Thomas Nußbaumer
Leokadia Justmans
zutiefst berührende und
literarisch bemerkenswerte Gedichte
„Mit Blut und Leid“
an einem Abend im Innsbrucker Treibhaus

Die 2025 im Tyrolia-Verlag erstmals vollständig auf Deutsch erschienenen autobiografischen Erinnerungen der aus Łódź stammenden Jüdin Leokadia Justman an die Jahre 1939 bis 1946, veröffentlicht unter dem Titel Brechen wir aus! Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirolsiehe dazu den schoepfblog-Bericht https://schoepfblog.at/thomas-nussbaumer-bespricht-justman/ –, finden ebenso wie die Person Leokadia Justman selbst zunehmend breite Resonanz.

Erst vor wenigen Monaten entdeckte das Team des Forschungsprojekts Leokadia Justmans Überlebensgeschichte an der Universität Innsbruck unter der Leitung von Dominik Markl und Niko Hofinger in US-amerikanischen Archiven Justmans 15 Gedichte umfassende Sammlung Mit Blut und Leid. Die Gedichte entstanden 1944/45 im Innsbrucker Polizeigefängnis sowie nach Justmans Ausbruch an verschiedenen Orten im Bezirk Zell am See.

Diese eindringliche, zutiefst berührende und literarisch bemerkenswerte Poesie wurde am Mittwoch, dem 6. Mai 2026, im Treibhaus Innsbruck im Rahmen einer musikalischen Lesung von der jungen Südtiroler Schauspielerin Jasmin Mairhofer vorgetragen. Durch den Abend führte der Ö1-Moderator Johannes Kaup; musikalisch gestaltet wurde er von Juliana Haider (Saxofon, Vocals und Live-Elektronik) sowie von ihrem Vater Siggi Haider am Akkordeon. Anwesend war auch Leokadia Justmans Sohn Jeffrey Wiśnicki, der eigens aus Florida angereist war.

Leokadias Geschichte ist an Dramatik kaum zu überbieten – und zugleich ein eindringliches Lehrstück über das Verhalten von Menschen in Tirol während der NS-Diktatur. Sie erzählt vom Grauen der jüdischen Verfolgung in Polen, wo ihre Mutter schon früh nach Treblinka deportiert und ermordet wurde; von der Flucht gemeinsam mit ihrem Vater und anderen aus Polen und der Einreise ins Deutsche Reich im Jahr 1943 mit gefälschten Identitätspapieren, getarnt als polnische Fremdarbeiterinnen und Fremdarbeiter; vom Leben und Arbeiten in Seefeld und Innsbruck; von der Verhaftung durch die Innsbrucker Gestapo 1944 und der Haft im Innsbrucker Polizeigefängnis angesichts der drohenden Deportation nach Auschwitz; von der Ermordung des Vaters im KZ Reichenau-Innsbruck.

Sie berichtet vom Ausbruch aus dem bei einem amerikanischen Fliegerangriff beschädigten Gefängnis im Jänner 1945, vom erneuten Untertauchen mithilfe Tiroler Helferinnen und Helfer, vom Kriegsende in der Region Lofer, von der Rückkehr nach Innsbruck und von ihrer Mitarbeit in einer Beratungsstelle für Jüdinnen und Juden am Adolf-Pichler-Platz. 

Zu dieser Geschichte gehört auch die erste jüdische Hochzeit auf Tiroler Boden nach dem Krieg: 1946 heiratete Leokadia den ebenfalls jüdischen Joseph Wiśnicki (1916–2016), den sie in Innsbruck kennengelernt hatte. Später wanderte das Paar in die USA aus. Ihr Sohn Jeffrey Wiśnicki trug maßgeblich dazu bei, die Lebenserinnerungen seiner Mutter zu veröffentlichen – und nun auch jene seines Vaters, der in Bludenz überleben konnte.


Johannes Kaup, Jasmin Mairhofer, Juliana Haider, Siggi Haider

Diese Geschichte bildet den Hintergrund für die nun aufgetauchten 15 Gedichte. Dass Leokadia Justman selbst in einer Situation äußerster Bedrohung, als ihre Deportation nach Auschwitz jederzeit möglich war, lyrische Texte schrieb, lässt sich bereits einer kleinen Anekdote in ihrem Buch entnehmen. Sie schildert darin eine Begegnung mit dem Gefängnisdirektor Wolfgang Neuschmid, der die Gestapo verabscheute und den jüdischen Gefangenen half, soweit es in seiner Macht stand; später wurde er zu einem ihrer wichtigsten Tiroler Helfer. Über einen Besuch Neuschmids in ihrer Gefängniszelle heißt es:

Er schwieg und betrachtete anscheinend eher die Wände, die mit Friedensgedichten und Gebeten um Befreiung bedeckt waren. Einer der Verse interessierte ihn besonders.
„Wer hat das geschrieben?“
„Das war ich …“ Meine Stimme zitterte. Ich senkte schuldbewusst den Blick.
„Du darfst nicht auf die Wände schreiben. Das solltest du mittlerweile wissen.“ Plötzlich änderte er seinen Tonfall. „Du hast ziemlich viel Talent. Verschwende es nicht. Wenn du schreiben willst, schreib es auf ein Blatt Papier. Ich hatte immer eine Schwäche für Gedichte.“ Er gab mir ein kleines Notizbuch und einen Bleistift.

Doch selbst wenn man Leokadias Geschichte nicht kennen würde, wäre sofort offenkundig, dass es sich um Literatur in größter Not und unter schwerster Bedrohung handelt. Ihre Gedichte kreisen um Verfolgung, Todesangst, Verlust und Einsamkeit. Darin bleiben sie jedoch nicht stecken, und gerade das macht sie so bewegend: Aus der konkreten Erfahrung von Haft, Flucht und drohender Deportation entsteht eine Lyrik, die zwischen Abgrund und Auflehnung pendelt.


Jeffrey Wiśnicki erzählt über seine Mutter Leoakdia Justman bzw. nach der Emigration in die USA Lorraine Justman-Wiśnicki


Im Zentrum stehen Liebe, Tod und Hoffnung. Thematisch öffnen sich mehrere Felder: Da ist zunächst die Trauer um das Verlorene – die Eltern, die erste Liebe Richard, der in Polen deportiert wurde, Heimat, Sicherheit, Jugend, Zukunft. Gedichte wie Was ist geblieben?, Warum? oder Meinem Vater! deuten schon in den Titeln auf Verlust, Klage und das verzweifelte Fragen nach Sinn. Daneben steht die Sehnsucht nach Nähe und Rettung, nach einem Menschen, einer Stimme, einem Traum, einem Ausweg – spürbar etwa in Titeln wie Oh, komm’ in der Nacht, Im Traum, Mein Brief oder Oh, wann?

Gleichzeitig gibt es eine auffallende Bewegung ins Helle: Naturbilder, Berge, Frühling, Frieden und Auferstehung werden zu Gegenbildern der Gewalt. Die Gedichte sind deshalb nicht nur Dokumente des Leidens, sondern auch Texte des inneren Widerstands. Sie halten an Würde, Schönheit, Liebe und Menschlichkeit fest, wo alles darauf angelegt ist, diese zu zerstören.


Juliana Haider, Siggi Haider

Emotional reicht der Bogen von Angst, Trauer, Heimweh und Verzweiflung bis zu Trotz, Hoffnung, Friedenssehnsucht und moralischem Appell. Besonders die späten, programmatischen Titel – Ave Pax, Und die Toten werden auferstehen! und Menschheit erwache! – weiten das persönliche Schicksal ins Allgemeine: Aus der Stimme einer Verfolgten wird eine Mahnung an die Menschheit. Diese Gedichte sind Klage, Liebesruf, Überlebenszeichen und Warnruf zugleich. Man kann sie auf der Leokadia-Justman-Projektseite der Universität Innsbruck hören und lesen: https://www.brechen-wir-aus.at/menschheit-erwache/

Die Präsentation dieses kostbaren lyrischen Werks im Treibhaus war in jedem Moment ergreifend und von außergewöhnlicher Qualität. Jasmin Mairhofer, die Leokadias Gedichte für die eben genannte Website auf Band gesprochen hatte, verlieh ihnen auf eindrucksvolle Weise ihre Stimme: hochkonzentriert, bis in feinste Verästelungen nuanciert und von großer Eindringlichkeit. Juliana Haider und Siggi Haider schufen dazu kongeniale Improvisationen, die den Ausdrucksraum der Neuen Musik sensibel und zugleich kraftvoll ausloteten: von fein abgestuften, dissonanten, clusterartigen Klangflächen, über denen bald eine Saxofonweise, bald eine Vokalmelodie schwebte, bis hin zu einem befreit aufatmenden Sphärenklang – einem Bad in den Farben von Akkordeon und Saxofon, behutsam erweitert durch elektronische Klänge. Den Geist Leokadia Justmans, deren ausdrucksvolles, ernstes Gesicht über der Bühne eingeblendet blieb, hätte man wohl kaum treffender gegenwärtig machen können.

Der Moderator Johannes Kaup führte exzellent vorbereitet durch den Abend und bat auch den Projektleiter Dominik Markl, Professor für Alttestamentliche Bibelwissenschaft an der Universität Innsbruck, sowie Leokadias eigens aus den USA angereisten Sohn Jeffrey Wiśnicki zum Gespräch auf das Podium. In prägnanten Worten zeichnete Jeffrey Wiśnicki das Bild seiner Mutter als einer Persönlichkeit, für die Humanität stets an erster Stelle stand.


Johannes Kaup, Jasmin Mairhofer, Juliana Haider, Siggi Haider

Überdies wurde auf das noch druckfrische Buch von Leokadias Ehemann Joseph Wiśnicki hingewiesen: Mich kriegt ihr nicht! Als polnischer Jude auf der Flucht in Vorarlberg, Tyrolia-Verlag, Innsbruck/Wien 2026 – die deutsche Übersetzung seines Erinnerungsberichts My Fight for Survival. Joseph Wiśnicki besaß zwar nicht das schriftstellerische Talent seiner Frau, doch ist sein Bericht nicht minder eindrucksvoll.

Fotorechte: Thomas Nußbaumer

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Thomas Nußbaumer

Thomas Nußbaumer ( geb.1966 in Hall in Tirol) ist ein österreichischer Musikwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Volksmusikforschung / Ethnomusikologie. Nußbaumer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Innsbrucker Sitz der Universität Mozarteum Salzburg, Abteilung für Musikwissenschaft, Abteilungsbereich Musikalische Volkskunde, seit 2010 als Universitätsdozent für Volksmusikforschung. Daneben arbeitet er als freier Kulturjournalist.

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