Susanne Weinhöppel
Wir wollen gelobt und geliebt werden.
Über Kritik
Essay
Ich habe meine Kindheit in den 1960-ern verbracht und da war vieles nicht schön, z.B. der Umgang mit Ausländern und Kindern. Aber als Kind konnte man sich nicht beschweren und auch die meisten Erwachsenen haben es nicht getan.
Ich erinnere mich an eine Szene im Bus, als ein Gastarbeiter einstieg und dem Fahrer zu wenig Geld für die Fahrkarte hinlegte. Der Fahrer sprach bairisch und duzte den Ausländer, der kaum Deutsch verstand und noch weniger die Fahrpreise. Der Fahrer herrschte ihn also an: Jetzt spui ned den Ausländer! und warf ihn hinaus.
Das erregte weder den Unmut noch die Kritik der Fahrgäste, genauso, wenn mich, damals 8 oder 9 Jahre alt, ein älterer Mensch am Kragen hochzog, wenn ich in der Straßenbahn ein Buch las. Ich wurde nicht einmal angesprochen. Das kam öfter vor, und oft hätte es weiter hinten sogar Sitzplätze gegeben. Ich verstehe dieses Verhalten bis heute nicht und ebenso wenig, warum niemals irgendein anderer Erwachsener in der Straßenbahn daran Anstoß nahm.
Kritisiert wurde in der Zeitung, und das ganz besonders bei Inszenierungen, die an die Nazi-Zeit erinnern wollten; und an uns Kindern wurde von Eltern, Lehrern und allen, die sich sonst dazu aufgerufen fühlten, ständig herumgekrittelt. Alles machte man falsch: Kartoffelschälen, Zimmeraufräumen, Schreiben, von meinen Handarbeitsleistungen gar nicht zu reden.
Damals dachte man, Kinder würden besser lernen, wenn man ihnen ihre Fehler vorhielte. Dabei fiel niemandem auf, dass immer dieselben Vergehen kritisiert wurden. Es gab also gar keinen Lerneffekt.
Nur das Kritisieren beherrschten wir bald aus dem Effeff. Wenn meine Freundin mit mir unzufrieden war, dann rieb sie mir all meine Schwächen so richtig rein. Dafür schimpfte ich meine Puppe aus, weil sie wieder sehr ungeschickt gewesen war.
Heute weiß man aus der Lernpsychologie, dass fünfmal so viel Lob nötig ist, um einen Tadel, damit meine ich destruktive Kritik, auszugleichen. Man spricht jetzt von Fehlerkultur, das heißt, man macht die Schüler nicht mehr runter, wenn sie etwas falsch machen, sondern benutzt den Fehler, um daraus zu lernen. Zu meiner Zeit gab es keine Fehler- sondern eine Maßregelungskultur.
Am meisten wurde ich von Handarbeitslehrerinnen geschimpft, insbesondere für meine Wollarbeiten: Ich ließ beim Stricken immer Maschen fallen und habe das einfach nicht bemerkt. Eine besonders herzige, Schwester Brunhilde, herrschte mich an: Dumm und faul, das passt zusammen! Und als Merkhilfe gab sie mir auf den weiteren Lebensweg noch eine Ohrfeige mit. Gelegentlich, so alle 20 Jahre, probiere ich, ob mir das Stricken noch gelingt. Und tatsächlich: Ich lasse immer noch die Maschen fallen und auch den Satz weiß ich bis heute.
Und dann war da noch meine Mutter. Sie wäre selbst gern Pianistin geworden, hat aber ein bisschen zu spät, sie war über 30, mit dem Klavierüben begonnen. Ihre versäumte Zeit sollte ich hereinholen. Ich war zwar jung, aber nicht begabt und willig genug. Vielleicht hätte ich bei den Vorspielabenden in meinem Elite-Klavierinstitut besser abgeschnitten, wenn ich nicht so Angst gehabt hätte, mich zu verspielen.
Roland Erb, im gleichen Klavierinstitut und 4 Jahre jünger als ich, verspielte sich nie. Seine Mutter war blondiert, stets in Rosa und auf eine Weise gestylt, die meine Mutter davon abhielt, je das Wort an sie zu richten. Wenn Roland am Flügel saß – er kam mit den Füßen noch nicht bis zum Boden – hatte Frau Erb immer leicht gerötete Wangen und versprühte Stolz und Zufriedenheit aus jeder Pore. Sie fand ihren Roland wunderbar und war das Gegenteil von meiner stets angespannten Mutter, die sich jeden Takt merkte, in dem ich mich verspielt hatte.
Ich habe nie mehr von Roland gehört, Musiker ist er wohl nicht geworden. Aber ich stelle mir vor, dass er, was immer er in seinem Leben tut, gut darin ist.
W. A. Mozarts Vater Leopold war auch eine ziemliche Nervensäge, hat ständig an seinem Wolferl herumgemäkelt, an seiner Lebensführung, an seiner Frau, aber niemals an seinen Kompositionen. Von Kindheit an hat er ihn in diesem Bereich respektiert. Und W. A. Mozart war, was seine Musik betraf, ausgesprochen selbstbewusst.
Als ich beruflich die Künstlerlaufbahn einschlug, wusste ich, dass ich Kritik werde aushalten müssen. Es gab Fachleute und Laien, deren Meinung ich schon während einer Produktion einholte, weil es notwendig und hilfreich war. Ich habe oft auf sie gehört, aber nicht gern. Der Mandelkern in meinem Hirn mag keine Kritik, und ich fürchte, das ist bei allen so.
Wir wollen gelobt und geliebt werden für das, was wir tun, genau wie Kinder. Ich möchte, neben tosendem Applaus, endlich die Bildchen bekommen, die man mir in der Grundschule vorenthalten hat. Aber dann kommt die Presse, um uns zu beurteilen, und nicht immer wird sie uns gerecht. Manche Kritiker nehmen ihren Job sehr ernst und andere schreiben ab. Als ich jung war, wurde immer meine Frisur erwähnt, allerdings oft die vom Vorjahr.
Ich gebe zu, mein Verhältnis zu Kritikern ist angespannt, weil ich von ihnen abhängig und auf sie neidisch bin. Sie verdienen wesentlich besser als ich, sofern sie angestellt sind, und haben ein höheres Sozial-Prestige. Denn bei uns gilt nun mal die urteilende Instanz mehr als die schöpferische. Aber ich will nicht jammern, es werden viel mehr gute als schlechte Kritiken geschrieben.
Was mir immer mehr auf die Nerven geht, sind die Privatkritiker, die die Künstler dafür kritisieren, dass sie es anders machen, als sie es selbst gern hätten. Wenn sie etwas anderes hören oder sehen wollen, dann sollten sie einfach woanders hingehen, sie können sich den Künstler aussuchen, der Künstler aber nicht sein Publikum. Wer meint, Igor Levit sei ihm nicht fein genug, soll halt bei Daniil Trifonow sein Glück versuchen, wenn er noch Karten bekommt – ich hoffe nicht.
Einer meiner Freunde singt in einem renommierten Chor, der von einer hervorragenden Dirigentin geleitet wird. Nach jedem Chorkonzert laden Freunde von ihm, leidenschaftliche Musik-Liebhaber und -Kritiker, zu einem feinen Mahl ein, um das Gehörte zu besprechen und durchzugehen, was alles hätte anders gemacht werden müssen. Dabei habe ich mich vor einiger Zeit zu der Frage verleiten lassen, ob einer von uns denn irgendetwas nur halb so gut könne wie die Chorleiterin das Dirigieren. Darauf bekam ich keine Antwort und auch keine weitere Einladung.
Die Kulturbeflissenen gehen mit der von ihnen so hochgelobten und als wichtig empfundenen Kunst um wie eine Hausfrau mit den Lebensmitteln im Supermarkt. Der Witz bei der Kunst ist aber, dass sie nie so vorhersehbar ist wie eine Packung Manner-Schnitten.
Kritik aus einer Unzufriedenheit über das Ungenügen im Leben ist mehr als angemessen. Der zu trockene Kaiserschmarrn, Krankheiten und Todesfälle, die ständigen Verspätungen im öffentlichen Nahverkehr, der Schaden an der Waschmaschine genau zwei Tage nach Ablauf der Garantiezeit, oder wenn unsere führenden Politiker schlimme Sätze und Beschlüsse heraushauen.
Aber die bildungsbürgerliche Unzufriedenheit über Theateraufführungen, Bücher oder Konzerte verstehe ich nicht, weil ich hier keine Abhängigkeit sehe. Ebenso wenig verstehe ich meinen Mann, der mittlerweile meine Mutter ersetzt hat, wenn er mir nach jeder Aufführung meine musikalischen Entgleisungen vorhält. Es ist nicht mehr zu ändern. Anders als bei meinen verdorbenen Strickarbeiten früher. Die konnte mir nämlich, nachdem Schwester Brunhilde alles aufgetrennt hatte, eine Nachbarin noch zu tadelloser Vollendung bringen.
Vielleicht ist die Wichtigtuerei der Kulturkritik das Ventil für die Unbill des täglichen Lebens, der wir wehrlos ausgesetzt sind. Sie ist möglicherweise Ersatzhandlung oder gar Sublimierung. Im Grunde müsste ich froh sein, dass mein Mann meinen Liedervortrag kritisiert und nicht sagt: Du hast mir mein Leben versaut.
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