Thomas Nußbaumer
Premiere des Ballett-Klassikers
„Schwanensee“
am Tiroler Landestheater
Besprechung
Mit Schwanensee, dem berühmten Tanzstück von Piotr I. Tschaikowski, uraufgeführt 1877 am Bolschoi-Theater in Moskau, 1895 für das Mariinski-Theater in Sankt Petersburg in einer revidierten Fassung herausgebracht und seither viele Male bearbeitet, begibt sich das Tiroler Landestheater auf das Terrain des klassischen Balletts.
Die nun geschaffene Innsbrucker Fassung des Stücks durch Stefan Späti, Co-Direktor für Tanz am Tiroler Landestheater, und seines Kollegen Marcel Leemann, der gemeinsam mit dem Tanzensemble die Choreografie entwickelte, erlebte nun gestern am 7. März 2026 ihre Uraufführung.

Tanz der Schwäne: Olivia Swintek, Melissa Totaro (Schwäne), Letizia Pignard, Eskil Dorrepaal (Siegfrieds Freunde aus einer anderen Welt)
Eine tragende Säule der Produktion ist das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck, das am Tag der Uraufführung unter der Leitung seines Chefdirigenten Gerrit Prießnitz Tschaikowskis Musik beherzt und mitreißend musiziert.
Der Innsbrucker Schwanensee begeistert nicht nur Freunde des klassischen Balletts, sondern auch Freunde des Märchens, wobei die Geschichte zu großen Teilen auf dem Original von 1877 beruht – allerdings mit dem Unterschied, dass sie, anders als bei Tschaikowski, in einem Happy End mündet.
Um das Tanzensemble umfassend einzubinden, wurden neben den bekannten Figuren auch zahlreiche Nebenfiguren eingeführt. So tummeln sich auf der Bühne (gestaltet von Ayşe Gülsüm Özel), die einerseits den Königshof vor dem Hintergrund einer video- und lichtbestrahlten Wand (Lichtdesign: Ralph Kopp) mit Fenstern in Ober- bzw. Mittellage und in anderen Szenen den neblig verschwommenen See der Schwäne unter einer von oben herabschwebenden silbernen Scheibe darstellt, zahlreiche Charaktere.

Catarina Abreu (Odette) und Ensemble
Zu ihnen zählen vor allem Prinz Siegfried (Iliano Tomasetto), der auf Wunsch seiner ehrgeizigen Mutter, Königin Elisabeth (Elizabeth Shupe), und seines Vaters, König Georg (Giorgos Mitas), eine der vier Prinzessinnen (Melissa Totaro, Olivia Swintek, MingXuan-Vincent Gao, Giorgia Doria) heiraten soll, dies aber eigentlich nicht will; der böse Zauberer Rotbart, der von einem Duo (Antonio Tafuni und Spyros Zikos) getanzt wird; die in einen Schwan verzauberte Prinzessin Odette (Catarina Abreu), die von Siegfried erlöst werden soll; Odile (Antonietta Bajraktari), die von Rotbart in einen marionettenhaften schwarzen Schwan verwandelt wird; ferner Wichtigtuer und Begleitfiguren wie eine Finanzberaterin (Sarah Merler), ein politischer Berater (Yi Yu), der Hofnarr Sleepy (Mingfu Guo), Siegfrieds bester Freund Doggo (Franklin Jones da Silva Santos) und seine Freunde aus einer anderen Welt (Letizia Pignard, Eskil Dorrepaal).

Schwäne
Diese Akteure in zum jeweiligen Charakter passenden, teils märchenhaften Kostümen von Catherine Voeffray, tänzeln, schweben, trippeln und springen in unterschiedlichen Ensembles über die Bühne, und man bewundert ihr akrobatisches Vermögen, ihre Gelenkigkeit und ihre Virtuosität im Stellungswechsel.
So gut wie alle dürfen sich zur Musik von Tschaikowski auch packend solistisch oder in innigen Duetten präsentieren, wobei Iliano Tomasetto (Siegfried), Elizabeth Shupe (Königin), Antonio Tafuni, Spyros Zikos (Rotbart-Duo), Catarina Abreu (Odette), Antonietta Bajraktari (Odile) sowie Letizia Pignard und Franklin Jones da Silva Santos (Siegfrieds Freunde) besonders beeindrucken.
Tschaikowskis Musik ist viel mehr als bloße Tanzbegleitung; sie wirkt oft fast wie eine sinfonisch gedachte Bühnenmusik, wenngleich sie – und das muss man auch sagen – künstlerisch an die Symphonien nicht heranreicht. Doch immerhin erlebt man – insbesondere in der erstklassigen Wiedergabe durch das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck mit dem großartigen Konzertmeister Martin Yavryan, der sich in seinen Soli selbst übertraf – eine Musik mit Melodienkraft, großen Spannungsbögen, wiederkehrenden Themen, psychologischer Zuspitzung und einer emotionalen Dichte, die für das Ballett ihrer Zeit neu und ästhetisch nicht unumstritten war.

Vorne: Eskil Dorrepaal (Siegfrieds Freund), Iliano Tomasetto (Prinz Siegfried), Letizia Pignard (Siegfrieds Freundin). Hinten: Yi Yu (Politischer Berater), Sarah Merler (Finanzberaterin), Franklin Jones da Silva Santos (Doggo)
Am stärksten prägt die Partitur der Kontrast zwischen zwei Klangwelten: Auf der einen Seite stehen höfische, festliche, tänzerische Sätze – Walzer, Pas de trois, brillante Ballszenen, charakteristische Tänze –, auf der anderen Seite die nächtige, melancholische, geheimnisvolle Sphäre des Sees. Dort wird die Musik weiter, schwebender, sehnsüchtiger, manchmal unheimlich. Das berühmte Schwanenthema erscheint in einer dunklen, klagenden Farbigkeit. Es kehrt im Verlauf des Werkes mehrfach wieder und trägt die tragische Grundstimmung bis zum Schluss.

Vorne: Iliano Tomasetto (Prinz Siegfried), Antonietta Bajraktari (Odile). Hinten: Olivia Swintek (Prinzessin Nord)
Fast jede wichtige Szene hat ein prägnantes eigenes Profil: lyrisch gesungene Linien für Odette, jugendlich-edle, teils etwas unentschlossene Noblesse für Siegfried, glanzvoll-verführerische und äußerlich brillante Musik für die Täuschungswelt um Odile und den Ball des dritten Aktes.

Yi Yu (Politischer Berater), Sarah Merler (Finanzberaterin), Mingfu Guo (Hofnarr Sleepy), Giorgos Mitas (König Georg) vor eindrucksvoller Kulisse
Neben dem berühmten Leitthema der Schwäne spielen auch bestimmte Tonarten (zum Beispiel h-Moll für die Welt der Schwäne) eine Rolle. Orchestral ist Schwanensee reich, farbig und dramatisch instrumentiert. Tschaikowski verwendet ein großes spätromantisches Orchester mit erweitertem Blech, Harfe und vielfältigem Schlagwerk. Dadurch kann er sehr unterschiedliche Effekte erzeugen: schimmernde, wasserartige Transparenz, festlichen Glanz, scharfe dramatische Ausbrüche, aber auch jene weiche, elegische Klangfläche, die man sofort mit dem See verbindet.
Andererseits leidet das vieraktige Werk, das mit der Pause zwei Stunden und 15 Minuten dauert, gelegentlich an Längen, insbesondere in den höfischen Szenen, sowohl musikalisch als auch darstellerisch.
Die See- bzw. Schwanenszenen faszinieren jedoch durchgehend, und ein fulminantes Finale entschädigt für alles; so sah es auch das rundum zufriedene, teils recht junge Premierenpublikum, das insbesondere die klassischen Ballettszenen schätzte.
Fotorechte: Ida Zenna
Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.
Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen
