Thomas Nußbaumer
Die „Italienische Nacht“
der Münchner Symphoniker
bei den Innsbrucker Promenadenkonzerten
Besprechung

Das Innsbrucker Promenadenkonzert am Mittwoch, dem 22. Juli 2026, erfreute die Ohren der Liebhaber der italienischen Opernromantik und des Belcantos.

So entfalteten die Münchner Symphoniker unter der Leitung von Michael Balke gemeinsam mit der Sopranistin Sara Cortolezzi und dem Tenor Mert Süngü ein facettenreiches Panorama der romantischen Oper.

Arien und Duette von Giuseppe Verdi, Giacomo Puccini, Gaetano Donizetti, Charles Gounod, Gioachino Rossini und Ruggero Leoncavallo verbanden lyrische Innigkeit mit tenoraler Strahlkraft, virtuoser Koloratur, leidenschaftlichem Zusammenspiel und orchestralem Dramenimpuls.

Die Münchner Symphoniker im ausverkauften Innenhof der kaiserlichen Hofburg

Der Titel Italienische Sommernacht bezeichnete dabei vor allem die Atmosphäre – Sinnlichkeit, Melodienreichtum, Temperament und südländisches Flair. Die Münchner Symphoniker, nunmehr zum vierten Mal zu Gast bei den Innsbrucker Promenadenkonzerten, konnten auch diesmal wieder das zahlreiche Publikum – erneut war der Innenhof der Innsbrucker Hofburg ausverkauft – begeistern. Michael Balke, seit der Saison 2023/24 Erster Gastdirigent am Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz, achtete auf einen ausgewogenen, differenzierten und transparenten Orchesterklang.

Bereits in der einleitenden Ouvertüre zu Verdis tragischer Oper Luisa Miller mit ihrer nervösen Motorik, den scharf akzentuierten dynamischen Zuspitzungen und dem kantablen Klarinettensolo kamen die Qualitäten der Münchner Symphoniker eindrucksvoll zur Geltung: ein fein schattierter Streicherklang, lyrisch profilierte Bläserstimmen und eine ausgewogene Balance zwischen den einzelnen Registern. Später, in Gounods Prélude aus der Oper Roméo et Juliette, das mit seiner Fuge den Kampf der verfeindeten Lager und die romantische Tragik des Stoffes wirkungsvoll vorwegnimmt, stellte das Orchester auch seine dramatische Gestaltungskraft unter Beweis: Die spannungsreichen Gegensätze zwischen lyrischer Empfindsamkeit und leidenschaftlichem Pathos wurden prägnant herausgearbeitet. Zwischendurch erklang Puccinis Intermezzo aus dem dritten Akt von Manon Lescaut mit seiner weit ausschwingenden, zunehmend leidenschaftlichen Melodik, vom Orchester schwebend, warm und transparent vorgetragen. Zu diesen Klängen zwitscherten die Mauersegler des Innenhofs hörbar laut und in freudiger Aufregung.

Im Fokus standen allerdings aufstrebende Größen des Operngesangs: die aus Mestre stammende Sopranistin Sara Cortolezzi, eine bereits preisgekrönte Vertreterin des lyrischen und zunehmend auch dramatischen italienischen Fachs, und der in Istanbul geborene Tenor Mert Süngü, der sich schon als Belcanto- und Mozarttenor profiliert hat. Das Programm bot eine abwechslungsreiche vokale Leistungsschau. Mit der berühmten Tenorarie La donna è mobile aus Verdis Rigoletto eröffnete einer der populärsten Opernschlager den sängerischen Reigen. Die ursprünglich im Programm angeführte Nummer aus Verdis Les Vêpres siciliennes wurde durch Merci, jeunes amies ersetzt – Hélènes französischsprachige Bolero-Arie, ein brillantes, rhythmisch federndes Schaustück für Koloratursopran. Einen spektakulären tenoralen Höhepunkt bildete Ah! mes amis aus Donizettis La fille du régiment, berühmt für seine Folge hoher Cs und daher weniger ein lyrisches Charakterstück als eine vokale Kraft- und Glanzprobe.


Mert Süngü (Tenor) und Sara Cortolezzi (Sopran)

Der zweite Teil rückte zunächst die intime, empfindsame Welt von Puccinis La Bohème in den Mittelpunkt: In Sì, mi chiamano Mimì stellt sich Mimì mit schlichter Wärme und poetischer Innigkeit vor. Das anschließende Duett O soave fanciulla steigert die erste Begegnung von Mimì und Rodolfo zu einem großen, schwärmerischen Liebesfinale. Damit erhielt das Programm neben aller Virtuosität auch einen längeren lyrisch-dramatischen Zusammenhang.

Gounods elegante, duftige und feinsinnig instrumentierte Musik bildete einen stilistischen Kontrast zur unmittelbareren Leidenschaft Puccinis. Rossinis La speranza più soave aus Semiramide stellte anschließend erneut höchste Anforderungen an Beweglichkeit, Atemführung und Koloraturtechnik. Die Tarantella La danza brachte dagegen tänzerisches Temperament und neapolitanisches Kolorit ins Programm. Den Übergang zum Verismo markierte Leoncavallos Nedda-Arie Qual fiamma … Stridono lassù aus Pagliacci. Hinter ihrer schillernden Vogel- und Freiheitsmetaphorik steht bereits das Bewusstsein persönlicher Gefangenschaft; das Stück verbindet virtuosen Aufschwung mit dramatischer Unruhe. Mit Leoncavallos populärer Mattinata endete das offizielle Programm schließlich in leichterem, serenadenhaftem Ton. Als Zugabe entzückte das Rossini zugeschriebene Miau-Duett.


Schlussapplaus. Im Vordergrund Michael Balke (Dirigent), Sara Cortolezzi (Sopran) und Mert Süngü (Tenor)

Beide Solisten beeindruckten durch unterschiedliche Qualitäten und Charaktere: Sara Cortolezzi vor allem mit ihrer beweglichen lyrischen Sopranstimme von dunkler Wärme, sicherer Höhe und dramatischem Potenzial. Besonders hervorzuheben sind ihre Pianokultur, ihre Fähigkeit zu weichen, getragenen Linien und zugleich zu leidenschaftlichen Ausbrüchen. 

Mert Süngüs Tenor hingegen ist hell timbriert, flexibel und zugleich von lyrischer Substanz. Zu seinen besonderen Stärken zählen die freie, tragfähige Höhe, eine gewandte Koloraturtechnik (was aber auch Cortolezzi auszeichnet), eine klare Textartikulation und eine differenzierte Gestaltung mit sorgfältiger Phrasierung.

Die beiden überzeugten sowohl solistisch als auch in den innigen Duetten. Die Münchner Symphoniker erwiesen sich dabei als rücksichtsvolle, Musikalität verströmende Begleiter der Solopartien.

Fotorechte: Thomas Nußbaumer

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Thomas Nußbaumer

Thomas Nußbaumer ( geb.1966 in Hall in Tirol) ist ein österreichischer Musikwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Volksmusikforschung / Ethnomusikologie. Nußbaumer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Innsbrucker Sitz der Universität Mozarteum Salzburg, Abteilung für Musikwissenschaft, Abteilungsbereich Musikalische Volkskunde, seit 2010 als Universitätsdozent für Volksmusikforschung. Daneben arbeitet er als freier Kulturjournalist.

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