Thomas Nußbaumer bespricht:
Eine Bühnenbearbeitung
der berührenden und packenden
Lebensgeschichte der polnischen Jüdin
Leokadia Justman
Unter dem Titel Brechen wir aus! Das Justman Projekt brachten das Tiroler Landestheater und musik+/Osterfestival Tirol am 19. Februar 2026 in den Kammerspielen, nach einem Konzept von Hannah Crepaz und Elisabeth Schack, die packende, aufwühlende und schließlich tröstliche Lebensgeschichte der polnischen Jüdin Leokadia Justman auf die Bühne. Justman wurde 1922 in Piątek geboren, wuchs in Łódź auf und starb 2002 in Aventura, Florida.
Gemeinsam mit ihrem Vater Jakob, ihrer Freundin Marysia Fuchs und weiteren Verfolgten schlug sie sich auf der Flucht vor den nationalsozialistischen Vernichtungslagern bis nach Innsbruck durch – und überlebte, getragen von einem Heer an Schutzengeln und dank des Mutes couragierter Tirolerinnen und Tiroler.
Justmans außergewöhnliche autobiografische Aufzeichnungen der Jahre 1939–1946, die in Florida als posthume Teilpublikation (2003) sowie als Manuskript in Familienbesitz erhalten geblieben waren, wurden hierzulande erst durch den Hinweis eines Innsbrucker Zeitzeugen bekannt: Er erinnerte sich an die Verhaftung von Leokadias Vater.
Herausgegeben wurden die Aufzeichnungen 2025 von Niko Hofinger und Dominik Markl unter dem Titel Brechen wir aus! Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol (Tyrolia-Verlag, Innsbruck/Wien 2025, 414 S., zahlr. Abb.).
Der sorgfältig kommentierten Publikation ging ein von der Universität Innsbruck getragenes Forschungsprojekt voraus. Dieses in jeder Hinsicht mitreißende Buch – eines mit jenem seltenen Sog, den man in einem Zug liest – bildete die Grundlage der musikalisch-szenischen Lesung, gestaltet von den Landestheater-Ensemblemitgliedern Kristoffer Nowak und Marion Reiser sowie von einem Musikensemble unter der Leitung von Timna Brauer. Deren Vater Arik Brauer hatte selbst nur mit Glück – zeitweise im Untergrund – in Wien überlebt; sein eigener Vater wurde als Jude im Konzentrationslager Dachau ermordet.

Die Passagen aus Justmans Buch waren klug gewählt: Sie folgten einerseits der Chronologie der tragischen Odyssee der Familie – Flucht aus Łódź, Vertreibung über mehrere Stationen ins Warschauer Ghetto, Verschleppung der Mutter nach Treblinka und ihre Ermordung dort; sodann die Flucht mit falschen Papieren, getarnt als polnische Fremdarbeiter auf Arbeitssuche quer durch das Deutsche Reich bis nach Seefeld und Innsbruck (Ankunft im März 1943).
Im März 1944 folgten die Denunziation durch einen ukrainischen Gestapo-Kollaborateur, die Verhaftung durch die Gestapo und die Verhöre in der Herrengasse 1 in Innsbruck, die Haft im Innsbrucker Polizeigefängnis am Südtirolerplatz, die Ermordung des Vaters im KZ Reichenau, Luftangriffe, die den Abtransport nach Auschwitz verhinderten, schließlich die Flucht aus dem Polizeigefängnis nach einem amerikanischen Luftangriff, der den Bürotrakt zerstörte, und das Untertauchen mit Hilfe Tiroler Helferinnen und Helfer.
Andererseits ließ die Lesung – zumindest in Umrissen – auch jene Atmosphäre hörbar werden, die Justman für die letzten beiden Kriegsjahre innerhalb der einfachen Bevölkerung so eindringlich beschreibt: etwa die Beobachtung, dass die Tiroler Bauern tiefreligiös waren, sich vor allem um lokale Feindschaften kümmerten und politisch erstaunlich uninformiert blieben.
Vor allem aber schärft das Buch – und mit ihm die Bühnenfassung – den Blick dafür, dass es in Tirol nicht nur gute und böse Menschen gab, sondern ein vielfältig schattiertes Spektrum von Grautönen: überzeugte Hitler-Anhänger, die die Augen vor der Realität verschlossen und bisweilen dennoch ein gutes Herz hatten, Sadisten und Denunzianten, aber auch erklärte Regimegegner – und selbst auf mittleren und unteren Ebenen von Gestapo und Polizei Männer, die den Verfolgten mutig halfen, teils auch am Widerstand mitwirkten, und ohne die Leokadia und Marysia keine Überlebenschance gehabt hätten.
Diese mutigen Personen – auf Leokadia Justmans Initiative hin 1980, unbemerkt von der Medienöffentlichkeit, als Gerechte unter den Völkern in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem geehrt – treten sowohl in der Autobiografie als auch in der Bühnenfassung deutlich hervor: der Gefängnisleiter Wolfgang Neuschmid, der Polizeibeamte Karl Dickbauer, der Gefängnisküchenleiter Erwin Lutz, der Küchenarbeiter Rudolf Moser, der Polizeiinspektor Anton Dietz, die Friseurin Wanda Petrykiewicz sowie die mutigen Frauen Maria Stocker und Maria Petrykiewicz.
Leokadia Justman blieb nach Kriegsende noch zwei Jahre in Innsbruck und kümmerte sich als Sekretärin des Jüdischen Komitees um hilfesuchende Juden und Jüdinnen in Tirol. Ihre Hochzeit mit Józef Wiśnicki im September 1946 war die erste jüdische Trauung auf Tiroler Boden nach der NS-Zeit. Bitter wirkt andererseits ihr Fazit zur seelischen Lethargie einer grauen, öden Nachkriegszeit – und die Beobachtung, dass schon bald wieder ehemalige Nationalsozialisten in Führungspositionen saßen, während mutige Helferinnen und Helfer sowie aufrechte Menschen gemobbt und behördlich schikaniert wurden.
Die musikalischen Beiträge – Lieder auf Jiddisch, jüdische Gebete sowie Kampf- und Hoffnungslieder aus den Ghettos von Krakau und Vilnius –, ausgewählt von Timna Brauer, die mit ihrer ausdrucksstarken, natürlichen Stimme den charismatischen Kern der Vorstellung bildete, wirkten zu den vorgetragenen Textstellen einerseits dramatisch vertiefend, andererseits aber auch abstrahierend: Sie rückten jene Lebensweisheit und ironische Gelassenheit ins Zentrum, die eine von Ausgrenzung und Verfolgung geprägte jüdische Kultur über Generationen hinweg ausgebildet hat.
Lieder wie Mayn Stetele Lodz (Mein Städtchen Łódź), Gehat hob ikh a Heim (Ich hatte ein Zuhause), Mayn jiddische Mame (Meine jiddische Mama), Sog nit kejnmal (Sag nicht niemals) oder das aus dem Ghetto von Vilnius überlieferte Mir leben eijbig (Wir leben ewig) verliehen der Erzählung zudem ein eindringliches regionales und historisches Kolorit – nicht zuletzt mit einem Seitenblick auf Vilnius, wo der österreichische Nationalsozialist und spätere ÖVP-Günstling Franz Murer als Schlächter von Vilnius wütete und dennoch 1963 in einem skandalumwitterten Prozess freigesprochen wurde.
Sobald sich die Handlung nach Tirol verlagert, tritt auch alpines Musikkolorit in Erscheinung, darunter Eigenkompositionen Timna Brauers im Stil eines World-Music-Jodelns. Videozuspielungen von Fotografien und Landkarten erleichterten die Orientierung in einer Geschichte, die sich auch als Wechselbad der Gefühle erweist: In Leokadias Geschichte wird bei aller Tragik nicht nur gelitten, sondern auch gelacht, geliebt und gefeiert.
Timna Brauer, die auch selbst zur Gitarre griff, wurde von ihrer Tochter Jasmin Meiri-Brauer, als kongeniale Sängerin und Perkussionistin, von Cristina Basili, die als nuanciert gestaltende Cellistin hervortrat, sowie vom prägnant musizierenden Gitarristen Jannis Raptis unterstützt.
Lesung, Musiknummern und gelegentliche lautmalerische Interventionen zur dramatischen Akzentuierung gingen dabei nahtlos ineinander über. Dem hebräischen Friedenslied Hevenu Shalom kam eine besonders tragende, berührende Funktion zu – auch als feine Anspielung darauf, dass Leokadia Justmans selektive englische Fassung der Autobiografie (2003) den Titel In Quest for Life – Ave Pax (Auf der Suche nach dem Leben – Ave Pax) trägt.
Weitere Vorstellungen dieser bemerkenswerten Produktion finden an folgenden Terminen statt: eine vollständige Aufführung am 22. März 2026 (Kammerspiele) sowie gekürzte Vorstellungen am 12. März (Landhaus) und 23. März (Jesuitenkolleg) im Rahmen des Osterfestivals Tirol.
Fotorechte: Victor Klein
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