lead-Trompeter seine ersten entscheidenden New Yorker Erfahrungen. Später leitete er selbst einige der renommiertesten Jazzorchester der USA, darunter ein Jahrzehnt lang die Carnegie Hall Jazz Band.
Als Jon Faddis nach den mitreißenden Eröffnungsnummern der Bigband selbst die Bühne betrat, hatte sein Auftritt beinahe etwas Erscheinungshaftes. In einem auffällig gemusterten, rot-schwarz schimmernden Brokatjackett über schwarzem Hemd und schwarzer Hose hob er sich markant von den klassisch gekleideten Orchestermusikern ab.
Mit seiner imposanten Statur, seiner aufrechten Haltung und zugleich gelösten Präsenz nahm er die Bühne mühelos für sich ein. Ob mit Trompete oder Mikrofon in der Hand: Faddis wirkte als charismatischer Mittelpunkt – eine Erscheinung von natürlicher Autorität, ansteckender Spielfreude und Showtalent.
Mitunter neigt Faddis allerdings dazu, den Showanteil sehr zu übertreiben – besonders im ersten Teil des Konzerts, als Witze, spontane Kommentare zu den Glockenschlägen des nahen Doms, Reaktionen auf Laute aus dem Publikum und diverse Insider-Schmähs über einzelne Musiker zeitweise die Oberhand zu gewinnen drohten.
Im zweiten Teil rückte dann glücklicherweise wieder stärker die Musik in den Mittelpunkt. Seine überzeugendsten Showmomente hatte Faddis ohnehin dort, wo Unterhaltung und Musikalität unmittelbar ineinandergriffen: etwa als er mit dem Publikum den Schluss von „What a Wonderful World“ mit rauer, kehliger, knorriger und erdiger Stimme à la Louis Armstrong einstudierte.
Auch in seinem gelegentlichen, akzentuierten Dirigat der Bigband zeigte sich nicht bloß der Entertainer, sondern der erfahrene, leidenschaftliche Musiker und Ensembleleiter. In seinen Spielpausen saß er im Publikum, unterhielt freundlich seine Sitznachbarn oder setzte gar die Trompete an die Lippen.

Weltstar Jon Feddis
Als Solist erfüllte Faddis alle Erwartungen. Zu seinen Markenzeichen zählen ein strahlender, durchsetzungsfähiger Ton, enorme Beweglichkeit und jene halsbrecherische Sicherheit in höchsten Lagen, die bei aller Nähe zum Vorbild Gillespie längst zu einer eigenen Signatur geworden ist. Seine Expressivität, große Dynamik, die Natürlichkeit seines Improvisierens und seine unbekümmerte Spielfreude steckten spürbar nicht nur das Publikum, sondern auch die Musiker der Bigband an.
Das gut gewählte Programm trug zum Erfolg des Konzerts maßgeblich bei. Hochvirtuose Bebop-Nummern wechselten mit Balladen, riffbetonter Basie-Ökonomie und afro-kubanischer Rhythmik. Es wirkte streckenweise wie eine klingende Genealogie des modernen Bigband-Jazz. Duke Ellington und Count Basie bildeten das historische Fundament, Dizzy Gillespie und Thad Jones standen für dessen Erneuerung durch Bebop, komplexere Harmonik und eine zunehmend konzertante Behandlung des Jazzorchesters.
Jon Faddis, Gastsolist bei den Innsbrucker Promenadenkonzerten
Jon Faddis verkörperte diese Überlieferung nicht nur als Interpret, sondern als unmittelbarer Zeitzeuge und Mitgestalter. Eigenkompositionen von Alexander Kuttler und Gabriel Gstrein führten die Linie schließlich bis in die Tiroler Gegenwart weiter. Man gewann den Eindruck, dass Traditionspflege nicht als museale Rekonstruktion, sondern als Weitergabe von Musiker zu Musiker und von Generation zu Generation verstanden wird.
Die stilistische Vielfalt des Programms bedeutete für das Orchester zugleich eine beträchtliche Herausforderung. Eine überzeugende Interpretation durfte nicht alle Werke mit demselben pauschalen Bigband-Klang überziehen: Basies rhythmische Leichtigkeit verlangt anderes als Ellingtons raffinierte Klangfarben, Gillespies Bebop-Schärfe anderes als die weiche Kantabilität von „A Child Is Born“.
Entscheidend war daher nicht allein, ob die geschriebenen Passagen technisch bewältigt wurden, sondern ob die Band den unterschiedlichen Stücken jeweils ein eigenes Idiom, eine eigene Artikulation und ein charakteristisches Verhältnis von Satzklang und improvisiertem Solo geben konnte.
Besonders hervorzuheben war die Interpretation von „Manteca“, dem Jazzstandard von Dizzy Gillespie und Chano Pozo. Faddis holte dafür alle fünf Trompeter nach vorn und verwandelte die Passage in ein ebenso virtuoses wie kommunikatives Wechselspiel. Improvisation erschien hier nicht als bloße Abfolge einzelner Soli, sondern als lebendiger musikalischer Dialog zwischen mehreren Instrumenten.
So gewann man einen faszinierenden Eindruck davon, was es bedeuten muss, bei diesem herausragenden Musiker an einem Jazz-Workshop teilzunehmen.
Fotorechte: Amir Kaufmann
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