Susanne Weinhöppel
Überraschung!
Feminismus aus weiblicher Perspektive
Notizen

Der Österreichische Bundespräsident hat anlässlich des Internationalen Frauentags die Männer aufgefordert, Verantwortung zu übernehmen in Politik, Wirtschaft und im Privaten, wenn sie erleben, dass Frauen ungerecht behandelt werden. Er begründete dies nicht ethisch, sondern utilitaristisch, man könne es sich nämlich nicht leisten, die Hälfte der Menschheit auszuklammern.

Mir gefällt das gut, denn letztlich sollten wir alle Verantwortung übernehmen, wenn vor unseren Augen jemandem Unrecht geschieht.

Aber wie ich mehrfach gelesen habe, fühlt sich so mancher Mann immer wieder in Sippenhaft genommen für die 5 Prozent Gewalttäter unter seinen Geschlechtsgenossen, obwohl das nur in Einzelfällen besonders rabiate Feministinnen tun.

Auch wenn Männer immer noch privilegiert sind, wurden sie genauso wie wir Frauen in eine Welt geboren, die sie nicht gemacht haben. Aber diese Welt wurde eben hauptsächlich von Männern gestaltet, der Spielraum der Frauen war relativ gering und wurde erst in den letzten 50 Jahren wirklich erweitert durch neue Gesetze.

Es tut mir leid, wenn manche Männer so beleidigt sein können, dass sie, wenn es um Gewalt gegen Frauen und Feminismus geht, trotz ihrer Intelligenz alles durcheinander mischen und unter ihrem Niveau argumentieren.

Man kann Gewalt gegen Frauen nicht mit der gesamten, allgemeinen Gewalt verrechnen, weil es eine geschlechterspezifische Form der Gewalt ist. Ein Autor schrieb über die Traumatisierungen der gewaltbereiten Menschen, aber das führt hier in den argumentativen Urwald. Er zitierte den Song Hurt people hurt people der Metal-Band Mudvayne, der uns erleben lässt, wie verletzte Menschen, in ihrer seelischen Not, andere nur verletzen können. Was nicht darin bedacht ist: die meisten Traumatisierten werden keine Gewalttäter. Doch dies ist ein anderes Thema.

Es hat sich innerhalb der Geschlechterbeziehungen in den letzten 50 Jahren sehr viel verändert, die Männer mussten einiges aufgeben und es ist vielen von ihnen gar nicht klar, dass sie trotzdem immer noch privilegiert sind. Das wird auch noch länger so bleiben, man muss nur auf die medizinische Versorgung schauen, oder in die Chefetagen.

Es mag sein, dass Männer das nicht empfinden, weil es für sie normal ist, und man sieht eher das, was man verloren hat. Deswegen möchte ich gerne etwas aus meiner Geschichte berichten, die exemplarisch ist für viele Frauen meiner Generation, um ein wenig vom weiblichen Erleben dieser Welt zu erzählen.

Ich bin in einem bildungsbürgerlichen Elternhaus aufgewachsen, in dem wir Mädchen angehalten wurden, zu lernen und uns zu bilden. So las ich Bücher, und all meine HeldInnen waren Männer und Jungs. Die konnten nicht nur all die sagenhaften Tätigkeiten wie Transistoren bauen, Schätze nach Schatzkarten finden und Physik, sie durften auch mehr. Hanni und Nanni, Trotzkopf und andere weibliche Protagonisten der Kinderbücher waren deprimierend, charakterlich für mich unerreichbar, und sie stellten ein Leben in Aussicht, das ich keinesfalls erstrebte.

Seltene Lichtgestalten wie Pippi Langstrumpf oder Ronja Räubertochter waren wunderbar, schienen mir aber schon als Kind lebensfern.

Bei uns daheim durften wir Mädchen nackt in unserem kleinen Pool schwimmen, was ich nicht mochte, weil meine Eltern das auch taten. Wenn der nackte Nachbarbub dabei war, bekam ich immerhin etwas Interessantes zu sehen. Das junge Schwänzchen mochte ich, das alte Gemächt des Vaters empfand ich als Zumutung.

Es wurde von den Eltern milde belächelt, wenn der Bub versonnen im Gras saß und sein Geschlechtsteil studierte, während ich, als ich das gleiche tat, mit einem Blick belohnt wurde, der mich zur Salzsäule erstarren ließ. Eines Abends nach dem Waschen, saß ich auf dem Bett und beugte mich weit vor, um einen guten Einblick in meine Muschi, so ihre damalige Bezeichnung, zu haben. Mit den daraus gewonnenen Erkenntnissen hatte ich genauso wenig gerechnet, wie mit dem ätzenden Blick meiner Mutter. Dieser Blick fällt mir noch heute ein, wenn ich mit Männern im Bett liege, die ich nicht mag.

Damals wohnte in der Nachbarschaft eine reiche Familie, die Fischers. Herr Fischer vermöbelte regelmäßig seine Frau und seine Kinder. Irgendwann muss er es übertrieben haben, denn Frau Fischer flüchtete mit den Kindern zu einer Freundin, leider ein Jahr zu früh, denn das Schuldprinzip bei Scheidungen wurde erst 1977 in Deutschland abgeschafft.

Er ließ sich scheiden und musste seiner Frau keinen Unterhalt bezahlen, da sie ihn „böswillig“ verlassen hatte. Sie lebte fortan in bitterer Armut, weil sie, wie sehr viele Frauen damals, nichts gelernt hatte außer den Status ihres Mannes zu repräsentieren, und das ist kein Ausbildungsberuf.
Es hätte ihr nichts genutzt, wenn sie während ihrer Ehe bei einer seiner Schlägereien die Polizei geholt hätte, da die Polizei bei innenfamiliären Konflikten erst ab den 90er Jahren eingriff. Wenn der Mann die Frau verprügelte, war das Privatsache.

Wir alle wussten von solchen Geschichten, haben aber kaum davon gesprochen, und wir Mädchen im Herzogpark, einem Nobelviertel Münchens, gingen davon aus, dass uns so etwas niemals widerfahren könnte, obwohl es nebenan passiert war. Unsere Frauensolidarität hielt sich sehr in Grenzen.

Erst später, nach einigen Leidenserfahrungen, weil ich weder in der Schule noch in der Musikhochschule meine Geschlechterrolle richtig ausfüllte, ich war zu laut, zu eigen und zu unfreundlich, setzte ich mich mit dem Feminismus auseinander.

Vergewaltigungen kamen vor, wurden aber meistens nicht angezeigt. Unter Frauen hieß es: „Sei froh, wenn er noch deine Handtasche mitnimmt, dann kannst du es wenigstens anzeigen.“

So ziemlich jede meiner Freundinnen hatte sexuelle Übergriffe erlebt, ohne ein großes Thema daraus zu machen. Außerdem war durch die propagierte Freie Sexualität der 68er manchmal nicht einmal uns selbst klar, wo die Grenze lag. Wenn es bei einem Fest zu spät wurde, um noch öffentlich heimzufahren, dann blieben die Männer manchmal da, und irgendwie war es selbstverständlich, Sex zu haben, auch wenn man es eigentlich gar nicht wollte.

Einmal war ich auf einem Studentenfest in der Uni, weil ich in einen Juristen verknallt war, der aber nicht in mich, dafür sein Freund, ein Theaterwissenschaftler. Der war ein großer, sehr angespannter Mann, den ich immer für gefährlich hielt und ständig auf der Flucht vor ihm war. Ich ging nur noch in die Mensa, wenn ich vorher das Gelände sondiert hatte und sicher sein konnte, dass er nicht da war.

Auf diesem Fest merkte ich endgültig, dass es mit dem Juristen nichts mehr würde, und machte mich daran zu gehen. Der Theaterwissenschaftler knallte mir plötzlich eine, weil er geglaubt hatte, ich würde ihn mit zu mir nach Hause nehmen. Alle um uns herum waren etwas düpiert, aber der angebetete Jurist meinte, ich hätte seinem Freund schöne Augen gemacht, deshalb solle ich ihm die Ohrfeige nachsehen. Das half mir, den Juristen zu vergessen, aber ich war ziemlich verwirrt.

Wir Frauen hatten außerhalb unserer Attraktivität oft wenig Selbstbewusstsein. Wenn ich in der Musikhochschule mit meinen Komponistenfreunden beisammensaß, hörte ich manchmal Sätze wie Frauen können halt nicht komponieren, oder dirigieren. Das machte mich hilflos, weil ich nichts dagegen halten konnte. Während meiner Studienzeit gab es weder eine Dirigentin, noch eine Komponistin an der Musikhochschule, in meinem Musikgeschichtsbuch gab es genau drei Komponistinnen und im größten Musiklexikon, dem MGG waren es kaum mehr, die Feministische Forschung währte noch nicht lange.

Von Prof. X, der damals die Dirigentenklasse unterrichtete, wurde ein Satz berühmt: Ich mag Frauen am liebsten im Liegen. Das war Mitte der 80er Jahre.

Als Künstlerin fühlte ich mich sehr einsam, weil ich keine eigene Sprache hatte, es war alles männerbesetzt. Ich fühlte mich im Kulturbetrieb wie ein Öltropfen auf dem Wasser. Im Laufe meines Lebens änderte sich das, weil es immer mehr Künstlerinnen gab, und ich immer mehr von ihnen persönlich kennenlernte.

Der Feminismus bringt uns Frauen unsere Geschichte zurück. Es gibt mittlerweile viele Komponistinnen und man findet immer mehr aus früheren Jahrhunderten, darunter Großartige, auf die wir nicht mehr verzichten wollen, wie es auch in der Malerei und in vielen anderen Bereichen geschieht.

Es wird zunehmend bekannter, wie viele Ehefrauen namhafter Gegner des NS-Staates Heldinnen waren. Die meisten von ihnen waren bei den konspirativen Gesprächen dabei, haben ihre Männer unterstützt und sich in Gefahr begeben. Über Frauen im Widerstand gegen den NS-Staat gab es im vergangenen Jahr eine Wanderausstellung in Deutschland. Interessant ist, dass nur Sophie Scholl zur Ikone wurde. Vielleicht, weil sie eine knabenhafte Kindfrau war.

Bis wir Frauen das Wissen um unsere eigene Geschichte vom Kopf in unser Herz gebracht haben, wird es wohl noch einige Generationen dauern. Denn ich höre auch von den jüngeren Frauen viele Klagen darüber, dass sie sich nicht gleichwertig behandelt fühlen.

Die Unterdrückung, die Angst und die Erniedrigung von mehreren tausend Jahren ist in unserer DNA gespeichert, genauso Hass, Schmerz und auch Scham darüber, dass wir uns nicht gewehrt haben.

Liebe Männer, ich bedaure sehr, wenn Ihr Euch plötzlich auch diskriminiert fühlt, weil manche Feministin übers Ziel hinausschießt. Aber manchmal denke ich: Wenn man einen Knüppel in einen dunklen Stall wirft, dann schreit die Sau, die es getroffen hat.

Wenn Ihnen schoepfblog gefällt, bitten wir Sie, sich wöchentlich den schoepfblog-newsletter zukommen zu lassen, und Freundinnen und Freunde mit dem Hinweis auf einen Artikel Ihres Interesses zu animieren, es ebenso zu tun.


Weitere Möglichkeiten schoepfblog zu unterstützen finden Sie über diesen Link: schoepfblog unterstützen

Susanne Weinhöppel

Susanne Weinhöppel, Münchnerin, studierte Konzertharfenistin, spielt Klassik, Neue Musik, macht eigene Bühnenprogramme mit Texten und Chansons zur Harfe und schreibt Glossen und Geschichten. Ihre derzeitigen Soloprogramme sind: Die Liebe gibt es. Die Liebe gibt es. Ein Abend... Passt nicht ins Programm - Jüdische Lieder Susanne Weinhöppel wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Schwabinger Kunstpreis für “künstlerische Unangepasstheit und kreativen Freigeist“. Es entstanden 5 CDs bei kip-records. "Susanne Weinhöppel, Kabarettistin, Harfenistin, Melancholikerin und Kratzbürste, ist zweifellos ein Glücksfall für die Welt der großen kleinen Kunst. Eine Rampensau mit profunder musikalischer Ausbildung, weiß sie um die Abgründe des Lebens – und weil sie so oft in ihnen wandelt, hat sie die Waffen dagegen immer dabei, den Humor und die Liebe. Beides verteilt sie großzügig. Wenn sie singt, greift sie zur Harfe, fest entschlossen, zu bewegen und zu berühren. Ihre Geschichten sind bedingungslos ehrlich, abgrundtief komisch und wenn’s sein muss auch mal sehr banal – warum nicht, wenn es der Wahrheitsfindung dient." (Tina Teubner)

Schreibe einen Kommentar