Thomas Nußbaumer bespricht:
Akademiekonzert des
Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck (TSOI)
mit Fabio Biondi

Ein Hauch von Europa Galante lag in der Luft. Für das Akademiekonzert des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck (TSOI), das am 10. Jänner 2026 vom Haus der Musik Innsbruck veranstaltet wurde, konnte mit Fabio Biondi der Begründer des internationalen Spitzenensembles Europa Galante – und damit ein Pionier eines bahnbrechenden Stils in der Interpretation barocker Werke – als Gastdirigent und zugleich als Solist an der Violine gewonnen werden. 

Auf dem Programm des mitreißenden Abends standen Frühwerke von Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809–1847).

Europa Galante, gegründet 1989, zählt neben anderen, ebenfalls in den 1980-ern entstandenen Ensembles wie Il Giardino Armonico oder Zefiro zu den Aushängeschildern der historisch informierten Aufführungspraxis italienischer Prägung. Fabio Biondis Ensemble gehört zu jenen Formationen, die in ihrer ersten Wirkungsphase italienische Barockmusik – allen voran Antonio Vivaldi – wie lebendiges Musiktheater zum Klingen brachten und ihr Interpretationsspektrum nach und nach bis hin zu Werken des Belcanto und der Frühromantik erweiterten.

Fabio Biondi, ein Musiker von internationaler Strahlkraft, steht für eine ausgesprochen rhetorische, impulsive, farbenreiche Spielweise: mit viel Sprachgefühl im Phrasieren, spürbarem Tanzpuls, scharfen Kontrasten und oft einer gewissen Bühnenenergie. 

Er will weg von bloßer Konvention und Dogma, hin zu Spontaneität und Ausdruck. Hört man Biondi live, lohnt es sich, darauf zu achten, wie sprechende Akzente und Artikulation die Musik dramatisieren, wie der Bass den Drive organisiert und wie Ornamentik und Timing oft bewusst riskant (im besten Sinn) wirken.

Das hörbare Ergebnis des Akademiekonzerts zeigte, dass es Biondi gelang, dem Tiroler Symphonieorchester Innsbruck gleichsam workshopartig seine Philosophie des Musizierens näherzubringen. 

Programmbedingt waren im ersten Teil ausschließlich die Streicherinnen und Streicher gefordert. Man spürte in jeder Phase des Konzerts, dass die Musikerinnen und Musiker Biondis Anregungen mit Hingabe und Begeisterung aufnahmen und unmittelbar umsetzten. 

Außergewöhnlich war auch die Programmzusammenstellung mit frühen Werken von Mendelssohn, der, wie bekannt, ein Wunderkind war. Die eingangs gespielte, rund zehnminütige Streichersinfonie Nr. 2 in D-Dur (MWV N 2) entstand 1821, als Mendelssohn gerade einmal zwölf Jahre alt war. Die beiden kammermusikalisch dargebotenen Fugen in g-Moll (MWV W 4) und d-Moll (MWV W 3) schrieb er als Elfjähriger, das Konzert für Violine und Streichorchester in d-Moll (MWV O 3), bei dem sich Fabio Biondi als Solist und Dirigent zugleich präsentierte, als Dreizehnjähriger. 

Seine Symphonie Nr. 1 in c-Moll (MWV N 13) schließlich schrieb er mit 15 Jahren. Alle genannten Werke sind jedoch durchwegs meisterhaft und lassen erkennen, dass sich der junge Mendelssohn intensiv mit der Musik von Johann Sebastian Bach, Carl Philipp Emanuel Bach, Mozart und Beethoven beschäftigt hat. Insofern bot das Programm eine formal und musikstilistisch hochinteressante Mischung aus barocken Formen, individuellem Ausdrucksstreben und der stilistischen Palette der Wiener Klassik – typisch für die Frühzeit der Romantik.

Bereits die Eröffnung mit der (barocken) Streichersinfonie Nr. 2 in D-Dur verdeutlichte den Weg, den Biondi mit den Streicherinnen und Streichern des TSOI für dieses Konzert einschlug. Die pulsierende Vitalität und der tänzerische Schwung der Außensätze kontrastierten mit dem schwelgerisch ausmusizierten Andante-Satz mit seinen ausladenden Vorhalten, die in glückseligen Auflösungen aufgehen. 

Die beiden faszinierenden kurzen, dreistimmigen Fugen, offenbar Bachs Fugenkunst nachempfunden und vom elfjährigen Mendelssohn ursprünglich für Orgel komponiert, erklangen hinreißend in Triobesetzung mit Biondi sowie Konzertmeister Robert Stepanian an den Violinen und dem TSOI-Cellisten Leonardo Sesenna.

Doch Biondi legte seine Violine noch nicht weg. Mit der Darbietung des zweiten Violinkonzerts, dessen Handschrift übrigens um 1950 vom legendären Geiger Yehudi Menuhin wiederentdeckt worden war, hielt im Großen Saal des Hauses der Musik endgültig der Spirit von Europa Galante Einzug. 

Als Violinist bevorzugt Biondi einen äußerst schlanken Ton. Die rasenden Figuren, Ornamente und Läufe spielt er mitunter an der Grenze der Fliehkraft. Seine riskante, unkonventionelle Spielweise – auch dadurch begünstigt, dass er den Bogen relativ weit oben fasst – geht bisweilen zulasten der Genauigkeit, wirkt jedoch äußerst musikantisch und befreiend. 

Das Orchester lässt er dort, wo es passend erscheint, dynamisch aus dem Pianissimo explosiv hochfahren. Die Celli und Bässe erzeugen jenen Drive, der ein schon zu Mendelssohns Zeiten eher traditionsverhaftetes Werk zu einem Zeugnis lebendigen Musizierens wandelt.

Nach der Pause durften bei der Wiedergabe der Symphonie Nr. 1 in c-Moll auch die Musikerinnen und Musiker an den Blasinstrumenten (je zwei Flöten, Oboen, Klarinetten, Fagotte, Hörner und Trompeten) sowie der Pauker von Biondis präzisem, vitalem Dirigat profitieren. 

Das Werk enthält – wie kann es anders sein? – deutliche Hinweise auf Mozart und Beethoven. Die Dramatik des ersten Satzes verstärkt Biondi durch Schärfungen des Tempos und dynamische Kontraste, wenn es darum geht, Melodielinien der Bläser auszugestalten. Der lyrische zweite Satz entfaltet sich zum aufblühenden Hymnus. Das an Klangeffekten reiche Menuetto stellt dem vorwärtsdrängenden Hauptteil ein klangvoluminöses, sehr deutlich – und auch augenzwinkernd – an Beethoven angelehntes Trio gegenüber: Leise intoniert dabei sogar die Pauke den Rhythmus des Themas der Schicksals-Symphonie. Die beiden Pizzicato-Passagen im brillanten Schlusssatz wurden unter Biondis Leitung so leise gezupft, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Umso packender wirkten die sich anschließenden Fugatostellen.

Fotorechte: WE FEEL

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Thomas Nußbaumer

Thomas Nußbaumer ( geb.1966 in Hall in Tirol) ist ein österreichischer Musikwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Volksmusikforschung / Ethnomusikologie. Nußbaumer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Innsbrucker Sitz der Universität Mozarteum Salzburg, Abteilung für Musikwissenschaft, Abteilungsbereich Musikalische Volkskunde, seit 2010 als Universitätsdozent für Volksmusikforschung. Daneben arbeitet er als freier Kulturjournalist.

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