Susanne Weinhöppel
Faschingsdienstag an der Supermarktkassa
Ein Gespräch zweier jüngeren Damen,
belauscht von einer älteren.

Meine Ungeduld lässt mich anderen gegenüber oft schroff und ungerecht sein. Deshalb habe ich, um mich zu bessern, für Warteschlangen eine kleine Stehmeditation gelernt. Dabei schließe ich die Augen, atme, konzentriere mich auf meine Herzgegend und lasse dort ein warmes Leuchten entstehen. Das funktioniert normalerweise gut, aber neulich, als ich in einer nicht enden wollenden Schlange vor einer Supermarktkasse stand, hat diese Praxis versagt.

Ich atmete und atmete, aber meine Herzgegend wollte nicht leuchten. Vor mir nämlich schnatterten zwei Frauen, was ich vielleicht sogar hätte integrieren können, aber es fiel immer wieder der Name Gregor. Und genauso heißt mein Mann.

Ich öffnete die Augen und sah die beiden, zwei Frauen Mitte 40, eine hübsche Blondine und eine blau-schwarz gefärbte, von Kopf bis Fuß in schwarzem Leder. Die Blonde war sehr ansprechend angezogen, gut sitzende Jeans, elegant zerrissen, oben eine rote Bluse, sehr gut besucht, und unterm Busen gebunden, so dass man ihren sehr schönen Bauch sehen konnte.

Flache Frauenbäuche habe ich früher sehr beneidet. Jetzt allerdings nicht mehr, das ist der Vorteil des Alters. In Bezug auf Männer nützt es nämlich nichts, sich auf jung herzurichten und eine Figur zu haben wie Jane Fonda. Denn wenn der Mann jung will, dann nimmt er das Original. Selbst auf Jane Fonda, und leider auch auf mich, trifft die alte Weisheit zu: Hinten Lyzeum, vorn Museum.

Die Blonde war die, die den Namen Gregor ständig im Mund führte. Er war ihr Liebhaber und sie beklagte sich darüber, dass er zu wenig für sie Zeit habe, er sei nämlich mit einem lästigen, alten Besen verheiratet und außerdem ein ganz großer Wissenschaftler. Das hat meine Neugier geweckt, weil mein Gregor Physiker ist. Die Dame in Leder wollte sein Alter wissen, und Blondi gab verlegen an, er sei 64. Und mit diesem Alter kenne ich mich aus.


Dann erzählte sie noch, ihr Gregor leide an Migräne und seine Alte daheim nehme darauf überhaupt keine Rücksicht. Sie spiele nämlich immer irgendein komisches Musikinstrument, wo er doch Krach so schlecht verträgt. Und da wurde ich wirklich misstrauisch. Mein Gregor hat nämlich auch Migräne. Ihr nächster Satz allerdings hat mich dann wieder beruhigt, ihr Gregor sei hochsensibel und führe so viele Gespräche mit ihr, wie sie es nie zuvor mit einem Mann erlebt habe. Sie konnte nicht verstehen, wieso er sich von seiner alten Kuh daheim nicht trennt.

Und dann schwärmte sie, wie spannend er über seine Arbeit erzählen könne, auch wenn sie kaum etwas davon verstehe. Immer wieder sage er ihr, wie wichtig es ihm sei, mit ihr zu reden. Seine Frau daheim würde ihm nie richtig zuhören. An dieser Stelle hätte ich beinahe laut aufgelacht, weil ich selbst auch ständig diesem Vorwurf ausgesetzt bin. Ich dachte nur: Ich geb dir 2 Jahre. Die besten Ratschläge hätte ich für sie gehabt! Es ist schwer sich zurückzuhalten, wenn man so viel Wissen geben kann. Aber die Jungen wollen es nicht hören, also lässt man es besser.

Ich wollte auch keinesfalls dieses Gespräch unterbrechen, es wurde nämlich zunehmend delikater. Die Lederdame erkundigte sich nach dem Liebesleben mit den Worten: Geht do no wos? und Is des ned a bissl ecklhaft mit dem oidn Mo? Beinahe hätte ich sie angeblafft: Du blöde Kuh, bloß weil wir alt sind, dürfen wir keinen Sex mehr haben? Weil es nicht mehr so schön aussieht auf der Breitleinwand?

Ich hätte ihr sagen können, was nicht schön aussieht: Wenn sie beim Sex oben liegt. Auch mit Mitte 40 folgt das Gesicht schon der Schwerkraft, und von den Wangen abwärts hängt dann alles bulldoggenartig herunter. Kein schöner Anblick. Das ist beim Mann nicht anders, aber wir Frauen schließen da großzügig die Augen.

All das hätte ich den jungen Dingern an wichtigen Lebensweisheiten mitgeben können, aber ich habe geschwiegen wie ein Massengrab. Blondi meinte, der Sex sei gut, obwohl sie damit gar nicht gerechnet hätte. Mit Gregor ginge es um etwas weit wichtigeres. Aber untenrum sei noch alles tippitoppy. Sie frage sich nur, ob er das mit seiner Frau auch noch macht. Darauf die Lederlady: Do brauchst koa Angst net ham, mit der oidn Trockengrotten! Und schwanger werd´s ja eh nimmer.

Blondi hatte am Sex offenbar wirklich wenig Interesse, dafür echauffierte sie sich darüber, dass ihr Gregor bei sich daheim sogar im Haushalt helfen müsse. Wofür habe ich als Feministin eigentlich demonstriert? war mein spontaner Gedanke. Sie meinte: Was hat die Alte denn schon groß zu tun? Schließlich habe er wichtige wissenschaftliche Arbeit zu leisten für die Welt. Und außerdem habe er´s am Rücken.

Das kenne ich, aber dieser Gregor scheint ja ein ganz besonderes Exemplar zu sein. Seine Frau kann echt froh sein, wenn Blondi ihr diesen wehleidigen Typen abnimmt. Das ist ein sozialer Dienst der jungen Frauen an uns Alten. Die Rente muss natürlich die Ältere kriegen, die Junge kann ja noch arbeiten.

Blondi konnte gar nicht mehr aufhören mit dem Geschimpfe. Die Krönung sei nämlich, seine Frau schreibe auch und das lese sie ihm dann immer vor. Was hätte die alte Kuh denn überhaupt zu sagen? Der Mann hat doch wichtigeres zu tun als sich diesen Scheiß anzuhören. Du blonds Kocherl wirst es beurteilen können, dachte ich.

Dann wurde sie mit einem Mal sehr traurig. Immerzu sage er, wie gut er sich bei ihr verstanden fühle und anschließend geht er wieder heim zu seiner Alten. Noch nie ist er bei ihr über Nacht geblieben und das verletzt sie sehr. Aber jetzt reicht es. Seit einer Woche lässt sie ihn nicht mehr ran. Da wollen wir sehen, wer am längeren Hebel sitzt, sagte sie.


Dieses dumme Kind!

Menschen im Alter ihres Geliebten brauchen es bequem. Ich kriege meinen Gregor kaum noch zum Verreisen, weil er sich auch über die guten Matratzen in 5-Sterne-Hotels beschwert.

Zuhause nach meinen Einkäufen wollte ich diese lustige Unterhaltung sofort meinem Gregor erzählen, aber der lag mit Migräne auf dem Sofa. Ich habe sogar noch angeboten ihm zur Ablenkung meinen neusten Text vorzulesen, der war mir nämlich besonders gut gelungen, aber er hat nur stöhnend abgewunken.

Ich habe dann Harfe geübt.

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Susanne Weinhöppel

Susanne Weinhöppel, Münchnerin, studierte Konzertharfenistin, spielt Klassik, Neue Musik, macht eigene Bühnenprogramme mit Texten und Chansons zur Harfe und schreibt Glossen und Geschichten. Ihre derzeitigen Soloprogramme sind: Die Liebe gibt es. Die Liebe gibt es. Ein Abend... Passt nicht ins Programm - Jüdische Lieder Susanne Weinhöppel wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Schwabinger Kunstpreis für “künstlerische Unangepasstheit und kreativen Freigeist“. Es entstanden 5 CDs bei kip-records. "Susanne Weinhöppel, Kabarettistin, Harfenistin, Melancholikerin und Kratzbürste, ist zweifellos ein Glücksfall für die Welt der großen kleinen Kunst. Eine Rampensau mit profunder musikalischer Ausbildung, weiß sie um die Abgründe des Lebens – und weil sie so oft in ihnen wandelt, hat sie die Waffen dagegen immer dabei, den Humor und die Liebe. Beides verteilt sie großzügig. Wenn sie singt, greift sie zur Harfe, fest entschlossen, zu bewegen und zu berühren. Ihre Geschichten sind bedingungslos ehrlich, abgrundtief komisch und wenn’s sein muss auch mal sehr banal – warum nicht, wenn es der Wahrheitsfindung dient." (Tina Teubner)

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