Susanne Weinhöppel
Von Männern
verstehe ich wirklich gar nichts.
Ein Erfahrungsbericht
von Portalen und Plattformen

Die Untreue meines Mannes hat mir einen völlig neuen Blick auf die Welt ermöglicht. Meine gekränkte Seele suchte nach Anerkennung auf Dating-Portalen, und dort eröffnete sich mir ein bislang unbekannter Kosmos.

Ich stellte ein nettes Foto ein, dem ich ähnlich sah, für den Fall, dass es zu einem Treffen kommen sollte. Mein Profil erfand ich in 5 Minuten, kurz und knackig, machte mich um 10 Jahre jünger, und dann ging es los.

Nach zwei Tagen kamen die ersten Nachrichten.

Einer, ohne Foto, wünschte mir einen Guten Morgen mit dem Foto eines treuherzig blickenden Hundes. Auf seinem Profil hatte er viele Naturbilder eingestellt und sein Auto.

Ich wünschte ihm einen schönen Tag und fragte: Ist das Dein Hund? Die Antwort war Nein, aber der Hund sei doch so schön. Darauf ich: Ein Bild von Dir würde mir mehr sagen. Er: Gehst Du immer nach dem Äußeren? Ich: Worauf hast Du bei meinem Profil reagiert?

Damit war der Fall für mich erledigt. Aber in mir begann sich eine Art Erziehungsauftrag zu regen, der im weiteren Verlauf meines Plattform-Lebens stärker wurde.

Ab da schrieb ich Männern ohne Porträtfoto: Ich korrespondiere nicht mit Gesichtslosen. Selten kam dann ein Bild, meistens nur Ausreden. Einmal ging die Pädagogik mit mir durch, und ich schrieb einem gesichtslosen, aber ansonsten sympathisch wirkenden Menschen: So schlecht kannst Du gar nicht aussehen, dass nicht ein Bild von Dir mehr für Dich einnimmt als Dein Motorrad.

Da hatte ich mich geirrt.

Einige Monate glitt ich auf dem Höhenflug der Selbstüberschätzung dahin in dem Gefühl, ich sei unwiderstehlich toll, interessant und hübsch. Irgendwann wurde mir klar, dass meine Attraktivität nur auf einem Satz in meinem Profil beruhte: Keine feste Beziehung gesucht.

Dieser Satz stand weit oben auf der Seite und wurde gelesen im Gegensatz zu: Bildung schadet nicht, das stand weiter unten. Im Grunde hätte mich das nicht wundern sollen, denn ich las die Profile auch nie bis zum Ende.

Viele schreiben Romane über ihre Träume, die nach der mehr oder weniger überstandenen Ehe noch oder wieder vorhanden sind. Auch gemeinsam zu erlebende Sonnenuntergänge kommen vor. Andere stellen Naturbilder ein und wollen mit jemandem sporteln. Ich brauche niemanden zum Sporteln, das ist eher ein Ausschlusskriterium, deshalb hätte ich ein solches Ansinnen bei den Profilen gerne ganz oben auf der Seite gehabt.

Ich hatte in aller Kürze angegeben, dass ich mich gerne unterhalte und bekam einige unmissverständliche Anfragen für Sexchats.

Man gibt bei Profilen seine Interessen an, Theater, Wandern, Geschichte usw. Manche Männer wollten ein sofortiges Treffen zum Sex, obwohl ihre Interessen mehrere Textzeilen einnahmen. Einem, der besonders hartnäckig war, schrieb ich: Du hast so viele Interessen angegeben, warum ist Vögeln nicht dabei? Er sandte ein Smiley zurück, wollte aber trotzdem nicht mit mir über Geschichte sprechen, nicht einmal über seine eigene.

Von den Männern, die mich anschrieben, waren manche erstaunlich jung. Alter scheint Männer weniger zu beeindrucken als Frauen. Manche hatten beim gewünschten Alter der Partnerin sogar bis 99 angegeben. Mir gab es zu denken, das bei einem 42-jährigen zu lesen, es gibt nämlich eine psychische Störung, die heißt Gerontophilie.

Mir wurde allerdings von mehreren Männern glaubwürdig versichert, sie fänden Frauen in jedem Alter erotisch und schön und in meinem Alter muss ich das glauben.

Wenn mir ein Gesicht gefiel, dann verabredete ich mich erst zum Telefonieren, und wenn dann ein nettes Gespräch zustande kam, vereinbarte man ein Treffen in irgendeinem Café.

Zuerst unterhielt man sich über die Erfahrungen auf der Plattform, wen man so kennengelernt hatte und ob überhaupt. Ich behauptete immer, dies sei erst mein drittes Date. Natürlich wollte ich keinesfalls zugeben, dass ich in meiner Pracht und Schönheit den Prinzen noch nicht gefunden hatte. Wir lästerten meistens über die Korrespondenzen und die Tier- und Naturbilder.

Es gibt eine Rubrik, die Probleme schafft: nämlich die Angaben zur Figur. Die Portale haben hier oft vorgegebene Begriffe wie schlank, sportlich, normal und ein paar Kilo mehr. Die paar Kilo mehr können manchmal sehr viele Kilos mehr sein.

Ein Mann erzählte mir vom Treffen mit einer sehr übergewichtigen Frau, und er, darauf überhaupt nicht vorbereitet, habe so schnell wie möglich die Flucht ergriffen.

Da es auch für übergewichtige Frauen Liebhaber gibt, finde ich das blöd und es ist vermutlich einer Korrektheit geschuldet, die aber nicht dazu geführt hat, dass die Menschen in so einem Fall nicht trotzdem unglaublich fett sagen. Vielleicht könnte man die Beschreibung sehr mollig hinzufügen. Ich werde das beantragen.

Dieser Mann war selbst auch ein ziemlicher Germknödel, hatte aber Charme und Witz, was ein paar Kilos mehr in meinen Augen wettmacht. Bei ihm lag das Problem in der Entfernung des Wohnortes. Eigentlich wohnten alle interessanteren Männer mindestens 200 Km von München entfernt. Einige Male hat mich ein Mann aus Hannover besucht. Aber es macht unglaublich Druck, wenn jemand eine so weite Reise auf sich nimmt und ist auf die Dauer auch sehr anstrengend.

Meine Alterslüge klärte ich immer spätestens beim zweiten Treffen auf. Einer ärgerte sich, dass er es mir nicht angesehen hatte. Aber da konnte ich ihn beruhigen, weil es die anderen auch nicht bemerkt hatten. Der männliche Blick auf uns Frauen ist viel milder als unser eigener.

Schriftlich und auch telefonisch sind Menschen viel liebenswürdiger und interessanter, weil die Reibung der Realität fehlt. Ich konnte mich dabei den schönsten Phantasien hingeben, mit denen die realen Männer nie mithalten konnten. Ob es den Männern mit mir genauso erging, weiß ich nicht, aber ich wollte nie ein zweites Treffen.

Ich begann die Männer darüber aufzuklären, dass es besser und zeitsparender wäre, sich gleich zu treffen. Die Phantasien, die sie sich machten, seien nämlich unrealistisch und hätten mit mir nichts zu tun. Davon wollten sie aber gar nichts hören.

Einer schwärmte mich schriftlich so sehr an, dass ich auch da wieder einmal durchgreifen musste. Täglich bekam ich von diesem Unbekannten Liebesbriefe mit den zärtlichsten Anreden: Meine Schöne, Geliebte, my darling. Darauf antwortete ich nicht. Erst nach 10 Tagen schrieb ich: Du kennst mich nicht, diese Liebesbekundungen sind zu viel und sehr unpassend. Das schafft kein Vertrauen! Das kränkte ihn sehr und er fand mich böse. Aber nachdem er mir das mitgeteilt hatte, hörte ich nie wieder von ihm. Ich hatte gedacht, ihm eine nützliche Information für seinen weiteren Lebensweg auf der Plattform zu schenken.

Treffen waren für mich mit der Zeit keine Dates mehr, sondern Bewerbungsgespräche, und meistens wurde der Kandidat nicht eingestellt.

Manche hielten stundenlange Elogen auf sich selbst. Ein Betriebswirtschaftler erklärte mir die Welt der Fahrzeuge mit dem besonderen Verweis auf seine Fähigkeit Motorräder zu reparieren, und all das neben seinen intellektuellen Kompetenzen, die er mir allerdings vorenthielt. Immerhin hatte ich bis dahin nicht gewusst, dass ein Motorrad etwas zwischen Maschine und Haustier ist.

Solche Abende sah ich als Fortbildung in Sachen Toleranz und Geduld an. Es kam keine Frage zu meiner Person auf, wahrscheinlich, weil die wichtigste gewünschte Eigenschaft gutes Zuhören war, und die bewies ich bereits. Zwei oder drei Mal wurde mir ein schönes Lächeln zugesprochen, und ich dachte: Du weißt ja nicht, warum ich lächle.

Ich bin auch gelegentlich kein zweites Mal gedatet worden, aber meistens fiel ich schon vorher durch, vermutlich wegen meiner Erziehungsversuche. Es ist ein Jammer, denn hier herrscht ein solcher Mangel!

Einmal habe ich mich mit einem Handwerker zu einem Spaziergang verabredet. Sein Gesicht war zweigeteilt. Die obere Hälfte, mit schönen grauen Augen, wirkte fein und nachdenklich, die untere, um den Mund herum, ließ mich an einen getretenen Hund denken.

Er erzählte von einer rauen Kindheit bei prügelnden Eltern. Es hatte ihn aber viel weniger erwischt als seinen jüngeren Bruder, dessen Intelligenz ihm immer schon aufgefallen war. Er beschrieb seinen Bruder als ein Kind, dem ständig kleine Missgeschicke passierten, die die Brutalität der Eltern provozierten. Die ersten Jahre war er ihm nicht grün gewesen. In der Pubertät aber begann er sich hinter ihn zu stellen, ihn zu schützen und sich sogar dafür einzusetzen, dass er aufs Gymnasium kam. Aber sein Bruder war, trotz erfolgreicher Schullaufbahn und Studium, seit Jahren spiel-und alkoholsüchtig. Mein Handwerker verbrachte sein Leben damit, ihn zu schützen und irgendwie am Leben zu erhalten.

All das erzählte er in einfachen Worten, aber dennoch differenziert und ohne jede Eitelkeit. Wir sahen uns nie wieder. Doch selten hat mich ein Mensch so beeindruckt.

Dieses und andere gute Erlebnisse verdanke ich der Plattform und obendrein noch eine große Erkenntnis: Von Männern verstehe ich wirklich gar nichts.

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Susanne Weinhöppel

Susanne Weinhöppel, Münchnerin, studierte Konzertharfenistin, spielt Klassik, Neue Musik, macht eigene Bühnenprogramme mit Texten und Chansons zur Harfe und schreibt Glossen und Geschichten. Ihre derzeitigen Soloprogramme sind: Die Liebe gibt es. Die Liebe gibt es. Ein Abend... Passt nicht ins Programm - Jüdische Lieder Susanne Weinhöppel wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Schwabinger Kunstpreis für “künstlerische Unangepasstheit und kreativen Freigeist“. Es entstanden 5 CDs bei kip-records. "Susanne Weinhöppel, Kabarettistin, Harfenistin, Melancholikerin und Kratzbürste, ist zweifellos ein Glücksfall für die Welt der großen kleinen Kunst. Eine Rampensau mit profunder musikalischer Ausbildung, weiß sie um die Abgründe des Lebens – und weil sie so oft in ihnen wandelt, hat sie die Waffen dagegen immer dabei, den Humor und die Liebe. Beides verteilt sie großzügig. Wenn sie singt, greift sie zur Harfe, fest entschlossen, zu bewegen und zu berühren. Ihre Geschichten sind bedingungslos ehrlich, abgrundtief komisch und wenn’s sein muss auch mal sehr banal – warum nicht, wenn es der Wahrheitsfindung dient." (Tina Teubner)

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Reinhard Kocznar

    Du weißt ja nicht, warum ich lächle…

    Ich habe da einen Cartoon in Erinnerung. Eine Malerwerkstatt, groß, fast sakral. Auf dem Schemel sitzt ein Mädchen, offensichtlich keine Geringere als Mona Lisa mit ihrem rätselhaften Lächeln.
    Vor ihr steht Leonardo, ohne Palette und Pinsel, er hält den Mantel weit geöffnet.

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