Thomas Nußbaumer
Susanne Weinhöppel, schoepfblog-Autorin,
mit einem beeindruckenden Abend
im Innsbrucker Treibhaus
Besprechung
Einen äußerst dichten Abend voller jüdischer Lebensweisheit, jüdischem Witz und packender Kreativität erlebte das Publikum von Susanne Weinhöppel am Mittwochabend (29. April 2026) im Treibhaus Innsbruck. Passt nicht ins Programm – Jüdische Lieder heißt das Programm der Münchner Sängerin, Harfenistin, Kabarettistin und Liedermacherin, die sich zum ersten Mal in Innsbruck hören ließ.
Entstanden ist es vor dem Hintergrund der Schuldzuweisungen und des neuen Antisemitismus angesichts des Terrors und der daraus resultierenden Kriege im Nahen Osten. Jüdinnen und Juden sind keine homogene Gruppe und können nicht pauschal für die Politik der israelischen Regierung zur Verantwortung gezogen werden, lautet eine der zentralen Botschaften Weinhöppels.

Sichtbar machen möchte sie dies mit Liedern, Poesie und Geschichten aus der jiddischen Tradition sowie von bekannten Künstlerinnen und Künstlern des 20. Jahrhunderts, etwa Kurt Tucholsky, Mordechai Gebirtig, Walter Mehring, Selma Merbaum, Abraham Sutzkever, Wolf Biermann, Leonard Cohen, Bob Dylan, Erich Fried und Susanne Weinhöppel selbst.
Das Saallicht wird zurückgefahren, die Bühnenscheinwerfer beleuchten eine zierliche Künstlerin hinter ihrer Konzertharfe, die von Beginn an für große Momente sorgt. Der Reigen aus Gedichten und Geschichten beginnt mit Kurt Tucholskys bitterer Reflexion auf den Ersten Weltkrieg (Sie lagen vier Jahre im Schützengraben. Zeit, große Zeit!) und seiner Forderung: Krieg dem Kriege! Die musikalische Komposition eines gewissen Alfred Kaiserswerth hat Susanne Weinhöppel für Harfe arrangiert: feingesponnen und mitunter expressiv klirrend, volltönig und kratzig.
Tucholsky war Jude und verstand sich als Deutscher. Andere Jüdinnen und Juden konvertierten zum Christentum, waren Atheisten oder das Gegenteil. Manche wollten ihre Herkunft vergessen machen, andere rückten sie in den Vordergrund. Viele wurden durch die Grausamkeiten der Nationalsozialisten und der Wehrmacht auf ihre jüdische Abstammung reduziert und gnadenlos aus ihrer Heimat deportiert.

Lieder wie Walter Mehrings Die kleine Stadt können ohne diesen Kontext nicht mehr verstanden werden. Auch Liedern wie Mordechai Gebirtigs Mottele – dem Streitgespräch zwischen einem traditionell denkenden jüdischen Vater und seinem aufbegehrenden Sohn, der letztlich doch wie sein Vater ein redlicher Jude werden soll – haftet der Gedanke an, dass im Osten Europas eine blühende kleinbürgerliche Kultur brutal zerstört wurde.
Mit Shmerke Kaczerginskis Gedicht friling (im Ghetto), vertont von Avrom Brudno, und Selma Merbaums Träumen, in Musik gesetzt von Dorothea Hofmann, ruft Weinhöppel die unfassbare Grausamkeit der Shoah in Erinnerung. Das jüdische Mädchen Selma Merbaum starb 1942 in einem rumänisch kontrollierten Zwangsarbeiterlager und hinterließ 57 Gedichte voller Sehnsucht, Hoffnung und Verzweiflung. Ich will leben ist ihr bekanntestes Gedicht; auch das Liebesgedicht Träume – Es sind meine Nächte durchflochten von Träumen, die süß sind wie junger Wein. Ich träume, es fallen die Blüten von Bäumen und hüllen und decken mich ein. – ist von bestechender Eindringlichkeit.
Weinen und Lachen lagen an diesem Abend im Treibhaus nahe beieinander. Benzion Witlers jiddischer Text akhtsik er un zibetsik zi, in einer Vertonung von Mark Warshavsky und von der Künstlerin arrangiert, erzählt vom Streitgespräch eines alten Ehepaars, das nicht mehr weiß, wer von beiden älter ist. Georg Kreislers Anti-Weihnachtslied Für was bist du gekommen dreht den Witz in Richtung Sarkasmus. Bob Dylans Like a Rolling Stone amüsiert in der zweisprachigen Bearbeitung von Wolfgang Ambros in American English und Wienerisch – als Pendant zu Daniel Kahns jiddischer Bearbeitung von Leonard Cohens berühmtem Hallelujah, das den Menschen im Spannungsfeld von Zuwendung zu und Abwendung von Gott zeigt.
Im zweiten Programmteil rückt immer wieder die jüdische Religion in den Vordergrund, besonders eindringlich in dem hebräischen Lied Shedemati, einem Gebet um Regen in der Dürre. Und auch die politische Widerständigkeit einzelner jüdischer Persönlichkeiten blinkt wie ein Leuchtturm vorbildlicher Haltung aus dem glitzernden, harfenistischen Lauffeuer, das Susanne Weinhöppel immer wieder entfacht: Wolf Biermann mit seinem Chanson Und als wir ans Ufer kamen – ihn ließ man, obwohl er ein überzeugter, idealistischer Linker war, nicht mehr in die DDR nach Hause zurück – und Erich Fried mit dem spannenden Text Der Mausefall, der metaphorisch zeigt, wie aus einer Demokratie eine Diktatur werden kann. Wir sind gerade Zeitzeugen solcher Prozesse geworden.
Nicht nur die Fülle der Geschichten und Poesie, die hier nicht vollständig ausgebreitet werden kann, begeistert an Susanne Weinhöppels Programm, sondern auch die Darbietungsweise und die Qualität der Performance: Großartig und ausdrucksstark ist ihre Stimme, faszinierend ihr Spiel auf der Harfe und gekonnt das Zusammenwirken von Gesang und Begleitung.
Sollte sie wieder nach Tirol kommen, ist sie schon jetzt als heißer Tipp und dringende Empfehlung zu handeln.
Fotorechte: Thomas Nußbaumer
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