Thomas Nußbaumer bespricht:
Jazz der Spitzenklasse
Gonzalo Rubalcaba
im Haus der Musik

Mit dem Pianisten Gonzalo Rubalcaba (geb. 1963 in Havanna) konnte eine internationale Größe des Jazz für die Reihe Jazz im HDM (kuratiert von Wolfgang Laubichler) nach Innsbruck gelotst werden. Rubalcaba trat zwar schon des Öfteren in Österreich auf, doch sein Auftritt im Haus der Musik gestern am 18. März 2026 war wohl sein erstes Innsbrucker Gastspiel – ganz genau weiß er es allerdings selbst nicht mehr.

Bereits wenn Rubalcaba die Bühne betritt, glaubt man ihm aufs Wort, dass er sich nicht genau erinnern kann, wo er schon überall gespielt hat. Er wirkt wie ein Zeitloser oder der Zeit Entglittener: dunkle Brille (die er allerdings nicht trägt, um cool zu sein, sondern weil seine Augen lichtempfindlich sind), ein großes gelbes Schweißtuch und ein Packen selbstgeschriebener Notenzettel voller Motive und Erinnerungshilfen – so setzt er sich fast verschämt ans Klavier.

Man vergleicht ihn gerne mit dem Bach-Interpreten Glenn Gould; zudem liest man, dass der mehrfache Grammy-Gewinner, Pianist und Komponist Rubalcaba vom Piano & Keyboard Magazine neben Glenn Gould, Martha Argerich und Bill Evans in die Reihe der großen Pianisten des 20. Jahrhunderts gestellt wurde. Der Vergleich hinkt nicht, denn Rubalcaba am Flügel, das ist wie ein Hochamt, ein esoterischer Höhenflug; auch singt er beim Spielen gerne mit.

So steht am Beginn – entfernt vergleichbar mit der Aria aus Bachs Goldberg-Variationen – ein getragenes Thema aus langen Notenwerten mit fallender Basslinie, aus der sich bestimmte Akkordfolgen ableiten lassen, die nach und nach wie große Tropfen in Regenpfützen verschwimmen. Doch bald schon füllt Rubalcaba die langen Zeitwerte mit Girlanden auf, immer häufiger, immer dichter und schneller, bis sich das vielfältige Resultat eines bis an die Grenzen variierten Themas förmlich verselbständigt und davongaloppiert.

Im zweiten Stück dann ein Thema mit anderem Charakter: eine wie ziellos schweifende, akzentuierte Melodie, durchsetzt von dissonant schwebenden Akkorden. Das Schweißtuch liegt wie ein großer gelber Blumenstrauß am Flügel, neue Notenblätter sind aufgelegt; später lässt der Maestro die Notate weg und auch die Brille, er muss nichts mehr sehen können, nur noch hören. Seine ornamentalen Melodien bahnen sich ihren Weg, mal wie im Dickicht, dann wieder in der Weite des Raums. Immer wieder, so scheint es, hält der Pianist kurz inne, um an den Weggabelungen seiner Improvisation Entscheidungen über den weiteren Verlauf zu treffen. Nur die Basslinien, manchmal von passacagliaartiger Absolutheit, blinken wie Leuchttürme inmitten eines spontanen Kompositionsprozesses.

Rubalcaba artikuliert sich selten lauter als mezzoforte. Sein Spiel – und das erinnert erneut an Glenn Gould und Bach – wirkt einerseits sehr linear (verhältnismäßig selten kommt es zu vollgriffigen Akkordfolgen), andererseits sehr rhythmisch und, in einem mikrotonalen Bereich, durch die erstaunlich differenzierte Verwendung des Pedals sehr schattiert und vielklanglich. Zwischen Pianissimo und Mezzopiano gibt es viele Lautstärken: Das ist eine der Lehren aus Rubalcabas Vortrag.

Man liest, dass sich Rubalcabas Stil am besten als Verbindung aus afrokubanischer Rhythmik, modernem Jazz und klassischer Klaviertechnik beschreiben lasse. Er sei eine der prägenden Figuren des Afro-Cuban Jazz, jedoch kein bloßer Latin-Jazz-Pianist im engeren Sinn, sondern ein Musiker, der kubanische und amerikanische Jazztraditionen zu etwas sehr Eigenem verschmilzt. Diese Schubladisierung enthält einen wahren Kern, beschreibt aber das Phänomen Rubalcaba in seiner Eigenwilligkeit nicht vollständig.

Schön ist, dass er in der Mitte seines Konzerts das Mikrofon ergriff und in einfachen Worten selbst seine Musikphilosophie erklärte: Seine Musik sei ein trip, a promenade, a journey, however und habe mit Classic Jazz, Modern Jazz and Popular Music zu tun. Klavierspiel bedeute memories, roots, emotions, desires, wishes, and love – just music und sei eine große Herausforderung, weil man in vielen Klangfarben denken müsse, ans Saxofon ebenso wie an das Schlagzeug. 

Mit großer Dankbarkeit und Wärme gedenkt er seines Mentors, des Bassisten Charlie Haden (1937–2014), der ihn in den achtziger Jahren entdeckte und in sein Trio aufnahm. Neben Tunes von Haden spielt Rubalcaba vor allem aus seinem eigenen Soloalbum Borrowed Roses (2023), unter anderem seine höchst eigenen Versionen von Chelsea Bridge (Billy Strayhorn), Windows (Chick Corea), Night and Day (Cole Porter), Shape of My Heart (Sting) – und besonders effektvoll Take Five (Paul Desmond).

Der junge Rubalcaba – so liest man – sei zunächst durch seine enorme Virtuosität aufgefallen: großes technisches Feuer, blitzschnelle Läufe, scharfe rhythmische Akzente, abrupte Richtungswechsel und eine sehr freie, oft geradezu eruptive Fantasie. Doch die Art seines unprätentiösen, bescheidenen Auftretens signalisiert: Es geht nicht um Brillanz. Virtuose Technik – bei ihm als Zustand der Schwerelosigkeit erfahrbar – ist nur Mittel des musikalischen Ausdrucks. 

Rubalcaba selbst betont, dass Perkussion in seinem Denken eine erste Stimme sei. Das erklärt, warum sein Spiel oft so wirkt, als wären im Klavier zugleich Melodie-, Harmonie- und Schlagzeugdenken präsent. Dazu kommen Farben aus kubanischer und anderer lateinamerikanischer Folklore sowie seine komplexe Jazzharmonik, die sehr oft vom Jazzgenre in die Welt des modernen, zeitgenössischen Klavierspiels führt. 

Seit einigen Jahren – so schreiben Kritiker, und man konnte sich im Haus der Musik Innsbruck davon überzeugen – spiele Rubalcaba offener, luftiger, dialogischer, mit weniger Tastengewitter, doch umso mehr kleinen Gesten und atmenden Interaktionen.

Vor der Mitte des Konzerts erklärte Rubalcaba, dass er unter dem Jetlag leide und ziemlich geschafft sei. Danach schien er umso mehr aufzuwachen. Nach zwei Stunden und vier Zugaben, an deren Ende eine unbeschreiblich innige Interpretation von Duke Ellingtons Standard In a Sentimental Mood stand, hielt es das zahlreiche Publikum nicht mehr auf den Stühlen, und eine Woge der Standing Ovations trug den Künstler aus dem Raum.

Fotorechte: WE FEEL

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Thomas Nußbaumer

Thomas Nußbaumer ( geb.1966 in Hall in Tirol) ist ein österreichischer Musikwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Volksmusikforschung / Ethnomusikologie. Nußbaumer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Innsbrucker Sitz der Universität Mozarteum Salzburg, Abteilung für Musikwissenschaft, Abteilungsbereich Musikalische Volkskunde, seit 2010 als Universitätsdozent für Volksmusikforschung. Daneben arbeitet er als freier Kulturjournalist.

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