Susanne Weinhöppel
Ja, die Liebe!
Über arrangierte Ehen und
die Befristung des Verliebtseins
Notizen
Die Liebe kann furchtbar weh tun. Mein Mann hat das erlebt, als er mir einen Schuhschrank schreinerte und sich dabei den Hammer auf die Finger schlug. Das ist schon eine Weile her, aber auch das gehört zur Liebe, dass manches eine Weile her ist.
Das eigentliche Problem ist das Verliebtsein. Bei Tieren ist es vorübergehend, wie jeder weiß, der einen Hund hat: Eine läufige Hündin in der Nachbarschaft, und Ihr süßer Struppi ist wie ausgewechselt, aber nach zwei Wochen ist er wieder der Alte und Susi ist vergessen. Susi bekommt vielleicht Junge. Mit denen wird sie eine Zeitlang beschäftigt sein, keinesfalls aber mit Struppi. In einem Hundeleben kann so etwas immer wieder passieren, aber die Zeiten dazwischen bleiben unbeschwert.
Wir Menschen hingegen können mit diesem Drang Jahre verbringen, ganz ohne Kinderwunsch, aber den hat Struppi wahrscheinlich auch nicht. Die Evolution hat sauber herausgearbeitet, wie Fortpflanzung am sichersten funktioniert.

Was uns von Susi und Struppi unterscheidet, ist die Zukunftsperspektive auf Karriere, Familie, Doppelhaushälfte und Vermögensanhäufung. Deshalb durfte früher nicht einfach so drauflos geheiratet werden, das bestimmten noch die Eltern. Erst seit Mitte des vorigen Jahrhunderts denkt man, für eine feste Beziehung, damals noch Ehe, müssten wir erst verliebt sein. Wir wollen starke Gefühle erleben, und sie bedeuten für uns, dass die Person, an die sie sich richten, fürs weitere Leben unverzichtbar, und damit gut für uns ist.
Da kann man sich täuschen.
Seit meinem 12. Lebensjahr habe ich Filme gesehen, in denen das Mädchen den reichen Bauern oder Rancher heiraten muss, während sie den armen Häusler liebt. Ich dachte dann immer: Die Arme, die muss jetzt ihr ganzes Leben lang unglücklich sein mit diesem materialistischen Stoffel. Dass der reiche Bauer sie geliebt hat, sie vermutlich auf Händen getragen und ihr ein gutes Leben ermöglicht hätte, sah ich nicht. Aber wenn es dann der Arme durch irgendwelche Heldentaten geschafft hat, sie doch zu kriegen, dann war das ein happy end.
Mittlerweile weiß ich, wie gut Helden zur Ehe taugen. Und weil nach einem happy end im Film jewöhnlich abjeblendt wird, wie es in dem Gedicht Danach von Kurt Tucholsky heißt, habe ich mir vorgestellt, das Gefühl und all das Großartige gehe weiter, immer weiter.
Als ich das Gedicht im Alter von 15 Jahren las, hielt ich es für einen Witz, in dem es nur um meine Eltern und andere derartige Spießer ging. Es ist mir schleierhaft, warum wir in diesem Punkt nicht besser aufs Leben vorbereitet wurden, warum meine Mutter nicht sagte: Mit deinem Vater war es 3 Monate schön und dann noch gelegentlich, so alle 2 Jahre, für eine Stunde oder zwei. So ist das mit der Ehe, mein liebes Kind, da kannst du fragen, wen du willst. Das Leben hat noch mehr als das zu bieten.
Aber über die wichtigen Themen wurde eben nicht geredet, weder bei uns, noch bei anderen. Auch die 68er-Bewegung hatte hier nur begrenzt für Aufklärung gesorgt. Es gab Verhütungsmittel und man wusste, dass man wegen Sex nicht gleich heiraten muss. Allerdings hat der Satz: Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment mein Leben sehr verändert. Wegen meiner Mutter, die noch mit Dienstboten aufgewachsen war, wollte ich keinesfalls zum Establishment gehören.
Ich habe daher unbewusst aus derselben demselben gemacht und der eine oder andere hielt mich deswegen für kaltherzig. Das hat mich überrascht, weil ich damals glaubte, wir Frauen seien gleichberechtigt. Doch trotz gelegentlichem Spaß mit Männern ohne Bindungsabsichten war in Wirklichkeit immer die feste Beziehung das eigentlich Angestrebte. Die Zeitspanne zwischen den festen Freunden durften nicht länger als drei Monate dauern, ab dann wurde jede Party zur Chance fürs Lebensglück, jedes Treffen mit einem Mann zu einem Bewerbungsgespräch.
Aber kaum war wieder der Mann fürs Leben da, und das glaubte ich jedesmal, habe ich meinen Alltag verändert und um ihn herum gewebt. Das funktionierte immer nur während des Verliebtheitsrausches, in dem ich mich völlig im Einklang mit dem anderen Wesen fühlte. Im Nachhinein stellt sich die Frage, woher ich den anderen denn so gut gekannt haben will, besonders bei der Liebe auf den ersten Blick. Wäre ich doch nur mehr im Einklang mit mir selbst gewesen!
Letztlich bin ich mit einem blauen Auge davon gekommen, mein Mann erschien mir von Anfang an schwierig und hat sich dann lediglich als noch schwieriger erwiesen, aber er ist zuverlässig und gelegentlich ein guter Gesprächspartner. Dagegen hat meine Freundin Hilde, Professorin für Geschichte, großes Pech gehabt.
Das erste Zusammentreffen mit ihrem Peter erlebte sie wie ein metaphysisches Ereignis, es hätte sie nämlich wie ein Schlag ins Herz getroffen, während gleichzeitig ein Lichtschein durchs Fenster strahlte.
Peter, ein mittelmäßiger Pianist, zu faul zum Unterrichten, hat sich von Hilde 30 Jahre durchfüttern lassen. Seine seltenen Konzertgagen hat er mit den Geliebten verbraten. Jetzt ist sie geschieden und muss nur noch seine Schulden abzahlen.
Um solches Elend zu verhindern, gibt es in klugen Kulturen die arrangierte Ehe z.B. bei den Indern. 70 Prozent der modernen Indischen Gesellschaft praktiziert das noch heute, und ebenso ultraorthodoxe Juden. Ehe wird da als ein lebenslanges Projekt gesehen, in dem es um Nachwuchs und wirtschaftliches Fortkommen geht, das zwei Menschen miteinander gelingen soll. Inder und orthodoxe Juden befragen bis heute Astrologen, ob die Anwärter, immer aus kompatiblen Familien, für diese Aufgabe gut harmonieren. Dass sie jung, also auf dem Höhepunkt des sexuellen Verlangens sind, schadet nicht.
Die Romantische Liebe, wie ich sie in meiner Jugend erstrebt habe, verlangt leidenschaftlichen Sex, lebenslange Treue, völlige Freiheit, absolute Nähe und das alles gleichzeitig. Der Fortpflanzungstrieb will uns glauben machen, das sei möglich. Dabei ist Romantische Liebe nur eine Idee, die übrigens auch den Indern bekannt ist. Die gehen dafür aber in Bollywood-Filme.
Man ist in Indien bei der Ehe auf Hindernisse vorbereitet, Scheidungen sind bei den Hindus selten. Wenn das Paar an der Umsetzung eines gemeinsamen Lebensplans arbeitet und miteinander irgendwie zurecht kommen muss, erwächst daraus oft Liebe, so wird es berichtet. Männer dürfen Geliebte haben, Frauen nicht. Das muss man mögen. Bei uns mögen es die Frauen nicht.
Ein Münchner Theatermacher, Partner einer meiner Freundinnen, ging ständig fremd. Als es ihr zu bunt wurde und sie ihm ankündigte, sie werde sich jetzt genauso betragen, rief er erschrocken: Na, des geht net! Wenn’s beide tuan, na rutscht’s durch.
Die offene Ehe funktionierte, soweit ich das gesehen habe, nie. Meist ist nur einer offen und der andere welkt dahin. Bei den Jungen mag das anders sein mit der Polyamorie, aber da ist jeder Pups durchgeregelt. Außerdem stammt der Begriff aus den 90ern des letzten Jahrhunderts. Wie gut dieses Konzept funktioniert, wird sich noch erweisen. Zur jetzigen Zeit kommt in Deutschland eine Scheidung auf drei Hochzeiten.
Und trotzdem gelingt es manchmal und aus Verliebten werden Liebende. Auch wenn Männer und Frauen oft auf unterschiedliche Weise lieben. Frauen wollen mit dem Partner, den sie in allen Schattierungen, mit allen Schwächen kennen, regelmäßig nahe und schöne Erlebnisse. Männer brauchen dafür den Präsenzmodus mit der Frau nicht; sie neigen zur Idealisierung und tragen die Frau mit ihren edelsten Eigenschaften im Herzen wie einen Diamanten. Und wenn die Frau dann da ist, und manche sind halt sehr da, dann redet sie.
Wir Frauen meinen, mit Reden die Probleme aus der Welt zu schaffen. Nun kommen für den Mann durchs Reden die Probleme aber in die Welt. Der Mann will seine Liebe durch Taten beweisen und zwar allein. Die Anwesenheit der Frau würde hier nur stören.
Deshalb muss man ihm etwas zu tun geben, Computer einrichten oder etwas reparieren, eben seinen Fähigkeiten entsprechend. Und wenn er für seine Herzensdame arbeitet und werkelt, dann liebt er sie und ist auch noch glücklich.
Wir Frauen sollten das besser nutzen! Denn wirklich kompatibel sind die Geschlechter nur bei der Fortpflanzung, genau wie Susi und Struppi, mehr braucht die Natur nicht. Alles andere sind kulturelle und zivilisatorische Möglichkeiten.
Ich habe keine Ahnung, wie und warum lange Beziehungen glücklich sein können, aber ich weiß eines: Liebe macht sehend, nur Verliebtheit macht blind.
Und in Indien heißt es nach wie vor:
Love marriage – love goes.
Arranged marriage – love comes.
Wir dachten das früher wahrscheinlich auch, aber irgendwann haben wir die Satz-Enden vertauscht.

29.April 2026 um 20 Uhr
Treibhaus
Angerzellgasse 8
Am Volksgarten
6020 Innsbruck
T.+43 5125 72000
In Zeiten von Angriff und Verteidigung, Schuldzuweisung und Verletzung, zeigt Susanne Weinhöppel, wie Liebe und Humor uns trösten und versöhnen können.
Susanne Weinhöppel, Kabarettistin, Harfenistin, Melancholikerin und Kratzbürste, hat einen Abend entwickelt, der die ganze Bandbreite der jüdischen Kultur zeigt:
Lieder, Poesie, Geschichten, Musik, auf Deutsch und auf Jiddisch – alle getragen von feinem Humor und tiefer Melancholie.Ein Abend, der die Herzen öffnet.
Texte u.a. von Wolf Biermann, Leonard Cohen, Bob Dylan, Erich Fried, Mordechai Gebirtig, Walter Mehring, Selma Merbaum, Abraham Sutzkever, Kurt Tucholsky, Susanne Weinhöppel.
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