Thomas Nußbaumer bespricht:
Das Neujahrskonzert
des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck
unter seinem neuen Chefdirigenten
Ainārs Rubiķis
Das beliebte Neujahrskonzert des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck lockte auch am 1. Jänner 2026 wieder ein zahlreiches Publikum, darunter viel Prominenz aus Politik und Wirtschaft, in den Saal Tirol des Congress Innsbruck. Vor ausverkauftem Haus präsentierte sich das Orchester, geleitet von seinem neuen Chefdirigenten Ainārs Rubiķis, mit einem Programm unter dem Motto Es war einmal… Eine Reise in zauberhafte Märchenwelten – und landete einen Publikumserfolg.
Das romantische 19. Jahrhundert war auch die Epoche der Wiederentdeckung von Märchen und Sagen. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Russland, den skandinavischen Ländern, Italien, Frankreich und Großbritannien wandten sich Literaten den heimischen Erzähltraditionen zu. Märchen und Sagen stifteten Identität, verhießen Lebensweisheit und beflügelten Fantasie und Kreativität selbstverständlich auch in der Musik.

Das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck beim Neujahrskonzert
So begann die Reise des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck in die zauberhafte Welt des Märchens in Russland, und zwar mit Nikolai Rimski-Korsakows 1880 entstandenem Orchesterwerk Skazka (Märchen; op. 29) – eine Musik, die aus dunklen Bläserfarben allmählich emporsteigt, sich dramatisch zuspitzt, dann in lyrischen Soli von Flöte und Violine aufhellt und schließlich wieder in die magische Dunkelheit zurücksinkt.
Angeregt wurde das Werk durch Alexander Puschkins Heldenepos Ruslan und Ljudmila, in dessen Verlauf sich der tapfere Ruslan auf eine abenteuerliche Rettungsreise voller Magie, Kämpfe, Rivalen und märchenhafter Figuren begibt, bis er die Geliebte aus den Fängen des bösen Zauberers Tschernomor befreit hat.
Rimski-Korsakow erzählt allerdings keine Handlung, er destilliert vielmehr aus märchenhaften Formeln, Volksliedfragmenten und urtümlichen Rhythmen Stimmungen und Emotionen.
Was Rimski-Korsakow die schöne Ljudmila, ist Felix Mendelssohn-Bartholdy die schöne Melusine. Sie ist in Wahrheit halb Frau und halb Fisch, doch darf dieses Geheimnis, das nur zu bestimmten Zeiten offenbar wird, nicht gelüftet werden – sonst entschwindet sie in den Wellen.
Mendelssohn-Bartholdy entdeckte 1833 diesen Stoff durch eine Aufführung von Conradin Kreutzers Oper Melusina (Libretto: Franz Grillparzer) und komponierte ein Jahr später seine Konzertouvertüre Das Märchen von der schönen Melusine (op. 32). Wogende Streicherarpeggien evozieren das Bild flüssig schimmernder Bewegung, kantable Holzbläsergedanken und dramatische Tutti-Passagen signalisieren, dass es hier um Liebe und Tragödie geht.
La Cenerentola – Aschenputtel – ist im Gegensatz zu Ljudmila und Melusine eine transkulturelle Erscheinung. Gioachino Rossini widmete ihr seine Oper La Cenerentola, ossia La bontà in trionfo (1817); in der weitgehend spritzig-virtuosen Ouvertüre werden bereits dramaturgische Motive des Dramas vorweggenommen.

Der neue Chefdirigent Ainārs Rubiķis
Diese drei Werke bildeten den inhaltlichen Kern des Neujahrskonzerts; ergänzt wurde er durch neujahrskonzerttypische Kompositionen von Pjotr Iljitsch Tschaikowski (Blumenwalzer aus dem Nussknacker-Ballett), Johann Strauss (Walzer Märchen aus dem Orient und Polka schnell Ballsträußchen), Franz Lehár (Walzer Gold und Silber) und Aram Chatschaturjan (Walzer aus der Suite Masquerade).
Das Orchester vermittelte unter der umsichtigen, hörbar auf guter Probenarbeit aufbauenden Leitung von Ainārs Rubiķis Spielfreude und setzte in fast jedem Programmpunkt markante Akzente. Zu den Höhepunkten zählten die dunklen Klanggrundierungen und entrückten Soli bei Rimski-Korsakow, die drängende Energie in Mendelssohns Klangwogen, die Akkuratesse und Klanghomogenität bei Tschaikowskis Blumenwalzer sowie die eleganten, präzisen motivischen Einwürfe bei Rossini.
Überaus gelungen geriet zudem Lehárs Gold und Silber mit seinem lang gedehnten Thema und den schillernden Klangeffekten – gut hörbar umgesetzt als musikalisches Sinnbild einer nostalgischen, realitätsfernen und somit ebenfalls märchenhaften k.k.-Walzerseligkeit. Eindrucksvoll war auch die Präsenz und Überzeugungskraft in der Interpretation von Chatschaturjans tragödienhaftem Walzer. Und selbstverständlich spielt das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck auch einen schönen Strauss.

Juliana Haider und Andrea De Majo moderieren das Neujahrskonzert 2026
Die Moderation lag diesmal in den Händen der Musikerin und Schauspielerin Juliana Haider und des Opernsängers Andrea De Majo – sie in der augenzwinkernden Rolle der Einheimischen, die gern ihr Italienisch anbringt, er in jener des Salonitalieners. Ihre sympathische, scherzhafte Doppelconférence führte durch das Programm und sorgte für gute Stimmung.
Im Anschluss an den Donauwalzer und den Radetzkymarsch dankte das Publikum mit Standing Ovations. Das Konzert wird noch heute (am 2. Jänner) im Walter-Schwarzkopf-Saal in Reutte und morgen (3. Jänner) in der Kufstein-Arena wiederholt.
Fotorechte: We Feel
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