Thomas Nußbaumer bespricht:
„Im Herzen DADA“
Oswald Sallaberger und das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck
im Haus der Musik

Oswald Sallaberger, der aus Tirol stammende Dirigent und Virtuose auf der Violine, ist bekannt für außergewöhnliche Konzertprogramme und deren qualitativ hochwertige Umsetzung.

In der Reihe Screen & Score im Haus der Musik Innsbruck präsentierte er gestern, am 06.11.2025, gemeinsam mit dem Tiroler Symphonieorchester Innsbruck (TSOI) avantgardistische Musik von Erik Satie (1866–1925), Darius Milhaud (1892–1974), Erwin Schulhoff (1894–1942) sowie Manuel de Falla (1876–1946) im Geist der 1910-er und 1920-er Jahre. Im Herzen DADA lautete das Motto eines Abends, der mit Film und Filmmusik spektakulär begann.


Das Tiroler Symphonieorchester Innsbrucker mit Oswald Sallaberger

Dada, das französische Wort für Steckenpferd, steht für eine 1916 in Zürich entstandene Kunst- und Literaturbewegung als radikale Protesthaltung gegen Krieg, bürgerliche Werte und traditionelle Ästhetik. Kennzeichnend sind Antikunst, Zufall, Nonsens und Provokation mit dem Ziel, Sinn, Logik und Kunstkonventionen zu unterlaufen. 

Insofern ist der Stummfilm Entr’acte von René Clair zum Ballett Relâche (Vorstellung abgesagt) des Dada-Künstlers Francis Picabia ein filmisches Manifest dieser Kunst der Absurdität und ein Schlüsselwerk der damaligen Pariser Avantgarde. Ähnliches trifft auch auf Erik Saties dazu komponierte Musik Cinéma: entr’acte symphonique de Relâche (1924) zu.


Oswald Sallaberger und Camilla Lehmeier (Mezzosopran)

Der Film ist eine Montage aus spielerisch-absurden Bildern und filmischen Tricks wie Zeitlupe, Stop-Motion und Rückwärtslauf. Zwei Darsteller spielen Schach auf einem Dach, im Hintergrund liegt Paris; Picabia und Satie feuern eine Kanone ab; ein Mann stürzt, von einer Gewehrkugel getroffen, vom Dach. Der Schütze wollte eigentlich eine Taube treffen; eine Ballerina entpuppt sich als bärtiger Mann; ein Kondukt mit einem von einem Kamel gezogenen Sargwagen eskaliert zur Verfolgungsjagd durch Alleen, über Felder, über eine Achterbahn. Am Ende springt der Tote aus dem Sarg und zaubert den Rest der Trauergemeinde und sich selbst weg.

Erik Saties Musik für großes Orchester wirkt wie eine frühe Vorwegnahme der Minimal Music: rhythmisch eingängig, geprägt von redundanten Motiven und bunten Klangfarben des Schlagwerks und Blechs. Passend zum Kondukt ertönt eine Anspielung auf Chopins Marche funèbre (Trauermarsch), und das rund 20-minütige Stück endet in vorwärtspreschender Dynamik. Oswald Sallaberger leitete das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck bravourös über die Klippen der Partitur.

Dass unmittelbar danach bereits eine Pause erforderlich war, war nicht ersichtlich, da nach Saties Cinéma noch drei Werke auf dem Programm standen und überdies Rezitationen aus Briefen des Mitbegründers des Dadaismus Tristan Tzara (1896–1963) stattfanden, der sich 1921/1922 mit anderen Dadaisten wochenlang in Tarrenz aufhielt und auch über die Tiroler Berge reflektierte. 


Camilla Lehmeier, Christoph Kail und Oswald Sallaberger

Christoph Kail trug die Texte eindrucksvoll vor; sie bildeten eine Art Losung für zwei kammermusikalische Werke der roaring twenties: Darius Milhauds La création du monde op. 81 (1922/23; dt.: Die Erschaffung der Welt) und Erwin Schulhoffs Suite für Kammerorchester op. 37 (1921), die beide den Einzug des Jazz in die Orchestermusik, mit denen wenige Jahre später George Gershwin berühmt wurde, vorwegnehmen.

Milhauds Werk ist als Ballettmusik konzipiert, die die Entstehung von Flora und Fauna und Mann und Frau musikalisch abbildet und Emotionen wie Verlangen und frühlingshafte Beruhigung darstellt. Barocke Formen werden mit Jazzelementen und Dixieland kombiniert, besonders der Klavierpart erinnert vorwegnehmend an Gershwins Rhapsody in Blue (1924). Komplexe Harmonik verbindet sich mit beschwingten Teilen; vielfältig sind die solistisch hervortretenden Klangfarben.

Schulhoffs Suite für Kammerorchester benennt in den Sätzen schon deutlich, was zu Beginn der 1920er Jahre in der Luft lag – die Verbindung klassischer Musik mit der Popularmusik aus der Neuen Welt: Ragtime, Valse Boston, Tango, Shimmy, Step und Jazz lauten die aussagekräftigen Satzbezeichnungen einer rhythmisch fein ziselierten, von vielen Klangeffekten durchzogenen Partitur, in der die Solistinnen und Solisten des TSOI zu glänzen und zu brillieren vermochten.

Oswald Sallaberger ist ein großartiger, über jeden Zweifel erhabener Dirigent, der mit dem hoch routinierten Orchester offensichtlich gut geprobt hat, besonders hinsichtlich der Klanggestaltung (zum Beispiel bei Milhaud) und des Formbewusstseins. Hervorzuheben ist die Akkuratesse der Aufführung von Schulhoffs Werk. Dieser richtungsweisende Komponist, der 1942 in einem KZ zu Tode gequält wurde, war lange vergessen und wird erst seit etwa dreißig Jahren wieder gewürdigt.

Zum Abschluss mit Manuel de Fallas Ballettmusik El amor brujo. Escenas gitanas de Andalucía (1915) wurde die Orchesterbesetzung wieder vergrößert und mit der Mezzosopranistin Camilla Lehmeier eine Sängerin in den Mittelpunkt gerückt, die die drei Lieder über verletzte Liebe, das Irrlicht und die falsche Hexe mit Leidenschaft und glühender Wärme vortrug. Sallaberger und das Orchester tauchten mit Hingabe in eine vom Flamenco inspirierte, in Dunkelrot gehaltene Erzählung, die von Gespenstern, Feuerkreisen, einem rituellen Feuertanz, dem Liebeszauber (el amor brujo) und den lokalen Gitanos erzählt und mit den Glocken einer Morgendämmerung ausklingt. Sie bildete den Schlusspunkt eines anregenden, unterhaltsamen Konzertabends.


Fotorechte: © WE FEEL

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Thomas Nußbaumer

Thomas Nußbaumer ( geb.1966 in Hall in Tirol) ist ein österreichischer Musikwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Volksmusikforschung / Ethnomusikologie. Nußbaumer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Innsbrucker Sitz der Universität Mozarteum Salzburg, Abteilung für Musikwissenschaft, Abteilungsbereich Musikalische Volkskunde, seit 2010 als Universitätsdozent für Volksmusikforschung. Daneben arbeitet er als freier Kulturjournalist.

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