Thomas Nußbaumer
Das virtuose Bläserseptett
„Federspiel“
bei den Innsbrucker Promenadenkonzerten
Besprechung

Das vorletzte Konzert der diesjährigen Innsbrucker Promenadenkonzerte am Mittwoch, dem 29. Juli 2026, gehörte Federspiel, jenem virtuosen Bläserseptett aus Ostösterreich, das eine zeitgenössische Volksmusik zwischen alpenländischer Tradition, Weltmusik, kunstvoller Kammermusik, Bigband und Jazz entwirft – gelegentlich mit Klangbildern, die sogar an Fluch der Karibik erinnern. 

Aus diesen höchst unterschiedlichen Einflüssen formt das Ensemble eine unverwechselbare Musiksprache. Der Innenhof der Innsbrucker Hofburg war erneut ausverkauft, am Ende wurde das siebenköpfige Ensemble mit stehenden Ovationen gefeiert. Auf dem Programm standen vor allem Stücke aus dem aktuellen Album Wir & Jetzt.

Federspiel wurde 2004 gegründet. Der Mentor der damals jungen Musiker, die 2006 beim Alpenländischen Volksmusikwettbewerb in Innsbruck auftraten und als ausgezeichnete Gruppe sogar im Preisträgerkonzert spielen durften, war der unvergessene Wiener Volksmusiker und Volksmusikforscher Rudolf Pietsch (1951–2020), aus dessen Nachlass die Gruppe eine Maultrommel übernehmen durfte, die sie heute gerne spielt – dazu später mehr.

Aus der jungen Formation der Nuller- und Zehnerjahre ist mittlerweile – man darf es ohne Übertreibung so sagen – eine Legende geworden: ein Ensemble mit eigenständiger musikalischer Handschrift, dessen Repertoire überwiegend aus Eigenkompositionen besteht. Fremde Stücke werden von den Musikern selbst arrangiert und ihrer Klangsprache anverwandelt.

In Innsbruck war Federspiel in folgender Besetzung zu hören: Christoph Moschberger (Flügelhorn, Trompete), Frédéric Alvarado-Dupuy (Klarinette), Thomas Weiss (Bassposaune, Posaune), Philip Haas (Trompete, Flügelhorn), Roland Eitzinger (Tuba), Simon Zöchbauer (Trompete, Flügelhorn, Zither) und Thomas Winalek (Posaune, Basstrompete). Bei allen sieben ließe sich zudem Gesang ergänzen, denn Federspiel setzt die Stimmen seiner Mitglieder regelmäßig ein: in Jodlern ebenso wie in instrumental-vokalen Stücken.

Das Spiel von Federspiel lebt von einer reizvollen Verbindung aus höchster Präzision und scheinbarer Ungezwungenheit. Selbst in rhythmisch vertrackten Passagen greifen die Stimmen mit traumwandlerischer Sicherheit ineinander. Abrupte Akzente, synkopische Verschiebungen und rasche Wechsel der Klangfarben wirken dabei niemals angestrengt, sondern entstehen wie aus dem gemeinsamen Atem des Ensembles. 

Bemerkenswert ist die Beweglichkeit des Bläserklangs: Er kann sich machtvoll und beinahe orchestral auftürmen, im nächsten Augenblick aber in ein durchsichtiges, kammermusikalisch fein ausgehörtes Geflecht zurücknehmen. Scharfe, metallisch leuchtende Trompetensignale stehen neben dem weicheren Ton der Flügelhörner, kantable Klarinettenlinien neben dem sonoren Fundament von Posaunen und Tuba. Die tiefen Instrumente beschränken sich keineswegs auf Begleitfunktionen, sondern setzen rhythmische Impulse und treten immer wieder mit überraschender Wendigkeit hervor. Klänge der Zither – mitunter auch elektronisch verfremdet – und der Maultrommel verleihen dem Klangbild in manchen Nummern alpenländisches Kolorit.

Bei aller spieltechnischen Brillanz vermeidet Federspiel den Eindruck bloßer Virtuosenschau. Entscheidend ist vielmehr die ausgeprägte Ensemblekultur: Die Musiker reagieren unmittelbar aufeinander, reichen Motive weiter, kommentieren und umspielen sie und schaffen damit den Eindruck eines lebendigen musikalischen Gesprächs. 

Dazu kommen improvisatorische Freiräume, ein feines Gespür für dramatische Entwicklungen und ein Spielwitz, der auch komplexe Arrangements leicht und spontan erscheinen lässt. So wird die alpenländische Bläsertradition weder ehrfürchtig konserviert noch ironisch vorgeführt, sondern als wandlungsfähiges Material behandelt, aus dem Federspiel eine ebenso eigenständige wie gegenwärtige Musiksprache entwickelt.

Eröffnet wurde der Abend mit dem zunächst fanfarenartig auftrumpfenden, sich dann zunehmend filigran und tänzerisch entfaltenden Stück Imogen & Posthumus. Die Komposition stammt von Matthias Werner, dem früheren Posaunisten und Basstrompeter von Federspiel, und entstand 2019 als Geburtstagsfanfare für das Ensemble und das Wiener Jeunesse Orchester. Mit dem anschließenden Auf uns! des Flügelhornisten Christoph Moschberger begann der Reigen der Stücke aus dem neuen Album Wir & Jetzt

Die Tänze aus Ottakring, ein Bravourstück des Wiener Volksmusikers Karl Mikulas in der Bearbeitung des Klarinettisten Frédéric Alvarado-Dupuy, erinnern in ihrer Spannung zwischen grotesken Exklamationen und unbändiger musikantischer Spielfreude bisweilen an Werner Pirchner. Einen markanten Kontrast dazu bildete die nachdenklich kreisende, bewusst repetitive Melodik von Perpendikel 333, in deren Hauptthema sich unvermittelt die Glockenschläge des nahe gelegenen Doms mischten.

Mit dem im Mostviertel überlieferten Jodler Auf der Strah erklang der erste Jodler des Abends: dreistimmig, fein ausbalanciert und zugleich von kraftvoller Präsenz. Später folgte als Zugabe, mitten im Publikum dargeboten, Der Schweinsbeuschler.

Wind and Earth des Trompeters Simon Zöchbauer und Kokon Imago führten schließlich in Klangwelten jenseits des konventionellen Blasinstrumentenspiels. Blechblasinstrumente können pfeifenden, rauschenden und heulenden Wind abbilden, aus dem mitunter eine einsame Posaunenstimme hervortritt. Zugleich lassen sie sich als äußerst differenzierte, feinklangliche Rhythmusinstrumente einsetzen. Die von Simon Zöchbauer elektronisch verfremdete und mit dem Geigenbogen gestrichene Zither eröffnet im Zusammenspiel mit Posaune und Flügelhorn sowie einem gezielt eingesetzten Hall nahezu psychedelische Klangräume. Inhaltlich kreist die Musik um die Spannung zwischen Naturschönheit, Vergänglichkeit und Schmerz – zugleich aber auch um die Hoffnung auf eine neue, schönere Zeit.

Wir haben gefeiert, gelacht, getanzt und geweint, Matthias Werners Komposition zum 20-jährigen Bestehen von Federspiel, verbindet eine grundsätzlich tänzerische Anlage mit Gesang, Bodypercussion und Klatschen. In Joy Dance erklingt überraschend die Maultrommel Rudolf Pietschs, des unvergessenen Mentors (auch) von Federspiel. Das zeitweilige Duo von Maultrommel und Trompete steht dabei geradezu exemplarisch für die Lust des Ensembles an ungewöhnlichen Instrumentenkonstellationen und überraschenden Klangverbindungen.

Continuum von Christoph Moschberger mit seinem melancholischen Thema, in das sich erneut die Domglocken mischten, erinnerte ein wenig an Perpendikel 333, aus dessen Gesamtklang sich immer wieder feinsinnige Kleindialoge, hier etwa zwischen Flügelhorn und Tuba, herausschälten. Die Stücke Re Bo No, Kentaur und Weil der Mensch bildeten innerhalb des Programms eine inhaltliche Trias, in der es um die Abgründe des Menschlichen und am Ende um die humanistische Botschaft der Versöhnung geht. Hier ist auch die Kluft zwischen den zitierten Genres – Pop, Bläsermotorik à la Haimo Wisser und Chorgesang – am ausgeprägtesten. Es geht um das Wir und Jetzt lautet die Schlusszeile.

Im Finale des Abends überwogen Experimentierlust und Kontraste. Humming von Matthias Werner, ein Musterbeispiel des unverkennbaren Federspiel-Tons, kontrastiert rhythmische Blöcke und unerwartete Dialoge; die dahinterstehende Idee ist die des inneren Summens, ruhend in sich selbst. Der Gankino Horo mit seinem 11/8-Takt hingegen ist ein Ausflug in die virtuos-motorische südosteuropäische Bläsertradition; vermittelt wurde das Stück dem Ensemble von der Perkussionistin Vivi Vassileva, die auch an der schon mehrfach genannten aktuellen CD-Produktion mitwirkte.

Wer all das nachhören möchte, dem sei folgende CD ausdrücklich ans Herz gelegt: Federspiel: Wir & Jetzt. Wals bei Salzburg: Sounds of Servus, 2026. 1 CD, 13 Titel, 63 Min.

Fotorechte: Amir Kaufman

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Thomas Nußbaumer

Thomas Nußbaumer ( geb.1966 in Hall in Tirol) ist ein österreichischer Musikwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Volksmusikforschung / Ethnomusikologie. Nußbaumer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Innsbrucker Sitz der Universität Mozarteum Salzburg, Abteilung für Musikwissenschaft, Abteilungsbereich Musikalische Volkskunde, seit 2010 als Universitätsdozent für Volksmusikforschung. Daneben arbeitet er als freier Kulturjournalist.

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